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Aus der Vielzahl der im Netz zu findenden Verweise auf Comics von Reprodukt hier eine regelmäßig aktualisierte Liste von Links zu lesenswerten Artikeln, Rezensionen und Interviews:
"Zicke mit Putz-Igel" – "Süddeutsche Zeitung" vom 10. März 2010 (Susan Vahabzadeh)
Lange, bevor es Bridget Jones gab, brachte Claire Bretécher ihre Frustrierten zur Welt - zickige Weiber, die mit weiblichen Idealvorstellungen aufräumen, innerlich wie äußerlich, sie sind nicht liebreizend und nicht nett, und sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie hat diese Figuren in den Siebzigern geschaffen, und sie sind auch bei uns lange Frauen-Comic-Legende gewesen, Wunderwaffe im Feldzug gegen das Vorurteil, Feminismus und Humor schlössen sich aus. Claire Bretécher kam und sorgte für befreites Gelächter. mehr
"Ohne Worte" – "Literatur.Magazin", Beilage der "Frankfurter Rundschau" vom 10. März 2010 (Christian Schlüter)
Gegen die Finnen gibt es viele Vorurteile. Ein besonders hartnäckiges lautet, sie würden zur Melancholie neigen und deswegen übermäßig viel Alkohol trinken. Dass im Rausch großartige Kunst entstehen kann, steht dabei ganz außer Zweifel. Dennoch sollten wir es uns im Falle Tommi Musturis nicht allzu leicht machen: Die Bilder des finnischen Zeichners mögen sofort Assoziationen an drogenselige, wenn nicht gar psychedelische Exzesse wecken, gehorchen in ihrem überbordenden Formen- und Farbreichtum allerdings eher strengen ästhetischen Prinzipien. mehr
"Intrigen, Lügen, Tote" – "taz" vom 27. Februar 2010 (Sven Jachmann)
Als Klatschkolumnistin unter Schriftstellern: "Tamara Drewe" von der Comicautorin Posy Simmonds, die in England Simmonds längst gefeiert wird.
Hier wird hartnäckig gearbeitet. Das englische Anwesen Stonefield ist ein Refugium für SchriftstellerInnen, denen ihr Handwerk nur fernab vom urbanen Raum und den unumgänglichen Alltagsverrichtungen gelingt. Für diese Rahmenbedingungen sorgt in dem Comicbuch "Tamara Drewe" bis hin zur Selbstaufgabe die in Verdrängung hochgradig geübte Beth Hardiman. Ihr ebenfalls schreibender Gatte ist der ebenso eitle wie erfolgsverwöhnte Krimiautor Nicholas, dessen regelmäßige Bettgeschichten Beth nach 25 Jahren Ehe zähneknirschend und resigniert hinnimmt. mehr
“Sex, Literatur und zwei Todesfälle” – "Neue Zürcher Zeitung" vom 29. Januar 2010 (Christian Gasser)
Mit «Tamara Drewe» legt die britische Comic-Autorin Posy Simmonds ein süffiges Drama um Liebe, Sex, Ehebruch, Literatur und Mord vor. Zugleich handelt es sich um eine sarkastische Milieustudie des Landlebens in Grossbritannien. Formal wie inhaltlich geht Simmonds dabei eigene Wege.
Tamara Drewe ist unwiderstehlich und überaus sexy. Seit ein geschickter Chirurg ihre eher knollige Nase zu einem zierlichen Näschen ummodelte, entspricht sie ganz den heutigen Schönheitsidealen. Mit der Operation kam auch ihre gesellschaftliche Metamorphose: Aus der unscheinbaren Presse-Frau eines Verlags wurde eine prominente Klatschkolumnistin, die ihrerseits im Mittelpunkt zahlreicher Klatschgeschichten und Affären steht. mehr
"Kinderland ist abgebrannt" – "Frankfurter Rundschau" vom 15. Januar 2010 (Christian Schlüter)
Alles fängt so lieblich an. Geradezu harmlos. Unschuldig. Ein Mädchen in hellem Sommerkleid erwartet bei sich zu Haus einen Verehrer. Sie ist ganz aufgeregt und fragt ihre kleine Schwester, ob sie denn auch hübsch genug sei Und da ist er auch schon, Hektor, sehr höflich, beinahe übertrieben formvollendet stellt er sich mit einer Verbeugung vor. Die junge Frau ist entzückt, man nimmt auf einem rosa Sofa Platz. Dem Gast wird sogleich ein Stück Kuchen angeboten, doch zu ihrem Entsetzen muss die Gastgeberin bemerken, dass sie völlig vergessen hat, die heiße Schokolade zuzubereiten. Welch ein Fauxpas! Zum Glück hat die kleine Schwester an alles gedacht und serviert dem Gast sein Pläsier. mehr
"Dort draußen lauern Gefahren" – "taz" vom 9. Januar 2010 (Sven Jachmann)
KINDHEIT Was geschieht, wenn Märchenfiguren das ausleben, wofür sie geschaffen wurden? Der Comic "Jenseits" fängt harmlos an. Aber dann!
Märchen sind das Grauen. Nicht nur, weil sie mittels unsittlicher Methoden, der Bestrafung, zum sittsamen Verhalten erziehen wollen, sondern auch, weil sie durch die Kraft der Fantasie ein erstes Gespür dafür bereiten, dass die Welt dort draußen mit so mancher Gefahr aufwarten kann. Deswegen besteht das Figurenarsenal des Märchens aus Archetypen, deren Eigenschaften zugleich von konservativen Geistern zu zivilisatorischen Standards erhoben werden, im Guten wie im Schlechten: die bösartige Prinzessin als Zeichen ungehemmter Machtlust, die tugendhafte Magd als Zeichen moralischer Integrität, das rastlose Kind als Zeichen ungebremster Entdeckerfreude, dem indes noch die Genügsamkeit der Erwachsenen gelehrt werden muss. mehr
"Spürst du was"– "Süddeutsche Zeitung" vom 20. November 2009 (Thomas von Steinaecker)
Vom Eimerrauchen über LSD, die deutsche Comicszene will nicht erwachsen werden: Sascha Hommers Kiffkumpanen in der Erzählung "Vier Augen".
Es tut sich was in der deutschen Comicszene. So lautete der allgemeine Tenor nach dem Erlanger Comic-Salon 2006, der wichtigsten Comic-Biennale Deutschlands. Diese Hoffnung gründete sich vor allem auf die Debüts einer Reihe junger Nachwuchszeichner. Fast immer handelte es sich bei den schmalen Büchern um die Diplomarbeiten ihrer etwa 30-jährigen Autoren, mit denen sie einen Studiengang für Design oder Gestaltung abschlossen, die meisten von ihnen an der HAW-Hamburg, wo ATAK und Anke Feuchtenberger unterrichteten, zwei der wenigen Comickünstler hierzulande, die es in den 1990ern zu internationaler Beachtung gebracht haben. mehr
"Wunderbare Wimmelwelt der Mumins"– "Berliner Morgenpost" vom 26. Oktober 2009 (Katja Lüthge)
Sie waren scheinbar verschwunden, nun tauchen sie auf einmal wieder auf: die Mumins. Zuerst standen die Trolle plötzlich auf Tassen und Teller gebannt auf dem Frühstückstisch eines befreundeten Schweizer Journalisten, dann kamen mit den Kindern die Mumin-Bücher ins Haus und nun werden sogar die Mumin-Comics erstmalig vollständig auf Deutsch erscheinen.
Schöner, heiterer und anrührender denn je scheinen die Geschichten, die sich die Finnland-Schwedin Tove Jansson rund um das Mumintal vor über sechzig Jahren ausgedacht hat. Erst jetzt, so scheint es nämlich, wird dem Werk der skandinavischen "Nationalheiligen" auch hierzulande der nötige Respekt gezollt, und ihre Geschichten mit schönen Ausgaben und stimmigen Übersetzungen gewürdigt.
Äußerst wohlgeraten ist auch der gerade erschienene zweite Sammelband der auf insgesamt fünf Bände angelegten Mumin-Comic-Strips. Mit herrlich kolorierten Einbänden aufgemacht, sind dort im Weiteren die schwarzweißen Original-Vorlagen zu sehen, die die Künstlerin von 1953 bis 1960 für die englische Tageszeitung "The Evening News" geschaffen hat. mehr
"Intergalaktische Ausflüge" – fm4.orf.at vom 21. August 2009 (Sonja Eismann)
Das Hamburger Comic-Magazin "Orang" geht bereits in die achte Runde – diesmal zum Thema "Unendliche Geschichten".
Wer weiß, wie wenig mit ambitionierten Comics - abseits von so tollen wie seltenen Erfolgen wie "Persepolis" - im deutschsprachigen Raum finanziell wie auch aufmerksamkeitsökonomisch zu holen ist, kann nichts anderes als Bewunderung für diejenigen verspüren, die sich in ihrer Zeichenarbeit trotzdem nicht beirren lassen.
So auch für das lose Kollektiv rund um das Comic-Magazin "Orang", mit Verankerung in Hamburg quasi im Epizentrum der deutschen Comicszene beheimatet, das jetzt schon bei Nummer 8 seines Heftes angelangt ist. mehr
"T-Shirts von Marilyn Manson und Musik von Abba" – "Berliner Zeitung" vom 14. August 2009 (Jana Bach)
Guy Delisles Comic-Reportage über die Absurditäten der birmesischen Militärdiktatur
Wir leben in einem Golden Valley, in einer V.i.P.-Nachbarschaft. Mit anderen Worten ausgedrückt, wir sind umgeben von Geschäftsleuten, die zu der Regierung und den Generälen Kontakte pflegen. Daher haben wir fließend Wasser und eine meist funktionierende Elektrizität", stellt der junge Mann mit dem kecken Haarstriezel fest und schiebt den Kinderwagen weiter an schwer bewachten Grundstücken vorbei. Trotz der Glasscherben auf den Mauern der kleineren Häuser, der spitzen Pfähle bei den mittleren Häusern und dem zusätzlichem Stacheldraht bei den Villen wird das gesamte Gebiet Tag und Nacht von Soldaten der birmesischen Armee bewacht. Unnötig, findet Guy Delisle: Das Einzige, was Offiziere in einer Militärdiktatur fürchten würden, wären doch andere Offiziere. mehr
"Im Bann der Endlosschleife" – tagesspiegel.de vom 11. Juli 2009 (Lars von Törne)
Das Magazin „Orang“ bietet eine Leistungsschau des anspruchsvollen neuen deutschen Comics
Es gibt aus Berliner Sicht eigentlich nur zwei Gründe, auf Hamburg neidisch zu sein: Die Nähe zum Meer und "Orang". Das mit der Meeresferne könnte sich angesichts der drohenden globalen Erwärmung auf mittlere Sicht allerdings für Berlin eher als Segen erweisen. Bleibt "Orang".
Die Hamburger Comic-Anthologie - kürzlich auf dem Münchener Comicfestival mit dem ICOM Independent Comic Preis ausgezeichnet - zeigt in ihrer gerade erschienenen achten Ausgabe ein weiteres Mal, wieso Hamburg zu Recht als Hochburg des anspruchsvollen Autorencomics gilt. mehr
"Erziehungsurlaub im Land der Repression" – "Süddeusche Zeitung" vom 8. Juli 2009 (Thomas von Steinaecker)
Abschluss der Comic-Trilogie über asiatische Diktaturen: Die "Aufzeichnungen aus Birma" von Guy Delisle
Im Jahr 2007 demonstrierten in Birma beziehungsweise Myanmar, wie der Vielvölkerstaat von seiner Regierung genannt wird, zehntausende buddhistische Mönche friedlich gegen die brutale Militärherrschaft. Innerhalb kürzester Zeit wurden alle unabhängigen Journalisten mit einem Arbeitsverbot belegt oder ausgewiesen. Der versiegende Bilderstrom von den Ereignissen auf den Straßen hatte zur Folge, dass die Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit daran bald drastisch abnahm. Ob tatsächlich, wie es von offizieller Seite hieß, bei den anschließenden Säuberungsaktionen der Soldaten lediglich nur zehn Menschen umkamen, bleibt damit unüberprüfbar - und weil keine Berichte hierüber oder über das Schicksal der Verschleppten und Gefolterten vorliegen, die anrühren könnten, interessiert das bis heute auch nur die wenigsten. mehr
"Papa macht Comics" – "taz" vom 4. Juli 2009 (Christoph Haas)
Der kanadische Zeichner Guy Delisle hat die Comic-Reportage neu erfunden
Na, so etwas: Nur ein paar Straßen weiter wohnt Aung San Suu Kyi! Als der Comicautor Guy Delisle zufällig davon erfährt, packt er sofort seinen kleinen Sohn in den Buggy und marschiert los. Aber leider ist auf der Straße, die am Anwesen der unter Hausarrest stehenden Friedensnobelpreisträgerin vorbeiführt, ein Checkpoint errichtet. Soldaten lassen niemanden durch. Auch keinen Ausländer, der hartnäckig vorgibt, nicht zu verstehen, was die Aufregung soll.
Erst als die Sperrung ein paar Wochen später aufgehoben wird, braust Delisle im Auto an der hohen Mauer vorbei, um "der bekanntesten politischen Gefangenen der Welt" ein aufmunterndes "Juuuhu! Aung San, hier sind wir!" zuzurufen. mehr
"Ein Sound gegrillter Heuschrecken" – "Die Welt" vom 22. Juni 2009 (Brigitte Preißler)
Der Comiczeichner Guy Delisle schildert den Alltag in Birmas Militärdiktatur
Diesmal hat er sein Baby dabei: Als wäre es das Normalste von der Welt, mit einem Säugling in eine der brutalsten Militärdiktaturen der Welt zu reisen, schiebt der Kanadier Guy Delisle in seiner autobiografischen Reisereportage "Aufzeichnungen aus Birma" Sohn Louis im Kinderwagen durch die einstige Hauptstadt Rangun.
Es ist der dritte Teil seiner Südostasien-Trilogie: Doch anders als in seinen Comics über China und Nordkorea ("Pjöngjang", "Shenzhen") ist Delisle nun nicht in eigener beruflicher Mission unterwegs. Er begleitet seine Frau Nadège, die bei der französischen Sektion der "Ärzte ohne Grenzen" in Birma arbeitet, und kümmert sich dort 14 Monate lang um das gemeinsame Kind. mehr
"Lebe lieber ungewöhnlich" – tagesspiegel.de vom 9. Juni 2009 (Thomas Greven)
Guy Delisle verbrachte ein Jahr im von einer Militärjunta beherrschten Birma. Seine Erlebnisse in dem südostasiatischen Land sind liebevolle, manchmal verstörende Alltagsgeschichten aus einer fremden Kultur
Ganz früher gab es die Abenteuer des Reporters Tim, von Asterix, dem Gallier, von Prinz Eisenherz – alles strahlende Helden ohne Fehl und Tadel. Dann kamen die Abenteuer komplexerer Charaktere wie Blueberry und Corto Maltese, manchmal arg vereinfachend „Anti-Helden“ genannt. Eine Weile lang gab es dann fast gar keine Abenteuercomics mehr.
Mit Harvey Pekar, Chester Brown, Joe Matt und vielen anderen entdeckten Comic-Schaffende und Leser die Komplexität des „normalen“ Alltags und des eigenen Lebens. Das war gut so … aber vermisst habe ich sie schon, die Abenteuer. Nur realistischer sollten sie sein, irgendwie erwachsener. mehr
"Der einzig wahre Rivale ist Picasso" – "Die Welt" vom 16. Mai 2009 (Brigitte Preißler)
Der französische Zeichner und Autor Christian Hinckeralias Blutch gewinnt zurzeit alle großen Comicpreise - mit Recht. Nun erscheinen zwei seiner Bücher auf Deutsch
Blotch", das klingt verdächtig nach "Blutch". Und wenn der französische Comiczeichner Christian Hincker, der unter dem Pseudonym Blutch arbeitet, eine seiner Figuren Blotch nennt, so liegt die Vermutung nahe, dass es sich um ein Selbstporträt handeln könnte. Nur: Blotch ist fett, hässlich, selbstgefällig und größenwahnsinnig. Und vor allem kann er nicht zeichnen. Als Mitarbeiter der fiktiven Zeitschrift "Fluide Glacial" erstümpert sich dieser fiese kleine Versager im Paris der 1930er Jahre mit zotigen und rassistischen, sparwitzigen Witzzeichnungen seinen Lebensunterhalt. mehr
"Abgründe der Adoleszenz" – tagesspiegel.de vom 5. Mai 2009 (Sven Jachmann)
Er hat Zeichner von Seth bis Mawil inspiriert. Jetzt kann man einen Klassiker von Chester Brown neu auf Deutsch entdecken.
Die autobiographische Darstellung von Jugend und Adoleszenz im Comic mag dem heutigen Leser selbstverständlich erscheinen. Sie wäre aber sicher nicht in einer solchen Bandbreite vorzufinden, ohne die so genannten „New Comics“, wie man im Comics Journal diese Entwicklung zur Introspektion vor allem im nordamerikanischen Raum Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre zu kategorisieren versuchte.
Was sich damals im Umfeld des kanadischen Verlags und der gleichnamigen Zeitschrift Drawn & Quarterly tummelte, darf heute mit Fug und Recht zu den kanonisierten, zeitgenössischen Klassikern gezählt werden, darunter solch unterschiedliche AutorInnen wie Julie Doucet, Seth, Joe Matt, Mary Fleener, Adrian Tomine oder eben Chester Brown. mehr
"Aus Blutch werde Blotch: Zwei sensationelle autobiographische Fiktionen" – faz.net vom 28. April 2009 (Andreas Platthaus)
Manchmal braucht man als Verlag ein bißchen Glück. Von Blutch alias Christian Hincker, war auf Deutsch so gut wie nichts erschienen, als Reprodukt, das nimmermüde Haus für anspruchsvolle Comics vor allem aus Frankreich, und Avant, der gleichfalls unermüdliche Verlag für ebenjene, nahezu zeitgleich die Übersetzungen von jeweils einem Titel des 1967 geborenen Zeichners ankündigten: „Le petit Christian" (Reprodukt) und „Blotch" (Avant). Dann gewann Blutch im Januar den Großen Preis der Stadt Angoulême, die bedeutendste Comic-Auszeichnung Frankreichs (und damit Europas und eigentlich auch - analog zur Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes - der ganzen Welt), und plötzlich hatten die beiden Verlage einen Autor im Programm, mit dem man zumindest gut Reklame machen konnte. mehr
"Kaubeus kennen sich aus" – "Der Tagesspiegel" vom 16. April 2009 (Katja Schmitz-Dräger)
Mit gleich zwei auf Deutsch übertragenen Bänden kann man den französischen Comic-Autoren Blutch jetzt auch bei uns kennenlernen - und in eine höchst wunderbare Welt einsteigen.
Gleich zwei Titel des französischen Comic-Autoren Blutch sind dieser Tage auf Deutsch erschienen: "Der kleine Christian" im Reprodukt-Verlag, der damit zwei in Frankreich 1998 und 2008 erschienene Bücher in einer Gesamtausgabe vorlegt. Dazu wartet der avant-Verlag mit "Blotch - Der König von Paris" auf.
Der soeben mit dem Grand Prix de la Ville d'Angoulême, dem wichtigsten europäischen Comicpreis ausgezeichnete Blutch, mit bürgerlichem Namen Christian Hincker, ist in Deutschland bisher noch kaum wahrgenommen worden. mehr
"Depression can be stopped" – "on3-Radio" vom 9. April 2009 (Markus Köbnik)
Spam-Mails verstopfen nicht nur unsere Mail-Accounts. Sie sind auch Rohstoff für kreative Ansätze. Der Wiener Nicolas Mahler hat aus dem Datenschrott das Cartoon-Buch "Spam" gemacht.
Nicolas Mahler hat für seine Werke schon renommierte Comic-Preise gewonnen. Nebenher zeichnet er unter anderem auch für die Titanic. Und jetzt hat er in einem Wust von über 15.000 Werbe- und Spam-Mails gewühlt, hat Betreffzeilen ausgewählt und sich Figuren ausgedacht, die hinter den Absendern und ihren Aussagen stehen könnten. "Depression can be stopped", sagt ein ziemlich fertiger Straßenarbeiter mit dem Namen Otto Pits und hält ein verbeultes Stoppzeichen in die Luft. Ein gewisser Schnack.Teerapong wirkt wie ein zusammengedrücktes Knetmassenmännchen. Seine Frage ist dann auch passender Weise: "Suffer from low desire?" mehr
"Geschlechtsorgane finde ich viel interessanter" – "Interview zu Spam" vom 31. März 2009 (sueddeutsche.de)
Der Zeichner Nicolas Mahler hat Tausende Spam-Mails gelesen und die Betreffzeilen als Comic-Monster gemalt: Alle kennen nur ein Thema.
sueddeutsche.de: Herr Mahler, die meisten Leute sind von Spam genervt, Sie machen daraus Comics. Ist das der bessere Weg, um mit so einem Abfallprodukt umzugehen?
Nicolas Mahler: Auf jeden Fall. Es ist angenehm, wenn man über Nacht immer wieder neue Inspirationen in seiner Mailbox findet. Ich lasse die Spammer quasi für mich arbeiten, und muss mir selbst keine Texte überlegen. mehr
"Comics als Grundnahrungsmittel für die Fantasie" – "Tagesanzeiger" vom 27. März 2009 (Alexandra Kedves)
Blutch ist einer der ganz Grossen des französischen Autoren-Comics – und einer der ganz Scheuen im Medienzirkus. Jetzt kommt er zum Fumetto-Festival nach Luzern.
Im kleinen Christian steckt ein grosser Kerl: ein Held mit Hut, Revolver und Hengst. Zu dumm, dass Maman dafür einfach blind ist. Sie schickt John Wayne ins Bett, wenn der Western im Fernsehen läuft, und Tintin in die Schule, wenn der Wüstenwind weht; sie zwingt Lucky Luke zum Aufessen, wenns Spinat gibt, und, am allerschlimmsten, sie konfisziert die Comic-Hefte, in denen edle, wilde Kämpfer edle, wilde Dinge tun. Aber so leicht lässt sich der Stoff, aus dem Bubenträume sind, nicht liquidieren: Der kleine Christian und seine Freunde haben die Familie, die Schule – und ausserdem ein Paralleluniversum ganz für sich allein. mehr
"Die gewöhnlichen Geschichten des Lebens" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 27. März 2009 (Christian Gasser)
Im Januar erhielt Blutch den Grossen Preis der Stadt Angoulême. Ausserhalb Frankreichs hingegen ist der Comic-Zeichner wenig bekannt. Vielleicht ändert sich das nun: Dieser Tage erscheinen seine witzigsten Bücher, «Der kleine Christian» und «Blotch», auf Deutsch. Überdies ist er Artist in Residence am Luzerner Comix-Festival Fumetto 2009.
Er stecke in einer unkomfortablen Situation, sagt Blutch: «In der Comic-Welt bin ich kein junger Marquis mehr, aber auch noch kein alter Baron.» Er sitzt auf einem Sofa, in sich zusammengesunken. «Ehrlich gesagt», fährt er nach einer Pause fort, «ich weiss nie, ob meine Geschichten interessant sind oder nicht. Ich bezweifle es. Deshalb mache ich immer noch ein nächstes Buch, um das vorherige zu korrigieren.» mehr
"Warum sind Berliner Schweine, Fil?" – "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 17. März 2009 (Patrick Bahners und Tobias Rüther)
09. März 2009 Ein typischer Berliner Wintertag. Der Comiczeichner Fil ist leicht erkältet und geschafft von seinem Bühnenauftritt am Abend zuvor. Er berlinert so schön, wie man es von seinen Figuren „Didi und Stulle“ kennt. Und er ist ebenso lustig.
Seit zwanzig Jahren zeichnen Sie Didi und Stulle. Die beiden haben als Berliner Lokalgrößen angefangen, sind über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden, aber nicht jeder kennt sie. Wie würden Sie Ihre Figuren beschreiben?
Didi und Stulle sind sehr gute Freunde, die nur sich selbst haben, weil sie nicht so richtig verankert sind im Leben. Didi passt eigentlich nicht richtig in diese Welt, er ist ein großer Außenseiter, ein Freigeist auf seine verrückte Art, der auf alles eigene Antworten sucht. Stulle ist nicht so richtig definiert, er ist eher ein Raushalter. mehr
"Die E-Mail-Monstrositäten des Nicolas Mahler" – "Futurezone beim ORF" vom 14. März 2009 (Günter Hack)
Der Wiener Zeichner Nicolas Mahler hat seine Mailbox aufgeräumt. Im Spamordner fand er dabei Textmonstrositäten vor, die wie von selbst vor seinem geistigen Auge zu grotesken Kreaturen heranwuchsen. Mahler hatte den Mut, diese Alpträume aus dem Unterbewussten des Internets zu Papier zu bringen. Es entstand eine Galerie der Freaks.
ORF.at: Herr Mahler, wie sind Sie darauf gekommen, Spam als Grundlage für Cartoons zu nehmen?
Nicolas Mahler: Angefangen hat es damit, dass ich eine lange vernachlässigte Mailbox aufräumen wollte, und dort auf über 15.000 ungelesene Spammails gestoßen bin. Mir tat es dann um einige gute Exemplare leid, daher habe ich die interessantesten aufgehoben. mehr
"Familiengeschichte mit Brüchen – "Der Tagesspiegel" vom 12. März 2009 (Katja Schmitz-Dräger)
Wenn „Evil Germans“ auf "diese Amerikaner" treffen: Line Hovens „Liebe schaut weg“ erzählt von den Schwierigkeiten einer transatlantischen Annäherung.
Seit Anfang des Jahres ist Line Hovens Langcomic-Debüt „Liebe schaut weg“ wieder erhältlich. Die aufwändig aus Schabkarton gekratzte Familiengeschichte war im Herbst 2007 erstmals bei Reprodukt erschienen und hatte einige Beachtung gefunden – die Auszeichnung mit dem ICOM Independent Comic Preis 2008 als "Bester Independent Comic" und die Nominierung für den Max-und-Moritz-Preis, dazu eine recht breite Rezeption in der Presse und beim Publikum: Nicht selbstverständlich für einen Alternative-Comic-Erstling. Nun liegt das Werk, entstanden als Hovens Diplomarbeit an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaft, in der zweiten Auflage vor. mehr
"Zeitsprünge und Figurenautonomie" – satt.org vom 20. Februar 2009 (Sven Jachmann)
Wenn man die Anatomie des Comics studieren möchte, dann sind Marc-Antoine Mathieus Geschichten des Helden Julius Corentin Acquefacques, dem Gefangenen der Träume, einfach unumgänglich. In fünf (in Frankreich bereits sechs) jeweils in sich abgeschlossenen Bänden transzendiert dieser gezeichnete Verwandte von Kafkas Herrn K unwillentlich immer wieder aufs Neue die Grenzen jener Gattung, der er selbst angehört. Das Spiel mit der Form selbst ist natürlich keine Seltenheit mehr, aber bei „Der Wirbel“ handelt es sich ja auch um die Neuauflage des dritten Teils dieser Reihe. Aber Acquefacques dürfte vermutlich die einzige Figur im Comic sein, der die Medienreflexivität so stark eingeschrieben ist, dass sie durch ihn den Motor des Plots bildet und so folglich zum Motor der gesamten Narration wird. mehr
"Im Museum." – fm4.orf.at vom 10. Februar 2009 (Zita Bereuter)
Von Manson zu Sloterdijk, vom Wunderland in die Hölle. Ein Museumsbesuch als unendliches Comicabenteuer - so leicht kommt man da nicht mehr raus.
Vor kurzem habe ich bei einer Sonic Youth Geschichte in einem Posting erwähnt, dass ich mal mit Lee Ranaldo in einer Ausstellungsraum eingeschlossen war. Und weil die Phantasie wohl prächtige Blüten hervorzaubern kann, bin ich letzten Samstag bei einer Party nach Details gefragt worden. Eingesperrt im Museum - was da alles passieren kann...
Täglich könnte man Geschichten davon erzählen, was sage ich, Bücher könnte man füllen.
Und so ist es auch. Nein, nicht ich erzähle von Lee Ranaldo, sondern der Comiczeichner Sascha Hommer und der Literaturwissenschafter Jan-Frederik Bandel von einem recht eigenwilligen Geschwisterpaar. mehr
"Frauen sagen, wo’s langgeht" – zeit.de vom 7. Januar 2009 (Andreas Essl)
Jaime und Gilbert Hernandez sind Stars der amerikanischen Comic-Buch-Szene. Seit fast 30 Jahren zeigen sie in ihren Heften einen großen Kosmos amerikanischer Realität
Ganz selten passiert es Autoren, dass aus ihrem ersten Werk ein ganzer Zyklus entsteht, der es erlaubt, Charaktere über Jahre hinweg zu formen, sie dick, weise, faltig werden oder auch sterben zu lassen. Ein narratives Gewebe zu entwerfen und trotzdem neue Ufer anzusteuern. Denn wer hat schon die Kraft, stets dieselbe Geschichte weiterzutreiben. Selbst Harry Potter ist tot. mehr
"Die große Wirkung eines kleinen toten Vogels" – faz.net vom 2. Januar 2009 (Andreas Platthaus)
Einen der besten Comics des Jahres 2008 las ich erst am Silvestertag: den vierten Band der Serie "Der alltägliche Kampf" (Reprodukt Verlag). In Frankreich ist die Reihe seit ihrem Start vor mittlerweile sechs Jahren einer der größten Erfolge bei Publikum wie Kritik. Ihr Zeichner Manu Larcenet erzählt in "Le Combat ordinaire" (so der Originaltitel) vom Leben des Fotografen Marco, der sich aufs Land zurückzieht, dort seine Frau findet und eine Familie gründet – in der Tat ein recht gewöhnlicher Kampf. Doch durch dieses private Geschehen zieht sich als subtiler Kommentar zum gesellschaftspolitischen Geschehen unserer Tage die Geschichte der Werft, auf der Marcos Vater gearbeitet hat. Im ersten Band stirbt der Vater, und in allen vier Bänden stirbt die Werft. mehr
"Die wunderbare Welt der Mumins" – "Der Bund" vom 15. Dezember 2008 (Christian Gasser)
Tove Janssons «Die Mumins» ist ein zeitloser Kinderbuchklassiker. Hierzulande ist jedoch wenig bekannt, dass die Zeichnerin in den 1950er-Jahren auch einen international erfolgreichen Comic-Strip erfand, der nicht weniger fantasievoll, bizarr, fröhlich, melancholisch, kurz: bezaubernd war.
In einem ihrer ersten Abenteuer entfliehen die Mumins dem harschen Klima Finnlands und segeln in ihrer Nussschale an die Côte d’Azur, wo sie unter dem veredelten Namen «de Mumin» dem süssen Jetset-Leben frönen – ohne freilich zu ahnen, dass die Luxussuite im Palacehotel und die zahlreichen von ihnen ausgelösten Katastrophen auch etwas kosten. Die französische Noblesse interpretiert das pausenlose Fettnäpfchentreten der ungehobelten, aber liebenswerten Nordlichter als die «köstliche Exzentrik» schwerreicher Ausländer. mehr
"Snorkfräulein auf gefährlicher Fahrt" – "Berliner Zeitung" vom 11. Dezember 2008 (Katja Lüthge)
Erstmals auf Deutsch: eine Gesamtausgabe der wunderbaren "Mumin"-Comics von Tove Jansson
Wie ist das, von Piraten entführt zu werden?" "Wundervoll.". In der derzeitigen Diskussion um das Piratenwesen vor der somalischen Küste fehlt ein Aspekt zu Unrecht vollkommen: die Romantik! Snorkfräulein und Mümmla jedenfalls genießen ihre lustvolle Angst vor den Seeräubern ausgiebig. "Verfolgen sie uns?" "Hoffentlich!". Das nilpferdartige Mädchen und die hagere Duttträgerin Mümmla fliehen verzückt vor den "wilden und ungezähmten" Finsterlingen, die sie bei einer friedlichen Bootsfahrt ins Visier genommen haben - wie groß ist dagegen die Enttäuschung, als die Freibeuter gefangen und zur Gartenarbeit gezwungen werden. Dahin ist all die männliche Sexiness. Wenig Verständnis für die Enttäuschung der Mädchen bringen dagegen Snorkfräuleins rundlicher Freund Mumin und dessen Vater auf, sie verkennen den Reiz des Gejagtwerdens vollkommen. mehr
"Trollige Bohème" – tagesspiegel.de vom 9. Dezember 2008 (Peer Göbel)
Die skandinavischen Mumintrolle spuken seit Jahrzehnten durch die Kinderzimmer. Jetzt gibt es die erste deutsche Gesamtausgabe des Klassikers.
Aus Kindertagen dürften sie erwachsenen Lesern bekannt sein, die nilpferdähnlichen Mumintrolle, die in einer halb realen, halb sagenhaften finnischen Küstenwelt leben. Der Berliner Reprodukt-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Gesamtausgabe der bisher nur vereinzelt erhältlichen Mumin-Comics vorzulegen. Die größte Überraschung beim Wiederlesen ist, dass es sich kaum um eindeutige Kindergeschichten handelt. mehr
"Die Mutter aller Künste" – "Junge Welt" vom 4. Dezember 2008 (Robert Mießner)
Olivier Schrauwen erzählt in »Mein Junge« von bürgerlichen Familienverhältnissen und greift auf eine gute alte Comic-Kinderstube zurück
Wer ordentliche Eltern hat, kennt diese Welt aus Familienalben. Enge Kragen auf gestärkten Hemden, betonierte Frisuren und vor allem und unter allen Umständen: Haltung bewahren. Die bürgerliche Welt des 20. Jahrhunderts, wobei »bürgerlich« nicht nur die Klasse, sondern eine Art der Lebensführung meint. Olivier Schrauwen, 1977 geborener belgischer Comic-Künstler, erzählt in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Debüt »Mon Fiston« (2006) von familiärer Nähe und Enge, von Dressur und Furor. In seiner Vater-und-Sohn-Geschichte verbergen sich Abgründe. Keine der Figuren in »Mein Junge« trägt einen Namen. mehr
"Poesie des Alltags" – tagesspiegel.de vom 2. Dezember 2008 (Daniel Wüllner)
Manu Larcenet schließt mit dem Band „Gewissheiten“ seine Serie "Der Alltägliche Kampf" ab und beweist, dass der französische Comic auch realistisch erzählen kann.
Eigentlich bedarf der neue frankobelgische Comic keiner Frischzellenkur. Es geht ihm gut. Dennoch findet sich neben den etablierten Namen immer wieder einer, der sich vom Rest abhebt: In diesem Fall ist es Manu Larcenet, der mit seinem Comic "Der Alltägliche Kampf" die Renaissance des Realismus einläutet. Er porträtiert nicht nur die gesellschaftliche Realität in Frankreich mit mitfühlender Besorgtheit, sondern zeigt auch auf poetische Weise, welche Freuden eben dieser mühsame Alltag mit sich bringen kann. mehr
"Stuart liebt Astrid" – "Die Zeit" vom 19. November 2008 (David Hugendick)
Vorstadtödnis, Vaterfreuden und die Beatles: Ein Werkstattbesuch beim Comic-Künstler Arne Bellstorf
Es gibt in Buchläden einen Ort fern der Tellkamps und Eragons, im Sicherheitsabstand zum reclamgelben Goethe. Das Comicregal, brr, da schüttelt es immer noch manchen Literaturkenner. Etwas für Kinder, spotten die einen; aber nein, widersprechen die anderen und sagen: Graphic Novel. Ein Genre, das sich deutsch kaum übersetzen lässt, obwohl einige Deutsche es beherrschen. Arne Bellstorf ist einer der interessantesten. Seit ein paar Wochen sind die ersten Seiten seines neuen Comics zu sehen, auf der Homepage des Reprodukt-Verlags, Grund für einen Werkstattbesuch. Auf nach Hamburg-Eimsbüttel! mehr
"Vignettenmaler der Slacker-Kids" – "taz" vom 25. Oktober 2008 (Dana Bönisch)
Adrian Tomine ist ein gefragter Zeichner in den USA. Nun ist sein Comic “Halbe Wahrheiten” auf Deutsch erschienen. Er erzählt über das Leben junger Urbanauten in Berkeley und New York.
Überall, wo er auftrete, sagte Adrian Tomine, gäbe es “this one guy”: diesen einen Typen, der nur auf Buchvorstellungen gehe, um irgendwann aufzustehen, einen Monolog über sich selbst zu halten und diesen mit einer dümmlich-provokativen Frage an den Autor abzuschließen. Und das alles nur, um die Mädchen zu beeindrucken, was natürlich nicht funktioniere.
Ben Tanaka, der Protagonist in Tomines Graphic Novel "Halbe Wahrheiten", würde sich auf einer Lesung wahrscheinlich so verhalten.
mehr
"Ich mag dieses Gefühl vom schwarzen Schaf" – "Main-Spitze" vom 27. September 2008 (Stephan A. Dudek)
Der Künstler und Illustrator ATAK, bürgerlich Georg Barber, äußert sich über sein Metier und Rüsselsheim
Kunstverein und Eigenbetrieb Bildung und Kultur zeigen in der Opel-Werkshalle A1 bis 24. Oktober eine Werkschau des in Berlin und Stockholm lebenden Künstlers und Illustrators ATAK, bürgerlich Georg Barber.
Die "Main-Spitze" sprach mit ihm.
Herr Barber, als Künstler nennen Sie sich ATAK. Das klingt gefährlich. Muss man Angst vor Ihnen haben?
Barber: Nein, ich denke nicht. Der Name ist ein Pseudonym und entstammt aus den achtziger Jahren. Damals spielte ich in einer Band gleichen namens, die Musik bewegte sich so zwischen Punk und atonalem Industrial, typisch für diese Zeit damals. Später nach der Wende ging ich nachts Schablonen sprühen, sprayen - heute nennt man es Street Art - und da brauchte ich eine möglichst kurze Unterschrift, um nicht von der Polizei erwischt zu werden, obwohl wir es dann doch wurden... mehr
"Eine aus Schabkarton gekratzte Familiengeschichte" – "Schau ins Blau" 8.1 von September 2008 (Sabine Wirth)
Line Hovens "Liebe schaut weg" und die Gegenwart der Vergangenheit
Manchmal ist es mehr die Vergangenheit als die Gegenwart, die einen fesselt, weil sie das Selbst innerhalb einer Geschichte verortet. Die Zeichnerin Line Hoven setzt sich in ihrer Diplomarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg mit der Geschichte ihrer Eltern und Großeltern auseinender, in der die deutsche Familie Hoven auf die amerikanische Familie Lorey trifft, weil Reinhard und Charlotte sich ineinander verlieben und heiraten wollen. Die Familiengeschichte umspannt die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg bis in die siebziger Jahre und zeigt neben privater Familienchronik auch ein Stück Zeitgeschichte. Für den aufwendig in Schabkarton geritzten Comic, der bei Reprodukt erschienen ist, erhielt Line Hoven im Mai 2008 auf dem Comic-Salon Erlangen den ICOM-Preis in der Kategorie „Bester Independent Comic”. mehr

"Die Pygmäen proben den Aufstand" – "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 12. September 2008 (Jan-Frederik Bandel)
Merkwürdigkeiten aus dem Zoo und dem Museum: Junge niest Dame fort, Krokodil frisst Jungen – Olivier Schrauwen und Cyril Pedrosa betreiben mit Pasticcio und Parodie die Erneuerung des Comics.
Wann immer von Comics die Rede ist, lauert eine merkwürdige Apologetik auf ihren Einsatz: Ja, es sind Comics, aber … Das wahlweise zu preisende, zu analysierende oder zu verkaufende Produkt muss sich dabei entweder als besonders traditionsreich oder aber als schlagende Novität behaupten, um den letzten Verdacht der Trivialität auszuräumen. Im einen Falle wird die Kunst- oder Literaturgeschichte der Bilderzählung flächig ausgerollt, im anderen braucht von der Geschichte keine Rede zu sein, da es einzig um die vermeintliche Innovation geht, die dann gefeiert wird, selten ohne den Verweis, mit dem gängigen Comic habe das selbstredend nichts gemein. mehr
"Blondinen im Bonsaiwald" – "Jungle World" Nr. 34 vom 21. August 2008 (Jonas Engelmann)
In Amerika ist Adrian Tomine einer der Stars der unabhängigen Comicszene. Seine Comicreihe »Optic Nerve«, die er 1991 mit 16 Jahren als selbstkopiertes Heft startete, wird seit 1995 von der kanadischen Independent Comic-Institution Drawn & Quarterly verlegt, mit einer Auflage von mittlerweile über 16.000 Exemplaren pro Ausgabe. Die aus der Reihe entstandenen Alben, in denen seine frühen, zwischen autobiografischen und fiktiven Elementen changierenden Geschichten orientierungsloser Menschen zwischen 20 und 30 zusammengefasst sind, erschienen ebenfalls bei Drawn & Quarterly. mehr
"Wenn Japaner auf Blondinen stehen" – "Süddeutsche Zeitung" vom 12. August 2008 (Thomas von Steinaecker)
Ben Tanaka schaut sich gerne Pornos mit weißen Frauen an. Du bist der Manipulation der westlichen Medien und ihren Schönheitsidealen aufgesessen, meint seine Freundin Miko. Ich lebe nur meine Phantasien aus, die aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, sagt er. Wenig später hat Miko einen neuen Freund, einen Weißen. Der steht doch nur auf Asiatinnen wegen seines arischen Machtkomplexes und unterdrückter pädophiler Neigungen, meint Ben. Er hat jüdische und indianische Wurzeln und außerdem liebe ich ihn, sagt Miko. mehr
"Die Damen auf dem Hügel" – "Süddeutsche Zeitung" vom 5. August 2008 (Thomas von Steinaecker)
Der Animationsfilm ist der große, zurückgebliebene Bruder des Comics. Beide erzählen mit gezeichneten Bildern, beide entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts als Teil der Unterhaltungsindustrie. Doch während der Comic nach und nach erwachsen wurde und sich ernsteren Themen zuwandte, blieb der Zeichentrickfilm in erster Linie der Welt des Fantastischen verhaftet und richtet sich seitdem vor allem an Kinder, woran sein wichtigster Pionier wohl nicht ganz unschuldig ist: In der familientauglichen Umsetzung von Märchen fand Walt Disney eine magische Formel, die selbst in Zeiten von Pixar letztlich nicht grundlegend in Frage gestellt wird. mehr
"Tod und Tabu" – textem.de vom 20. Juli 2008 (Sven Jachmann)
Seine Herkunft als Animationszeichner bei Disney ist Pedrosas neustem Werk durchaus anzumerken. Dies betrifft sowohl die expressive Stilisierung der Figuren als auch die Bereitschaft, an den richtigen Stellen mit Pathos aufzuwarten. Es handelt sich jedoch weniger, wie der Hinweis auf Disney vielleicht vermuten lässt, um eine dramaturgische Dehnung des Gefühls, um von der Konstruktion des Plots abzulenken. In seiner Allegorie auf den Kindstod spürt Pedrosa jenen Momenten der Trauer nach, die aus der Hoffnungslosigkeit geboren sind. Sie ist es nämlich, die Louis` und Joachims Flucht vor den titelgebenden drei Schatten beständig wie bedrückend begleitet. mehr
"Lumpereien des Lebens" – "taz" vom 16. Juli 2008 (Frank Schäfer)
Sie kennen Mawil, Lewis Trondheim und die Hernandez-Brüder nicht? Dann wird's Zeit. Sie alle sind beim innovativsten Comic-Verlag Deutschlands.
Die Bundesrepublik Deutschland mag in Sachen Comic-Kultur immer noch ein Entwicklungsland sein, verglichen mit Belgien, Frankreich und den USA. Aber dass es mittlerweile so etwas wie eine Szene gibt - assoziiert mit den Kunsthochschulen in Berlin und Hamburg, die das Fach Bildgeschichte auf dem Lehrplan haben - und dass die langsam zu brummen beginnt, dafür haben nicht Branchenriesen wie Carlsen und Ehapa gesorgt, sondern Independents wie Edition 52 und der Berliner Verlag Reprodukt. mehr
"Comics: Die Lebenskünstlerinnen" – "Brigitte" 15/2008 (Silke Stuck)
Spannender als Superhelden, cooler als Mangas: Eine neue Generation von Zeichnerinnen mischt die deutsche Comic-Szene auf.
Stellen wir uns das Ganze einmal als Anfang eines Comic-Strips vor. Erstes Bild: Line Hoven, 31 Jahre, kurzer Pony, dunkler Zopf, sitzt konzentriert an ihrem Schreibtisch im Hamburger Schanzenviertel, sie hat ein spitzes Messer in der Hand, vor ihr liegt ein schwarzer Karton. Linie für Linie schabt Line Hoven das Schwarze aus dem Karton weg. Übrig bleibt ein neun mal neun Zentimeter großes Quadrat, ausgefüllt von großen, verstörten Augen und einem schmalen Mund. mehr
"Comic im Stil der großen Meister – Unbeholfene Väter"– "taz" vom 4. Juli 2008 (Oliver Ristau)
Der belgische Comic-Künstler Olivier Schrauwen orientiert sich am klassischen Zeitungsstrip des frühen 20. Jahrhunderts. Nun ist sein Comic "Mein Junge" erschienen.
Ein Pastiche beruht auf der bewussten Nachahmung eines Stils, der Ideen und der Haltung eines historischen Werks. Das muss per se nichts Schlechtes sein, führt doch die Verwendung altbekannter Stilelemente unter neuen Gesichtspunkten oft zu interessanten Ergebnissen. So auch im Falle des flämischen Künstlers und Comicautors Olivier Schrauwen, dessen Debütalbum "Mein Junge" gerade auf Deutsch erschienen ist. mehr
"Nachrichten aus einem totalitären Land – Die birmanische Comic-Chronik des Guy Delisle" bei "titel thesen temperamente" vom 22. Juni 2008
Diee birmanische Militärjunta, seit 1962 an der Macht, schottet das Land konsequent ab. Sie kontrolliert die eigenen Medien und behindert die Berichterstattung im Ausland. Nach der Wirbelsturmkatastrophe im Mai hat sie Journalisten die Einreise verweigert und mit ihrer harten Haltung gegenüber internationalen Hilfsangeboten die Weltöffentlichkeit schockiert. mehr Video zum Beitrag
"Die Schrecken der Tiefe" – "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Mai 2008 (Gottfried Knapp)
Im Bauch eines gigantischen Schlachtschiffs: Christophe Blains Comic-Roman "Das Getriebe" zieht den Leser in gefährliche Tiefen, in die Zonen der Angst.
Der neue Comic-Roman des Franzosen Christophe Blain hält sich formal an ein klassisch bewährtes Spannungsrezept. Von der Einleitung und vom Ende abgesehen, spielt die erzählte Geschichte an einem genau begrenzten Ort, in einem Hohlkörper, aus dem es kein Entrinnen gibt: Wir begeben uns in den Bauch eines gigantischen, hermetisch geschlossenen Kriegsschiffs.
An diesem einheitlichen Ort könnte sich, wie in vielen klassischen Kriminalromanen, unter dem überschaubaren Personal ein Mord ereignen, bei dessen Aufklärung alle Anwesenden nacheinander in Verdacht geraten. mehr
"Fantasierte Wirklichkeiten" – "Glanz@Elend" vom 27. Mai 2008 (Thomas Hummitzsch)
Der spanische Comiczeichner Max verbeugt sich mit seinem aktuellen Comic vor den surrealistischen Querdenkern dieser Welt und erweist den Pionieren des amerikanischen Comics seine Ehre. Bardin, der Superrealist« ist ein Meisterwerk der bildenden Künste.
»Bardin, der Superrealist. Seine Taten, Äußerungen, Einfälle und Abenteuer« ist Surrealismus pur, wobei die Eskapaden Bardins voll gestopft mit Zitaten aus den bildenden Künsten sind. Die Anekdoten des kugelköpfigen Bardin sind eine Hommage an den Surrealismus und seine berühmtesten Vertreter, den Maler Salvador Dali und den Regisseur Luis Buñuel, aber auch eine Huldigung der Meister und Pioniere des amerikanischen Comics. Der deutsche Maler Max Ernst wird zum Leuchtturm der Bardin’schen Phänomenologie und ist zugleich die visuelle Verkörperung des alles beobachtenden Bösen aus der Tolkien’schen Ringe-Saga – oder vielleicht der Wachturm der Zeugen Jehovas? Man weiß es nicht so genau. mehr
"Freuden und Leiden eines Comic-Zeichners" – "NZZ Online" vom 26. Mai 2008 (Christian Gasser)
Die neuen autobiografischen Comics von Lewis Trondheim und Hideo Azuma
Wie kann ein Comic-Zeichner in Würde altern, ohne an den Anforderungen des Marktes zu scheitern? Der Franzose Lewis Trondheim und der Japaner Hideo Azuma reflektieren in ihren autobiografischen Comics «Ausser Dienst» bzw. «Der Ausreisser» aufschlussreich und kurzweilig Leben und Leiden eines Comic-Autors.
Innert knapp 15 Jahren veröffentlichte Lewis Trondheim, ein einflussreicher Protagonist der neuen französischen Autorengeneration, rund 100 Comic-Alben. Dann fühlte er sich ausgebrannt und verschrieb sich eine Auszeit. Nach nur 80 Comic-freien Tagen jedoch setzte er sich wieder an den Zeichentisch, um – in einem Comic natürlich – seine Fragen und Ängste zu reflektieren: Wie altert man als Comic-Autor in Würde, ohne Kreativität und Spass zu verlieren? Wie vermeidet man Depressionen und Trunksucht? mehr
"Faking the Books" – "goon-Magazin", Ausgabe 25 vom Frühling 2008 (Mareike Wöhler)
Echtes Leder ist es dann doch nicht geworden. Aber das schwarze Imitat aus Papier, das vorgibt die lederne Hülle eines Moleskine- (japanisch sprich: Mores[u]kine-) Skizzenbuchs zu sein, in dem der 1978 in Frankfurt am Main geborene Zeichner Dirk Schwieger seine Tokyoter Erlebnisse festhielt, trifft es noch besser: Es bricht – samt eisblauer Papierbanderole als abnehmbares Cover – das edle Äußere des vorgeblichen Klassikers in charmanter Nicht-Perfektion aufs Massenmedium Comic herunter, selbst wenn der Preis derselbe bleibt. Das Innere ist von Kopistentum jedoch weit entfernt:
»What a fun idea«, kommentierte Neil Gaiman in seinem Blog Schwiegers dort geschickt verlinktes Konzept, sich während des Aufenthalts in Tokyo von Januar bis Juli 2006 von den Lesern seines englischsprachigen Blogs eine wöchentliche Aufgabe stellen zu lassen, die er in der Reihenfolge des Eingangs und ungeachtet persönlicher Vorlieben erfüllen musste. Von einem aufzusuchenden Ort, dem Treff mit einer Person bis hin zu einem interessanten Thema konnte das alles Erdenkliche sein. Kaum des Japanischen mächtig, gibt Schwieger-san so in 24 Aufträgen auf zumeist je zwei Doppelseiten kurze Einblicke in den gleichgeschalteten, banalen oder extrem differenzierten Tokyoter Alltag – von Popkultur und Vergnügung (Para Para Trance Dance, Achterbahn) über Religion (Tempelbesuch), Natur (Erdbeben), Kulturtechnik (Origami) und Lebensmitteln (Dosenkaffee) bis hin zu Gender. mehr
"Die Temperaturen der Farbe Grau" – "Süddeutsche Zeitung" vom 26. März 2008 (Gottfried Knapp)
Eigentlich hat der Comic-Zeichner Guy Delisle, als er zum Arbeiten in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang reiste, die ästhetischen Monotonien, die in einer sozialistischen Diktatur den Alltag prägen, von einer früheren Reise her bestens gekannt. Über die Wochen, die er in der tristen chinesischen Grenzstadt Shenzhen in einem Trickfilmstudio als Kontrolleur hatte verbringen müssen, hat er einen wunderbar anschaulich erzählendes Comic-Erinnerungsbuch geschrieben und gezeichnet: "Shenzhen".
Dennoch scheint das, was er danach in Pjöngjang erlebt hat, wie eine absurd fremdartige Welt auf ihn gewirkt zu haben. Mit den Maßstäben des kommunistisch gleichgeschalteten, aber chaotisch brodelnden China war das total durchreglementierte Nordkorea jedenfalls nicht mehr zu fassen. In Pjöngjang regiert die Leere, das blanke Nichts in allen Räumen vom öffentlichen Stadtraum bis in die privaten Minibars der Hotelzimmer. Diese Leere rauscht über verlassene Aufmarschplätze hinweg, prallt unvermittelt gegen monströse Gigantendenkmäler oder absurd klobig in den Himmel ragende Hochhausgebilde und schlägt sich am Ende sogar in dem Zeichenstil nieder, mit dem Delisle in seinem Comic "Pjöngjang" dieser Formenwelt zuleibe rückt. mehr
"Gegen den Strich" – zeit.de vom 14. März 2008 (Frank Schäfer)
Ein Porträt des Berliner Verlags Reprodukt
Zugegeben, verglichen mit Belgien, Frankreich und den USA ist Deutschland noch Entwicklungsland. Aber dass es mittlerweile so etwas wie eine Szene gibt – in erster Linie um die Kunsthochschulen in Berlin und Hamburg, die das Fach Bildgeschichte auf dem Lehrplan haben – und dass die sogar langsam zu brummen beginnt, dafür haben nicht die Verlage Carlsen und Ehapa gesorgt, sondern unabhängige wie Edition 52 und der Berliner Verlag Reprodukt. „In den vergangenen Jahren ist sehr viel nachgewachsen“, sagt Reprodukt-Verleger Dirk Rehm zufrieden. „Die jüngeren Autoren, mittlerweile auch schon Anfang, Mitte 30, müssen sich grafisch nicht mehr so viel beweisen – das haben andere schon gemacht: Anke Feuchtenberger, Atak, Christian Huth - und konzentrieren sich stärker auf das Erzählerische.“ mehr
"Ein Söldner im Reich Kim Jong-ils" – "Berliner Zeitung" vom 13. März 2008 (Brigitte Helbling)
In dem Dokucomic "Pjöngjang" erzählt Guy Delisle von seinem Arbeitseinsatz als Animationsfilmer in der nordkoreanischen Hauptstadt
Pjöngjang ist für die meisten Nordkoreaner eine Stadt, so weit weg wie eine Sage; die wenigsten haben den Regierungssitz jemals gesehen. Wer es dorthin schafft, gehört zu den Vorzugskindern eines diktatorischen Regimes, das die Zuteilung internationaler Nahrungshilfe an seine Bürger von ihrem Wert für die Gesellschaft abhängig macht: ein Grund, warum viele Hilfsorganisationen, die mit der Hungersnot in den Neunzigerjahren ins Land kamen, sich inzwischen wieder zurückgezogen haben. Immerhin zwang die Hungerkatastrophe den Autokraten Kim Jong-il, das abgeriegelte Land einen Spalt weit zu öffnen, und die Tür blieb offen für das eine oder andere Geschäft, das Devisen versprach. Dazu gehört das Geschäft mit der westlichen Trickfilmindustrie. In seinem dokumentarischen Comic "Pjöngjang" schildert der frankokanadische Animations- und Comic-Zeichner Guy Delisle eindrücklich zwei Monate, die er 2001 als Supervisor eines französischen Animationsfilms in dieser Stadt verbrachte. mehr
"Die Allgegenwart des Grossen Führers" – "Der Bund" vom 25. Februar 2008 (Christian Gasser)
Zwei Monate verbrachte der Frankokanadier Guy Delisle in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, um die Produktion eines Animationsfilms zu beaufsichtigen. Die Eindrücke verdichtete er zu einem unterhaltsamen Buch, einer Mischung aus Tagebuch und Reportage.
In Nordkorea wird der ausländische Besucher am Flughafen von Pjöngjang mit einem Blumenstrauss begrüsst. Der Blumenstrauss ist aber nicht für den Gast bestimmt: «Das war der erste Kulturschock», erinnert sich Guy Delisle, «ich wurde vor eine 22 Meter hohe Statue von Kim Il-Sung geführt und musste die Blumen dort ablegen und mich dann tief und respektvoll vor dem Grossen Führer verbeugen.» mehr
"Die Drecksarbeit der Erinnerung" – "Spiegel Online" vom 22. Februar 2008 (Stefan Pannor)
Lewis Trondheim ist einer der aktivsten Comiczeichner der Gegenwart. Jährlich erscheinen mehrere neue Bücher von ihm, darunter sein Fantasy-Mega-Epos "Donjon", von dem 300 Bände geplant sind, Kindercomics und surreale Comicstrip-Experiment. 2004 verordnete sich dieser produktive Geist, der 14 Jahre lang nur Comics gemacht hat, selbst eine Auszeit vom Zeichnen. Aber so ganz glückt das natürlich nicht. "Außer Dienst" ist das gezeichnete Tagebuch eines versuchten Nichtstuns. mehr
"Nicht ansteckendes Lächeln" – "Junge Welt" vom 6. Februar 2008 (Lena Schiefler)
Vielen Dank für die Kimjongilijas: Ein Comiczeichner hat Nordkorea bereist. Er wäre wohl besser zu Hause geblieben
Der frankokanadische Comiczeichner Guy Delisle hat vor einiger Zeit erst China bereist, dann Nordkorea. Im Dezember ist sein Buch »Pjöngjang« auf Deutsch erschienen. In Bildern, die nicht gerade sparsam beschriftet sind und selten überraschen, erzählt es vom eintönigen Dasein des Protagonisten Guy, der im Handgepäck kein Wörterbuch, dafür Orwells »1984« und die übliche Portion antikommunistischer Vorurteile mit sich führt. Sie werden alle bestätigt. Sonst passiert nichts. mehr
"Die Handschrift zur Sprechblase; Dirk Rehm arbeitet als Comicverleger und Letterer" – "Deutschlandradio Kultur" vom 24. Januar 2008 (Dirk Schneider)
Auch wenn es der Computer heutzutage erleichtert, einen Comic mit Schrift zu versehen - das sogenannte Lettering ist durchaus eine eigene Kunstform. Dirk Rehm ist einer der wenigen, die diese Kunst sogar noch per Handschrift beherrschen. Und mit seiner spitzen Nase, der Hornbrille und dem Dreitagebart macht er sich selbst als Comicfigur gut.
Berlin Schöneberg: Der große, ebenerdige Raum liegt in einem Hinterhof. Trotz der hohen Decken und der großen Fenster wirkt es eng. An den Wänden Regale, voll mit Comics. Überall auf dem Boden stapeln sich die Hefte und Bücher: der Reprodukt-Comicverlag. mehr
"Per Kickstart in den Wilden Westen" – "Goon Magazine" vom 20. Dezember 2007 (Robert Wenrich)
Christophe Blain beweist mit »Gus«, dass er zum Kreis der grande dessinateurs zählt
Selten beginnen Serien so smooth wie »Nathalie«, die Eröffnung von Christophe Blains neuer Westerncomicserie »Gus«. Darin erzählt er in einer Handvoll lockerer Episoden aus dem Leben eines Desperado-Trios. Allerdings ist, wenn die genretypischen Bilder der Gunfights und Überfälle auch stilvoll inszeniert sind, das Raub- und Mordhandwerk nicht mehr als Intermezzo und Existenzsicherung; der narrative Fokus liegt auf dem Zwischenmenschlichen, genauer: auf den amourösen Verwicklungen der Drei. mehr
"Andalusische Hunde beißen nicht" – "Süddeutsche Zeitung" vom 3. Januar 2008 (Thomas von Steinaecker)
Hommage an den Surrealismus: „Bardín, der Superrealist” des Comiczeichners Max
Comic und Surrealismus – das ist eine komplizierte, aber innige Affäre. Kompliziert deshalb, weil schon Jahre vor der eigentlichen Formierung der avantgardistischen Bewegung 1921 in Paris zwei der Gründungsväter des Comics, Winsor McCay und George Herriman, Surrealismus avant la lettre betrieben: Fünf Jahre nach Freuds für Breton und seinen Umkreis so wichtiger „Traumdeutung” werden in McCays Traumcomicserie „Dreams of the Rarebit Fiend”, so etwas wie die düstere Variante seines legendären „Little Nemo”, Erwachsene abwechselnd lebendig begraben oder von Krokodilen verspeist, bloß um stets am Ende erleichtert im eigenen Bett zu erwachen. mehr
"Durch Marjane Satrapis "Persepolis" ins Rampenlicht gerückt: Der Aufstieg der autobiographischen Comics" – "Süddeutsche Zeitung" vom 23. November 2007 (Christoph Haas)
In der Welt der Sprechblasenbilder waren sie lange ein Exotikum. Heute haben sie sich zu einer festen Größe entwickelt: die autobiographischen Comics. Eingeklemmt zwischen Superhelden und Mangas, behaupten sie in den einschlägigen Läden ihre eigene Nische. Manchmal findet man sie sogar in Buchhandlungen. Entscheidend für ihren Durchbruch bei uns war vor einigen Jahren "Persepolis", dessen Zeichentrickverfilmung derzeit in unseren Kinos läuft (siehe SZ vom 21. November 2007). Die 1969 geborene Zeichnerin Marjane Satrapi, die heute in Paris lebt, erzählt von ihrer Kindheit und Jugend im Iran der islamischen Revolution, von einem Leben zwischen Schleierzwang und Liebe zu westlicher Popmusik. Inzwischen versuchen sich auch junge deutsche Comic-Künstlerinnen und -Künstler an autobiographischen Comics - zum Teil mit hervorragenden Ergebnissen, wie etwa in "Wir können ja Freunde bleiben" von Mawil oder "Liebe schaut weg" von Line Hoven. Mehr
"Der Superheld als Gotteslästerer" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 23. November 2007 (Christian Gasser)
Mit «Bardín der Superrealist» legt der spanische Comicautor Max ein kleines Juwel vor: metaphysische, durch hintergründigen Humor geschärfte Geschichten aus einem surrealistischen Niemandsland. Hier herrscht eine göttliche Mickey Mouse mit drei Augen.
Er kenne die ganze Wahrheit, verhöhnt der Mann im grauen Anzug die Obergottheit: Alles, also auch sie, die Gottheit, existiere nur in seiner Imagination, und ihr Aussehen sei ebenfalls das Resultat seiner Einbildungskraft. Die Gottheit wirft dem Ungläubigen empört vor, er sei ein Idiot und ein Dummkopf. Mehr
"Poetische Familienchronik" – "Hamburger Abendblatt" vom 21. November 2007 (Birgit Reuther)
Wie können wir die Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern als Teil unserer eigenen Geschichte begreifen? Welche Bilder kennen wir aus Erzählungen und von Fotos? Und was verraten uns die Bruchstücke über unsere Familie, über Prägendes, Verdrängtes, letztlich über unsere eigene Identität?
Die junge Hamburger Illustratorin Line Hoven hat ihrer Herkunft nachgespürt und diese Eindrücke zu einem hochpoetischen Comicband verdichtet. In "Liebe schaut weg" schildert die Tochter einer Amerikanerin und eines Deutschen Schlüsselmomente, die von der Kriegsgeneration ihrer Großeltern bis zur eigenen Kindheit führen. Der Konflikt von Opa Erich Hoven zum Beispiel, der als Hitlerjunge ein Radio zusammenschraubt und daraus auf einmal ein Stück des jüdischen Komponisten Mendelssohn hört. Wie er schwärmerisch, von Noten umhüllt, die Musik genießt, dann aber mit angsterfülltem Blick das Gerät ausschaltet, erzählt Hoven mit einer reduzierten, eindringlichen Bildsprache. mehr
Die magischen Momente der Liebe: Line Hovens gekratzter Comic "Liebe schaut weg" – jetzt.de vom 18. November 2007 (Roland Schulz)
Der Augenblick am Anfang, an dem alles begann, der muss ein magischer Moment gewesen sein: Die eigenen Eltern, noch weit davon entfernt, Eltern zu sein, begegnen sich das erste Mal. Und es passiert.
Wie entsteht Liebe?
Wächst sie, zaghaft, langsam?
Kommt sie mit einem Donnerschlag, wie Blitze es tun, jählings und umwerfend?
Oder entsteht Liebe wie ein Brand, allein aus einem Funken anfangs, der zum Glimmen wird und dann erst zu Feuer?
Darüber reden Eltern nicht.
Aber von dem Augenblick, an dem alles begann, von dem – ja.
Es ist interessant, dass Line Hoven in ihrem Comic „Liebe schaut weg“ gleich mehrmals auf den magischen Moment zurückkommt, an dem sich zwei Menschen treffen und danach zu zweit sind (und schließlich Eltern). „Liebe schaut weg“ ist ein Familienepos in Bildern, die Geschichte von Lines Familie, von ihren Großeltern bis zu ihr selbst – und ein Großteil ihres Comics widmet sich dem Augenblick, an dem ihr Großvater ihre Großmutter kennenlernte, beim Eislaufen. Oder dem Moment, an dem ihr Vater, der Medizinstudent aus Deutschland, auf einer Party ihrer Mutter näher kommt, der Austauschstudentin aus Amerika. mehr
"Das Rätsel des Augapfels" – "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Oktober 2007 (Burkhard Müller)
Die Hure H: Um ihre Figur kreisen die Bücher, die die Schriftstellerin Katrin de Vries und die Zeichnerin Anke Feuchtenberger zusammen produziert haben; dieses ist das vierte. Aber vielleicht sollte man die Hure H nicht als eine Figur bezeichnen, wozu ja ein gewisser unveränderlicher Grundbestand erforderlich wäre. Sie hat sich, seit de Vries sie erfand und Feuchtenberger ihr sichtbare Gestalt gab, bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Nicht einmal einen Namen hat sie, das H klingt bloß als das Echo der Hure nach; und Hure, das meint kein Berufsbild und schon gar keine Beleidigung, sondern es ist etwas wie ein Kind, ein unabgeschlossenes, überaus bildsames Dasein, jenseits der Bedingtheit des Persönlich-Biographischen. Damals, am Anfang, war sie von kindlichem, fast fötalem Habitus, mit großem Kopf, kleinen Gliedern und ohne Haar, unerfahren in der Welt und erstaunt über das, was sich in der Zone des Geschlechtlichen begab. mehr
"Comics kratzen" – "Deutschlandradio Kultur" vom 15. Oktober 2007 (Alexandra Mangel)
In Hamburg hat sich eine lebendige Szene junger Comic-Zeichner entwickelt. Zu ihr zählt Line Hoven, die ihre Comics nicht malt, sondern mit einem Cuttermesser in Karton ritzt. Zurzeit kratzt sie auf diese Weise eine Familienchronik ins Papier. Ihr allererster Comic-Band "Liebe schaut weg" wurde auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.
Line Hoven: "Das ist ein Karton, der beschichtet ist mit weißer Kreide und darüber ist schwarze Tusche. Und viele Freunde von mir kennen dieses Geräusch, wenn sie mich anrufen und mit mir telefonieren, weil man im Hintergrund dann immer dieses Kratzen hört."
Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht. Sie kratzt sie.
"Das ist halt sehr schön, weil man da sehr detailliert arbeiten kann - und auch konzentriert - und es hat auch ein bisschen was Meditatives - könnte sein, dass das auch ein Punkt ist, warum es mir so viel Spaß macht." mehr
"Strichmanderln, die reden" – "NZZ am Sonntag" vom 21. Oktober 2007 (Regula Freuler)
Über absurden Humor und die Zumutungen von Förderkommissionen: Eine Begegnung mit dem genialen Comic-Künstler Nicolas Mahler.
Man könnte sich wahrscheinlich für eine blinde Verabredung mit Nicolas Mahler einfach vor den Wiener Stephansdom stellen und warten, bis ein langer Mensch mit markanter Brille und markanter Nase vorbeikommt. So zeichnet Mahler sich selbst, mit wenigen Strichen. Viele Comic-Fans halten seinen reduzierten Stil ja für eine Frechheit. Dabei ist er sozusagen der lebende Beweis dafür, dass mit seinem «Minimahlismus» pointierte Charaktere entstehen, nach denen man in klassischen Superhelden-und-Busenwunder-Comics vergeblich sucht. mehr
"Kratzen, nicht zeichnen" – fm4.orf.at vom 20. Oktober 2007 (Sonja Eismann)
Comic-Zeichnen ist ein mühseliges und einsames Geschäft. Ein miserabel bezahltes noch dazu, zumindest im deutschsprachigen Raum, wo ein Band schon erfolgreich ist, wenn er 3.000 Mal statt 100.000 Mal wie in Frankreich über die Ladentheke rutscht. Jedes Panel, also Handlungskästchen, will liebevoll mit Details und Hintergründen ausgestattet werden, nur um von den meisten LeserInnen mitnichten wie ein Kunstwerk bestaunt, sondern in Sekundenschnelle überblättert zu werden.
Detailversessen ...
Und trotzdem gibt es Comic-KünstlerInnen wie Line Hoven. Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht mit Stift und Tusche, sondern kratzt sie. Mit einer speziellen Schabtechnik ritzt sie Konturen in Papierbögen, die zuerst mit weißer Kreide und dann mit schwarzer Tusche beschichtet wurden. Da kann es vorkommen, dass sie an einem scheinbar nichtigen Detail Stunden oder sogar Tage sitzt. Für die 96 Seiten ihrer ersten "Graphic Novel" mit dem Titel "Liebe schaut weg" hat sie mehrere Jahre gebraucht. Sie entstand im Rahmen ihres Studiums an der Hamburger Akademie der Wissenschaften, wo sie von Anke Feuchtenberger und Atak unterrichtet wurde, als ihre Diplomarbeit. mehr
"Von Kant zu Mickey Mouse" – "Schweizer Tagesanzeiger" vom 9. Oktober 2007 (Alexandra Kedves)
Er sieht aus wie ein Kind von Charlie Brown und Jimmy Corrigan, ein altes Kind, mit einem runden Kopf voller Falten und Kulturgeschichtsruinen.
Bardín, der Superrealist, kam 1999 auf die Welt, hinein in farbige Comicpanels und ins Rampenlicht der internationalen Szene. Mittlerweile wurden die Geschichten um den kleinen Mann mit den grossen Fragen mehrfach übersetzt und ausgezeichnet; der jüngste Band erhielt am Comicfestival in Barcelona nicht weniger als drei Auszeichnungen. Zum Katalonien-Schwerpunkt der Buchmesse erscheint er nun auf Deutsch. mehr
"Die gezeichnete Alltagsparanoia" – "Welt am Sonntag" vom 8. Oktober 2007 (Thomas Lindemann)
In Deutschland ist die Comicszene Kataloniens kaum bekannt. Doch sie ist nicht nur aufregend und originell, sondern auch einflussreich. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse werden die bisweilen bizarren Werke dieser Zeichenkünstler jetzt endlich gewürdigt.
Sie sind Geheimagenten. Und leider auch unschlagbare Trottel. Dem langen Dünnen misslingt alles, der Kleine bekommt die Schläge ab. Wer in den 70er- und 80er-Jahren Comics gelesen hat, dem dürften "Mortadelo y Filemón" bekannt vorkommen: Als "Clever & Smart" gingen die beiden um die Welt. Doch ihre Heimat ist Barcelona. Obwohl die katalanische Comicszene stark ist und Barcelona der Comicmittelpunkt Spaniens, ist kein anderes Werk von dort international so bekannt geworden. mehr
"Wenn ein trauriger Clown auf H. R. Giger trifft" – "Tagesanzeiger" vom 22. September 2007 (Alexandra Kedves)
Nicolas Mahler, «Titanic»-Zeichner aus Wien, legt eine Kultur(szene)kritik in Cartoonform vor: ein sperriger Spass.
«A Writers’ Writer»: Wenn dieses Etikett an einem Autor klebt, dann bedeutet das normalerweise andächtiges Schweigen unter Berufskollegen und Grabesstille an den Buchhandlungskassen. Doch beim Comic ist alles anders. Minimalismus, Abstraktion und Fokussierung auf ein sehr beschränktes Themenfeld: Auf einmal funktioniert das alles als schlagkräftiges Verkaufsargument – dann nämlich, wenn Nicolas Mahler auf dem Buchdeckel steht. Dann bekommen auch dürre, schwarz-weisse Strichmännchen ohne Augen und Ohren, die sperrige Stoffe ohne Sex and Crime verhandeln, Aufmerksamkeit. Und die verdienen sie auch. mehr
"Der Befreiungsschlag" – "FAZ" vom 5. Juli 2007 (Andreas Platthaus)
Wie soll man mit gleich zwei neu ins Deutsche übersetzten Publikationen umgehen, die alles umstürzen, was wir vom graphischen Erzählen wissen? Dabei hätte man jahrelang Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten, denn Paul Hornschemeiers Comicroman „Komm zurück, Mutter“ erschien in Amerika schon 2004, und das französische Album „Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer“ ist gar noch älter - es wurde 2002 publiziert. Der Abstand zu den Originalveröffentlichungen zeigt die Rückständigkeit des deutschen Comicmarktes, denn dass es sich bei beiden Werken um Meisterwerke handelt, pfiffen sämtliche Leser, die der fremden Sprachen mächtig waren, von den Dächern. Immerhin versöhnt der schöne Zufall, dass beide Titel nun gleichzeitig in unsere Buchläden kommen. mehr
"In echt ganz echte Berliner" – "taz" vom 25. April 2007 (Detlef Kuhlbrodt)
Ganz ehrlich: Manchmal ist der Grund, die "Zitty" zu kaufen, die eine Seite Fil. Seit zehn Jahren fängt der Zeichner mit seinen Helden Didi & Stulle ein Berlin ein, das grob ist und subtil - und seit kurzem zenbuddhistisch. Eine Würdigung
Fil ist quasi das Sahnehäubchen innerhalb der Zitty. Man kauft sich das Heft, liest da und dort so halb interessiert, um dann zum Comic zu blättern, den man viel zu schnell durchliest. Und immer mehr will, wie wenn man viel Durst hat und nur ein kleines Bier da ist und all die Spätis und Kaufhallen erst in zwei Wochen wieder aufmachen.
Seit 1981 - da war er 14 - zeichnet und schreibt "der scheue" bzw. "der schaue Fil" für das freundlichere der beiden Stadtmagazine. Er kommt aus dem Märkischen Viertel und tritt in seinem Nebenberuf als Performer mit der Handpuppe Sharkey häufig wochenlang im Tempodrom auf. mehr
"Signifikanten in schwerer See" – "taz" vom 17. April 2007 (Clemens Niedenthal)
Zeichentheoretiker, Sprachanalytiker, Bedeutungsdeuter bevölkern diesen Bleistiftkosmos. Dringt man bei jeder Wiederholung tiefer in diese Bilder ein? Oder sind es seine Bilder, die tiefer in uns dringen? Martin tom Diecks Comic "Der unschuldige Passagier" wurde als Reprint wiederveröffentlicht
Ein Mann treibt auf hoher See, allein, verlassen. Bald fehlen seinem Ruderboot ein paar Planken. Wenig später fehlt dem Mann das Boot, gleitet er hinab in den Strudel der Zeichen und Bedeutungen. Der Mann landet auf einem düsteren Schiff, findet düstere Weggefährten und hat eine düstere Ahnung: Niemand weiß, wohin diese Reise geht. mehr
"Allein unter Männern am Zeichentisch" – "Süddeutsche Zeitung" vom 9. April 2007 (Christoph Haas)
Comic-Autorinnen sind immer noch rar, aber ihre Zahl nimmt langsam, stetig zu
Der Befund ist, zumindest auf den ersten Blick, alles andere als aussichtsreich. Klickt man sich auf der Homepage von Carlsen, des größten deutschen Comic-Verlags, durch das umfangreiche Alphabet der Künstler, sind nicht mehr als zwei Zeichnerinnen aufzufinden: die Hamburgerin Isabel Kreitz, bekannt vor allem für ihre Adaptation von Uwe Timms "Die Erfindung der Currywurst", und Wendy Pini, die mit ihrem Mann Richard seit mehreren Jahrzehnten an der Fantasy-Serie "Elfquest" arbeitet. Etwas besser sieht es beim wesentlich kleineren Reprodukt Verlag aus, dessen Programm sich konsequent jenseits des Mainstreams bewegt. Von 50 Zeichnern, die hier unter Vertrag stehen, sind immerhin knapp ein Sechstel weiblich, nämlich acht. mehr
""Ein linkes Entenhausen"" – "taz" vom 11. Januar 2007 (Andreas Hartmann)
Ein Gespräch mit dem Zeichner Andreas Michalke und Diedrich Diederichsen über verlorene Dissidenz, Ironie, die Kunst des Zuspätkommens und Michalkes neues Comicbuch "Bigbeatland"
taz: Herr Diederichsen, interessiert Sie der Comic als dissidentes Medium?
Diedrich Diederichsen (DD): Das Wort "Dissidenz" ist generell bei Gegenwartskunst, nicht nur bei Comics zu hoch gegriffen. Genauso wie in der Popmusik und in anderen Spezialistenkulturen wie etwa dem asiatischen Kino gibt es auch hier inzwischen Experten innerhalb des Mainstreams. Das ist in all diesen Bereichen prinzipiell das Gleiche: Vor 10, 15 Jahren waren diese Künste und ihre Milieus noch aus der Mainstreamkultur ausgeschlossen, weswegen man sie auch noch leichter für kontrovers halten konnte. Heute wird zumindest die Spitze des Eisbergs auch vom Mainstream beachtet. Mittlerweile gibt es auch in der Comicszene eine Sicherung des kanonischen Erbes. mehr
"Flüchtiger Strich, bleibende Gefühle" – "Der Bund" vom 6. Januar 2007 (Christian Gasser)
Endlich liegt der Erfolgscomic «Blaue Pillen» des Genfers Frederik Peeters auf Deutsch vor
In seinem autobiografischen Comic-Roman schildert Frederik Peeters seine Beziehung mit der HIV-positiven Cati und ihrem ebenfalls infizierten Sohn und schaffte damit im französischsprachigen Raum den Durchbruch.
Sie sei gerne mit ihm zusammen, sagt Cati, und sie wolle nicht, dass ihre Freundschaft abbreche. Cati sitzt in Frederiks Küche, es ist spät, der Wein ist ausgetrunken – und wir glauben zu wissen, was als Nächstes kommt: Der ganz normale Beginn einer Liebesgeschichte. Auch Frederik erwartet dies, und er insistiert: Cati solle doch sagen, was sie auf dem Herzen habe – er sei schliesslich ein grosser Junge. – «Ich bin», gesteht Cati nach kurzem Zögern, «HIV-positiv.» mehr
"Bilder, die Musik machen" – "Spiegel Online" vom 20. Dezember 2006 (Anne Backhaus)
Hamburg, Miami, Hongkong: Die zurückgezogen lebende Künstlerin Moki verzaubert mit ihren Bildern eine internationale Fangemeinde und passt dabei in keine Genre-Schublade. Ob Acrylgemälde, Comic oder Performance - in Mokis Welt sind die bekannten Grenzen aufgelöst.
Eine hügelige Landschaft in schwarzweiß. Die einzigen Pflanzen, die aus dem kargen Boden ragen, sehen aus wie Seeanemonen in der Meeresströmung. Der Himmel ist voller dunkler Wolken. Der Regen fällt in Fäden, erreicht aber nie den Grund. An manchen Stellen bricht ein wenig Licht sich seinen Weg. Unten rechts läuft eine riesige Katze. Auf ihr liegt entspannt eine junge Frau, das Gesicht umrahmt von einer Kapuze. mehr
"Glück gehabt" – zdf.de von Dezember 2006 (Philip Flaemig)
Arne Bellstorf und Sascha Hommer leben für ihre Comics
Kein Geld. Kein Ruhm. Kein Aufstieg. Mit Comics erreicht man keines der üblichen Karriereziele unserer Zeit. Trotzdem werden sie immer weiter produziert. Die Comic-Szene lebt von kreativen Köpfen, die kleine Perlen produzieren, die sich vielleicht nicht gut verkaufen, aber herausragend sind. Das gilt besonders für Kleinverlage, in denen ausschließlich erscheint, was dem Verleger gefällt. Denn die sind meist selbst Zeichner. Arne Bellstorf und Sascha Hommer sind solche Überzeugungstäter.
Wer nichts anderes will, als Kohle machen, geht nicht in die Comic-Branche. Zwar wird in den großen Verlagen mit "Tim & Struppi", "Asterix", "Lucky Luke" und den aus Japan importierten Mangas Geld verdient, doch sind die Profite so schmal, dass selbst die in Zeiten der Internet-Downloads darbende Musikindustrie vergleichsweise prächtig da steht. mehr
"Jäger des absurden Alltags" – "Der Tagesspiegel" vom 3. Dezember 2006 (Lars von Törne)
Lange vor Kurt Krömer erhob Fil den Proll-Humor zur Kunst. Nun gibt es eine Werkschau und neue Shows
Das Squaw-Kostüm hat er diesmal zu Hause gelassen. Aber ein paar alte Großstadtindianer-Weisheiten hat Fil immer dabei. „Raub’ mir nicht meine Seele, weißer Mann“, ermahnt er mitten im Lied den Fotografen und baut spontan ein paar ironisch-überhebliche Attacken gegen die Medien in den Song ein („Die Journalisten hassen mich, weil sie nicht Ich sind“). Unversehens ist der Beobachter zum Teil der Show geworden, die der unberechenbare Alleinunterhalter am Freitagabend zur Eröffnung seiner Werkschau in der Friedrichshainer „Cartoonfabrik“ aus dem T-Shirt-Ärmel schüttelte. mehr
"Lebenslanger Eingriff ins Intimleben" – "Passauer Neue Presse" vom 29. November 2006 (Christoph Haas)
Lektüre zum Welt-Aids-Tag und darüber hinaus: Das autobiografische Comic-Album „Blaue Pillen“
„Aids hat viele Gesichter“: So oft wir diesen Satz gelesen und die Bilder, die ihn illustrieren, gesehen haben - ganz glauben wollen wir ihn immer noch nicht. Treffen wir jemanden, der sich mit der tödlichen Immunschwäche infiziert hat, ohne zu einer der primär gefährdeten Minderheiten zu gehören, dann sind wir schockiert.
So ergeht es auch dem jungen Zeichner Fred, der Hauptfigur in dem autobiografischen Comic-Roman „Blaue Pillen“. Er hat sich in die hübsche Cati verliebt. Eines Tages sagt sie zu ihm: „Ich bin HIV-positiv. Und mein Sohn auch.“ Fred verliert die Fassung: „Ich spielte den Typen, der Sicherheit ausstrahlt, der alles im Griff hat. Ich war der Fels in der Brandung. Für sie, und weil ich wusste, dass zwischen uns etwas war. Aber in Wahrheit fühlte ich mich wie ein verunsicherter kleiner Junge, starr vor Angst, vor der Tür zu seinem Klassenzimmer, am ersten Schultag.“ mehr
"Kleiner als das Leben" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 28. September 2006 (Christian Gasser)
Sie sind jung, sie zeichnen, und sie erzählen: Nach der deutschsprachigen Belletristik findet nun auch der Comic zur Lust am Erzählen zurück. Zwei Anthologien, «Orang» und «Flitter», erlauben einen Einblick in das Schaffen einer neuen Comiczeichner-Generation.
Ziellos und unentschlossen mäandert Christoph durch einen langweiligen Sommer und treibt einer düsteren Zukunft, der Wiederholung der zehnten Klasse, entgegen. Nicht einmal die Annäherungsversuche Miriams entreissen ihn seiner Lethargie - tief versunken in Weltschmerz und Einsamkeit ist er unfähig, sich dem Mädchen gegenüber zu öffnen, und selbst seine ersten erotischen Erfahrungen lässt er offenbar willenlos und merkwürdig distanziert über sich ergehen. Seine alleinerziehende Mutter, die sich ähnlich erfolglos um Zuneigung und Liebe bemüht, ist ihm keine Hilfe. Christoph heuchelt Gleichgültigkeit und Unabhängigkeit - und plötzlich ist der Sommer vorbei, und Miriam küsst einen anderen. mehr
"Fremd sind sie sich selber" – "taz" von 12. September 2006 (Jan-Frederik Bandel)
Ansteckend: Die "Black Hole"-Comics von Charles Burns liegen nun vollständig auf Deutsch vor. Schillernd zwischen einer Ästhetik des Grässlichen und des Schönen, mit vergiftetem Happy End
Computerexperten, Mediziner und biologische Forschungszentren rüsten gegen sie. In den Gerüchteküchen der neuen Kriege und Terrorismen gelten sie seit Jahrzehnten als nächstes großes Ding auf der Tödlichkeitsskala. Thriller, Krimis, Science-Fiction sind ohne sie kaum noch denkbar. Viren und Epidemien gehören zweifellos zu den wichtigsten Metaphern und Phantasmen unserer Zeit.
Sie sind längst zu einem "Kollektivsymbol" geworden, wie die Kulturwissenschaftlerin Brigitte Weingart es nennt. In ihrem Buch "Ansteckende Wörter" hat sie das wohl bekannteste Beispiel dieser epidemischen Symbolik untersucht: die Immunschwächekrankheit Aids, die Anfang der Achtziger so schockhaft ausbrach, dass sie eine wahre "Bedeutungsepidemie" auslöste: ansteckende Gerüchte, Theorien und Desinformationen der wildesten Art. mehr
"Guy Delisle: Shenzhen" – fluter.de von 8. September 2006 (Volker Hummel)
Reisebericht aus China
Beim Abspann von deutschen Zeichentrickproduktionen wie "Werner" und "Käpt'n Blaubär" kann man eine überraschende Entdeckung machen: Nach einer Handvoll deutscher Namen tauchen dort plötzlich chinesische Schriftzeichen auf. Dahinter verbergen sich die vielen Namen jener, die den Film in einem Animationsstudio in Taipeh, Schanghai oder Shenzhen gezeichnet haben. Aufgrund der niedrigeren Lohnkosten in Fernost verfahren deutsche Zeichentrickstudios nämlich genauso wie ihre Kollegen in den USA und Frankreich: Zu Hause werden die Storyboards und Figuren entwickelt; in China, manchmal auch in Südkorea oder Indien, wird dann unter knappen Zeitvorgaben die arbeitsintensive Zeichnung der Einzelbilder und Hintergründe erledigt. mehr
"Glück gehabt" – "Brand Eins" von August 2006 (Peter Lau)
Kein Geld. Kein Ruhm. Kein sozialer Aufstieg. Mit Comics erreicht man keines der Konsensziele unserer Zeit.
Und trotzdem werden sie immer weiter produziert. Weil es dafür einen sehr guten Grund gibt.
Wir sprechen nicht über das Glück, aber es ist immer da, wie das vage Rauschen des Verkehrs vor den Fenstern. Es lebt in den leisen Worten, den weichen Gesten, den freundlichen Blicken, dem allgemeinen Lächeln. Es versteckt sich hinter dem Unverständnis angesichts des Unglücks. Einmal, erzählt Line Hoven, hat sie eine schlechte Erfahrung gemacht. Das war bei einem Job für einen großen Wirtschaftskunden, dessen Namen sie nicht nennen möchte, weil sie keinen Ärger will. Sie kam zu einer Präsentation von Design-Vorschlägen, zusammen mit einer Hand voll Kunststudenten voller Ideen und Enthusiasmus, die bereit waren, ihr Bestes zu geben. Doch die Kunden waren „echt eklig, total seelenlose Menschen. In der Pause sind sie über uns hergezogen, ich habe gehört, wie sie darüber redeten, wie schlimm wir aussähen. Bei so etwas mache ich nie wieder mit, da jobbe ich lieber in der Kneipe“. Doch selbst in diesem Moment bleibt die 28-Jährige sanft und freundlich, ein angenehmes Wesen, das verständnislos auf eine unangenehme Welt schaut. Warum sind diese Leute so? Und was wollen die? mehr
"Charles Burns: Black Hole" – Teenagergrauen" – fluter.de vom 18. August 2006 (Volker Hummel)
Größer noch als das Grauen, das einem der Anblick eines entzündeten Eiterpickels bereitet, kann das Vergnügen sein, wenn der ganze Sabsch in einer Mini-Ejakulation an den Spiegel spritzt. Teenager könnten davon ein Lied singen – wenn sie nicht so verklemmt wären. Zu keiner anderen Zeit des Lebens ist das Verhältnis zum eigenen Körper so ambivalent wie in der Jugend, so euphorisch und angewidert zugleich.
Dem 1955 geborenen amerikanischen Künstler Charles Burns, dessen Comic-Epos "Black Hole" um den körperlichen Horror der Adoleszenz kreist, ging es wohl auch so in seiner Jugend. Statt harmloser Pickel gibt es in seinem schwarz-weißen Universum allerdings gleich eine ganze Epidemie abnormer Körpermutationen, die Jugendliche im Seattle der 1970er-Jahre befallen. Statt mit Akne haben sie es mit Löchern im Körper, mit postkoitalen Häutungen und mit Gewebewucherungen zu tun. mehr
"Lewis Trondheim: A.L.I.E.E.N." – Radio Fritz vom 16. August 2006 (Tom Ehrhardt)
Jetzt ist es bewiesen: Außerirdische schreiben Comics! Lewis Trondheim – der französische Großwesir der modernen Bildergeschichte hat es bei einem Familienpicknick auf einer Wiese gefunden und war begeistert. Glücklicherweise ist der Comic nicht in die Archive des Geheimdienstes, sondern geradewegs in den Buchladen gewandert.
Lewis Trondheim ist einfach ein Glückspilz. Der 42jährige Ausnahmeautor findet tatsächlich beim Familienausflug einen Comic, der nicht von dieser Welt ist. Bildergeschichten mit undefinierbaren Worten in nie gesehenen Schriftzeichen sind darin zu finden – und aus den Mündern einer Schar wahnsinnig niedlicher, aber teils auch fieser Figuren purzeln sie. mehr
"Ein Insekt im Rauch" – "Der Bund" vom 10. August 2006 (Christian Gasser)
Sascha Hommers Comic «Insekt» ist eine Teenagerparabel um Intoleranz und Aussenseitertum. «Insekt» ist eines der beachtlichsten Debüts der letzten Jahre und etabliert Sascha Hommer als einen der begabtesten Comic-Erzähler seiner Generation.
Nichts weist darauf hin, dass Pascal anders ist als seine Freunde. Er ist beliebt, er wird zum Klassensprecher gewählt, mit seinen Kumpels spielt er am Computer, und dass gewisse Mädchen auf ihn stehen, verunsichert ihn. Ein ganz normaler Junge also mit den Problemen, die jeder Junge kurz vor der Pubertät hat. Möchte man meinen. Nur die Stadt, in der er lebt, ist ungewöhnlich: Schwarzer Rauch, gegen den jeder Lichtstrahl machtlos ist, hüllt Strassen und Gebäude ein. Und doch sind die Menschen glücklich, in diesem Moloch zu leben, denn draussen, so kolportieren Schreckensmärchen, die die Kinder das Fürchten lehren sollen, beginnt die Wildnis, in der die Insekten hausen, die hässlichen, primitiven und blutrünstigen Insekten. mehr
"Im Niemandsland der Globalisierung – Guy Delisles Comics-Tagebuch «Shenzhen»" – "NZZ" vom 10. August 2006 (Christian Gasser)
Nach einem langen Arbeitstag wird Guy Delisle in seinem Hotelzimmer im chinesischen Shenzhen durch Temperaturen einer Kühltruhe überrascht. Verärgert über die Putzfrau, die, wie er argwöhnt, die Klimaanlage jeden Morgen aufdreht, tritt er gegen den Thermostaten. Das Plasticgehäuse zerbricht. Verwundert stellt Delisle fest, dass der Temperaturregler eine Attrappe ist, ein im Leeren drehendes Rädchen.
Die Tücken des Alltags im China von heute: Der Comics-Autor und Trickfilmer Guy Delisle erfuhr sie am eigenen Leib, als er im Dezember 1997 für drei Monate nach China zog, um die Herstellung eines Animationsfilms für das Fernsehen zu beaufsichtigen. Auch die westliche Trickfilm- Industrie schiebt derzeit die Handarbeit gerne in Niedriglohnländer wie China ab; das kostet im Westen viele Jobs, erfordert aber den neuen Beruf eines nomadisierenden Art-Directors. Als ein solcher musste sich der Frankokanadier Guy Delisle nun in Shenzhen mittels Dolmetschern Zeichnern verständlich machen, die sich andere Bildsprachen und Physiognomien gewohnt sind. mehr
"Alles erst mal ernst nehmen – Ein Gespräch mit dem Comiczeichner Arne Bellstorf" – "Junge Welt" vom 5. August 2006 (Frank Schäfer)
Christoph muß die zehnte Klasse wiederholen. Er lebt bei seiner Mutter, die genug mit ihren eigenen hormonellen Problemen zu tun hat. Der Vater hat sich längst davongemacht. Christoph leidet, wie man mit 16 nur leiden kann. Dann lernt er Miriam kennen, die beiden haben was miteinander, aber richtig nahe kommen sie sich auch nicht, vielleicht weil die Trennung seiner Eltern ihn zu sehr verletzt hat, vielleicht weil ihn der altersgemäße Weltschmerz zu derb am Schlawittchen packt. Schließlich beobachtet er, wie sie einen anderen küßt. mehr
"Alle so ähnlich anders" – "taz" vom 25. Juli 2006 (Susanne Messmer)
"Shenzhen" ist die Geschichte eines Kulturschocks, wie ihn der Zeichner Guy Delisle vor zehn Jahren erlebte. Doch China hat sich verändert. Ein verwunderter Vergleich von Comic und der Wirklichkeit
Da ist dieses blasse, niedergeschlagene Männlein mit der großer Nase. Es geht gerade in einem Menschenknäuel unter, einer chinesischen Menschenmasse. Erstaunlicherweise sehen gar nicht alle darin gleich aus. Im Gegenteil: Manche sind schmal, andere rund, manche haben eine hohe Stirn, andere ein fliehendes Kinn, die Nächsten spitze Münder. Das Einzige, was diese Gesichter verbindet: Man weiß sie nicht zu deuten. Aus der Sicht des Männleins wirken sie alle ähnlich anders. mehr
"Andreas Michalke" – "Bigbeatland" – "Spiegel Online" am 12. Mai 2006 (Stefan Pannor)
Wer früher Punkmusiker war, weiß sich kurz zu fassen: Andreas Michalkes Comics sind nie sehr lang, aber dafür umso vielfältiger in ihrer Thematik und Form. Für SPIEGEL ONLINE zeichnete der gebürtige Hamburger exklusiv eine Episode seiner Reihe "Bigbeatland".
ine der schönsten Szenen in Michalkes Comics ist jene, in der das Comic-Alter-ego des Zeichners kurz nach Mitternacht einen Punk-Club verlassen will: "Ich bin 38. Ich DARF jetzt nach Hause gehen." Was aus dieser Szene spricht, ist das Selbstbewusstsein des 1966 geborenen Hamburgers. Die Erkenntnis, erwachsen werden zu müssen, aber dennoch sich selbst treu bleiben zu können. mehr
"Rauch überall" – "textem" vom 31. Mai 2006 (Thomas von Steinaecker)
Sascha Hommers „Insekt“ ist ein bemerkenswertes Debüt: aktuell, innovativ und ergreifend – und es beweist, dass die Comicszene hier zu Lande den internationalen Vergleich nicht mehr scheuen muss.
Pascal ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Er geht zur Schule, ist beliebt, wird zum Klassensprecher gewählt, die Mädels stehen auf ihn, er spielt Computer. Eine „Coming-of Age“-Idylle. Nur die Stadt, in der er wohnt, ist nicht so ganz normal und wirkt bedrohlich: Alles ist von schwarzem Rauch eingehüllt, sodass man beim Lesen eine Taschenlampe braucht und das Gesicht des anderen nie so ganz genau erkennt. mehr
"Arne Bellstorf – "Guten Abend, gute Nacht" – "Spiegel Online" am 12. Mai 2006 (Stefan Pannor)
Arne Bellstorf wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2005 zum Newcomer des Jahres gekürt. Für SPIEGEL ONLINE zeichnete er exklusiv den Strip "Guten Abend, gute Nacht" – Auftakt der zweiten Staffel unserer Reihe "Neue deutsche Comics"
Arne Bellstorf wurde 1979 in Dannenberg (Elbe) geboren und lebt in Hamburg. Seit 2002 hat er unter anderem im "Strapazin" veröffentlicht, publizierte aber vorrangig im Eigenverlag Kiki Post, den er gemeinsam mit dem Zeichner Sascha Hommer betreibt. Bis 2005 waren es ausschließlich Kurzgeschichten, die so erschienen. Eher langsam tastete sich Bellstorf an ein längeres Werk heran.
Unter dem Titel "Acht, neun, zehn" erschien dann schließlich im vergangenen Jahr beim renommierten Berliner Independent-Verlag Reprodukt der Band, der Bellstorf den Durchbruch sicherte – Eine bitter-melancholische Jugendgeschichte aus den deutschen Vororten, gleichzeitig seine Diplomarbeit. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde er zum Newcomer des Jahres gekürt, das Fachblatt "Comixene" brachte Bellstorfs Porträt auf dem Titel. mehr
"Insekten im Nebel. Ein Comic-Debütalbum" – "Junge Welt" am 12. Mai 2006 (Jan-Frederik Bandel)
Es ist sicher unangenehm genug, eines Morgens aus unruhigen Träumen zu erwachen und ein Käfer zu sein. Aber wie sieht es aus, wenn man immer schon ein Insekt war, es nur nicht gemerkt hat, weil's so neblig war? Zumal man in der Schule jeden Tag hört, da draußen auf dem Land solle es sie geben, die Insekten: häßliche, rückständige Wesen, Ungeziefer, von dem nichts zu erwarten ist als Krankheiten? mehr
"Hunger auf Mamas Quarktaschen" – "Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud" – "taz" vom 4. Mai 2006 (Brigitte Preißler)
Manu Larcenet hat mit "Hundejahre" die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud in Amerika festgehalten. Anders als in den sonst üblichen Bildungs-Bilderbüchern zum Leben des Psychoanalytikers schickt der französische Comiczeichner seinen Freud lieber auf halluzinogene Pilztrips
Ein weißbärtiges Männchen blickt über die Reling eines Segelschiffes. Küstenumrisse tauchen am Horizont auf. "Amerika!!", schreit der schmächtige Wicht und streckt der Neuen Welt begeistert seine Wurstfinger entgegen: "Ein fast neuer Kontinent zum Analysieren!" mehr
"Selbstbewusst und sehr genau mit sich" – Porträt von Jutta Harms – "taz" vom 26. April 2006 (Jörg Sundermeier)
Die Macher im Off (3): Jutta Harms ist Comic-Aficionada, und sie hat aus der Leidenschaft einen Beruf gemacht. Als Ausstellungsmacherin und freie Presseagentin von Comic-Verlagen macht sie sich für die Sache des Comics stark
Sie ist jetzt seit rund zehn Jahren in Berlin. Damit ist Jutta Harms gerade noch rechtzeitig hergekommen, bevor alle großen Kuchenstücke im Berliner Subkulturbetrieb vergeben waren. Vor zehn Jahren war es noch möglich, sich in eines der runtergekommenen Häuser zu stellen und zu rufen: Hier bin ich! Doch die Hamburgerin Harms, die auch schon Hausbesetzerin und Anwaltsgehilfin war, wäre wohl selbst dann zurechtgekommen, wenn sie ein paar Jahre später gekommen wäre. Denn sie ist eine Tausendsassa. mehr
"Labyrinthe und Sprachtürme" – "Paul Austers Stadt aus Glas" – "Der Bund" vom 24. April 2006 (Christian Gasser)
David Mazzucchelli und Paul Karasik haben Paul Austers Roman «Stadt aus Glas» zu einem Comic verarbeitet.
Mit «Stadt aus Glas» wird die lange vergriffene Comic-Adaption von Paul Austers Roman neu aufgelegt. Zum Glück, denn «Stadt aus Glas» ist aus mehreren Gründen ein Meilenstein des Comics.
Seit dem Tod seiner Familie schreibt der Dichter Daniel Quinn unter dem Pseudonym William Wilson nur noch Krimis um den Privatdetektiv Max Work. Als ihn eines Tages ein Telefonanruf aus der selbst gewählten Isolation reisst und ein gewisser Peter Stillman nach dem Detektiv Paul Auster verlangt, behauptet Quinn, er sei Auster, und nimmt Stillmans Auftrag an, seinen Vater, der ebenfalls Peter Stillman heisst, zu überwachen. mehr
"Im Labyrinth" – "Paul Austers Stadt aus Glas" – "Der Tagesspiegel" vom 16. April 2006 (Lars von Törne)
Wo Worte versagen, geben manchmal Bilder Sicherheit. Wenn auch sie sich auflösen, ist der Wahnsinn nicht mehr weit. Paul Austers „Stadt aus Glas“, die erste Geschichte seiner New-York-Trilogie aus den 80er Jahren, erscheint mit seiner symbolreichen Handlung wie geschaffen für eine Bildgeschichte.
Ein Mann rutscht hinein in ein mysteriöses Abenteuer. Erst verliert die Sprache an Bedeutung, nach und nach auch alles andere. Er verliert sich im Labyrinth der Stadt New York, dann in sich selbst, am Schluss verschwindet er ganz. Die Zeichner Paul Karasik und David Mazzucchelli haben Austers Text kongenial umgesetzt. In klaren Bildfolgen haben sie die ausweglose, an klassische Krimis angelehnte Geschichte des Schriftstellers Daniel Quinn in einen Comic übertragen, in dessen Verlauf Realität und Fantasie zur Einheit werden.
"Ein Glücksritter auf Seefahrt – Christophe Blains Comic "Isaak der Pirat" weckt Muttergefühle" – "Berliner Zeitung" vom 8. März 2006 (Brigitte Preißler)
Isaaks Kopf ist viereckig wie ein Comicpanel, seine Nase spitz wie ein Sprechblasenzipfel, und sein Talent als Maler so bescheiden wie das dunkle Kabuff, das er zusammen mit seiner Verlobten Alice im Paris des 18. Jahrhunderts bewohnt. Die Ladenschilder, die er für einen Lebensmittelhändler pinselt, bringen kaum mehr ein als die Schreibarbeiten seiner patenten Freundin. Viel leuchtender als seine Bilder malt er sich jedoch die Zukunft aus: Wortreich schwärmt er von der Seefahrt, vom Leben in einer reichen Hafenstadt, von Ruhm und Anerkennung. Eines Tages wirbt man ihn für eine Schiffsüberfahrt an - seine Karriere als Bordmaler des Piraten Jean Mainbasse beginnt. mehr
"Superhelden im Einsatz: Der Berliner Reprodukt Verlag feiert Jubiläum – lukrativ ist der Comic noch lange nicht" – "Berliner Morgenpost" vom 12. Februar 2006 (Brigitte Preißler)
In einem kleinen Schöneberger Büro residiert einer der größten deutschsprachigen Comicanbieter. In diesem Jahr feiert der von Dirk Rehm geleitete Reprodukt Verlag sein 15jähriges Bestehen. Eine Erfolgsgeschichte.
Im Vorderhaus versprüht ein Tattoo-Studio seinen sadomasochistischen Charme, zwischen den Mülltonnen eines graffitibunten Schöneberger Hofs spielen Kinder. Die meisten Anwohner dieses vergessenen Endes der Bülowstraße dürften Berlins kulturelle Hautevolee in den alexnahen Bezirken nur aus den Abendnachrichten kennen. Anderthalb Büroräume im Erdgeschoß: ein bescheidenes Quartier für einen der wichtigsten Comicverlage im deutschsprachigen Raum. mehr
"Melancholische Figuren in einem deutschen Comic" – "Nürnberger Nachrichten" vom 30. Dezember 2005 (Udo Erhart)
Die Diplomarbeit „acht, neun, zehn“ von Arne Bellstorf wurde mit dem „Sondermann“ ausgezeichnet.
Auf den ersten Blick sehen sie seltsam aus, die Figuren aus der Feder des Hamburger Comic-Künstlers Arne Bellstorf. Sie wirken deformiert, aber gleichzeitig niedlich und meist steht ihnen ihre Niedergeschlagenheit ins Gesicht geschrieben. Wer sich aber näher mit den Geschichten befasst, stellt schnell fest, dass sich die melancholischen Gestalten gut in die nachdenklich stimmenden Storys einfügen.
Der 26-jährige Bellstorf studierte Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg und legte seine Diplomarbeit in Comic-Form vor (siehe Abbildung oben). Dieses Comic, das unter dem Titel „acht, neun, zehn“ (Verlag Reprodukt, 13 Euro) erschienen ist, ist jedoch nicht die erste veröffentlichte Arbeit des Autoren/Zeichners Bellstorf im Comic-Sektor. mehr
"Mawil – Bomb da City" – "Spiegel Online" vom 23. Dezember 2005 (Stefan Pannor)
Wenn es einen deutschen Nick Hornby gäbe, würde er Comics zeichnen und hieße Mawil. Der Berliner überrascht seit einigen Jahren mit amüsanten Alltagscomics und heimst dafür Lob und Preise ein. Der autobiographische Strip "Bomb da City" entstand exklusiv für SPIEGEL ONLINE.
Der deutsche Nick Hornby lebt in Berlin, zeichnet Comics und heißt Mawil. Es wissen nur noch nicht alle. Dabei genießt Markus Witzel alias Mawil für einen deutschen Independent-Zeichner bereits einen unerhört hohen Bekanntheitsgrad. Spätestens seit ihm 2003 mit "Wir können ja Freunde bleiben" ein großer Wurf gelang. Der Comic war eigentlich seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee und wurde von Mawil laut eigener Aussage in nur sechs Wochen geschrieben und gezeichnet. mehr
"Lest mehr Comics!" – "Jungle World" vom 30. November 2005 (Jan-Frederik Bandel)
In Hamburg und Berlin werden gute Comics und Cartoons produziert. Über Zeichner mit und ohne Diplom, ihr gewachsenes Selbstbewusstsein und ihre kargen Einnahmen.
Abends, nachdem er stundenlang an bunten Bildschirmschonern und Logos mit laufenden Tirolerhüten gebastelt hat, setzt sich Leo Leowald noch einmal an den Computer und zeichnet in schnellen, präzisen Strichen eine Erzählung aus seinem Leben. Tag für Tag ruft eine treue Fangemeinde die Strips im Internet auf (www.zwarwald.de), kommentiert und diskutiert lebhaft über die Vaterpflichten, Gewichtsprobleme und Weltjugendtagserlebnisse seines Enterichs. mehr
"Arne Bellstorf" – "lichter-magazin", November 2005 (Martin Boehnert)
One step inside doesn't mean you understand. Das zunächst als Diplomarbeit angefertigte Comicalbum "acht, neun, zehn" verschaffte dem Autor Arne Bellstorf zurecht Beachtung auf der Frankfurter Buchmesse als "besten Newcomer", und der deutschen Comiclandschaft eine weitere erfreulich anspruchsvolle Nuance.
"Es ist leider eine müßige Diskussion darüber, warum Comics in der öffentlichen Wahrnehmung als Kinderkram und Schund wahrgenommen werden. In Frankreich ist das anders, in Japan auch, und in Amerika gibt es mittlerweile doch einige Autoren, die für ein erwachsenes Publikum schreiben und zeichnen und damit auch ein größeres Publikum erreichen." Arne Bellstorf ist Jahrgang 1979 und hat gerade mit "acht, neun, zehn" sein erstes Comicalbum auf den übersichtlichen deutschen Markt gebracht. mehr
"Buchstaben über der Stadt" – "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vom 13. November 2005 (Tobias Rüther)
Überall ist es besser, wo wir nicht sind: Craig Thompsons wunderbares "Tagebuch einer Reise"
Er hat Heimweh. Und das läßt nicht nach, selbst wenn er zu Hause ist. Craig Thompson, dreißig Jahre alt und wohnhaft in Portland unweit der amerikanischen Pazifikküste, ist einer der traurigsten Comic-Zeichner aller Zeiten. Er zeichnet, damit das weggeht: das Heimweh und der Kummer darüber, daß ihm die Freundin weggelaufen ist, daß nicht mehr soviel Schnee fällt wie damals, als er noch klein war auf der Farm in Wisconsin. Craig Thompson malt ständig Bäume in seine Comics, weil er sich entwurzelt fühlt: Er schafft sich Halt in schwarzweißen Bildern, und zeichnet sie so lange, bis seine Hand zu schmerzen beginnt, und selbst dann hört er nicht damit auf. mehr
"Isaak der Pirat" – "Spiegel Online" vom 23. September 2005 (Stefan Pannor)
Isaak ist Künstler und hat kein Geld. Also ist das Angebot durchaus verlockend, einen reichen Reeder zu porträtieren. Dumm nur, dass der in Wirklichkeit Pirat ist. Und dass sein Schiff genau in dem Moment zu großer Überfahrt ablegt, als Isaak an Bord geht. Dumm auch, dass Isaaks Verlobte darum allein zu Haus bleibt, aber natürlich bald nicht nur von Verehrern, sondern auch von Geldsorgen bedrängt wird. Das alles könnte belangloser Kitsch sein. Zum Glück aber stammt Christophe Blain aus dem Zeichnerumfeld um Lewis Trondheim, gehört also zu jenen nicht mehr ganz so jungen Wilden, die in den letzten zehn Jahren den französischen Comicmarkt umgekrempelt haben. "Isaak der Pirat" ist eine furiose, farbenfrohe Wiederbelebung eines eigentlich seit Jahrzehnten toten Genres, des Piratencomics. mehr
"Ganz gleich" – comicgate.de vom 4. September 2005 (Thomas Kögel)
Einige von uns dürften das gut kennen: man hat vor ein paar Jahren die Schule abgeschlossen und seine ländliche Heimat Richtung Großstadt verlassen, um dort zu studieren. Dazu gehört natürlich auch ausgiebiges Abhängen mit den Kumpels, Herumphilosophieren und gegenseitiges Popkulturwissen-Abfragen. Aber immer wieder passiert es, dass man mit dem alten Leben, das man doch hinter sich lassen wollte, konfrontiert wird - und solche Momente können schön, peinlich oder richtig ätzend sein. mehr
"Klare Flüchtigkeit – Die französische Comic-Gruppe L'Association und ihr heterogener Kosmos" – "taz" vom 25. Juli 2005 (Katja Lüthge)
Vor fünfzehn Jahren schon gründeten sechs junge ambitionierte französische Comic-Zeichner die Gruppe L'Association, und noch immer kommen aus dem Umfeld dieser Künstlervereinigung die abenteuerlichsten und schönsten Geschichten. Man hat dort einen Blick für interessante Stoffe. Zuletzt gelang dem Verlag mit der Veröffentlichung von Marjane Satrapis Autobiografie "Persepolis", in der sie ihre Kindheit und Jugend im Iran und in Österreich schildert, sogar ein echter Bestseller, der auch außerhalb Frankreichs viel Beachtung fand. mehr
"Charles Burns – Black Hole 5" – "de:bug" von Juni 2005 (Sandra Sydow)
Auch bei dieser Neuveröffentlichung des Reproduktverlages kommt man zwischenzeitlich auf die Idee, keinerlei Bücher nur mit Worten mehr zu benötigen. Charles Burns zeichnet erneut mit viel Schwarz einen beklemmenden Einblick in eine Geschichte, die sich so alleine nicht ganz erschließen wird, es vielleicht auch nicht soll. Eine Gruppe Jugendlicher, aussortiert, abgelehnt, teils Freaks, teils mit schrecklichen Erlebnissen, die sich immer wieder durch die Schädeldecke nach außen bohren, fristet ihr Dasein in einem kaum zugänglichen Waldstück nahe der Heimatstadt. Es wird kein Warum oder kein Wie wird in Black Hole 5 beantwortet, sondern nur ein kurzer Ausschnitt gezeigt, der auf den zweiten Blick weit mehr bedeuten kann als oberflächlich angedeutet.
"Das Erzählen geniessen – Der deutsche Comic-Zeichner Markus «Mawil» Witzel" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 21. Juli 2005 (Christian Gasser)
Nach seinem überraschenden Erfolg mit «Wir können ja Freunde bleiben» erzählt der 29-jährige Markus «Mawil» Witzel, das ohne Zweifel grösste Talent der deutschen Comic-Szene, die überaus witzige Geschichte einer glücklosen Schülerband.
«Wir können ja Freunde bleiben» - kaum ein Satz klingt harmloser, und doch hat keiner mehr Herzen gebrochen - das Herz des Comic-Zeichners Mawil offenbar gleich mehrmals. 2003 inspirierte ihn dies zu einer Reihe autobiografischer Kurzgeschichten über Aufwachsen und Paarungsverhalten in der DDR kurz vor und nach dem Fall der Mauer. Mawil, das ohne Zweifel am meisten versprechende Comic-Talent Deutschlands, schilderte das Ungemach mit Mädchen und seinen Herzschmerz mit einer erzählerischen und zeichnerischen Leichtigkeit, die man in der deutschen Comic-Szene selten antrifft. mehr
"Als die Kindheit zu Ende ging" – "Der Tagesspiegel" vom 19.07.2005 (Lars von Törne)
Nachtwanderungen und heimliche Jungsbesuche im Mädchenzimmer, frühreife Flirts und böse Streiche, Engtanzpartys und der erste Alkohol – Klassenfahrten sind der Ort, an dem man Erfahrungen fürs Leben sammelt. Manche sind von fundamentaler Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung, andere im Nachhinein nur noch peinlich. Dennoch begleiten einen die Erinnerungen an das kollektive Erlebnis oft noch Jahre später.
So ging es auch einer Gruppe von Hamburger Kunststudenten, die unter der Anleitung ihres Lehrers, des Berliner Comiczeichners Georg Barber alias Atak, eine Reise in die Vergangheit unternahmen. Jeder schrieb eine Klassenfahrt-Erinnerung auf, dann setzten die Studentinnen die Geschichten ihrer männlichen Kommilitonen als Comic um und umgekehrt. mehr
"Keine Lust aufs Leben" – "jetzt.de" vom 10.07.2005 (Roland Schulz)
angestrichen:
Man kann ein großer Künstler sein und ein Riesenarsch... Man kann sehr schöne Sachen schaffen und gleichzeitig ziemlich hässlich sein. Man kann die ganze Schönheit der Welt auf dem Papier einfangen, aber niemals zu ihr gehören... Es ist seltsam: Wie kann das, was man macht, so über das hinausragen, was man ist?
Wo steht das denn?
Im "combat ordinaire", dem alltäglichen Kampf. So hat Manu Larcenet seine Comicreihe genannt, in der er sich mit dem großen Rätsel beschäftigt: dem Leben – wenn es gerade an jenem heiklen Punkt angelangt ist, an dem man nicht mehr reift, aber noch nicht welkt. An dem man nicht mehr wächst, aber noch nicht altert. Jene Zeit irgendwo zwischen 25 und 35 also, die furcht- und wunderbar ist, weil alles noch möglich erscheint, aber schon die Ahnung besteht, dass nicht alles möglich ist. mehr
"Die Geschichtsstripperin – Interview mit Elke Steiner" – "taz" vom 07.07.2005 (Christoph Bannat)
Die Berlinerin Elke Steiner zeichnet Comics und erzählt darin deutsch-jüdische Geschichte(n) in Bildern. Dafür bekommt sie Zuspruch und Stipendien - hin und wieder aber auch eine üble Drohung
taz: Frau Steiner, wie kam es dazu, dass Sie in der Ausstellung "Mit Supermann fing alles an" im Haus Schwarzenberg vertreten sind?
Elke Steiner: Zum einen habe ich viel mit dem israelischen Autor Edgar Keret zusammengearbeitet, zum anderen habe ich seit 2001 mehrere Comics zur deutsch-jüdischen Geschichte veröffentlicht. Die Kuratorin Katja Lüthge hat mich daraufhin eingeladen. Für die Ausstellung habe ich dann die Kurzgeschichte "Ich und Ludwig töteten Hitler ohne Grund" von Edgar Keret in zehn Bildfolgen interpretiert. mehr
"Von Affären und anderen Abenteuern" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 23.6.2005 (Christian Gasser)
Isaak Sofer, eine Landratte, die vom Leben auf hoher See träumt und ihr Dasein nicht sehr erfolgreich als Maler fristet, wird eines Tages von einem seltsamen Fremdling mit einem Beutel Goldstücke und der Verheissung großer Abenteuer auf ein Handelsschiff gelockt. Nicht klein ist Isaaks Schrecken, als er feststellt, dass das Schiff Kurs auf Amerika nimmt und er seine Verlobte Alice wohl längere Zeit nicht mehr sehen wird.
Und noch größer ist sein Entsetzen, als sich der alte Fremdling, der Chirurg Henri Demelin, als Verräter entpuppt, der das Schiff geradewegs in die Fänge der blutrünstigen Piratenbande von Jean Mainbasse segeln lässt. Und da begreift Isaak seine neue Lebensaufgabe: Er soll die Helden- und Untaten des Piratenhauptmanns, die ausgelassene Wildheit des Freibeuterlebens, aber auch die Schönheit der sieben Weltmeere auf Papier verewigen. mehr
"Reise ans Ende der Macht" – "FAZ.NET" vom 10.6.2005 (Andreas Platthaus)
Zum Geburtstag hat "L'Association" drei ihrer Gründer mit ins Centre Pompidou gebracht - und den einen Weltstar, der sich im Programm des Pariser Verlags findet. Marjane Satrapi sitzt ganz rechts auf der Bühne und läßt ununterbrochen ihren Kaugummi im Mund kreisen, auf daß sie das hier geltende strikte Rauchverbot für zwei Stunden überstehe. Auf der Frankfurter Buchmesse des vergangenen Jahres hatte man für die Autorin noch eine Ausnahme gemacht.
Da hatte sie gerade die Auszeichnung zum deutschen "Comic des Jahres" entgegengenommen, denn ihr vierbändiges Werk "Persepolis", eine Schilderung der eigenen Kindheit und Jugend in Iran, ist nicht nur in Marjane Satrapis jetziger Heimat Frankreich ein gewaltiger Erfolg. Erst vergangene Woche feierte die "New York Times" die Vollendung der englischen Übersetzung, und in die weiteren wichtigen westlichen Sprachen ist "Persepolis" auch schon übertragen. Nur Iran selbst verweigert sich noch. mehr
"Dupuy & Berberian - 'Monsieur Jean – Die Kunst, glücklich zu sein (ohne es zu merken)'" – "Spiegel Online" vom 28.5.2005 (Stefan Pannor)
Von dem sonst eher auf nostalgische Sammlerware spezialisierten Kleinverlag Salleck Publications wechselte "Monsieur Jean" jüngst zum etablierten Comic-Riesen Reprodukt. Damit ist die Chance gegeben, dass diese Serie ihrem unverdienten Nischendasein entkommt. Denn was Dupuy und Berberian seit über zehn Jahren in Frankreich produzieren, ist nichts weniger als das tragikomische, poetische Sittenbild der Mittdreißiger-Generation - in sanften Strichen und Farben, aber nicht ohne eine gewisse Bissigkeit. Die Hauptfigur ihrer Alben und Kurzgeschichten ist der Schriftsteller Jean, dessen Bücher Titel wie "Der Ebenholztisch" tragen und die ebenso verkopft und erfolglos sind wie ihr Autor. mehr
"Isaak der Pirat, Band 1: Amerika" – "Portal Kunstgeschichte" vom 17.5.2005 (Florian Weiland-Pollerberg)
Isaak will ein berühmter Marinemaler werden. Allerdings ist der Weg dahin nicht ganz einfach: Es fehlt an Geld und der Magen knurrt. Seitdem sein Vater ihm kein Geld mehr gebe, habe er schon fünfzehn Kilo abgenommen, klagt Isaak. Alice, seine schöne Freundin, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, weist dezent darauf hin, dass er erst seit drei Tagen mit seinem Vater zerstritten ist.
Bereits der Auftakt zu Christophe Blains Comicserie zeigt, dass „Isaak der Pirat“ kein gewöhnliches Piraten-Abenteuer ist. Blain sprengt die Grenzen des Genres und lässt mit seiner ebenso witzigen wie spannenden Abenteuerserie Klassiker wie Hubinons und Charliers „Der rote Korsar“ ganz schön alt und angestaubt aussehen. mehr
"Vom Schmerz der vergeblichen Liebesmühe..." – "MacGuffin" vom 6.5.2005 (Benjamin Vogt)
"Wir können ja Freunde bleiben", es gibt kaum einen Satz vor dem man sich als liebestaumelnder Rosarote-Brille-Träger mehr fürchtet, kaum fünf andere Worte, die einen solchen innerlichen (Gefühls)-Stich ins Herz versetzen, und selten schaffte es eine Floskel sich gleichermaßen zum Klischee wie zu einer der treffendsten aller Verlegenheitsantworten aufzuschwingen. Der Berliner Comickünstler Mawil weiß das. Mit seinem autobiografischen Band über unerwiderte Liebe zu Mädchen, in die er von frühester Kinderzeit bis zum Studentendasein verknallt war, fängt MAWIL eine traurige Stimmung ein, faßt seine fehlgeschlagenen Vorstöße ins Gebiet des weiblichen Geschlechts leicht verbittert, aber immerhin wahrheitsgetreu, auf wenigen Seiten zusammen und läßt den Leser nicht nur an seinem Wehklagen teilhaben, nein, er erinnert uns daran, wie Liebe wehtun kann.
"Glückliche Kleinfamilie" – "Berliner Zeitung" vom 26.4.2005 (Jens Balzer)
Jean-Christophe Menu wirkt schon von fern wie das Sinnbild eines "unabhängigen" Verlegers und Comiczeichners: ein schluffiger, stets ein bisschen vermufft wirkender Typ, der - wenn er nicht zeichnet, sondern mit Menschen spricht - lieber in sich hineinspricht als zu den Menschen. Einer, dem man kaum glaubt, dass er gern etwas anderes tut als im stillen Kämmerchen schummrige Fantasien zu Papier zu bringen.
Doch weit gefehlt. Wenn es im europäischen Comic der letzten beiden Jahrzehnte eine stilprägende Verlegerfigur, einen schulbildenden Impresario und Paten gegeben hat, dann Jean-Christophe Menu. Fast im Alleingang hat er den französischen Comic aus der Starre der Siebzigerjahre befreit: aus dem Ghetto des boy-scoutisme, der Knabenkultur- und Abenteuergeschichtenwelt der "Tintin"- und "Spirou"-Epigonen - und aus den Klauen der wenigen marktbeherrschenden Großverlage wie Dargaud und Dupuis. Anfang der Neunzigerjahre gründete er in Paris den Künstlerbund L'Association - und zeigte damit, dass man auch mit einem von Autoren und Zeichnern selbstverwalteten Verlag erfolgreich sein kann. Beim Luzerner Comic-Festival "Fumetto", das sich seit Jahren dem unabhängigen, avantgardistischen Comic zuwendet und dessen 14. Ausgabe am Sonntag zu Ende gegangen ist, war Menu jetzt eine umfangreiche Retrospektive gewidmet.
"Der Strich als Lebensstil" – "Der Bund" vom 15.4.2005 (Christian Gasser)
Mit Jean-Christophe Menu präsentiert das Luzerner Comix-Festival Fumetto eine Schlüsselfigur der europäischen Comic-Szene. Ein Comic-Autor, der als Gründungsmitglied des Pariser Autorenverlags L’Association die Welt der Comics umgekrempelt hat.
Wenn Jean-Christophe Menu behauptet, er habe schon immer Comics gezeichnet, dann meint er nicht, dass er, wie alle Kinder, ungelenke Figuren in seine Schulhefte kritzelte. Nein, damit meint er, dass er als achtjähriger Knirps ernsthaft beschloss, Comic-Zeichner zu werden, seine Bandes dessinées fortan zum «Journal de Lapot» (Auflage: 1 Exemplar) zusammenklebte und ein paar Mitschüler überredete, Geschichten für sein Magazin zu zeichnen.
Heute – inzwischen ist Jean-Christophe Menu 40 und wurde am letzten Comic-Salon von Angoulême mit einer rauschenden Party gefeiert – macht er eigentlich immer noch dasselbe: Er zeichnet Bandes dessinées, veröffentlicht sie in dem von ihm mitherausgegebenen Magazin «Lapin» und ermuntert Dutzende andere Zeichner und Zeichnerinnen aus aller Welt, ihre Comics beizusteuern. mehr
"CX Huth: 'Hasenhäschen – nur für Gute" – "Portal Kunstgeschichte" vom April 2005 (Florian Weiland-Pollerberg)
Das Vorwort wirkt beruhigend: Es sei nicht nötig, Angst vor diesem Buch zu haben, wird versichert. Schließlich gebe es nur einfache Buchstaben, Wörter und Sätze. Zudem sei eine große Schriftgröße gewählt worden. Weiter der (in Zeiten der Mangaschwemme hierzulande vielleicht notwendige) Hinweis, dass dieses Buch von links nach rechts zu lesen ist. – Vorhang auf für Hasenhäschen, einer Figur, die an die simplen Kritzeleien eines Grundschülers erinnert. Auch der Text, der eine (absichtliche) Unsicherheit mit der Rechtschreibung verrät, deutet in diese Richtung. Doch der erste Eindruck täuscht gewaltig. Hasenhäschen sieht niedlich und harmlos aus, schreibt Herausgeberin Jutta Harms, im Nachwort, und warnt eindringlich, daraus zu folgern, „Hasenhäschen“ sei ein harmlos verspieltes Kinderbuch. Recht hat sie.
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