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Jutta Harms & Filip Kolek
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Aus der Vielzahl der im Netz zu findenden Verweise auf Comics von Reprodukt hier eine regelmäßig aktualisierte Liste von Links zu lesenswerten Artikeln, Rezensionen und Interviews:
"Gestatten, Welteroberin!" – "Spiegel Online" vom 15.4.2013 (Hannah Pilarczyk)
Fünf Jahr', blaues Haar: Die kleine Hilda ist die Heldin eines der schönsten Comics der vergangenen Jahre. Jetzt erscheint "Hilda und der Mitternachtsriese" endlich auf Deutsch - und bringt dem melancholisch-verspielten Zeichner Luke Pearson hoffentlich auch hierzulande viele Fans.
Schlicht "17 x 23" hieß die Heftserie, die der britische Comic-Verlag Nobrow 2010 ins Leben rief. Im kleinen Format - eben auf 17 mal 23 Zentimetern - sollten sich junge Zeichnerinnen und Zeichner vorstellen können. Ein greller Strip über die mythische Schlange Ouroboros war bei den ersten Heften dabei, ebenso eine melancholische Geschichte übers das Leben nach dem Tod als Geist und dann noch - fast wie dazwischen geschmuggelt - "Hildafolk", die Geschichte eines kleinen, lauten, blauhaarigen Mädchens, das mit seiner Mutter in einem Holzhaus wohnt und von einer Natur voller Steintrolle und Wassergeister umgeben ist. Dass mit "Hildafolk" Nobrows größte Erfolgsgeschichte beginnen sollte, war damals nicht abzusehen. Wenn jetzt aber, nach einer französischen Ausgabe, Hildas zweites Abenteuer "Hilda und der Mitternachtsriese" auch auf Deutsch erscheint, dann steht fest: Auf 17 mal 23 Zentimetern hat eine kleine Welteroberung begonnen. mehr
"Anruf von unbekannten Vater" – "taz" vom 13.4.2013 (Katja Lüthge)
Genau hinschauen: Chris Wares "Jimmy Corrigan - Der klügste Junge der Welt". Eine Erzählung voller Humor.
Jimmy Corrigan ist ein pummeliger Junge mit großem Kopf und schütterem Haar, dem sich schon im Kindesalter die Sorgenfalten eines alten Mannes ins Gesicht gegraben haben. Jetzt mit Mitte dreißig führt der plumpe Büroangestellte das isolierte Leben eines tagträumenden, von Zwängen und Ängsten getriebenen Außenseiters, sein soziales Leben beschränkt sich auf das tägliche Telefonat mit seiner Mutter. Eines Tages reißt ihn der Anruf seines unbekannten Vaters aus dieser Lethargie - tatsächlich schafft es Jimmy, ihn zu besuchen. Aber auch dieser Versuch einer späten zwischenmenschlichen Beziehung offenbart einmal mehr die vollkommene Unmöglichkeit, das monadische Ich in Richtung eines anderen zu öffnen. mehr
"Der Aufstand der Zeichner" – "Die Presse" vom 12.4.2013 (Christoph Huber)
Paco Rocas „Der Winter des Zeichners“ über eine historische Episode der Franco-Diktatur: melancholisch und bestürzend aktuell.
Ein Schlüsselroman über spanische Comic-Zeichner in den späten 1950ern klingt nach einem Nischenprodukt. Nicht nur, weil die iberische Comic-Produktion im deutschen Sprachraum kaum vertreten ist, allenfalls der Anarcho-Agenten-Comic „Clever& Smart“ ist älteren Generationen in bester Erinnerung. Dessen Schöpfer Francisco Ibáñez hat in Paco Rocas melancholischem Meisterwerk „Der Winter des Zeichners“ eine Nebenrolle. In seiner Heimat zählt Roca zu den herausragenden Newcomern: Sein Durchbruch kam 2007 mit der sensiblen Alzheimer-Geschichte „Arrugas“ („Falten“), die ihm 2008 den nationalen Comic-Preis eintrug und im Herbst bei Reprodukt publiziert werden soll. Dort ist auch „Der Winter des Zeichners“ erschienen, in dem Roca mit bemerkenswerter Beiläufigkeit durch minimalistischen Stil maximale Wirkung erzielt. Zunächst ist es eine einfache Geschichte: Die Handlung umspannt (bis auf einen bewegenden Epilog zwanzig Jahre später) die Zeit vom Frühling 1957 bis Weihnachten 1958. Da wurde ein Wagnis versucht, das die Comic-Welt hätte revolutionieren können. mehr
"Auch unten ist er allein" – "Der Freitag" vom 22.3.2013 (Jonas Engelmann)
Ungeheuer komplex und radikal entschleunigt: Chris Ware sprengt mit „Jimmy Corrigan“ die Grenzen des Genres und rührt den Leser zu Tränen.
Neben Art Spiegelman gibt es wohl keinen anderen zeitgenössischen Comiczeichner, der so virtuos, klug und belesen mit der Geschichte des eigenen Mediums hantiert wie Chris Ware. Und keinen, der die Grenzen der erzählten Geschichte immer weiter ausdehnt. Ware greift dazu die unterschiedlichsten Quellen auf: die Ligne Claire eines Hergé, die Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts, Werbeanzeigen der dreißiger Jahre, Kinderbastelbögen, immer wieder die klassischen Motive der nunmehr über einhundertjährigen Comicgeschichte und nicht zuletzt die Superheldencomics. mehr
"Liebe läuft Amok" – "faz.net" vom 22.3.2013 (Andreas Platthaus)
Aus dem Nichts steht plötzlich ein virtuoser deutscher Comicerzähler vor uns: Lukas Jüliger, gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt. Der Hamburger Schüler von Anke Feuchtenberger hat mit „Vakuum“ eine romantisch-rätselhafte Geschichte gezeichnet, die im Dürrenmattschen Sinne zu Ende gedacht wird.
Ein Mord: Eine Schülerin wurde umgebracht. Der Täter: ein schüchterner Mitschüler. Eine Liebe: Eine Schülerin wird bewundert. Der Bewunderer: ein schüchterner Mitschüler. Die Schülerinnen sind nicht identisch, die Mitschüler auch nicht. Aber das Schicksal der vier (und noch zwei weiterer Jungen) ist durch die gemeinsame Schulzeit miteinander verknüpft, und Lukas Jüliger hat um dieses Sextett eine hochspannende Phantasie über Pubertät und Rivalität entwickelt. mehr
"Von Trollen und anderen Fabelwesen" – "Deutschlandfunk (Corso)" vom 21.3.2013 (Christian Gasser)
Mit seiner Serie "Hilda" gelang dem britischen Autor und Zeichner Luke Pearson eine anspruchsvolle Comicreihe, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen begeistert. Nun erscheint der erste Band der Serie unter dem Titel "Hilda und der Mitternachtsriese" auf Deutsch.
Hilda, ein resolutes Mädchen mit blauem Haar, lebt mit ihrer Mutter in einem Blockhaus in den Bergen, umgeben von Trollen, Elfen, Holzmännchen, beseelten Steinbrocken und anderen fantastischen Wesen. Manche dieser Fabelwesen sind niedlich, andere sind furchterregend, die meisten sind Hildas Freunde. Außer den unsichtbaren Elfen, die Hilda und ihre Mutter mit Drohbriefen und Steinwürfen zu vertreiben versuchen. mehr
"Geschichten-Zeichner - Chris Wares Comic 'Jimmy Corrigan'" – "3SAT Kulturzeit" vom 21.3.2013 (Philipp Rimmele)
Die ganze Welt feierte 2000 "Jimmy Corrigan" als Meilenstein des Comic-Genres. Erst jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen. Beim Berliner Literaturfestival 2013 stellte der Künstler Chris Ware sein Werk vor.
"Vor 13 Jahren erwarteteten US-amerikanische Leser von einem Comic, dass er von Superhelden oder etwas Fantatstischem handelt", so Chris Ware. "Doch davon handelt das Buch ganz bewusst nicht." Jimmy Corrigan, der Held des Buchs, hat so gar nichts Heldenhaftes an sich. Er ist ein durchschnittlicher Büroangestellter mit Sozialphobie und dem Charisma einer Topfpflanze. Wenn Superman doch mal in sein Leben platzt, dann nicht für lange. Erst die Thanksgiving-Einladung seines Vaters gibt Jimmys trauriger Existenz eine neue Wendung. mehr
"Comic-Genie Chris Ware: In der Festung der Einsamkeit" – "Spiegel Online" vom 20.3.2013 (Andreas Borcholte)
Seine Bilder guckt man nicht bloß an, man liest sie: Der US-Comic-Autor Chris Ware hat mit dem Familienepos "Jimmy Corrigan" bewiesen, dass man auch die großen Geschichten grafisch erzählen kann. Nun liegt das Meisterwerk auf Deutsch vor. Wer ist der Mann, der all die traurigen Männer zeichnet?
"Öchö". Dieses Geräusch macht Jimmy Corrigan, wenn er verlegen ist, ein hilfloses Hüsteln, das die Stille füllen soll. Zwar wird Jimmy im Untertitel seiner Geschichte großspurig "Der klügste Junge der Welt" genannt, doch genau das ist er nicht. Sondern ein blasser Büroangestellter, der schon als Kind schütteres Haar hatte und mit stiller Larmoyanz durchs Leben trant. Die einzige Frau, die in seinem Leben eine Rolle spielt, ist seine Mutter. Sie ruft ihn täglich an. Erfunden hat diesen Tropf der amerikanische Comic-Zeichner Chris Ware. "Jimmy Corrigan" ist seine erste Graphic Novel, sie erschien 1999. Nach 13 Jahren voller Verzögerungen und intensiver Übersetzungsarbeit des Berliner Reprodukt-Verlags ist dieser Meilenstein der Comic-Geschichte nun endlich auf Deutsch erschienen, und er hat nichts von seiner literarischen Kraft verloren. Staunend lässt man sich in die grafisch hochkomplexe Erzählung hineinziehen, sucht auf 384 eng bedruckten Seiten nach der richtigen Reihenfolge der Bilder, die in Form und Größe variieren und dadurch einen besonderen Leserhythmus vorgeben. mehr
"Wie 'Jimmy Corrigan' den Comic revolutionierte" – "SRF" vom 20.3.2013 (Christian Gasser)
Mit seinem Erstling «Jimmy Corrigan» revolutionierte der damals erst 32-jährige Chris Ware den Comic. Jetzt ist die preisgekrönte Geschichte über eine gescheiterte Vater-Sohn-Beziehung auch auf Deutsch erschienen - mit 13-jähriger Verspätung.
Jimmy Corrigan, ein frustrierter Büroangestellter Mitte 30, ist einsam, schwärmt für eine Kollegin, die er nicht anzusprechen wagt, und hat keine soziale Beziehungen. Ausser zu seiner Mutter, mit der er mehrmals täglich telefoniert. Eines Tages ist aber nicht seine Mutter am Telefon, sondern sein Vater und lädt ihn zu sich ein. Das kommt völlig überraschend: Der Vater hat Mutter und Sohn kurz nach Jimmys Geburt verlassen. Chris Ware weiss, wovon er spricht: Auch sein Vater verliess ihn kurz nach der Geburt. Auch sein Vater rief ihn rund dreissig Jahre später aus heiterem Himmel an. Und es ist kein Zufall, dass Jimmy Corrigan seinem Autor verdächtig ähnlich sieht. mehr
"Der traurigste Junge der Welt" – "Frankfurter Rundschau" vom 18.3.2013 (Christian Schlüter)
Chris Wares Meisterwerk „Jimmy Corrigan“ ist endlich auf Deutsch erschienen. Über ein Jahrzehnt hat das gedauert - aber es hat sich gelohnt.
Was für ein Skandal! Über ein Jahrzehnt hat es gedauert, dieses Meisterwerk endlich auf Deutsch zu veröffentlichen. Warum so lange? In dieser Zeit ging über „Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt“ ein wahrer Preisregen nieder. Vom American Book Award über den Harvey und den Eisner Award bis zur Auszeichnung als „Bester Comic“ beim Angoulême Festival wollte sich offenbar keine der renommierten Institutionen vorwerfen lassen, dieses Jahrhundertereignis verpasst zu haben, von dem die Kritiker in aller Welt bereits schwärmten. Und nicht nur die, auch Zeichner-Kollegen, allen voran Altmeister Art Spiegelman, hatten es immer schon gewusst, von anderen Künstler gar nicht erst zu reden. mehr
"Eine leere und melancholische Welt" – "Deutschlandradio Kultur" vom 11.3.2013 (Frank Meyer)
Mit so vielen Vorschusslorbeeren ist kaum ein anderes Comic-Buch auf den deutschen Markt gekommen. "Jimmy Corrigan", 2001 in den USA erschienen, ist eine autobiografisch grundierte Geschichte, die die Geschichte eines Mangels erzählt: an Liebe, Verantwortung und Zuwendung.
"Jimmy Corrigan" ist 2001 in den USA erschienen, Chris Ware wurde als "Genie" und sein Buch als "Jahrhundertcomic" oder als "Meilenstein einer ganzen Gattung" gefeiert, es wurde an die Seite von Art Spiegelmanns "Maus" und den "Watchmen" von Alan Moore und Dave Gibbons gestellt. Auch Preise gab es zahlreich für Wares "Corrigan", den American Book Award und den Guardian First Book Award, der erstmals an einen Comic-Autor vergeben wurde. Der Protagonist dieses Buches, der 36 Jahre alte Jimmy Corrigan, ist ein gebückter, verklemmter, antriebsschwacher Mann ohne soziales Leben, wenn man die täglichen Telefonate mit seiner Mutter beiseitelässt. Bewegung kommt in seinen tristen Alltag, als sich sein Vater zum ersten Mal bei ihm meldet, Jimmy war ohne den Vater aufgewachsen. Er folgt der Einladung, den Vater zu Thanksgiving in einer kleinen Stadt in Michigan zu besuchen.
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"Beende deine Jugend" – "taz" vom 3.3.2013 (Michael Brake)
„Heavy Metal“ ist das Thema der finalen Ausgabe des Comickunst-Magazins „Orang“. Die Macher sind erwachsen geworden, sie müssen jetzt Geld verdient.
Das Finale ist schön verstörend. Ein hilfloser Supermarktleiter muss mit ansehen, wie alle seine Waren verschimmeln und seine Stammkunden sich in Zombies verwandeln. Zwei Skater werden von einem Gespenst durch eine Aufzuchtstation für E-Gitarren geführt. In einer albtraumhaften Überwachungsdystopie werden Arbeiter der Königin zum Fraß vorgeworfen. „Heavy Metal“ ist das Thema der zehnten und letzten Ausgabe der Anthologie Orang, eines der wichtigsten deutschen Sammelpunkte für zeitgenössische Comickunst. Wie alle Ausgaben versammelt sie rund fünfzehn exklusiv gezeichnete Kurzgeschichten. Zeichenstil wie Storytelling sind markant, experimentell, nicht immer zugänglich. mehr
"Sag zum Abschied leise Metal" – "zeit.de" vom 27.2.2013 (Frank Schäfer)
Das Indie-Comic-Magazin "Orang" war jahrelang eine Institution in der aufstrebenden deutschen Zeichnerszene. Jetzt mit der zehnten Ausgabe verabschiedet es sich. Wie schade.
Die praktizierenden Heavy Metal-Fans haben es immer gewusst, aber jetzt hat man es endlich schwarz auf weiß, zumindest in einem Comic: "Intensives Headbangen hat viele positive Auswirkungen auf Geist und Seele. Vor allem werden Aggressionen und andere negative Energien abgeleitet. Sie entweichen durch das Sakralchakra am Ende des Kopfes. Ausgeglichenheit und Friedfertigkeit kennzeichnen den regelmäßig Übenden", sagt der Seminarleiter von Kursus 666, Einführung in die ganzheitliche Praxis des Headbangens. Und man sieht daneben in einer Gedankenblase die Friedlichen oder doch eher Fertigen, wie sie nach entschiedenem Drogengebrauch in den Seilen hängen resp. in der eigenen Kotze liegen. mehr
"Gefühlsapokalypse" – "WDR 1Live ("Plan B")" vom 18.2.2013 (Christian Möller)
Düster, verstörend, rätselhaft. Zwei Jahre lang hat Lukas Jüliger an seinem Comic "Vakuum" gesessen. Herausgekommen ist das beste deutschsprachige Comic-Debüt seit Jahren.
Wie in einem Vakuum hat sich Lukas Jüliger auch selbst während der zwei Jahre Arbeit an seinem Comic oft gefühlt. Vor allem in der Endphase, als er jeden Tag von morgens bis tief in die Nacht durchgezeichnet hat, um endlich fertig zu werden. "Das war wie in die Fabrik zu gehen", sagt er. Die Erschöpfung ist ihm noch anzumerken. Und die Erleichterung über die positiven Reaktionen auf den Comic, von dem er während der Entstehung außer seiner Schwester niemandem etwas gezeigt hat. "Ich dachte zwischenzeitlich, dass ich meiner Mutter damit das Herz breche. Einfach wegen gewisser düsterer Dinge. Aber sie ist einfach sehr begeistert und sieht hauptsächlich die schönen Seiten." mehr
"200 Bleistifte für ein 'Vakuum'" – "NDR Info" vom 15.2.2013 (Mathias Heller)
(...) Jüliger erzählt in "Vakuum" vom Sommer eines jungen Teenagers in dem sich vieles dramatisch verändert. Er lernt ein merkwürdiges Mädchen kennen und lieben, er verliert seinen besten Freund, der sich nach einem misslungenen Drogenexperiment in seine eigene Welt zurückzieht. Er erzählt vom Schulalltag in dem es zu sexueller Gewalt, Selbstmord und einem Amoklauf kommt. All das zeichnet und beschreibt Jüliger sehr unaufgeregt, still und ruhig. Für ihn sei es einfach ein "Grundgefühl, was ich transportieren wollte, das irgendwo in mir vorhanden war und sicher auch ist. Das wollte ich irgendwie auf den Punkt bringen und dafür brauchte ich diese Ruhe der Erzählung." mehr
"Ockerfarbene Jugend" – "taz Nord" vom 13.2.2013 (Amadeus Ulrich)
Gefühle der Hilflosigkeit in einer surrealen Welt: Lukas Jüliger ist mit „Vakuum“ ein grandios düsterer Comicroman über das Erwachsenwerden gelungen.
Genau 210 stumpfe Bleistifte später hockt er im Chaos und reibt sich die Augen. „Ich bin müde“, sagt Lukas Jüliger. Der 24-Jährige wohnt und arbeitet im Hamburger Stadtteil Altona, trägt einen Schal um den Hals und einen Bart im schmalen Gesicht. Der Tisch ist klebrig und voller Zeichnungen, auf dem Boden liegen eine Gabel, eine Bohrmaschine, Gummistiefel; überall stehen Kaffeetassen und Bierflaschen. „Sorry, hatte keine Zeit zum Aufräumen“, sagt Jüliger. „Ich tauche gerade erst wieder auf.“ mehr
"Die emotionale Apokalypse eines Jugendlichen" – "Deutschlandfunk" vom 11.2.2013 (Kai Löffler)
Die Ängste und Sorgen von Teenagern aus einer ganz eigenen Perspektive schildert der junge Hamburger Autor Lukas Jüliger in seinem Comic "Vakuum". Die Perspektive ist ebenso frisch wie der grafische Stil.
Zwei Toastbrote, akkurat belegt und nebeneinander aufgereiht, daneben eine leere Butterbrottüte. "Damit hatte meine Mutter aufgehört, als ich zehn war", kommentiert der Ich-Erzähler aus dem Off. Er schnürt seine Chucks, verlässt das Haus. Sein Gesicht haben wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen.(...)"Vakuum", das Debüt des 24-jährigen Zeichners und Autors Lukas Jüliger, ist aufgebaut wie ein illustriertes Tagebuch. Im Mittelpunkt stehen neben dem namenlosen Ich-Erzähler eine Schulkameradin und sein bester Freund, der sich nach einer katastrophalen Drogenerfahrung mehr und mehr aus der Realität zurückzieht. Der Autor selbst beschreibt den Band als "Coming of Age- und Liebesgeschichte im Schatten der nahenden Apokalypse". mehr
"Ein virtuos zersplitterter Krimi" – "zeit.de" vom 8.2.2013 (Waldemar Kesler)
Die Comics von Marc-Antoine Mathieu sind auch Beschäftigungen mit dem Genre selbst. Sein atemberaubendes Buch "3 Sekunden" zerlegt sich selbst in seine Bausteine.
Marc-Antoine Mathieus Geschichten waren immer zugleich Reflexionen. In seiner genialen Serie um Julius Corentin Acquefacques werden Elemente der Bilderzählung zu Protagonisten: die Farben, die Dimension, die Tiefe oder gleich das Medium selbst. Kaum ein anderer Autor kreist beim Schreiben seiner Geschichten so sehr um die Frage, wie er sie erzählt. Sein Konzeptcomic 3 Sekunden besteht aus einer einzigen Zoomfahrt, die drei Sekunden lang einen Lichtstrahl verfolgt. Auf jeder Seite sehen wir seine Stationen auf drei Bildern à drei Zeilen. Man kann sich 3 Sekunden auch im Internet als Animationsfilm anschauen. Adresse und Passwort stehen im Buchumschlag der deutschen Ausgabe. mehr
"Ich bin der langweiligste Mensch der Welt!" – "zeit.de" vom 7.2.2013 (Michael Brake)
Es ist Sommer, es ist heiß, es ist Adoleszenz: Der Comic-Zeichner Lukas Jüliger erzählt in seinem herausragenden Debüt "Vakuum" eine surreale Coming-Of-Age-Geschichte.
Ihr Duft. Er kann die ganze Zeit nur an ihren Duft denken. Auch am nächsten Tag noch überdeckt ihr Duft alles. Während die anderen nur darüber reden, dass ein Junge namens Ben Fimming eine Matratze in den Wald getragen und sich darauf selbst umgebracht hat, nachdem er das beliebteste und hübscheste Mädchen der Schule betäubt, gefesselt und vergewaltigt hatte. Wie am Abend zuvor, als sie zusammen schweigend eine DVD geschaut hatten: Sie, das elfenhafte Mädchen aus der Stufe tiefer, und er, der schlaksige, unscheinbare Ich-Erzähler aus Vakuum, dem fantastischen Comicdebüt von Lukas Jüliger. mehr
"Und es war Sommer" – "Hamburger Abendblatt" vom 6.2.2013 (Thomas Andre)
In seinem neuen meisterhaften Comic "Vakuum" erzählt der Hamburger Zeichner Lukas Jüliger von den Rätseln der Jugend.
Die Jugend ist eine magische Zeit, eine kostbare dazu - leider merkt man das erst, wenn man erwachsen ist. Die Jugend ist aber auch die Zeit der ersten Verluste, manchmal gar dramatischer Vorkommnisse. Zum Beispiel kann einem der beste Freund plötzlich abhanden kommen, weil er sich in seine eigene Welt verabschiedet, zu der niemand Zutritt hat. Und man kann eine so niedliche wie seltsame Frau treffen, die einen um den Verstand bringt. Man kann in einem heißen Sommer damit konfrontiert sein, dass diese Frau, in die man sehr verliebt ist, immer stiften geht, wenn es am schönsten ist. Man kann in einem Kaff leben, in dem ein anderes Mädchen, die heißeste Braut der Schule, missbraucht wird, und in dem sich der Schänder, ein Mitschüler, nach der Tat umbringt. Man kann morgens in die Schule gehen, und dann gibt es noch mehr Tote, weil da plötzlich einer mit einem Gewehr steht. mehr
"Äußerst unterhaltsames Stalking" – "Süddeutsche Zeitung" vom 28.1.2013 (Anja Perkuhn)
Die junge französische Autorin Camille Jourdy erzählt in ihrem preisgekrönten Stalking-Comic "Rosalie Blum" die Geschichte vom einsamen Vincent Machot, der die ebenfalls einsame Rosalie verfolgt. Denn in ihr erkennt er seine eigene Verlorenheit.
Sie teilen sich denselben Wind, und doch ist es nicht das Gleiche. Rosalie Blum sitzt auf einem Hügel fern der Stadt, die blonden Haare verweht, sie starrt stumm ins Leere. Auf einer zweiten Bank im Hintergrund sitzt Vincent, er schaut Rosalie an, sein grüner Schal flattert, seine große Sonnenbrille soll sein Gesicht verbergen - er ist Rosalies heimlicher Verfolger. Warum er ihr folgt, weiß er selbst nicht so genau, eines faden Tages hat er sie in einem Lebensmittelladen getroffen und meinte, sie zu kennen. mehr
"Die Szenenfolge der Politik" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 26.1.2013 (Christian Gasser)
Ein Minotaurus im Labyrinth der Aussenpolitik, Krisendiplomatie, Machtkämpfe und Eitelkeiten: Der Autor Abel Lanzac und der Zeichner Christophe Blain landeten mit ihrer Politsatire «Quai d'Orsay» in Frankreich einen Bestseller.
Sogar in den Ferien kann es Alexandre Taillard de Vorms nicht lassen: Statt Sand, Meer und Sonne zu geniessen, setzt er am Strand lieber zur wortgewaltigen Analyse der geopolitischen Lage an. Sein Publikum: keine Krawatten tragenden Politiker an einem Krisengipfel, sondern Feriengäste in Badehosen. Zurück in Paris, stürzt sich der Aussenminister wieder in seine Mission: Er will zum einen den drohenden Bürgerkrieg im afrikanischen Land Oubanga verhindern und zum anderen die USA von einem «Präventivschlag» auf das Königreich Lousdem abhalten, das verdächtigt wird, Massenvernichtungswaffen herzustellen. mehr
"Goliath als Underdog" – "Die Presse" vom 10.1.2013 (Christoph Huber)
Der erfolgreiche schottische Cartoonist Tom Gauld erzählt in seinem ersten Comicbuch die Geschichte von Goliath und dessen biblischen Mythos neu – sein Wiener Kollege Nicholas Mahler hat übersetzt.
Das Ende ist unausweichlich und allgemein bekannt – aber wie es dazu kommt, widerspricht der Überlieferung doch frappant: „Zunächst denkt bei der Geschichte von David gegen Goliath jeder an den Kampf eines kleinen Jungen gegen einen Riesen“, erklärt der als Cartoonist (u. a. im „Guardian“ und der „New York Times“) erfolgreiche Schotte Tom Gauld den Ansatz zu seinem ersten Comicbuch: „Doch wenn man genauer hinschaut, kämpfen eigentlich ein kleiner Junge und der allmächtige Schöpfer des Universums gemeinsam gegen einen Riesen, und dann realisiert man, wer hier eigentlich der Underdog ist.“
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"Comic mit Sartre und Sauereien" – "Die Presse" vom 6.1.2013 (Christoph Huber)
Mit dem exzellenten Band "Nausea" beginnt die Neuausgabe des Werks von Robert Crumb, einem Meister der Satire: Von sexuellen Aberrationen und göttlichen Visionen.
Dass die Adaption der „Psychopathia Sexualis“ am Anfang dieses Bandes steht, ist nur sinnvoll: 1886 publizierte der deutsch-österreichische Psychiater Krafft-Ebbing seine Fallstudien von Perversion und sexuellen Abweichungen. 99 Jahre später setzte sie Robert Crumb als Comic um, und man hatte dennoch beinahe das Gefühl, eigentlich wieder einer seiner privaten Offenbarungen beizuwohnen. Denn zur Zentralfigur der Underground-Comics wurde Crumb durch hemmungslos offenen Umgang mit seinen eigenen Obsessionen, ohne jegliche Angst vor Obszönität: Seine „abnorme Angst vor Frauen“ hat er als eine Triebfeder seines Schaffens identifiziert. Nicht nur seine berühmteste Kreation „Fritz the Cat“ war keiner Droge und keinem Geschlechtsverkehr abhold und brachte es so zur Gegenkultur-Ikone. Die sexuellen Abenteuer und perversen Neigungen von Crumbs Figuren brachten in Deutschland einige seiner Werke auf den Zensurindex. Seine zahlreiche Bewunderer verteidigten ihn indessen als einen Rabelais unserer Tage, einen Meister der subversiven Satire.
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"Pointenreiche Bilder über die Schwächen der Politik" – "Deutschlandradio Kultur" vom 7.1.2013 (Dirk Fuhrig)
Christophe Blain zeichnet mit solcher Präzision und einem derart feinen Gespür für komische Situationen, dass ein gestochen scharfes Bild der Politikerkaste im Allgemeinen entsteht: Eitelkeiten, Etikette, Hierarchie und so manche Selbstüberschätzung.
Es ist ein bisschen so, als würde ein Karikaturist sich Joschka Fischer in seiner Zeit als Außenminister vornehmen - und damit eine in die Hunderttausende gehende Auflage erzielen. In Frankreich schaffte der Zeichner Christophe Blain genau das: Sein Comic-Band aus den Kulissen des Quai d'Orsay, wie das Pariser Außenministerium nach seiner Adresse genannt wird, machte Blain über Nacht zum gefeierten Star-Zeichner. mehr
"So wird Politik gemacht" – "ntv.de" vom 1.1.2013 (Markus Lippold)
"Tschak Tschak Tschak" - die Themen müssen sitzen. Frankreichs Außenminister gibt die Linie vor, sein Redenschreiber kommt kaum noch mit. Dabei gibt es doch eine Krise zu meistern. Zehn Jahre nach Beginn des Irakkriegs zeigt ein Comic, wie es damals im Pariser Außenamt zuging - pointiert und hintersinnig.
Vor zehn Jahren glühten die diplomatischen Drähte der Welt. Die USA schickten sich an, den Irak anzugreifen. Doch es gab Widerstand. Und der saß unter anderem im "Quai d'Orsay", jener Pariser Uferstraße, die synonym für das Außenamt des Landes verwendet wird. Vor allem im Sicherheitsrat stemmte sich Paris gegen einen Krieg, den Washington wegen fadenscheiniger Begründungen führen wollte. Abel Lanzac war damals dabei im französischen Außenamt. mehr
"Ein postsowjetischer Archäologe" – "tagesspiegel.de" vom 21.12.2012 (Erik Wenk)
Mit seinen zwei Bänden über die Ukraine und den Tschetschenien-Konflikt hat Igort zwei grafisch beeindruckende und inhaltlich bestürzende Comic-Reportagen abgeliefert, die die verschüttete Vergangenheit und Gegenwart ehemaliger Sowjet-Staaten dem Vergessen entreißen.
Die Welt interessiert sich nicht besonders für die Ukraine. Nur wenn dort eine Fußball-EM stattfindet, ein Atomkraftwerk explodiert oder eine fotogene Politikerin inhaftiert wird, richten sich auch westliche Augen kurz auf dieses ebenso riesige wie unbekannte Land. Igort, alias Igor Tuveri („5 ist die perfekte Zahl“), Jahrgang 1958, verbrachte 2008 und 2009 fast zwei Jahre dort, um herauszufinden, wie das Leben nach dem Kommunismus für die Ukrainer aussieht. mehr
"Comic-Duo lüftet Geheimnisse der hohen Diplomatie" – "Mittelbayerische Zeitung" vom 16.12.2012 (Christine Strasser)
Ein Ex-Redenschreiber packt aus: „Quai d‘Orsay“ war in Frankreich ein großer Erfolg.
Das ist eine wahre Geschichte. Eine Geschichte über einen Außenminister, der die Welt retten will und seinen Beraterstab tyrannisiert. Alles, was in „Quai d’Orsay“ geschildert wird, beruht auf Insiderwissen. Hinter Abel Lanzac, der aus gutem Grund ein Pseudonym verwendet, verbirgt sich ein langjähriger Diplomat und Berater im Quai d’Orsay, dem französischen Auswärtigen Amt. Der Comic greift das Geschehen zwischen 2002 und 2004 auf, als Dominique de Villepin, der spätere Ministerpräsident, an der Spitze des Ministeriums stand. mehr
"Für den kleinen Lesehunger zwischendurch" – "Berliner Zeitung" vom 16.12.2012 (Christian Schlüter)
(...) Von einem ganz anderen Ernst sind die kurzen Episoden in „Das Gemetzel“ von Bastien Vivès. Der Franzose gehört, obwohl erst 1984 geboren, längst zu den etablierten Zeichnern. Für seine Erzählung „Der Geschmack von Chlor“ wurde er 2009 auf dem Comic-Festival in Angoulême ausgezeichnet. Und seine Graphic Novel „In meinen Augen“ (2010) gehört zu den besten Liebesgeschichten des Genres überhaupt. Nun, Vivès kann es auch ein paar Nummern kleiner, wie er in dem jetzt erschienen Band zeigt. Wie meistens bei ihm geht es hier um das prekäre Beziehungsleben. mehr
"Spötteln über Frankreichs Ex-Premier" – "Cicero" vom 7.12.2012 (Matthias Heine)
Ein Comic über den ehemaligen französischen Premierminister Dominique de Villepin verkaufte sich in Frankreich bisher mehrere 100.000 Mal. Der Verfasser, Christophe Blain, zeichnet das Bild eines charismatischen Blenders.
Als der französische Comiczeichner Christophe Blain vor zwei Jahren den ersten Teil eines realistisch- satirischen Comicromans über die Vorgänge hinter den Kulissen des Pariser Außenministeriums am „Quai d’Orsay“ veröffentlichte, war das ein spektakulärer Wechsel des Genres – vergleichbar dem Neuanfang, den Joanne K. Rowling nach acht „Harry Potter“-Romanen mit ihrem ersten sozialkritischen Gesellschaftsroman wagte, aber künstlerisch erfolgreicher. mehr
"Frühling der Hoffnung" – "Süddeutsche Zeitung" vom 27.11.2012 (Heiner Lünstedt)
Paco Roca erzählt in seinem Buch "Der Winter des Zeichners" von Comickünstlern unter Franco. Das wohlhabende Nachkriegs-Spanien schildert der Autor anhand von atmosphärischen und akkuraten Bildern der Bars und Straßen Barcelonas. Nicht nur etwas für eingefleischte Comicfans.
Paco Rocas preisgekrönter und bereits als Zeichentrick verfilmter Comic "Arrugas" ("Falten") über die Freundschaft zweier Bewohner eines Altersheims im Schatten einer Alzheimer-Erkrankung ist bei uns noch nicht erschienen. Daher verwundert es, dass es sich bei der ersten deutschen Veröffentlichung des spanischen Comickünstlers um ein sehr stark regional geprägtes Werk handelt. Basierend auf tatsächlichen Ereignissen, erzählt "Der Winter des Zeichners" von fünf spanischen Lohn-Zeichnern, die im Franco-Spanien des Jahres 1957 den Schritt in die Freiheit wagten. mehr
"Schnüffeln ist Hundesache" – "faz.net" vom 26.11.2012 (Andreas Platthaus)
Das ist mal eine Idee: Hunde sind doch die besten Schnüffler. Also zeichnet Aisha Franz die Titelheldin ihres Comic-Krimis „Brigitte und der Perlenhort" einfach als Hund und damit als eine geborene Schnüfflerin, wie sie nun tatsächlich im Buche steht. Aber was heißt „einfach"? Aisha Franz, achtundzwanzig Jahre alt und ein Talent der Sonderklasse, das nicht zufällig in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse den Sondermann-Preis für die beste Newcomerin verliehen bekommen hat, macht ihre Brigitte auch konsequent zur Hündin. Sie nimmt die Rolle also ernst. Keine Rede davon, dass wie bei Disney Menschen und Tiere munter durcheinander agierten; in „Brigitte und der Perlenhort" ist allen bewusst, was den Hund vom Menschen trennt. mehr
"Selbst mit den Tätern hatte sie Mitleid" – "taz" vom 24.11.2012 (Christoph Haas)
Comic-Reportagen sind in. Bei dem neuen Band "Berichte aus Russland" des Texters und Zeichners Igort sieht man auch, warum. Eine großartige Erinnerung an die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja.
Aufzeichnungen aus Jerusalem" von Guy Delisle - das ist die Graphic Novel, die sich in Deutschland momentan am besten verkauft. Den Preis für das beste internationale Album beim diesjährigen Comic-Salon in Erlangen erhielt Joe Sacco für seine nicht unumstrittene israelkritische Recherche "Gaza". Und auch deutsche Zeichnerinnen und Zeichner machen sich inzwischen gerne auf, um mit dem Stift in der Hand die Welt, in der wir leben, zu erkunden. Kurz gesagt: Comic-Reportagen sind in. mehr
"Jetzt mal wieder Klassenkampf" – "Frankfurter Rundschau" vom 22.11.2012 (Christian Schlüter)
Der französische Comic-Zeichner Baru ist ein Meister der Milieu- und Alltagsgeschichten. Einzigartig macht die Werke das Verhältnis des Künstlers zu seinen Figuren.
Drogenprobleme, Kindesmissbrauch, Zwangsverheiratung: Kein noch so politisches oder existenzielles Thema ist dem Comic fremd. Bleischwerer Ernst tobt sich mitunter in den Bildergeschichten aus – aber nur wenige Zeichner verstehen ihn so mit den komischen Seiten des Genres zu verbinden wie Baru. Dem 1947 geborenen Hervé Barulea, wie er im wirklichen Leben heißt, ist nichts Menschliches fremd. Seine Geschichten handeln von den Zukurzgekommenen und Abgeschriebenen, den Gehassten und Geschassten. Und sie zeigen dieses abwegige Personal in seiner ganzen Anmut und Würde, in seinem verzweifelt-stolzen Eigensinn: eine anrührende Tristesse und Majestät zugleich. mehr
"'Der Minister war mein zweites Ich'" – "Die Welt" vom 20.11.2012 (Waldemar Kesler)
Der beste politische Roman des Jahres ist ein Comic. "Quai d’Orsay", das in Frankreich ein Bestseller war, ist jetzt endlich auf Deutsch erschienen. Die Hauptfigur ist ein Politiker namens Alexandre Taillard de Vorms – ein kaum verhülltes Porträt von Dominique de Villepin, der während der Irak-Krise französischer Außenminister war. Der Autor, der das Pseudonym Abel Lanzac benutzt, war damals Mitglied des Beraterstabs von Villepin.
Paris - Der junge Arthur Vlaminck weiß noch nicht mal, wie man sich eine Krawatte bindet, als er im Quai d’Orsay vorspricht. Aber nach einem Gang durch die feudalen Räume des französischen Außenministeriums sitzt er dem Minister Alexandre Taillard de Vorms gegenüber, der ihm schnell und mit Nachdruck die Weltlage nach 9/11 erklärt, und schon gehört auch Arthur zu jenem „Kommando“, mit dem de Vorms die neokonservativen US-Politiker davon abhalten will, einen Präventivkrieg gegen Lousdem zu beginnen. mehr
"Die Leidenschaft des Friseurs" – "tagesspiegel.de" vom 20.11.2012 (Lars von Törne)
Vielschichtig, klug konstruiert und nur auf den ersten Blick harmlos: Camille Jourdy ist mit der Graphic Novel „Rosalie Blum“ einer der herausragenden Comicromane des Jahres gelungen.
Mit der jungen französischen Comicautorin Camille Jourdy, die kürzlich beim Internationalen Literaturfestival Berlin zu Gast war, ist es ein bisschen wie mit den von ihr gezeichneten Figuren: Auf den ersten Blick wirken sie harmlos, freundlich und ein wenig naiv – aber in Wirklichkeit haben sie es faustdick hinter den Ohren. Jourdys in Frankreich preisgekrönte und jetzt auf Deutsch erschienene Graphic Novel „Rosalie Blum“ vermittelt beim oberflächlichen Durchblättern mit seinen aquarellierten Bildfolgen anfangs fast den Anschein eines Kinderbuches. Bei der Lektüre entpuppt sich die Erzählung jedoch als vielschichtiger, ausgereifter und klug konstruierter Comicroman für Erwachsene, der seinesgleichen sucht. mehr
"Die Größe, Magie und Erbärmlichkeit der Comics" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 16.11.2012 (Christian Gasser)
Ein Nest an der Küste, einsame Dünen, ein Leuchtturm – unscheinbar, provinziell, von der Welt vergessen. Das jedenfalls ist der erste Eindruck des Comic-Kritikers Leonard Batts bei seiner Ankunft in Hicksville. Hier will Batts die Jugendjahre und Anfänge des Comic-Zeichners Dick Burger recherchieren, der in den USA zu einem Superstar in der Welt der Superhelden-Comics wurde. Batts ist zunächst begeistert: Die kleine Stadt entpuppt sich als ein Shangri-La für Comic-Liebhaber: Alle Bewohnerinnen und Bewohner kennen, lesen und lieben Comics, Comics sind das Gesprächsthema Nummer eins, und die lokale Bibliothek besitzt sogar Originalausgaben der ersten Superman-Hefte – Hefte, für die amerikanische Sammler an Auktionen bis zu einer Million Dollar hinblättern. mehr
"Hier kommt der fünftschlechteste Schwertkämpfer" – "zeit.de" vom 16.11.2012 (Michael Brake)
Der Londoner Tom Gauld zählt zu den interessantesten Comiczeichnern seiner Generation. In seinen Werken trifft die viktorianische Zeit auf Strichmännchen und Futurismus.
Ein Steinzeitjäger holt einen Steinzeitwandmaler von dessen Höhle ab. Wie es läuft, will der Jäger wissen. "Ach, frag nicht", sagt der Maler, woraufhin sie ein Bier trinken gehen. Ein Vogel fragt eine Maus, wann sie Vorräte für den Winter sammeln will. "Wenn ich das hier gelesen habe", sagt die Maus, die Joyce' Ulysses unterm Arm trägt. Auf dem nächsten Bild liegt sie tot im Schnee. Zwei Skelette auf einem Pferdekarren voller Totenköpfe klagen einer Krähe, wie monoton ihr Alltag ist. "Ach, ihr Skelette seid immer so negativ", sagt die Krähe schließlich. "Das ist nicht gut für euch." Drei Szenen aus den Zeichnungen von Tom Gauld. mehr
"Auf dem Comic-Trip" – "Die Welt" vom 7.11.2012 (Matthias Heine)
Mythische Bibliotheken, kreative Sklaverei und verrückte Belgier: In neuen Graphic Novels reflektiert das Genre seine Geschichte.
Eine Biographie über einen deutschen Comicautor in Form einer Graphic Novel? Schwer vorstellbar, schon mangels Masse. Denn allzu viele faszinierende Gestalten hat die Geschichte des Mediums hierzulande nicht hervorgebracht. Am lohnendsten wäre gewiss ein Comic-Roman über Erich Ohser, der unter dem Künstlernamen e. o. plauen mit seinen "Vater und Sohn"-Strips einen der originellsten deutschen Beiträge zur Entwicklung der Bildergeschichte schuf und von den Nazis zum Selbstmord getrieben wurde. mehr
"Als Dominique de Villepin den Irak-Krieg verhindern wollte" – "Stuttgarter Zeitung" vom 30.10.2012 (Ruppert Koppold)
Paris - Der junge Arthur Vlaminck weiß noch nicht mal, wie man sich eine Krawatte bindet, als er im Quai d’Orsay vorspricht. Aber nach einem Gang durch die feudalen Räume des französischen Außenministeriums sitzt er dem Minister Alexandre Taillard de Vorms gegenüber, der ihm schnell und mit Nachdruck die Weltlage nach 9/11 erklärt, und schon gehört auch Arthur zu jenem „Kommando“, mit dem de Vorms die neokonservativen US-Politiker davon abhalten will, einen Präventivkrieg gegen Lousdem zu beginnen. Lousdem? Ja, so wird der Irak in dieser zwischen 2002 und 2003 spielenden Geschichte genannt, und der Minister ist in Wirklichkeit natürlich Dominique de Villepin, der sich damals vehement gegen die Pläne von Bush und Co. gewehrt hat. mehr
"Der Comicsehnsuchtsort "Hicksville" – fm4 vom 22.10.2012 (Zita Bereuter)
"I sometimes feel I come from two places – I come from New Zealand and I come from comics" - Dylan Horrocks über "Hicksville" und die neuseeländische Comiclandschaft.
"Meine ersten Worte waren Donald Duck", schreibt Dylan Horrocks 2011 in der autobiographischen Vorgeschichte zur neuen Ausgabe von "Hicksville". Sein Vater, selbst begeisterter Comicleser, hat ihn als Kind mit Comics versorgt, was in den 1970er Jahren in Neuseeland gar nicht so einfach war. Die Comics stammten aus dem Ausland – neben exotischen Schätzen aus Amerika und Frankreich waren es vorwiegend britische Heftchen und Alben. "Tim und Struppi" waren die größten für ihn, für Superhelden hatte er weniger übrig. mehr
"Französischer Comic verulkt Weltpolitiker" – "Frankfurter Rundschau" vom 17.10.2012 (Christian Schlüter)
Selten so gelacht: Der Polit-Comic „Quai d’Orsay“ von Christophe Blain ist ein meisterhafter Blick hinter die Kulissen der Macht. Eine krachend komische, dann aber auch wieder bitterernste Geschichte.
Ein aufschlussreicher Besuch. Auch Peer Steinbrück hatte sich auf die Frankfurter Buchmesse begeben. Eigentlich ein klarer Fall, ein Politiker und designierter Kanzlerkandidat sollte sich auf Kulturveranstaltungen herumtreiben. Umso mehr, als er sich jetzt möglichst breit und allgemeinverträglich aufstellen und also als Sympathieträger aufbauen muss. Kontaktaufnahme mit der Kultur, den Schriftstellern und Intellektuellen – das ist eine sozialdemokratische Geste mit Tradition. mehr
"Gralshüter des Comics" – "taz" vom 15.10.2012 (Waldemar Kesler)
Der neuseeländische Zeichner Dylan Horrocks erzählt mit „Hicksville" eine Geschichte über Liebe, Entfremdung und eine Stadt voller Comic-Nerds.
Dylan Horrocks sagt, dass seine ersten Worte „Donald Duck“ gewesen seien. Man kann sich vorstellen, wie gut der Neuseeländer in die amerikanische Mainstream-Comicindustrie hineingepasst hat. Einer, der seine ersten Worte einer durchs permanente Scheitern heldenhaften Ente widmet, kann sich unter lauter Superheldenschöpfern nicht wohlfühlen. Als Horrocks zwischen 1992 und 1997 seinen Comic „Hicksville“ schrieb, ahnte er noch nicht, dass dessen Erfolg ihn in die kommerzielle Comicindustrie führen würde. Für ihn sei es eine faszinierende Erfahrung gewesen, aber sie habe seine Kreativität als Comiczeichner beinahe zerstört. Als Kind habe ihn an Comics „nicht das fasziniert, was sie waren – vermummte Machtfantasien und billige Lacher –, sondern was sie sein konnten: eine neue Kunst- und Literaturform, mit der alles möglich ist“. mehr
"Geh aus, mein Herz - nach Portugal" – "n-tv.de" vom 14.10.2012 (Markus Lippold)
Simon ist lethargisch, er ist unmotiviert, er steckt in einer tiefen Krise. Dann reist der Franzose nach Lissabon und ihn überrollt eine Welle aus Trauer, Wärme und Sanftmut. Doch um hinter das Geheimnis des Gefühlsausbruchs zu kommen, muss er tief in die Geschichte seiner Familie eintauchen.
Familie. Es gibt vermutlich kein schwierigeres Thema als die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen "Lieben". Denn in der Familie prallen enge persönliche Bindungen auf unterschiedlichste Meinungen, Ansichten und Überzeugungen. Gegenseitige Offenheit und Ehrlichkeit stehen dem Wunsch nach Privatsphäre und wohl gehüteten Geheimnissen gegenüber. Das umfasst nicht nur mehrere Generationen, sondern - wie im Fall von Cyril Pedrosa - auch unterschiedliche Länder und Sprachen. mehr
"Großes diplomatisches Theater" – "taz" vom 14.10.2012 (Katja Lüthge)
Ein Comic erzählt französische Zeitgeschichte: Christophe Blains und Abel Lanzacs „Quai d'Orsay. Hinter den Kulissen der Macht“ ist in Frankreich ein Bestseller.
In einem hohen Zimmer von spätbarocker Herrlichkeit sitzt ein Mann mit einer prominenten Nase in einem schwarzen Anzug an seinem Schreibtisch und liest in einem kleinen roten Buch. Der karikaturenhaft zugerichtete Lesende ist sehr groß, seine Beine passen kaum unter den verzierten, ausladenden Holztisch. Durch riesige Flügelfenster hinter ihm fällt Licht auf den glänzenden Boden. mehr
"Ein Vater namens S." – "faz.net" vom 9.10.2012 (Andreas Platthaus)
Was Gipi erzählt, hat mich immer berührt. Dabei gibt es kaum eine Gegend, die mir weniger vertraut wäre als die Po-Ebene in Norditalien, wo seine Geschichten spielen, keine Schicht, die mir fremder wäre als das proletarische Milieu mit ständigen Kontakten zum Kriminellen, wie er es schildert, keine Verhaltensweisen, die ich weniger verstünde, als die, die seine egozentrischen Figuren zeigen. Und doch ist alles schlüssig, weil Gipi von einem archaischen Leben mitten im zwanzigsten Jahrhundert erzählt, das einfach so ist, was wir es uns alle vom Leben erhoffen: tief und wahr. mehr
"Im Herzen der Macht" – "Der Tagesspiegel" vom 9.10.2012 (Thomas Greven)
Intrigen, Machtmanöver, hohe Diplomatie: Der Polit-Comic „Quai d’Orsay“ ist ein Bestseller in Frankreich. Jetzt ist die Graphic Novel auf Deutsch erschienen.
Die guten Entwicklungen des deutschsprachigen Comics in den letzten Jahren in allen Ehren – diese zwei Bände, die jetzt bei Reprodukt auf Deutsch zusammen in einer Hardcover-Ausgabe veröffentlicht wurden, machen deutlich, welch großen Vorsprung die französische Comic-Kultur immer noch hat, und vor allem, welch ungleich höheren kulturellen Stellenwert Comics in Frankreich haben. Würde ein Insider des deutschen Außenministeriums, der aus dem Nähkästchen plaudern wollte, das Medium Comic wählen? Vermutlich nicht. Genau dazu entschied sich aber der unter dem Pseudonym „Abel Lanzac“ schreibende ehemalige Mitarbeiter des französischen Außenministeriums (nach seiner Adresse meist Quai d’Orsay genannt), der dort eine historisch äußerst bedeutsame Periode miterlebte, nämlich die Zeit vor der amerikanischen Entscheidung, den Irak anzugreifen. mehr
"Ein Stalker wird verfolgt" – "faz.net" vom 25.9.2012 (Andreas Platthaus)
Wüsste man es nicht besser, dann vermutete man hinter dieser Geschichte die britische Comicmeisterin Posy Simmonds. Denn ihren Humor, ihr feines Gespür für die Unvereinbarkeiten und Gemeinsamkeiten von Frauen und Männern und nicht zuletzt ihre Virtuosität bei der Schilderung bürgerlichen Alltags - all das weist auch „Rosalie Blum" auf. Camille Jourdy, mit gerade mal dreiunddreißig Jahren kaum halb so alt wie Posy Simmonds, hat von ihr erkennbar viel gelernt - kein Wunder, ist doch Posy Simmonds in der französischen Heimat von Camille Jourdy sehr populär. Aber „Rosalie Blum" ist auch kein Abklatsch fremder Vorbilder. mehr
"Spielt nicht mit den Schmuddelkindern" – "Die Welt" vom 25.9.2012 (Holger Kreitling)
Der französische Comiczeichner Baru erinnert sich in "Die Sputnik-Jahre" an seine eigene Kindheit. Es ist das verlorene Frankreich von "Der Krieg der Knöpfe" und "Der kleine Nick".
Zähne, überall Zähne. Weit aufgerissene Münder und Schlünde. Wenn in den Zeichnungen des Franzosen Baru jemand auch nur einen Hauch lauter spricht als nötig, ist das deutlichst zu sehen. Die Figuren zerreißen sich buchstäblich das Maul, Männer vor allem, aber auch ein paar der Frauen, etwa die Ukrainerin, die sich um ihre saubere Wäsche sorgt, während die Jungs Fußball spielen. Die Jungs lassen an ihren Zahnreihen schon erkennen, dass sie einmal groß und stark werden wollen, auch wenn es um blinde Aggression und Draufgängertum geht. Der Comiczeichner macht ganz klar: einmal große Fresse, immer große Fresse. Hervé Barulea, geboren 1947 in Lothringen, der sich Baru nennt, begann mit 50 Jahren, an einem Zyklus über seine Kindheit zu arbeiten. Die Geschichten, die gesammelt jetzt als "Die Sputnik-Jahre" vorliegen, erschienen von 1999 bis 2003. Sie lesen sich wie eine Inhaltsangabe von Franz Josef Degenhardts Gassenhauer "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern". Oberstadt, Unterstadt, nichts dazwischen. mehr
"Einmal Heimat - Fremde und zurück" – "Süddeutsche Zeitung" vom 13.9.2012 (Britta Schwem)
Simon sitzt auf der Rückbank. Seine Mutter ist schön wie Brigitte Bardot und hat ihrem Sohn für die Reise eine Superheldenfigur gekauft, die nun nicht mehr fliegen darf. Sein Vater Jean, ein cooler „Pierrot-le-fou“-Belmondo mit Sonnenbrille, sitzt rauchend am Steuer und lenkt den blauen Wagen schweigend in Richtung Süden. Allein das Autoradio darf die Ruhe begleiten, und so schrammelt Maxime Le Forestier seine „Éducation sentimentale“ aus den Lautsprechern. Simon blickt aus dem Fenster. Still kämpft er gegen eine dumpfe Angst an. Denn die Erziehung der Gefühle findet nur im Äther statt, während die reisende Familie teilnahmslos und stumm im kalten Dunst der Zigaretten erstarrt. Cyril Pedrosas neue Graphic Novel „Portugal“ beginnt Mitte der siebziger Jahre mit einer Sommerreise durch Südfrankreich und mit Bildern, die die Welt in ein mildes Sepia tauchen. mehr
"Ein Comic: Der Zoom Gottes" – "Die Presse" vom 18.8.2012 (Christoph Huber)
Marc-Antoine Mathieu lädt im Comic-Experiment "3 Sekunden" zur Lösung eines Kriminalfalls ein. Aber eigentlich ist sein "Zoom-Spiel" ein virtuoses philosophisches Bilderrätsel.
Die Szene erschließt sich auf den ersten Blick: Hier soll ein Mord geschehen. Ein Mann starrt auf sein Handy, wo eben eine Textnachricht eingegangen ist. Dahinter steht ein zweiter, eine Pistole auf den Kopf vor ihm gerichtet. Der Frau neben ihnen sieht fassungslos zu, die Puderdose fällt aus ihren Händen zu Boden. Aber der Schein trügt – es ist auch mehr als ein Blick. Ein „Zoom-Spiel“ nennt der Franzose Marc-Antoine Mathieu den Comic „3 Sekunden“. Diesen Zeitraum durchmisst er auf 80 Seiten in Form einer einzigen langen Vorwärtszoombewegung. mehr
"Der Horror, der nicht weichen will" – "Rolling Stone" 8/12 (Maik Brüggemeyer)
Charles Burns malte Albumcover für Iggy Pop und wurde mit der Serie "Black Hole" zu einem der gefragtesten Comiczeichner. Die Kulisse seiner neuen Trilogie hat er der eigenen Erinnerung entnommen. William S. Burroughs und "Tim und Struppi" zitierend, inszeniert er seinen subtilen Horror zwischen Punk und Kunst im Kalifornien der Siebziger: Bilder, die bleiben.
Charles Burns blutet. Das Papiertaschentuch in seiner rechten Hand färbt sich langsam rot. Er schaut etwas missmutig, denn er muss an diesem Tag mit dem verletzten Finger noch viele Bücher signieren. Der Ärger hat ihm ein paar vertikale Linien auf die sehr hohe Stirn gezeichnet. Wenn es sich hier nicht um die Realität handeln würde, sondern um einen seiner Comics, könnte über diese kleine Wunde der Horror in die Geschichte sickern. So wie in seiner zwölfteiligen Serie "Black Hole", die zwischen 1995 und 2005 erschien und ihn zu einem der weltweit populärsten Comicautoren machte. Dort infizieren sich Teenager über Körperflüssigkeiten mit einem geheimnisvollen Virus und leben dann als Aussätzige im finsteren Wald. Bei näherer Betrachtung sieht der 56-Jährige sogar ein bisschen aus wie eine Charles-Burns-Figur – ein sehr klares, bestimmtes Gesicht, scharf, mit perfektem Strich gezeichnet, dass man glaubt, man könnte sich daran schneiden. mehr
"Schildkröterich tut, was er tun muss" – "Süddeutsche Zeitung" vom 13.8.2012 (Christoph Haas)
Er ist einer der Stars der Graphic-Novel-Szene - jetzt erscheint das Debüt von Craig Thompson auf Deutsch. "Mach's gut, Chunky Rice" kommt ein wenig puritanisch daher - dennoch ist die Geschichte um ein tierisch rührendes Liebespaar lesenswert.
Kein junger amerikanischer Comic-Zeichner ist in der letzten Zeit so gefeiert worden wie Craig Thompson. Ein gutes Stück zu Recht: Mit der 2003 erschienenen Graphic Novel "Blankets", der Geschichte einer schwierigen Jugendliebe, bewies der damals gerade 27-Jährige sein überragendes Talent als Autor und Zeichner. Ein Jahr später folgte das "Tagebuch einer Reise", in dem Thompson sich mit den Folgen seines plötzlichen Ruhms auseinandersetzte. Im letzten Jahr kam dann "Habibi" heraus, ein fast 700 Seiten starker Brocken, der von der Kritik enthusiastisch begrüßt wurde, aber arg unter dem überzogenen Ehrgeiz litt, mit dem der Autor orientalisierende Fantasy und diverse Zeitkritik zu verbinden suchte. Nun liegt auch das im Original schon 1999 veröffentlichte Debüt von Thompson auf Deutsch vor. mehr
"Über weite Strecken großartig" – "Süddeutsche Zeitung" vom 5.8.2012 (Thomas von Steinaecker)
Ganz so existenzialistisch geht es in "3 Sekunden" nicht zu; aber auch hier gewinnt die komprimierte Situation des Anfangs mit jeder neuen Perspektive und jeder weiteren Zoomfahrt eine tiefere Dimension, bis sie beinahe globale Ausmaße annimmt. Denn dank seiner raffinierten Spiegelungen katapultiert uns Mathieu bald schon aus dem engen Zimmer der Tat hinaus auf die Straße, in ein Fußballstadion, ein Flugzeug und schließlich sogar in den Weltraum, durch den ein Überwachungssatellit kreist. Und langsam setzt sich das kriminalistische Kaleidoskop zusammen. Es geht - soviel verraten Plakate und Artikel von wie beiläufig herumliegenden Zeitungen - um einen Skandal bei der Fifa, um gekaufte Spiele, einen geheimnisvollen Maulwurf und eine Richterin in Gefahr, die wir mit angeketteter Aktentasche in einem Flugzeug sehen. mehr
"Jagd auf die letzte Margarita" – "taz" vom 28.7.2012 (Elise Graton)
Aisha Franz begeisterte Publikum und Kritik mit ihrem ersten Comicband "Alien". In ihrem neuen Werk "Brigitte und der Perlenhort" schickt sie eine Hündin als Geheimagentin auf gefährliche Mission.
Das Publikum in der Berliner Buchhandlung Ocelot wird langsam ungeduldig. Eine ältere Dame vermutet technische Probleme, während drei hibbelige Jungs sich bei der Leitung des Ladens nach einer Toilette erkundigen. Um die 40 Leute warten gespannt auf Aisha Franz' Präsentation ihres neuen Comicbuchs "Brigitte und der Perlenhort". Kaum stellt sich schließlich die 28-jährige Autorin und Illustratorin ans Mikro, sagt sie nur: "Ich muss noch kurz was holen", um erneut zu verschwinden. Also starrt man weiter auf die Leinwand, auf die eine Zeichnung einer zierlichen Hündin mit schwarzeckiger Brille und schicken Netzstrümpfen projiziert wird. Zumindest weiß man jetzt: Die tierische Protagonistin des neuen Werkes ähnelt ein wenig dem Menschen Aisha Franz. mehr
"Und dann spürte ich das eiskalte Metall" – "Die Welt" vom 25.7.2012 (Thomas Lindemann)
Vom Zwang der Zugehörigkeit: Ein Comic über eine Jugend in Syrien taugt als Handreichung für die Beschneidungsdebatte.
Am Anfang steht hier keine Debatte, keine Befindlichkeit, keine Position. Sondern ein etwa einen Meter fünfzig hoher Plastikroboter. Ein "Goldorak" muss Ende der Siebzigerjahre für syrische Jungs ungefähr das gewesen sein, was für deutsche Kinder derzeit Darth Vader ist. Die Aussicht, dieses mächtige Spielzeug zu bekommen ist es, die Riad einwilligen lässt: Der Achtjährige soll beschnitten werden. Wie alle sein Freunde. So nähert sich der Pariser Zeichner Riad Sattouf in dem Comic "Meine Beschneidung" dem Thema. Das Buch ist schon ein gutes Jahr auf dem Markt, wurde kaum bemerkt. Bis jetzt. Nun taugt es plötzlich als eine Handreichung zu einer hitzigen Debatte. Es erzählt, wie Kinder im islamischen Kulturkreis fühlen. Dass der Autor beim Zeichnen und Schreiben nichts wusste von der bald folgenden Aufregung, ist dabei ein großes Glück. mehr
"Der Göttliche Blick" – "Frankfurter Rundschau" und "Berliner Zeitung" vom 24.7.2012 (Christian Schlüter)
Spiegelfechtereien der allerschönsten Art und philosophische Betrachtungen: Marc-Antoine Mathieus Experimental-Comic „3 Sekunden“ erscheint in Deutschland.
Wie wäre es, einem Blick für drei Sekunden lang zu folgen? Diese Frage beantwortet der Comic von Marc-Antoine Mathieu in denkbar präziser Weise. Dabei beantwortet er nebenher auch noch die Fragen, wie der klassische Bildungsroman funktioniert, wie wir uns einen allmächtigen Gott denken müssten, was an seine Stelle treten müsste, falls es ihn gar nicht gibt, und was die Welt, so wie wir sie zu kennen glauben, eigentlich zusammenhält und zu einem menschenmöglichen Ort macht. Mit anderen Worten, es geht um so ziemlich alles. Das ist, zugegeben, ganz schön viel. Und es ist nicht auszuschließen, dass „3 Sekunden“ noch weitere Sinndimensionen birgt. mehr
"Klassenkampf und Kinderspiele" – "taz" vom 21.7.2012 (Christoph Haas)
Der französische Zeichner Baru ist hierzulande noch als großer Stilist und Fürsprecher der Marginalisierten zu entdecken - zum Beispiel in den Bänden "Die Sputnik-Jahre" und "Schönes neues Jahr".
Baru zählt in seiner französischen Heimat zu den bekanntesten Zeichnern seiner Generation. Mit Größen wie Enki Bilal und Jacques Tardi wird er in einem Atemzug genannt, und beim Comic-Festival in Angoulême erhielt er vor zwei Jahren den prestigeträchtigen "Grand Prix de la Ville". Bei uns jedoch ist der 1947 in Lothringen als Hervé Barulea Geborene lange ein Geheimtipp geblieben. Inzwischen hat sich das geändert. mehr
"Das sieht ja aus wie ein Rüssel!" – "Stuttgarter Zeitung" vom 17.7.2012 (Rupert Koppold)
Damals waren meine Cousins und ich cimmerische Krieger, denn wir hatten mindestens zehnmal ,Conan der Barbar‘ gesehen, den sich meine Eltern auf Video ausgeliehen hatten.“ So schreibt der 1978 geborene, in Syrien aufgewachsene und jetzt in Paris lebende Riad Sattouf in seinem Band „Meine Beschneidung“. Der Erzähler fährt in seiner Mischung aus Text und Comic fort: „Wir pinkelten oft draußen, Seite an Seite. Alles lief prima, bis man eines Tages meine Herkunft in Zweifel zog.“ Riads Penis, so stellen seine Spielkameraden fest, sehe aus „wie ein Rüssel“, der achtjährige Junge gerät deshalb in Verdacht, gar kein Cimmerier zu sein, sondern ein böser Israeli. mehr
"Alltag wie chinesische Wasserfolter" – "Süddeutsche Zeitung" vom 23.3.2012 (Christopher Pramstaller)
Ein Land, geteilt durch Beton, Elektrozäune und Misstrauen. Auf 759 Kilometern Länge umschließt Israels Sperranlage das Westjordanland. Zwei Comics erzählen vom Leben dies- und jenseits der Mauer, von unmenschlichen Schicksalen, der Sehnsucht nach Freiheit - und einer zerrissenen Gesellschaft.
Israel ist das Land der Grenzen. Nirgendwo auf dieser Welt gibt es so viele Trennlinien und Absperrungen, symbolisch wie physisch. Zwischen Eilat im Süden und Haifa im Norden, Tel Aviv im Westen und Jericho im Osten findet sich jede noch so erdenkliche Barriere. mehr
"Jenseits der Schmerzgrenze" – "Der Tagesspiegel" vom 20.3.2012 (Moritz Honert)
Kunstvolle Verwebung von Symbolen, Motiven und Figuren: In „X“ entführt der Comic-Altmeister Charles Burns in eine psychedelische Albtraumwelt.
Eier. Immer wieder Eier. Sie liegen neben dem Speck auf dem Teller, in der asiatisch anmutenden Garküche und gleich dutzendfach in den albtraumhaften Kellern unter dem Schlafzimmer von Doug alias Nitnit. Was aus ihnen schlüpfen wird? Man weiß es nicht. Wo sie herkommen, aber schon: Die rot-weiße gefleckte Schale ist ebenso ikonenhaft wie die Haartolle der Hauptfigur. Wer ihren Namen rückwärts liest, kommt schnell darauf: Nitnit, das ist Tintin, französisch für Tim aus „Tim und Struppi“. mehr
"Entdeckungsreisen mit feinem Blick" – "taz" vom 28.4.2012 (Katja Lüthge)
Angstfrei auch in komplizierten Gegenden: Guy Delisle und seine "Aufzeichnungen aus Jerusalem"
Die Nahrungsaufnahme ist ein unbestrittenes Grundbedürfnis des Menschen. Die Esskulturen, die sich um diesen Akt gebildet haben, variieren jedoch erheblich. Es gibt religiöse, politische, gesundheitliche, ethische, soziale, jahreszeitliche, hygienische, traditionelle, moralische, nachvollziehbare und idiosynkratische Gründe, die für oder gegen den Konsum bestimmter Dinge sprechen. Keines dieser Kriterien scheint für Guy Delisle zu gelten. Wie in seinen tagebuchartigen Comics "Shenzhen", "Pjöngjang", "Aufzeichnungen aus Birma" und "Aufzeichnungen aus Jerusalem" nachzulesen ist, nähert sich der weitgereiste kanadische Zeichner mit erstaunlicher Offenheit den jeweiligen Speisegepflogenheiten.mehr
"Wie ein Horror-Trip auf LSD" – "Süddeutsche Zeitung" vom 27.03.2012 (Fritz Göttler)
Charles Burns hat gegenwärtig den härtesten Strich aller amerikanischen Comic-Zeichnern, die stärksten Konturen, das tiefste Schwarz. Nach "Black Hole" ist "X" seine neue Chronik der amerikanischen Jugend der Siebziger - verstörend, deformiert, apokalyptisch. Ein Trip, wie man ihn sonst nur von William S. Burroughs oder David Lynch kennt.
Die Rieseneier mit dem gesprenkelten Ausschlag haben es in sich. Im Rührei, das man aus ihnen zubereitet, krümmen sich merkwürdige fötale Wesen, und wenn man eins aufschlägt, erwächst eine bedrohliche Schlingpflanze daraus. Die Natur ist völlig aus dem Gleichgewicht. Aber vielleicht ist alles auch nur ein wilder LSD-Traum. Ein Traum in einem Traum. So wie man es kennt von William S. Burroughs oder Philip K. Dick. Und später dann aus den Filmen von Lynch und Cronenberg (der unter anderem den "Naked Lunch" verfilmt hat). mehr
"Zeitreisen und legale Auftragsmorde" – "taz" vom 24.03.2012 (Michael Brake)
Pop oder Pulp? "Ich habe Adolf Hitler getötet" - der neue Comic des norwegischen Autors Jason
Zeitreisen sind immer ein tolles Erzählmotiv, werfen sie doch einen Batzen storytreibender Elemente und hochphilosophischer Fragen ab: Die Begegnung von Menschen aus verschiedenen Epochen etwa, super geeignet für Gesellschaftskritik oder lustige Missverständnisse. Dann die Frage nach der Veränderbarkeit der Geschichte, die Bedeutung des Schmetterlingseffektes, laut dem kleinste Veränderungen im Früher einen Rieseneinfluss auf das Heute haben können, dazu wunderschöne Paradoxien (darf ich meine eigenen Großeltern erschießen?) und natürlich diverse Parallelwelt- und "Was wäre, wenn"-Gebilde. mehr
"Halbe Götter mit ganzen Hunden" – "taz" vom 18.02.2012 (Katja Lüthge)
Inzest und Vatermord - Joann Sfar und Christophe Blain tauchen für ihre drei Comicbände "Sokrates der Halbhund" tief in die griechische Antike ein. Gerade erschien "Ödipus in Korinth"
Meine Philosophie fußt auf dem Dialog", sagt Sokrates und erklärt uns, wie er seinen Herrn durch geschicktes Fragen zu neuer Erkenntnis führt. So wenigstens die schöne Theorie. Allein sein Herr, der recht einfach gestrickte Halbgott Herakles, stellt sich wenig Fragen, und so muss sich Sokrates im Angesicht der Realität eingestehen: "Im Grunde reden wir kaum miteinander." mehr
"Die Lust, Tänzerinnen zu zeichnen" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 17.02.2012 (Christian Gasser)
Der 27-jährige Bastien Vivès ist der Star einer neuen französischen Comic-Generation. Produktiv, vielseitig und einfallsreich, hat er in wenigen Jahren mit einer Handvoll vielbeachteter Bücher für Aufsehen gesorgt. In "Polina" beschreibt er den Werdegang einer Tänzerin – und reflektiert sein eigenes Schaffen.
´Wenn sie mit sechs Jahren nicht beweglich sind, werden sie es mit sechzehn noch weniger sein. Beweglichkeit und Anmut kann man nicht lernen. Das ist eine Gabe." Das sagt Bojinski – ein ebenso berühmter wie gefürchteter Tanzlehrer, der sein Gesicht unter einem schwarzen Vollbart und seine Augen hinter dicken Brillengläsern versteckt – vor einer Gruppe sechsjähriger Mädchen. mehr
"Liebeserklärung an den Balletttanz" – "Berliner Morgenpost" vom 17.02.2012 (Katja Lüthge)
Die Versuchung ist groß, das Wesen des Balletttanzens mit Gegensatzpaaren zu beschreiben. Unaußösbar scheinen hier Schönheit und Schmerz, Arbeit und Anmut, Erfolg und Elend miteinander in einem Spannungsverhältnis zu stehen, stets nur einen winzigen Fehltritt voneinander entfernt.
Eine Konstellation mit dramatischen Potenzial mithin, die auch in Bastien Vivès Comic "Polina", der Hommage an eine fiktive Primaballerina, immer wieder spürbar wird. mehr
"Tanz in Schwarz und Weiß" – "Süddeutsche Zeitung" vom 20.12.2011 (Christoph Haas)
Es ist unmöglich, von Bastien Vivès nicht begeistert zu sein. Jedes der Alben, die der gerade 27-jährige Comic-Künstler seit vorletztem Frühjahr auf Deutsch veröffentlicht hat, ist ein Ereignis. Das liegt zunächst daran, dass Vivès ein geradezu traumhaft begabter Zeichner ist, der seinen Stil mühelos und mit einer erheblichen Variationsbreite dem jeweiligen Sujet anzupassen versteht. Und Vivès hat etwas zu sagen; er will nicht nur schöne Bilder liefern. mehr
"'Sonst müssen alle Quatsch machen'" – "taz" vom 16.12.2011 (Michael Brake)
Die Macher des wichtigsten deutschen Alternativ-Comicverlags über die Entdeckung des Gezeichneten als intellektuelle Kost
taz: Herr Rehm, Herr Groenewald, in diesem Jahr wurde Reprodukt 20 Jahre alt. Bekannt geworden seid ihr als alternativer Comicverlag - etwa durch umfangreiche Graphic Novels und komplexe Stoffe. Gegründet wurde Reprodukt 1991 als Einmannunternehmen. Was war damals deine Motivation?
Dirk Rehm: Amerikanische Comics, die ich in den späten Achtzigern gelesen hatte und großartig fand - die es in Deutschland aber so nicht gab, etwa "Der Tod von Speedy" von Jaime Hernandez, die erste Reprodukt-Veröffentlichung. Das war das erste Mal, dass Zeichner aus meiner Generation ihr Leben, ihre Träume, ihre Projektionen thematisiert haben und Comics machten, mit denen ich mich identifizieren konnte, die mich berührten, inhaltlich und grafisch.
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"Tausendundeine Macht" – "taz" vom 10.12.2011 (Andreas Fanizadeh)
Craig Thompsons "Habibi" ist die Graphic Novel des Jahres. ‹ber 600 packende Seiten zwischen Orient und Okzident, Realität und Imagination.
Ein Boot, "weit draußen auf einem Meer aus Sand", ist die Zufluchtstätte des Mädchens Dodola und des kleinen Jungen Zam. Sie sind entlaufene Sklaven. Dodola ist Araberin und wurde als Kind von einen Schriftgelehrten (zwangs)geehelicht. Ihr Ehemann, der ihr Vater respektive Großvater hätte sein können, entjungfert die Minderjährige, lehrt sie aber auch Lesen und Schreiben. Er ist Kopist religiöser Schriften. Dodola erfährt bei ihm also nicht nur die Schrecken des uneingeschränkten Patriarchats, sondern auch Respekt, erkundet so die philosophische Weiten intellektueller ‹berlieferung und Tradition. mehr
"Ein Platz im Leben" – "Der Freitag" vom 08.12.2011 (Steffen Vogel)
In Manu Larcenets Graphic Novel –Der alltägliche Kampf" ringt die junge Generation mit ihren Ängsten und Selbstzweifeln
Seit Jahren gehört er zu den produktivsten unter den jungen Comiczeichnern in Frankreich. Der ehemalige Punkrocker Manu Larcenet beherrscht die schrille Parodie so gut wie die leise Erzählung oder den respektlosen Kindercomic. Nun liegt eine seiner stärksten Arbeiten erstmals in einer deutschen Gesamtausgabe vor. Der alltägliche Kampf ist nicht nur ein tragikomischer Entwicklungsroman. Mehr noch liefert die ursprünglich vierbändige Serie beinahe nebenbei das Porträt einer verunsicherten Generation.mehr
"Liebe, Enttäuschungen, Ehebruch" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 11.11.2011 (Christian Gasser)
´Gemma Bovery´ – Posy Simmonds' Comic-Adaption von Gustave Flauberts klassischem Roman
Nicht nur der Titel dieses Comic-Romans, ´Gemma Bovery´, auch sein Plot verweist unzweifelhaft auf Flauberts ´Madame Bovary´ bzw. auf die Protagonistin Emma Bovary. Posy Simmonds' Geschichte spielt sich allerdings in der Gegenwart ab: Gemma Bovery ist eine junge Engländerin, die mit ihrem Gatten Charlie, einem Möbelrestaurator, in die Normandie zieht. Die Idylle des Landlebens im tiefen Frankreich verflüchtigt sich im dunklen, alten Haus jedoch schnell. Gemma langweilt sich, trauert einem Ex-Geliebten nach, verabscheut die Kinder ihres Manns, lernt diesen zu verachten und lässt sich schliesslich auch auf gefährliche Liebschaften ein. mehr
"Der Orient im Zerrbild der Liebe" – "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 19.10.2011 (Andreas Platthaus)
Sieben Jahre! So lange hat Craig Thompson an "Habibi" gearbeitet. Und eigentlich noch länger.
Denn seine letzte Comicpublikation, das Reisetagebuch "Carnet de Voyage" von 2004, erzählte bereits von den Recherchen für "Habibi", die den amerikanischen Zeichner nach Marokko geführt hatten. Nun ist der lang ersehnte Band endlich da. Er übertrifft die Erwartungen, und in mancher Hinsicht enttäuscht er sie auch. mehr
"Verkauft und vergewaltigt" – "Badische Zeitung" vom 29.10.2011 (Jürgen Schickinger)
Craig Thompsons opulente Graphic Novel "Habibi" versucht, dem Trauma männlicher Schuld zu begegnen
Als die Dürre das Land ausgetrocknet hatte, da verkauften mich meine Eltern als Braut." In einer staubigen Lehmhütte schließt Dodolas Vater, ein einfacher Bauer im arabischen Wanatolien, den Handel mit dem Schreiber ab. Besorgt fragt der künftige Gemahl des Kindes: "Ist sie alt genug für...?" Verscherbelt, geraubt, vergewaltigt. Später landet Dodola im Harem und im Kerker. Trost spenden ihr nur Geschichten und die Gedanken an Zam, ihren Schützling, von dem sie getrennt wurde. Er, der Waise, schlägt sich als Tagelöhner durch, bevor er sich kastrieren lässt, weil er sich unrein fühlt. Zam wird zu Hamera. mehr
"Das Imperium schreckt zurück" – "Süddeutsche Zeitung" vom 04.10.2011 (Fritz Göttler)
Eine phantastische Römer-Comic-Trilogie von Merwan & Vivès
Das Reich ist am Ende, damit geht diese Geschichte los, es herrscht bis an die Grenzen der bekannten Welt, kein Volk, keine Armee mehr, die ihm noch die Stirn bieten könnten, mit gnadenlos eingespielter Mechanik laufen seine Schlachten und Eroberungen ab. Eine perfekte Kriegsmaschine. mehr
"Dürfen's ein paar Haremsdamen mehr sein?" – "Spiegel Online" vom 03.10.2011 (Stefan Pannor)
So sehnsüchtig wie Craig Thompsons "Habibi" wurde kaum ein Comic erwartet. Doch der vielfach preisgekrönte Zeichner hat sich an seiner 700 Seiten starken Liebesgeschichte aus dem Orient leider ziemlich verhoben - denn er lässt fast kein Arabienklischee aus.
"Blankets" war die Comicsensation des Jahres 2004. Die melancholische Liebesgeschichte setze "neue Maßstäbe", schrieb das "Time-Magazine" und setzte "Blankets" auf die Liste der 100 wichtigsten amerikanischen Romane der letzten 100 Jahre, gleich neben der Graphic Novel "Watchmen" von Alan Moore und Dave Gibbons. Craig Thompson, der Autor und Zeichner von "Blankets" war damals gerade einmal 29 Jahre alt. mehr
"Ornamentale Bilderpracht" – "Frankfurter Rundschau" vom 23.09.2011 (Christian Schlüter)
Nach seinen ersten großen Comic-Erfolgen verschwand der amerikanische Zeichner Craig Thompson schnell wieder von der Bildfläche. Mit "Habibi" hat er jetzt dem Comic eine neue Dimension erschlossen.
Als der amerikanische Zeichner Craig Thompson vor acht Jahren seinen autobiografischen Comic "Blankets" veröffentlichte, wurde das allenthalben als Sensation gefeiert. Der Künstler hatte zuvor nicht viel mehr als einen kleinen Band herausgebracht, die grotesk-traurige Fabel "Good-bye, Chunky Rice", und legte nun ein wuchtiges, beinahe 600 Seiten starkes Meisterwerk vor. mehr
"Große Bildgewalt" – "WAZ" vom 22.09.2011 (Georg Howahl)
Der Amerikaner Craig Thompson erzählt nach seinem Erfolg "Blankets" im Comic-Meisterwerk "Habibi" ein modernes Märchen aus 1001. Nacht. Dabei spannt er den Bogen zwischen Christentum, Islam und Judentum.
Als Craig Thompson vor sechs Jahren seinen autobiografischen Comic "Blankets" veröffentlichte, war das eine Sensation: Eine authentische Liebesgeschichte, ebenso poetisch erzählt wie gezeichnet. Seitdem war es weitgehend still um ihn, weil er tief in den Arbeiten zu "Habibi" versunken war. mehr
"Such Wasser, mein Geliebter, und rette uns vor dem Tode" – "Die Welt" vom 20.09.2011 (Thomas von Steinaecker)
Die Vereinigung von Orient und Okzident auf dem Zeichenpapier: Heute erscheint Craig Thompsons weltenbewegende Graphic Novel "Habibi" auf Deutsch
Ein bisschen kann die Lektüre eines Comics dem Verzehr verbotener Früchte ähneln. Man hat viel Spaß dabei, aber am Ende bleibt manchmal ein irgendwie schaler Nachgeschmack zurück. Ein nicht unwesentlicher Grund dafür liegt in der Lektürezeit: Ein paar Hundert Comicseiten sind deutlich schneller durchgeblättert als die eines Romans, was dazu führt, dass man in den seltensten Fällen das Vergehen der Zeit auf den Bildern nicht nur gesehen, sondern auch erfahren hat. mehr
"Der Rhythmus auf weißem Papier" – "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vom 18.09.2011 (Tobias Rüther)
Nach acht Jahren endlich ein neuer Comic des Amerikaners Craig Thompson: "Habibi" ist ein orientalisches Gegenwartsmärchen
Craig Thompson, geboren 1975, lebt in Portland. Sein Band "Blankets", eine Art Autobiographie, erschien 2003 und hat Leser auf der ganzen Welt begeistert. "Habibi", das neue Buch, erzählt jetzt von einer Sklavin und einem Eunuchen in einem Land in der Wüste – und von den gemeinsamen Wurzeln der Religionen. mehr
"Nicht nur Kinderkram" – "Berliner Zeitung" vom 13.09.2011 (Katja Lüthge)
Zwanzig Jahre tolle Bilder: Der Berliner Comic-Verlag Reprodukt feiert Geburtstag mit einer Ausstellung bei Neurotitan
"Wir können ja Freunde bleiben", titelte der Berliner Zeichner Mawil seinen Comic, in dem sich der niedlich-schüchterne Brillenträger als stets scheiternden Beziehungssuchenden inszeniert. Erschienen 2003 bei Reprodukt, bildet die autobiografisch motivierte Erzählung so etwas wie die Quintessenz des von Dirk Rehm gegründeten Comic-Verlags, der nun sein zwanzigjähriges Bestehen feiert. mehr
"Knüpfmuster der modernen Zeit" – "Süddeutsche Zeitung" vom 11.07.2011 (Christoph Haas)
"Markttag" von James Sturm ist eine kunstvoll gewebte Graphic Novel, die die Arbeitsbedingungen von Künstlern, auch von Comic-Zeichnern, reflektiert
Ökonomie? Im Comic? Ist meistens kein Thema, so sehr sich das Themenspektrum des Mediums mittlerweile auch geweitet haben mag. Dabei sind die Arbeit und ihre Bedingungen zwei entscheidende Determinanten unseres Alltags. Dass eine Graphic Novel auch solche Gegenstände ebenso präzise wie anschaulich darstellen kann, zeigt nun der amerikanische Comic-Künstler James Sturm. mehr
"Hemingway ist ein Hund" – "n-tv" vom 02.07.2011 (Markus Lippold)
"Lost Generation" trifft auf "Pulp Fiction"
Großwildjagd? Stierkampf? Chauvinismus? Was Ernest Hemingway ausmachte, passt nicht ins 21. Jahrhundert. Der Autor, der sich vor 50 Jahren das Leben nahm, ist dafür Held einer Graphic Novel, die seine Jahre in Paris mit viel Humor darstellt - zwischen CafÈ, Pingpong und Schwanzvergleich. mehr
"Ohne Worte" – "Frankfurter Rundschau" vom 28.06.2011 (Christian Schlüter)
Ist das noch Comic oder Bilderbuch oder graphische Literatur? Shaun Tans Figurenkosmos bewegt sich im ‹bergang zwischen Mensch und Maschine. Mokis Geschichten führen ins Irgendwo. Bezaubernd sind beide Bilderwelten.
Moki macht nicht viele Worte. Auch nicht über ihre Person. Sie hält sich im Hintergrund und meidet den öffentlichen Auftritt. Nicht mal ihren eigentlichen Namen will sie bekanntgeben. Wir wissen nicht viel mehr über sie, als dass sie 1982 im sauerländischen Brilon geboren wurde und seit geraumer Zeit in Hamburg lebt. In der Freien und Hansestadt studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste, einem Zentrum auch für zeitgenössische Comic-Kunst. mehr
"Selbsthass im Zauberwald" – "Zeit Online" vom 27.06.2011 (Michael Brake)
Pubertierender Flausch: Die Comic-Zeichnerin Moki erzählt eine stille, beeindruckende Geschichte übers Erwachsenwerden inmitten verzauberter Landschaften.
Die Verwandlung kommt über Nacht. Seltsame Wesen, die zwischen dunklen Tannen oben auf dem Berg wohnen, haben sie veranlasst. Und so findet sich der koalaartige Waldgeist auf einmal in einem fremden, falschen Körper wieder: dem eines Fuchses, mit buschigem Schweif, spitzer Schnauze und viel zu langen Gliedmaßen. Welch ein Drama! Fassungslos blickt die noch kindliche Seele des Geistes seine neue Hülle aus der Vogelperspektive an – um sich sogleich unter Waldlaub zu verstecken. Niemand soll ihn so sehen. mehr
"Eine universelle Geschichte" – "taz" vom 25.06.2011 (Steffen Vogel)
Der US-Comicautor James Sturm präsentiert im Neuköllner Heimathafen seine neue Graphic Novel "Markttag". Eine Erzählung über einen jüdischen Teppichknüpfer, dessen ökonomische Existenz bedroht ist
Den Druck des Marktes kennt James Sturm gut. Zwar kann der gebürtige New Yorker von seinen Comics leben, doch viele seiner Bekannten hätten sich aus finanziellen Gründen von der Kunst verabschieden müssen, erzählt er. Seine jüngste Graphic Novel, "Markttag", versteht er daher nicht nur als historische Erzählung, auch wenn sie im Osteuropa der Zwischenkriegszeit spielt. Handelt der soeben bei Reprodukt erschienene Band doch von dem Teppichknüpfer Mendelmann, der seine kunstvoll gefertigten Arbeiten plötzlich der Konkurrenz industrieller Massenware ausgesetzt sieht. mehr
"Mendelmanns Untergang" – "Jüdische Allgemeine" vom 23.06.2011 (Tobias Prüwer)
James Sturms ´Markttag´ zeigt das Schtetl-Leben ohne falsche Romantik
Irgendwo in Osteuropa, irgendwann im frühen 20. Jahrhundert liegt ein Mann nachts wach. Er fiebert dem Morgen entgegen, an dem er einmal mehr zum Markt in die Stadt aufbrechen wird. Zudem lässt ihn die Angst um seine Frau Rachel und ihr ungeborenes Kind schlecht schlafen. Noch vor den ersten Lichtstrahlen bricht der Teppichknüpfer Mendelmann – man erfährt nur den Nachnamen – auf. In schleierverhangenen Bildern lässt der Mann seine kleine Siedlung hinter sich und trottet mit seinem Eselgespann voller Waren einsame Wege und Straßen entlang. Er zählt seine Schritte, während er Bildrahmen um Bildrahmen durchquert – das besondere Taktmaß verleiht ihm einen beruhigenden Rhythmus. mehr
"Globalisierung im Schtetl" – "Jungle World" Nr. 25 vom 23.06.2011 (Jonas Engelmann)
James Sturms Comic ´Markttag´ ist ein gelungenes Porträt jüdischen Lebens im Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.
Das Uneindeutige bestimmt ´Markttag´, den ersten ins Deutsche übersetzten Comic des in den USA sehr erfolgreichen Zeichners James Sturm. Weder über die genaue Zeit noch den Ort der Handlung wird der Leser aufgeklärt: Irgendwo in einem osteuropäischen Schtetl, irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts bricht der Teppichknüpfer Mendelmann vor Morgengrauen in die Stadt auf, bietet dort seine Ware an und kehrt schließlich nach Hause zu seiner schwangeren Frau zurück. mehr
"Halb so schlimm" – "Junge Welt" vom 15.06.2011 (Michael Saager)
Monsieur Jean und seine Freunde: Ein Kultklassiker entwickelt sich und geht mit ´Vom Wahren des Gleichgewichts´ in die nächste Altersrunde
Manche Dinge werden nie langweilig, Eifersucht zum Beispiel. Und was Comics können, können nur Comics: Kleine Wolken, in denen Gedanken zu lesen sind, gibt es sonst nirgends. Zusammen mit einem Pärchen, bei dem eine Menge, aber selbstverständlich nicht alles stimmt, sowie einem gewissen Gespür für Alltagspointen kann man so auf einer einzigen Comicseite einen recht ordentlichen Interaktionsknoten binden: aus Schweigen und Reden, Sagen und Meinen, enttäuschten Erwartungen und einer ganzen Palette von Emotionen. mehr
"Jugend, seziert" – "Zeit online" vom 08.06.2011 (Daniel Wüllner)
Charles Burns' Comics laden in schwarz-weiße Albtraumwelten ein. Sein Teenager-Drama "Black Hole" zeigt uns, was wir lieber verdrängt hätten.
In Amerika ist Charles Burns ein gefragter Illustrator und bekannter Comic-Künstler. Seine Veröffentlichungen in Art Spiegelmanns Comicmagazin RAW und sein Plattencover für Iggy Pop weckten das Interesse an seinen glatten, schwarz-weißen Zeichnungen und für die albtraumhaften Visionen, die sich dahinter verbergen. In seinen Comics verbindet Burns die Nostalgie für die Horror-Comics der 1950er Jahre mit seinem Interesse an mexikanischen Wrestlern und eingelegten Föten. Mit seinem Zeichenzeug seziert er unsere Gesellschaft. Zum Vorschein kommt Verdrängtes. mehr
"Die Krankheit Jugend" – "Süddeutsche Zeitung" vom 25.05.2011 (Fritz Göttler)
Den einen wachsen Schwimmhäute, den anderen ein Schwänzchen am Po – und übertragen wird die Teenager-Pest durch Sex: Charles Burnsí "Black Hole" könnte der schwärzeste Comic der letzten Dekaden sein.
Die Seuche ist nicht weiter erklärlich in ihrer Ursache, sie trifft die amerikanischen Teenager in ihrer aufregendsten Zeit, gegen Ende der Schulzeit. Teenager-Pest wird sie genannt, oder the bug. Sie ist erstaunlich variantenreich, auf grausam subtile Weise, in ihren körperlichen Auswirkungen, die einen haben plötzlich dicke Pusteln und Beulen im Gesicht, anderen wachsen Schwimmhäute zwischen den Fingern, einer entwickelt einen kleinen zweiten Mund am Hals, der wie ein Bauchredner-Dummy das Geschehen kommentiert, eine andere hat ein Schwänzchen am Po. mehr
"Fegefeuer der Adoleszenz" – "Die Welt" vom 21.05.2011 (Thomas von Steinaecker)
Der Horror, der das Leben erklärt: Die Graphic Novel "Black Hole" von Charles Burns ist große Literatur
Im Jahr 1954 loderten in den USA die Scheiterhaufen. Gewissenhaft hatten Familienväter Kinderzimmer durchforstet und gemeingefährliche Ware sichergestellt, um sie den Flammen zu übergeben. Nein, es ging nicht um Drogen oder Waffen. Viel schlimmer: Comic-Hefte. Grund für diese größte Bücherverbrennung nach dem Ende des Dritten Reichs war der Bestseller "Verführung der Unschuldigen" des Psychiaters Frederic Wertham, der Eltern vor der zügellosen Darstellung von Gewalt in Crime-Comics warnte. mehr
"Literatur und Grafik" – "Frankfurter Rundschau" vom 12.04.2011 (Ole Frahm)
Behauptet seine eigene literarische Form: Im Comic-Band "Dri Chinisin" greift Sascha Hommer Erzählungen von Brigitte Kronauer auf. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich zwischen Schrift und Bild ein Raum öffnet für eine graphische Literatur. Nicht nur für Kinder!
Comics als Literatur? Immer wieder wird diese Perspektive für die seriellen Bildchen eröffnet: Als würde es nicht genügen, dass sie mit ihren populären Figuren eine ganz eigene Ästhetik jenseits von Kunst und Literatur entwickelt haben. Und als hätten sich nicht schon Autoren wie Rolf-Dieter Brinkmann oder Elfriede Jelinek nach einer Literatur gesehnt, die sich an "Batman und Robin" orientiert. mehr
"Ich übertrage meine inneren Kämpfe" – "Der Standard" vom 11.04.2011 (Karin Krichmayr)
Das internationale Fumetto-Festival in Luzern widmet dem Zeichner Daniel Clowes erstmals eine umfassende Werkschau
Mit seiner Graphic Novel Ghostworld gelang Daniel Clowes, was den meisten Comiczeichnern zeitlebens verwehrt bleibt: Er wurde schlagartig berühmt. Das Coming-of-Age-Buch über zwei Teenager, die an der Mittelmäßigkeit ihres Vorortdaseins leiden, wurde 2001 mit Scarlett Johannson und Steve Buscemi in den Hauptrollen verfilmt, Clowesí Drehbuch wurde für den Oscar nominiert. Ein Auftritt bei den Simpsons, Covers für The New Yorker und die Verfilmung von Art School Confidential folgten. Gemeinsam mit Chris Ware und Charles Burns zählt er heute zu den wichtigsten US-Comic-Autoren. Noch bis 17. April sind seine Werke beim Festival Fumetto in Luzern zu sehen. mehr
"Star ohne Superhelden" – "NZZ am Sonntag" vom 10.04.2011 (Regula Freuler)
Daniel Clowes ist einer der einflussreichsten Comic-Künstler aus den USA und Experte für menschliche Abgründe. Am 20. Comix-Festival Fumetto in Luzern ist er Ehrengast.
Ich habe die letzte Nacht kein Auge zugetan´, sagt Daniel Clowes entschuldigend und blinzelt in die Morgensonne, die sich den Vierwaldstättersee als spiegelnde Verstärkung geholt hat und einem zu dieser frühen Stunde bis in die Hotel-Lobby nachfunkelt. Ein neunstündiger Flug und der Jetlag sitzen dem Comic-Künstler in den Knochen. Und die werden in wenigen Tagen immerhin 50 Jahre alt. Nicht dass er danach aussieht. Mit einer sympathischen Schlaksigkeit lehnt er im Sessel, und wenn er lacht, verwandelt sich sein Gesicht in das eines Mittdreissigers, der zufälligerweise nur noch wenige, dafür vollständig ergraute Haare hat. mehr
"Als die Kids noch allright waren" – "taz" vom 01.04.2011 (Sven Jachmann)
Die junge Comicautorin Martina Lenzin setzt sich in "rpm" mit der letzten heroischen Jugendbewegung auseinander
Subkultur und Jugendrevolte gleichen heute ausgehöhlten Zeichensystemen eines gestrigen Aufruhrs. Zur politischen Vernetzung, gar als eine Sozialisationsinstanz taugen sie heute nicht mehr viel. Ihre Klänge verhallen entweder in den Marketingagenturfluren, bündeln sich ungehört zum Datenstrom in den Weiten des Internets oder verkommen zum erstarrten Ritual des Immergleichen. Widerstand und Konformität jedenfalls lassen sich heutzutage immer schwerer voneinander unterscheiden. Das war natürlich mit Abstrichen auch früher nicht anders. Im Post-Punk artikulierte sich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre eine Bewegung, die ideologisch der nihilistischen Attitüde des Punk mit der Politisierung sämtlicher Lebensbereiche und vollkommener Kontrolle über alle Produktionsstadien entgegentrat. mehr
"Die mit den schlecht gezeichneten Comics" – "Literaturen" 12/2010 (Jens Balzer)
Keine harten Helden, keine sprechenden Tiere: Wie der Reprodukt-Verlag die ´Graphic Novel´ nach Deutschland brachte und den literarischen Comic populär machte.
Ein von Piraten entführter Maler erlebt im 18. Jahrhundert Abenteuer auf allen Weltmeeren und bricht die Herzen der stolzesten Frauen. Eine Schriftstellerin erkundet im Bremen des Jahres 1831 das Schicksal der Giftmischerin Gesche Gottfried. Ein Trickfilmzeichner wird im Jahr 2005 durch kapitalistische Outsourcing-Prozesse in ein nordkoreanisches Animationsstudio verschlagen und versucht, die Geheimnisse des rätselhaften Landes zu lüften. Ein junges Mädchen stößt anno 1960 im Hamburger Rotlichtbezirk auf eine verrückte Band aus Liverpool und verliebt sich in ihren Bassisten. mehr
"Grimassen schneiden am Lichttisch" – "taz" vom 21.03.2011 (Nina Apin)
Pubertierende, Außerirdische und einsame Frauen in der Reihenhaussiedlung: In ihrem ersten fetten Comic "Alien" baut Aisha Franz ein skurriles Universum. Porträt der jungen Zeichnerin aus Berlin
Ein Gefühl von Verlorenheit: Das hat man sofort vor Augen in "Alien", dem gleichnamigen Comic von Aisha Franz. Ein kleines Mädchen versteckt einen Außerirdischen im Kinderzimmer, ihre große Schwester kapselt sich mit Sex-und Ausreißerfantasien von ihrer Umgebung ab. Isoliert und unglücklich trauert die Mutter ihrem verlorenen Lebensglück nach. Drei Frauen in einer Reihenhaussiedlung zeichnet Aisha Franz, jede gefangen in ihrer Innenwelt, alles in grau verwischtem Bleistiftton. mehr
"Die Partymeute tobt" – "taz" vom 11.03.2011 (Sven Jachmann)
Party-Orte als weitläufige Räume des ritualisierten Exzesses " Brecht Evensí preisgekrönte dritte Comicarbeit "Am falschen Ort"
Bereits im ersten Bild sind Verletzung und Einsamkeit vereint: Ein grau gezeichneter Mann kauft eine Menge Flaschen Alkohol für seine Party und auf die scherzhafte Frage der Verkäuferin, ob sie auch eingeladen sei, folgt mit einem freundlichen Lächeln lapidar: "Nein."
Was zu Beginn arrogant anmutet, soll sich später als soziale Befangenheit herausstellen: Gert, so heißt der Mann, schmeißt eine Party, aber die wenigen Gäste, allesamt ehemalige Schulfreunde, kommen nicht bloß aus unschuldiger Feierlaune. Man wartet auf den heimlichen Star des Abends, der nicht erscheinen wird, Robbie. mehr
"Von der Party gezeichnet" – "FM4", ORF.at vom 08.03.2011 (Zita Bereuter)
Oder auf der Party gezeichnet – und die ist dort, wo er ist: Robbie. Alle andern sind "Am falschen Ort" – eine prächtige Graphic Novel von Brecht Evens.
Eine fröhliche Polonaise schwingt sich ausgelassen über Vorder- und Rückseite des Buches. Dreht man das Buch leicht, kann man je nach Lichteinfall einzelne Sätze lesen – transparent glänzend geben sie typische Gesprächsfetzen und Gelächter einer Party wieder. Aber schon der Titel läßt ahnen, dass irgendwas nicht stimmt: "Am falschen Ort" von Brecht Evens. mehr
"Welterschließende Kraft" – "Frankfurter Rundschau" vom 07.01.2011 (Christian Schlüter)
Eine ganz eigene Form der Verständigung: Maria und Miguel Gallardos hinreißende Bilderzählung "Maria und ich" gibt Zeugnis von der Kommunikation zwischen einem zeichnenden Vater und seiner autistischen Tochter. Eine hinreißende Liebeserklärung.
Ganz einfach, dieser Comic ist eine Liebeserklärung. Aber was für eine: "Maria ist Maria und ich bin ihr Vater, manchmal ärgern wir einander, meistens lachen wir, wir reden pausenlos, vor allem sie. Ich zeichne gern für sie und mag es, auf diese Weise mit ihr zu kommunizieren. Maria ist die beste Tochter, die sich ein Vater wünschen kann.".
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"Bitte sagen Sie jetzt nichts" – "Die Welt" vom 05.01.2011 (Brigitte Preissler)
Bastien Vivès erzählt eine verführerische Liebesgeschichte
Man kann nicht anders, als sich in die Rothaarige, der Vivès' Erzähler begegnet, selbst zu verlieben.
Schauplatz Unibibliothek. Fahles, gelbgrüngraues Licht. Im Hintergrund, schemenhaft, Studenten. So sieht ein rundum langweiliger Ort aus. Aber da sitzt sie, diese Rothaarige, und liest - irgendwas von Wittgenstein. Oder tut sie etwa bloß so? Sie lässt den Blick durch den Raum schweifen. Unvermittelt schaut sie dem Betrachter in die Augen. Bastien Vivès erzählt in seiner Graphic Novel "In meinen Augen" eine alltägliche Geschichte: Jemand verliebt sich. Später wird es kompliziert.
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"Siegeszug unter falscher Flagge" – "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 30.12.2010 (Andreas Platthaus)
Wenn es nur einen einzigen neuen Comic zu benennen gälte, der die Vorzüge dessen, was man heute "Graphic Novel" nennt, beweisen müsste, dann hieße die Wahl: "Rembetiko".
Dieser Band, den der 1969 geborene David Prudhomme im vergangenen Jahr in seiner französischen Heimat herausgebracht hat, ist jetzt sehr schnell auch ins Deutsche übersetzt worden: von Reprodukt, einem kleinen Berliner Verlag, der sich mit am kompromisslosesten dem neuen Genre der Graphic Novels verschreibt. Andere deutsche Verlage hatten "Rembetiko", der in Frankreich gefeiert wurde, abgelehnt. Aber ist dieses Genre überhaupt neu? mehr
"Das Phantom des Harems" – "Süddeutsche Zeitung" vom 29.12.2010 (Stephanie Drees)
Sozialstudie in Wasserfarben: Brecht Evens' 'Am falschen Ort'
Manchmal scheint die Welt zu verschwimmen, fließen die Konturen ineinander.
Auf Papier ist dieses Gefühl nicht einfach abzubilden, sowohl Worte als auch Bilder müssen für eine Bewegung stehen, die sich im Kopf des Lesers in Gang setzt. Brecht Evens hat mit seiner Graphic Novel 'Am falschen Ort' den Versuch unternommen und eine Welt der tragisch-komischen Verlierer geschaffen. mehr
"Alltagspessimisten und skeptische Außenseiter" – "Neue Osnabrücker Zeitung" vom 27.12.2010 (Daniel Benedict)
Im Bereich der Comic-Literatur findet gerade eine kreative Explosion statt. Hierzulande fällt das besonders auf, weil deutsche Verlage mit immer mehr Mut Graphic Novels auf den Markt bringen – und dabei auf fremdländische Arbeiten der letzten Jahre zurückgreifen, für die das hiesige Publikum bislang wohl nicht reif war.
Gerade erscheinen zwei Werke von Daniel Clowes auf Deutsch, von denen eins die amerikanischen Leser schon vor zehn Jahren begeisterte: Neben der aktuellen Midlife- und Dauerkrisen-Geschichte "Wilson" (seit Anfang des Monats bei Eichborn) hat der Reprodukt Verlag nun auch den vor zehn Jahren entstandenen Coming-of-Age-Thriller "David Boring" übersetzt. mehr
"Geschichten mit Pirouetten" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 24.12.2010 (Christian Gasser)
Die erste deutschsprachige Gesamtausgabe von Tove Janssons Comic-Strip ´Die Mumins´
Weil er einen Roman über das Meer schreiben will, bewirbt sich Muminpapa um eine Stelle als Leuchtturmwärter und verfrachtet seine Sippe auf einen kargen Felsen im Meer. Das Eiland wirkt verwunschen, Muminmama vermisst den Garten, Mumin selber wird von einem Gespenst in Angst und Schrecken versetzt, das Snorkfräulein stürzt sich in eine gefährliche Situation, um ihren Liebsten von der Angst zu heilen. Und um die vorüberfliegenden Vögel nicht zu verwirren, stellen die Mumins das Licht im Leuchtturm ab. Auf zwanzig Seiten entfaltet Tove Jansson so eine bei allem Witz tief berührende Geschichte um Ambitionen und Angst, Liebe und Heimweh: Muminpapa schmeisst seinen Meer-Roman ins Wasser und schreibt einen Roman mit dem Titel ´Wie teuer ist mir die heimische Veranda´.
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"Linke Seifenopern" – Interview Andreas Michalke – Deutschlandradio Kultur vom 15.12.2010 (Dirk Schneider)
Jede Woche erscheint in der linken Berliner Zeitung "Jungle World" der Comicstrip "Bigbeatland". Sein Schöpfer ist der Zeichner Andreas Michalke, der in seinen Bildern der linken deutschen Subkultur, oft genug aber auch der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Jetzt ist der zweite Band mit den gesammelten Geschichten der linken Comic-Seifenoper erschienen.
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"Riad Sattouf: Meine Beschneidung – Im Mittleren Osten nichts Neues" – "Der Freitag" vom 12.12.2010 (Markus Dewes)
Ich denke, dass wenige Medien abseits des Comics so gut geeignet sind komplexe (und nicht selten widersprüchliche) Sachverhalte unterhaltsam und vor allem unaufdringlich darzustellen.
Meine Beschneidung ist hierfür das beste Beispiel. Ein Kleinod, in dem der offen rassistische Antisemitismus Syriens schonungslos seziert und angeklagt wird, in dem ein Sohn keinerlei Entscheidungen seines Vaters hinterfragen darf, in dem man den Protagonisten beim Erwachsenwerden begleiten kann und seiner stillen Angst vor dem Hineinwachsen in eine ritualisierte Männlichkeitsform beiwohnen darf.
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"Pilzkopf, aus Liebe geboren" – "Spiegel Online" vom 08.12.2010 (Sebastian Hammelehle)
Heute vor 30 Jahren starb John Lennon, eine Ikone der Popmusik. Aber wie war das eigentlich,†damals in Hamburg,†wo alles begann? Der Zeichner Arne Bellstorf hat aus der Romanze des Beatles-Bassisten Stuart Sutcliffe und der Fotografin Astrid Kirchherr einen wunderschönen Comic gemacht.
Es ist nur ein Blick, den die beiden austauschen, von einem Bild zum anderen: Links oben auf der Seite Astrid Kirchherr, im Kästchen nebenan Stuart Sutcliffe. Beide schielen zum Bildrand. Für den Leser ist es, als würden sich ihre Blicke mittendrin, zwischen den Bildern, treffen. mehr
"Das Staunen über die Musik und übereinander" – "Berliner Zeitung" vom 03.12.2010 (Brigitte Helbling)
Arne Bellstorfs berührender Comic über Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe zu Anfangszeiten der Beatles
Genauso habe sie sich gewünscht, dass das Ende ihrer Liebesgeschichte mit Stuart Sutcliffe erzählt werde, sagte die Fotografin Astrid Kirchherr neulich bei einer Presskonferenz im Hamburger Beatles-Museum. Es war das schönste Kompliment unter vielen Komplimenten, die die Frau des verstorbenen Beatles-Bassisten Stuart Sutcliffe dem Comic-Künstler Arne Bellstorf machte, der ihre Zeit mit den Beatles Anfang der 1960er-Jahre in der Graphic Novel "Baby's in Black". mehr
"Baby's in black" – "fm4.ORF.at" vom 15.11.2010 (Zita Bereuther)
Manche Liebesgeschichten sind zu unglaublich, um wahr zu sein. Etwa die Geschichte zwischen Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe, dem fünften Beatle. Arne Bellstorf zeichnet große Gefühle.
"Baby's in Black" ist der Titel eines Liedes, das John Lennon und Paul McCartney 1964 aufgenommen haben. Darin besingen sie eine trauernde Frau – eine Freundin von ihnen aus Hamburg, die junge Astrid Kirchherr.
Astrid Kirchherr hat ihr Kunststudium abgeschlossen und arbeitet bei einem Fotografen. Sie ist eine junge, zarte Frau - mit ihrem blonden Kurzhaarschnitt erinnert sie an Jean Seaberg in "Bonjour Tristesse". Tatsächlich haben sich die Künstlerin und ihre Studienfreundinnen ganz dem französischen Existentialismus verschrieben, wie der Zeichner Arne Bellstorf von Astrid Kirchherr weiß: "Deswegen wurde ihre Gruppe, diese Szene, in Hamburg 'Exies' genannt, die sich an der französischen Kultur orientiert haben, am Paris von Sartre und Camus und im starken Kontrast standen zu der Jugendkultur in Deutschland, die sich an Amerika orientiert hat – also die Halbstarken und die Arbeiterkids, die halt Rock'n'Roll gehört haben. Da war Astrids Welt schon was anderes." mehr
"Syrische Beschneidung" – "taz" vom 13.11.2010 (Waldemar Kesler)
Riad Sattouf wuchs in Algerien und Syrien auf. Nun erscheint sein Buch "Meine Beschneidung" auf Deutsch. Es erzählt von Riten, die wehtun
Der 1978 in Paris geborene Riad Sattouf nimmt sich am liebsten der Nöte der Adoleszenz an. In seinem Kinodebüt "Jungs bleiben Jungs" ("Les Beaux Gosses", Frankreich 2009) begleitet er seinen Protagonisten bei den ersten tapsigen Liebesschritten. Dafür wurde er als Regisseur mit dem französischen CÈsar in der Kategorie "bestes Erstlingswerk" ausgezeichnet. Für das Satiremagazin Charlie-Hebdo verarbeitete er drei Jahre lang wöchentlich auf der Straße aufgeschnappte Gesprächsfetzen und Szenen von Jugendlichen. Diese Eindrücke sind in dem 2007 in Frankreich erschienenen Band "La vie secrète des jeunes" ("Das geheime Leben der Jugend") versammelt. Dort tritt besonders eindrücklich zutage, dass Riad Sattouf Situationen liebt, die zu betrachten auch mal wehtun können. mehr
"Schwer verliebt" – "Frankfurter Rundschau" vom 01.11.2010 (Christian Schlüter)
Eine mitreißendere, in jeder Hinsicht gelungenere Liebesgeschichte hat es in der graphischen Literatur lange nicht gegeben. Dabei bietet sie weder Happy End noch Tragödie.
Was für eine Liebeserklärung! Was für ein ‹bermut! Bastien Vivèsí Comic "In meinen Augen" geht aufs Ganze. Als hätte der 1984 geborene Franzose nichts zu verlieren. Als wäre ihm vollkommen gleichgültig, mit solch einem Projekt eigentlich nur scheitern zu können. Doch um es gleich vorweg zu sagen: Eine mitreißendere, in jeder Hinsicht gelungenere Liebesgeschichte hat es in der graphischen Literatur lange nicht gegeben. Dabei bietet sie weder Happy End noch Tragödie. Nur eine entzückende Hauptdarstellerin, sie zieht uns sofort in den Bann. Oder in den Wahnsinn, weil sie ein so flüchtiges wie albernes Wesen ist. Unfertig, unreif, nur mit sich selbst beschäftigt. mehr
"Merchandising im Namen des Herrn" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 29.10.2010 (Christian Gasser)
In ´Gott höchstselbst´ stellt sich Marc-Antoine Mathieu keine geringe Frage: Was würde geschehen, würde Gott sich heute in unsere Mitte wagen? Er beantwortet diese Frage in einem ebenso klugen wie boshaften Comic.
Volkszählung: Geduldig steht ein alter Mann mit weissem Bart in einer Warteschlange. Als er an die Reihe kommt, hat er keine Papiere. Der Beamte fragt ihn nach seinem Namen. Gott, antwortet der Greis. Gott mit Vornamen und Gott mit Nachnamen, einfach: Gott. Der alte Mann wird umgehend in eine Irrenanstalt geschickt. ´Gott kommt zu uns Menschen, und das läuft ganz anders ab, als man es erwarten könnte´, sagt der französische Comic-Autor Marc-Antoine Mathieu über seinen neuen Comic ´Gott höchstselbst´. In dieser absurden Farce seien Missverständnisse programmiert: ´Es ist fraglich, ob Gott noch an die Menschen glaubt, und ebenso fraglich ist, ob die Menschheit noch an Gott glaubt.´ mehr
"Beatles-Liebesgeschichte: Kaiserkeller, mon amour" – "Hamburger Abendblatt" vom 28.10.2010 (Alexander Josefowicz)
Ein ergreifender Comic über die Liebe zwischen dem fünften Beatle und seiner Fotografin im Hamburg der Kaiserkeller-Ära vor 50 Jahren.
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man auf die Idee kommen, Arne Bellstorf wäre dabei gewesen. Damals, 1960 auf der Reeperbahn. Als die Beatles noch über einem Kino wohnten, jeden Abend im Kaiserkeller auftraten und statt Pilzköpfen Rock-'n'-Roller-Tollen trugen. Doch der Künstler Bellstorf ist nicht dabei gewesen, er ist erst 31 Jahre alt. Und trotzdem erwecken die Bilder in seinem Comicband "Baby's in Black - The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe" den Kiez der Vergangenheit zum Leben. Und seine Geschichte über Liebe, Kunst und Musik zieht einen in ihren Bann. mehr
"Der Beatles-Bassist und die Fotografin" – "Deutschlandradio Kultur" vom 22.10.2010 (Olga Hochweis)
Arne Bellstorfs "Baby's in Black" macht ein weniger bekanntes Kapitel der frühen Beatles-Geschichte auf ungewöhnliche Weise plastisch - die Liebesgeschichte von Stuart Sutcliffe, dem ersten Bassisten der Band, und der deutschen Fotografin Astrid Kirchherr.
"Baby's in black" erzählt eine besondere Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts: die von Stuart Sutcliffe, dem ersten Bassisten der Beatles, und der deutschen Fotografin Astrid Kirchherr. Die beiden hatten sich im Oktober 1960 im Hamburger "Kaiserkeller" kennengelernt. Sutcliffe stand auf der Bühne. Astrid Kirchherr saß mit ihrem Freund Klaus Voormann im Publikum. mehr
"Love Me Tender" – "Tagesspiegel am Sonntag" vom 17.10.2010 (Lars von Törne)
Astrid Kirchherr und der erste Bassist der Beatles, Stuart Sutcliffe, waren ein Paar. 50 Jahre später hat Tagesspiegel-Zeichner Arne Bellstorf ihre tragische Liebesgeschichte als Comic nacherzählt.
Wie schön diese Jungs sind! Als die junge Hamburger Fotografin die fünf Musiker an jenem Oktoberabend zum ersten Mal auf der Bühne sieht, ist sie überwältigt. "Sie sahen einfach traumhaft aus", erinnert sich Astrid Kirchherr an den Abend 1960. Die coolen Jeans und Lederjacken, die von Marlon Brando inspirierten Haartollen, das Charisma, das sie ausstrahlen, während sie den Keller mit Songs wie "Roll Over Beethoven" oder "Dizzy Miss Lizzy" zum Kochen bringen: "Der Traum einer Fotografin." mehr
"Tanz den Metaxas" – "taz" vom 02.10.2010 (Waldemar Kesler)
"Rembetiko" - der neue Comic von David Prudhomme erzählt ein vergessenes Kapitel aus der Zeit der griechischen Obristendiktatur
Der französische Zeichner David Prudhomme erzählt in seiner Comicgeschichte "Rembetiko" von der Freiheit von Musikern im faschistischen Griechenland 1936. Es ist eine elegische Geschichtsschau über die Möglichkeiten und den Missbrauch der Kunst.
Bei einem Besuch in einem griechischen Restaurant mag es vorkommen, dass im Hintergrund unbemerkt eine Musik läuft, derentwegen im Griechenland der dreißiger Jahre Migranten aus Kleinasien von der faschistischen Diktatur verfolgt wurden. Diese Musik ist der "Rembetiko", der mit seinem schwermütigen Klang dem Blues oder dem Fado verwandt ist. Er war die Musik der Außenseiter, der Halb- und Unterwelt, mit orientalischen Wurzeln, abgeklärt und melancholisch. mehr
"Farben des Schreckens" – "Frankfurter Rundschau" vom 30.08.2010 (Christian Schlüter)
Huberts und Kerasco"ts Comic "Fräulein Rühr-mich-nicht-an" ist eine präzise Milieustudie des Paris zwischen den beiden Weltkriegen.
Paris zwischen den Kriegen, zu Beginn der 1930er Jahre. Die Hauptstadt ist voller Leben, die Menschen feiern, gehen ihrer Arbeit nach – noch kündet nichts von der großen Katastrophe. Auch in den Vororten der französischen Metropole trifft man sich zu allerlei Vergnügungen.... Bunte Lichter, Girlanden säumen die Tanzfläche. Agathe hat sich mit einer Freundin ins Nachtleben gestürzt. Ausgelassen tanzen sie, lassen sich immer wieder von jungen Herren auffordern. An diesem trubeligen Ort trifft man sich, frisch verliebte Paare und all jene, die hoffen, eine Bekanntschaft zu machen, vielleicht auch die Liebe des Lebens zu finden. mehr
"Bedeutungen im Farbenland" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 27.08.2010 (Christian Gasser)
Im stummen Comic ´Unterwegs mit Samuel´ erforscht ein blasses Wesen einen sehr bunten Kosmos. Dabei macht es eigenartige Erfahrungen von philosophischer Tragweite. Entworfen und gezeichnet hat diese Geschichte Tommi Musturi – eine Schlüsselfigur der finnischen Comics-Szene.
Gerade einmal drei Seiten benötigt Tommi Musturi, um die Evolution vom Urknall bis zur Geburt Samuels aus einem olivgrünen Pflanzengebilde zu schildern, und drei weitere Seiten genügen Samuel, um, von einem Regenbogenpuzzle umkränzt, sein Bewusstsein zu finden. Dann geht's los: Samuel wandelt durch ebenso bizarre wie bunte, von üppig-exotischer Vegetation überwucherte Landstriche, erlebt mit undefinierbaren Wesen kleine und grosse Abenteuer, schlägt sich mit Inkarnationen seiner selbst herum – und bleibt oft auch ganz allein in seinem eigenartigen Kosmos. mehr
"Mörderin ohne Grund" – "Berliner Zeitung" vom 28. Juli 2010 (Christian Schlüter)
"Gift": Barbara Yelins beklemmender Comic über den "Engel von Bremen"
Im Jahr 1828 wurde in Bremen ein Verbrechen entdeckt, das in Deutschland und ganz Europa für Aufsehen und Entsetzen sorgte. Es ging um die Ermordung von zahlreichen Menschen durch Gift. Die Witwe Gesche Gottfried gestand die Morde schon während der ersten Verhöre, außerdem erklärte sie, mindestens 19 Menschen Gift in nicht-tödlicher Dosis verabreicht zu haben. Und doch konnte sie keine schlüssigen Motive für ihre Taten angeben. Am 21. April 1831 wurde sie nach einem sich über drei Jahre hinschleppenden Gerichtsverfahren auf dem Bremer Domhof vor mehr als 35 000 Zuschauern durch das Schwert hingerichtet. mehr
"Baden gehen" – "Süddeutsche Zeitung" vom 28. Juli 2010 (Christoph Haas)
Chlor beißt in den Augen, das Kraulen gleicht einem mühsamen Platschen: In Bastien Vivès sensationellem Comicalbum hat selbst das Peinliche eine eigene Schönheit.
Schmal und verspannt liegt der junge Mann auf der Massagebank. Tief beugt der Therapeut sich über ihn. "Du musst wirklich was für deinen Rücken tun", schimpft er. "Ich hab's dir schon so oft gesagt: Geh schwimmen!" Kleinlaut stimmt der Patient zu. Dann der erste Besuch im Schwimmbad: Das Chlor beißt in den Augen; das Kraulen ist eher ein mühsames Platschen; demütigend der Anblick der anderen Schwimmer, die leicht und mühelos dahingleiten. Ein Desaster! Aber dann der zweite Besuch: Elegant reckt sich die junge Frau im vorne züchtig, hinten knapp geschnittenen Einteiler. Kräftig stößt sie sich vom Rand ab und durchquert mehrfach das Becken, wendet dabei geschickt unter Wasser. mehr
"Glücklich, wie alle anderen auch" – "taz" vom 20. Juli 2010 (Sven Jachmann)
Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus
Menschen reagieren auf das, was ihnen fremd ist, in der Regel mit Angst, Ignoranz oder offenkundiger Abscheu. Dass es hierzu nicht mehr braucht, als eine geringfügig angehobene Lautstärke der Stimme und die gelegentliche Demonstration introvertierter Launen, erzählt der spanische Comiczeichner und Illustrator Miguel Gallardo in dieser liebevollen Hymne auf seine (im Jahre 2007, dem Entstehungszeitraum der Geschichte, zwölfjährige) Tochter Maria. mehr
"Vertraute Fremde" – "Der Tagesspiegel" vom 23. Juni 2010 (Waldemar Kesler)
In seiner berückenden Coming-of-Age-Erzählung –Der Geschmack von Chlor" erschließt Bastien Vivès seinen Lesern eine ganz neue Bilderwelt.
Schwimmbäder sind üblicherweise weder still noch subtilen Gesten geweiht. In "Der Geschmack von Chlor" verwandelt Bastien Vivès das lärmende Nass in eine blautürkisfarbene Bewegungsstudie über die Annäherung an fremde Orte und Menschen. 2009 gewann er für diesen Band den Prix international de la Ville de Genève pour la bande dessinÈe und reihte sich damit in die Riege so bedeutender Vorgänger wie David B., Joann Sfar, Manu Larcenet oder Enki Bilal ein. Nachdem man ihn gelesen hat, kann kein Zweifel daran bestehen, dass man ihn bald immer in einem Atemzug mit diesen Namen nennen wird. mehr
"Um Nasenlängen hinterher" – "Der Standard" vom 29. Mai 2010 (Karin Krichmayr)
Der Wiener Comic-Autor Nicolas Mahler hat gleich zwei neue Bände auf Lager – Und frönt darin bizarren Begebenheiten und gefallenen Helden
"ich, das sind die anderen", überschreibt Nicolas Mahler das erste Kapitel seines jüngsten autobiografischen Episodenwerks, das den reizvollen Titel Pornografie und Selbstmord trägt. Die anderen, das sind überspannte Schauspielschüler, deren philosophische Erörterungen über die Traurigkeit nach dem Koitus unüberhörbar vom Nebentisch erschallen. Oder orientierungslose Touristen in der U-Bahn, die mit einem Stationencountdown-Mantra den Autor vollends verwirren. Oder ein Mann in einem Ganzkörper-Frottee-Outfit an einer Kreuzung in Paris; seltsame Passagiere, neben denen man im Flugzeug zu sitzen kommt; oder eben jener titelgebende Student der Kulturwissenschaften, der seine Doktorarbeit über Pornografie verfasst, weil sein vorgeschlagenes Thema über Selbstmord auf der Uni nicht angenommen wurde. mehr
"Eros und die Antihelden" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 28. Mai 2010 (Christian Gasser)
Christophe Blains Spiel mit den Regeln klassischer Comic-Genres
Ein verlotterter Bahnhof mitten in der amerikanischen Prärie. Ein Mann in einem staubigen Mantel steht neben den sich im Nichts verlierenden Schienen und dreht sich eine Zigarette. Dann stampft und dampft der Zug heran. Aus dem Rauch schälen sich keine Gangster, sondern eine attraktive junge Dame. Der Cowboy führt sie in seiner Kutsche zu einem herrschaftlichen Anwesen; sie lieben sich – und ein paar Tage später muss Clem, so der Name des Schwerenöters, zurück zur Arbeit: Banken überfallen, möglichst viele Banken, um nicht nur seine Mätresse, sondern auch seine Familie durchzubringen. Das wiederum missfällt seinem Kumpan Gus. Er hat sich in eine Bankangestellte verliebt und möchte bei ihr ein Konto eröffnen. Das Kapital für die erste Einlage besorgt er sich mit einem Raubüberfall und beim Pokern. mehr
"Eine fatale Frau, oder nicht?" – "Die Welt" vom 5. April 2010 (Brigitte Preissler)
Der Comic "Tamara Drewe" beleuchtet Alltag und Sexleben britischer Literaten. Nun hat Stephen Frears ihn verfilmt.
Diese Schriftsteller! Glaubt man der englischen Comiczeichnerin Posy Simmonds, dann besteht das literarische Establishment in Großbritannien aus einem Haufen eitler, weltabgewandter Wichtigtuer. Sie meinen, zu etwas Besserem geboren zu sein als zum Einkaufen, zum Putzen oder dazu, Sozialfälle in ihrer urbanen Nachbarschaft zu bemitleiden. Deshalb quartieren sie sich in abgelegenen Luxus-Landhäusern ein, wo sie unter ihresgleichen sind und sich von dienstbaren Hausfrauen jeden Wunsch von den Augen ablesen lassen können. Dass sie dort zu literarischen Höchstleistungen auflaufen, heißt das allerdings nicht. mehr
"Das große Fressen" – "Der Tagesspiegel" vom 05. April 2010 (Sebastian Leber)
Seit zehn Jahren entzückt die Fantasy-Satire Donjon mit Ungeheuern, Intrigen und scheiternden Helden.
Da ist Nubbel, das pausbäckige Monster, das aussieht wie eine Kreuzung aus Kröte und Tennisball. Seit 20 Jahren ist Nubbel im Donjon angestellt, nur dafür zuständig, abenteuerlustige Helden zu verschlingen, die sich ins Verlies wagen. Damit Nubbel nicht langweilig wird, behält er gelegentlich die verspeisten Feinde im Maul, anstatt sie runterzuschlucken. "Scho hat man länger wasch davon", erklärt er seinem Vorgesetzten, und gleichzeitig entfahren ihm die übelsten Flüche, die kommen von einem glücklosen Krieger in seinem Maul. mehr
"Das schleichende Gift des Feminismus" – "Die Welt" vom 6. April 2010 (Brigitte Preissler)
Ein herausragender Comic betrachtet die Taten der Serienmörderin Gesche Gottfried durch die Brille der schwarzen Romantik
Es war die letzte öffentliche Hinrichtung in Bremen: Am 21. April 1831 wurde in der Hansestadt die fünfzehnfache Giftmörderin Gesche Margarethe Gottfried enthauptet. Die Sechsundvierzigjährige hatte gestanden, unter anderem ihre drei Kinder, ihre Eltern und Ehemänner vergiftet, darüber hinaus mindestens neunzehn weiteren Menschen aus ihrem Bekanntenkreis nicht-tödliche Dosen Mäusegift verabreicht zu haben. Der Fall erregte nicht nur in Deutschland Entsetzen: In ganz Europa, ja sogar in Amerika und China sollen Bremer Seekapitäne damals nach der Gottfried ausgefragt worden sein, nach dieser rätselhaften Frau, die von ahnungslosen Zeitgenossen noch der "Engel von Bremen" genannt worden war, weil sie ihre kranken Angehörigen so aufopfernd gepflegt hatte. Die aber – kaum dass ihr jüngstes Kind in ihren Armen seinen qualvollen Todeskampf durchlitten hatte – schon dem nächsten Arsen auf den Zwieback schmierte. mehr
"Tödliche Mischung" – "Der Tagesspiegel" vom 31. März 2010 (Lars von Törne)
Ihre ersten Bücher erschienen nur in Frankreich. Mit dem gemeinsam mit dem Autor Peer Meter verfassten Meisterwerk "Gift" kommt Barbara Yelin jetzt auch in deutsche Buchläden.
Dunkle Wolken hängen über der Stadt. Der Himmel ist so bleigrau wie die Fassaden und die Gesichter der Menschen, die geduckt durch die Straßen eilen. Die Atmosphäre auf Barbara Yelins neuen Bildern wirkt bedrohlich und latent gewalttätig, auch wenn noch gar nichts Sichtbares passiert ist. Das ist die Kunst der Berliner Zeichnerin: Sie kann mit dem Bleistift intensive, vielschichtige Stimmungen erzeugen wie nur wenige andere Comic-Künstler. Ihre Bilder lassen frösteln oder stimmen nachdenklich, machen melancholisch oder vermitteln Geborgenheit, je nachdem, welche Stimmung die zu erzählende Geschichte erfordert. mehr
"Der Bauer, der Dung, die Nasenoperation" – "Badische Zeitung" vom 31. März 2010 (Jürgen Schickinger)
Posy Simmonds hat sich für ihre Comicerzählung "Tamara Drewe" von einem viktorianischen Gesellschaftsroman inspirieren lassen.
Ein Näschen zerstupst die Idylle. Ohne Knollennase versprüht Tamara Drewe entwaffnenden Charme. "Der hat uns alle überwältigt, mich eingeschlossen", gesteht Beth widerstrebend. Die Frau des erfolgreichen Autors Nicholas Hardiman schmeißt die Schriftsteller-Pension Stonefield. Sie kümmert sich um alles und verwöhnt die angehenden und bereits etablierten Autoren, die sich auf den behaglichen, ländlichen Gutshof unweit von London zurückziehen. Ein scheinbar unbeschwertes, harmonisches Miteinander, bis die hübsche Tamara mit der operierten Nase über Stonefield hereinbricht und das eingefahrene Leben durcheinander wirbelt. Am Ende gibt es zwei Tote.mehr
"Arsen und Sahnetorte" – "Süddeutsche Zeitung" vom 30. März 2010 (Thomas von Steinaecker)
"Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, machte mich so besonders zufrieden": Gesche Gottfried tötete 15 Menschen, ein Graphik Novel erzählt die Geschichte der Mörderin.
Es ist ein Verbrechen, das bis heute verstört: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergiftet die einigermaßen wohlhabende und beliebte Bremerin Gesche Gottfried fünfzehn Menschen mit so genannter "Mäusebutter", einer Mischung aus Schmalz und Arsen. Lässt sich hinter dem ersten Mord am eigenen Gatten noch das Motiv einer außerehelichen Affäre der Gottfried vermuten, so bleibt ungeklärt, warum sie im folgenden Jahrzehnt auch ihre Eltern, Kinder, den Bruder und Freunde tötet sowie scheinbar wahllos neunzehn weitere ahnungslose Bekannte mit einer niedrigen Dosis Gift quält. Aufgrund nachlässiger Untersuchungen kommt man der Mörderin erst 1828 auf die Schliche; drei Jahre später, in denen sie selbst keine Auskunft zu den Hintergründen ihrer Taten geben kann oder möchte, wird sie vor einer gewaltigen Menschenmasse in der letzten öffentlichen Hinrichtung der Stadt vor dem Bremer Rathaus enthauptet. mehr
"Zicke mit Putz-Igel" – "Süddeutsche Zeitung" vom 10. März 2010 (Susan Vahabzadeh)
Lange, bevor es Bridget Jones gab, brachte Claire Bretécher ihre Frustrierten zur Welt - zickige Weiber, die mit weiblichen Idealvorstellungen aufräumen, innerlich wie äußerlich, sie sind nicht liebreizend und nicht nett, und sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie hat diese Figuren in den Siebzigern geschaffen, und sie sind auch bei uns lange Frauen-Comic-Legende gewesen, Wunderwaffe im Feldzug gegen das Vorurteil, Feminismus und Humor schlössen sich aus. Claire Bretécher kam und sorgte für befreites Gelächter. mehr
"Ohne Worte" – "Literatur.Magazin", Beilage der "Frankfurter Rundschau" vom 10. März 2010 (Christian Schlüter)
Gegen die Finnen gibt es viele Vorurteile. Ein besonders hartnäckiges lautet, sie würden zur Melancholie neigen und deswegen übermäßig viel Alkohol trinken. Dass im Rausch großartige Kunst entstehen kann, steht dabei ganz außer Zweifel. Dennoch sollten wir es uns im Falle Tommi Musturis nicht allzu leicht machen: Die Bilder des finnischen Zeichners mögen sofort Assoziationen an drogenselige, wenn nicht gar psychedelische Exzesse wecken, gehorchen in ihrem überbordenden Formen- und Farbreichtum allerdings eher strengen ästhetischen Prinzipien. mehr
"Intrigen, Lügen, Tote" – "taz" vom 27. Februar 2010 (Sven Jachmann)
Als Klatschkolumnistin unter Schriftstellern: "Tamara Drewe" von der Comicautorin Posy Simmonds, die in England Simmonds längst gefeiert wird.
Hier wird hartnäckig gearbeitet. Das englische Anwesen Stonefield ist ein Refugium für SchriftstellerInnen, denen ihr Handwerk nur fernab vom urbanen Raum und den unumgänglichen Alltagsverrichtungen gelingt. Für diese Rahmenbedingungen sorgt in dem Comicbuch "Tamara Drewe" bis hin zur Selbstaufgabe die in Verdrängung hochgradig geübte Beth Hardiman. Ihr ebenfalls schreibender Gatte ist der ebenso eitle wie erfolgsverwöhnte Krimiautor Nicholas, dessen regelmäßige Bettgeschichten Beth nach 25 Jahren Ehe zähneknirschend und resigniert hinnimmt. mehr
"Sex, Literatur und zwei Todesfälle" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 29. Januar 2010 (Christian Gasser)
Mit ´Tamara Drewe´ legt die britische Comic-Autorin Posy Simmonds ein süffiges Drama um Liebe, Sex, Ehebruch, Literatur und Mord vor. Zugleich handelt es sich um eine sarkastische Milieustudie des Landlebens in Grossbritannien. Formal wie inhaltlich geht Simmonds dabei eigene Wege.
Tamara Drewe ist unwiderstehlich und überaus sexy. Seit ein geschickter Chirurg ihre eher knollige Nase zu einem zierlichen Näschen ummodelte, entspricht sie ganz den heutigen Schönheitsidealen. Mit der Operation kam auch ihre gesellschaftliche Metamorphose: Aus der unscheinbaren Presse-Frau eines Verlags wurde eine prominente Klatschkolumnistin, die ihrerseits im Mittelpunkt zahlreicher Klatschgeschichten und Affären steht. mehr
"Kinderland ist abgebrannt" – "Frankfurter Rundschau" vom 15. Januar 2010 (Christian Schlüter)
Alles fängt so lieblich an. Geradezu harmlos. Unschuldig. Ein Mädchen in hellem Sommerkleid erwartet bei sich zu Haus einen Verehrer. Sie ist ganz aufgeregt und fragt ihre kleine Schwester, ob sie denn auch hübsch genug sei Und da ist er auch schon, Hektor, sehr höflich, beinahe übertrieben formvollendet stellt er sich mit einer Verbeugung vor. Die junge Frau ist entzückt, man nimmt auf einem rosa Sofa Platz. Dem Gast wird sogleich ein Stück Kuchen angeboten, doch zu ihrem Entsetzen muss die Gastgeberin bemerken, dass sie völlig vergessen hat, die heiße Schokolade zuzubereiten. Welch ein Fauxpas! Zum Glück hat die kleine Schwester an alles gedacht und serviert dem Gast sein Pläsier. mehr
"Dort draußen lauern Gefahren" – "taz" vom 9. Januar 2010 (Sven Jachmann)
KINDHEIT Was geschieht, wenn Märchenfiguren das ausleben, wofür sie geschaffen wurden? Der Comic "Jenseits" fängt harmlos an. Aber dann!
Märchen sind das Grauen. Nicht nur, weil sie mittels unsittlicher Methoden, der Bestrafung, zum sittsamen Verhalten erziehen wollen, sondern auch, weil sie durch die Kraft der Fantasie ein erstes Gespür dafür bereiten, dass die Welt dort draußen mit so mancher Gefahr aufwarten kann. Deswegen besteht das Figurenarsenal des Märchens aus Archetypen, deren Eigenschaften zugleich von konservativen Geistern zu zivilisatorischen Standards erhoben werden, im Guten wie im Schlechten: die bösartige Prinzessin als Zeichen ungehemmter Machtlust, die tugendhafte Magd als Zeichen moralischer Integrität, das rastlose Kind als Zeichen ungebremster Entdeckerfreude, dem indes noch die Genügsamkeit der Erwachsenen gelehrt werden muss. mehr
"Spürst du was"– "Süddeutsche Zeitung" vom 20. November 2009 (Thomas von Steinaecker)
Vom Eimerrauchen über LSD, die deutsche Comicszene will nicht erwachsen werden: Sascha Hommers Kiffkumpanen in der Erzählung "Vier Augen".
Es tut sich was in der deutschen Comicszene. So lautete der allgemeine Tenor nach dem Erlanger Comic-Salon 2006, der wichtigsten Comic-Biennale Deutschlands. Diese Hoffnung gründete sich vor allem auf die Debüts einer Reihe junger Nachwuchszeichner. Fast immer handelte es sich bei den schmalen Büchern um die Diplomarbeiten ihrer etwa 30-jährigen Autoren, mit denen sie einen Studiengang für Design oder Gestaltung abschlossen, die meisten von ihnen an der HAW-Hamburg, wo ATAK und Anke Feuchtenberger unterrichteten, zwei der wenigen Comickünstler hierzulande, die es in den 1990ern zu internationaler Beachtung gebracht haben. mehr
"Wunderbare Wimmelwelt der Mumins"– "Berliner Morgenpost" vom 26. Oktober 2009 (Katja Lüthge)
Sie waren scheinbar verschwunden, nun tauchen sie auf einmal wieder auf: die Mumins. Zuerst standen die Trolle plötzlich auf Tassen und Teller gebannt auf dem Frühstückstisch eines befreundeten Schweizer Journalisten, dann kamen mit den Kindern die Mumin-Bücher ins Haus und nun werden sogar die Mumin-Comics erstmalig vollständig auf Deutsch erscheinen.
Schöner, heiterer und anrührender denn je scheinen die Geschichten, die sich die Finnland-Schwedin Tove Jansson rund um das Mumintal vor über sechzig Jahren ausgedacht hat. Erst jetzt, so scheint es nämlich, wird dem Werk der skandinavischen "Nationalheiligen" auch hierzulande der nötige Respekt gezollt, und ihre Geschichten mit schönen Ausgaben und stimmigen ‹bersetzungen gewürdigt.
Äußerst wohlgeraten ist auch der gerade erschienene zweite Sammelband der auf insgesamt fünf Bände angelegten Mumin-Comic-Strips. Mit herrlich kolorierten Einbänden aufgemacht, sind dort im Weiteren die schwarzweißen Original-Vorlagen zu sehen, die die Künstlerin von 1953 bis 1960 für die englische Tageszeitung "The Evening News" geschaffen hat. mehr
"Intergalaktische Ausflüge" – fm4.orf.at vom 21. August 2009 (Sonja Eismann)
Das Hamburger Comic-Magazin "Orang" geht bereits in die achte Runde – diesmal zum Thema "Unendliche Geschichten".
Wer weiß, wie wenig mit ambitionierten Comics - abseits von so tollen wie seltenen Erfolgen wie "Persepolis" - im deutschsprachigen Raum finanziell wie auch aufmerksamkeitsökonomisch zu holen ist, kann nichts anderes als Bewunderung für diejenigen verspüren, die sich in ihrer Zeichenarbeit trotzdem nicht beirren lassen.
So auch für das lose Kollektiv rund um das Comic-Magazin "Orang", mit Verankerung in Hamburg quasi im Epizentrum der deutschen Comicszene beheimatet, das jetzt schon bei Nummer 8 seines Heftes angelangt ist. mehr
"T-Shirts von Marilyn Manson und Musik von Abba" – "Berliner Zeitung" vom 14. August 2009 (Jana Bach)
Guy Delisles Comic-Reportage über die Absurditäten der birmesischen Militärdiktatur
Wir leben in einem Golden Valley, in einer V.i.P.-Nachbarschaft. Mit anderen Worten ausgedrückt, wir sind umgeben von Geschäftsleuten, die zu der Regierung und den Generälen Kontakte pflegen. Daher haben wir fließend Wasser und eine meist funktionierende Elektrizität", stellt der junge Mann mit dem kecken Haarstriezel fest und schiebt den Kinderwagen weiter an schwer bewachten Grundstücken vorbei. Trotz der Glasscherben auf den Mauern der kleineren Häuser, der spitzen Pfähle bei den mittleren Häusern und dem zusätzlichem Stacheldraht bei den Villen wird das gesamte Gebiet Tag und Nacht von Soldaten der birmesischen Armee bewacht. Unnötig, findet Guy Delisle: Das Einzige, was Offiziere in einer Militärdiktatur fürchten würden, wären doch andere Offiziere. mehr
"Im Bann der Endlosschleife" – tagesspiegel.de vom 11. Juli 2009 (Lars von Törne)
Das Magazin "Orang" bietet eine Leistungsschau des anspruchsvollen neuen deutschen Comics
Es gibt aus Berliner Sicht eigentlich nur zwei Gründe, auf Hamburg neidisch zu sein: Die Nähe zum Meer und "Orang". Das mit der Meeresferne könnte sich angesichts der drohenden globalen Erwärmung auf mittlere Sicht allerdings für Berlin eher als Segen erweisen. Bleibt "Orang".
Die Hamburger Comic-Anthologie - kürzlich auf dem Münchener Comicfestival mit dem ICOM Independent Comic Preis ausgezeichnet - zeigt in ihrer gerade erschienenen achten Ausgabe ein weiteres Mal, wieso Hamburg zu Recht als Hochburg des anspruchsvollen Autorencomics gilt. mehr
"Erziehungsurlaub im Land der Repression" – "Süddeusche Zeitung" vom 8. Juli 2009 (Thomas von Steinaecker)
Abschluss der Comic-Trilogie über asiatische Diktaturen: Die "Aufzeichnungen aus Birma" von Guy Delisle
Im Jahr 2007 demonstrierten in Birma beziehungsweise Myanmar, wie der Vielvölkerstaat von seiner Regierung genannt wird, zehntausende buddhistische Mönche friedlich gegen die brutale Militärherrschaft. Innerhalb kürzester Zeit wurden alle unabhängigen Journalisten mit einem Arbeitsverbot belegt oder ausgewiesen. Der versiegende Bilderstrom von den Ereignissen auf den Straßen hatte zur Folge, dass die Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit daran bald drastisch abnahm. Ob tatsächlich, wie es von offizieller Seite hieß, bei den anschließenden Säuberungsaktionen der Soldaten lediglich nur zehn Menschen umkamen, bleibt damit unüberprüfbar - und weil keine Berichte hierüber oder über das Schicksal der Verschleppten und Gefolterten vorliegen, die anrühren könnten, interessiert das bis heute auch nur die wenigsten. mehr
"Papa macht Comics" – "taz" vom 4. Juli 2009 (Christoph Haas)
Der kanadische Zeichner Guy Delisle hat die Comic-Reportage neu erfunden
Na, so etwas: Nur ein paar Straßen weiter wohnt Aung San Suu Kyi! Als der Comicautor Guy Delisle zufällig davon erfährt, packt er sofort seinen kleinen Sohn in den Buggy und marschiert los. Aber leider ist auf der Straße, die am Anwesen der unter Hausarrest stehenden Friedensnobelpreisträgerin vorbeiführt, ein Checkpoint errichtet. Soldaten lassen niemanden durch. Auch keinen Ausländer, der hartnäckig vorgibt, nicht zu verstehen, was die Aufregung soll.
Erst als die Sperrung ein paar Wochen später aufgehoben wird, braust Delisle im Auto an der hohen Mauer vorbei, um "der bekanntesten politischen Gefangenen der Welt" ein aufmunterndes "Juuuhu! Aung San, hier sind wir!" zuzurufen. mehr
"Ein Sound gegrillter Heuschrecken" – "Die Welt" vom 22. Juni 2009 (Brigitte Preißler)
Der Comiczeichner Guy Delisle schildert den Alltag in Birmas Militärdiktatur
Diesmal hat er sein Baby dabei: Als wäre es das Normalste von der Welt, mit einem Säugling in eine der brutalsten Militärdiktaturen der Welt zu reisen, schiebt der Kanadier Guy Delisle in seiner autobiografischen Reisereportage "Aufzeichnungen aus Birma" Sohn Louis im Kinderwagen durch die einstige Hauptstadt Rangun.
Es ist der dritte Teil seiner Südostasien-Trilogie: Doch anders als in seinen Comics über China und Nordkorea ("Pjöngjang", "Shenzhen") ist Delisle nun nicht in eigener beruflicher Mission unterwegs. Er begleitet seine Frau Nadége, die bei der französischen Sektion der "Ärzte ohne Grenzen" in Birma arbeitet, und kümmert sich dort 14 Monate lang um das gemeinsame Kind. mehr
"Lebe lieber ungewöhnlich" – tagesspiegel.de vom 9. Juni 2009 (Thomas Greven)
Guy Delisle verbrachte ein Jahr im von einer Militärjunta beherrschten Birma. Seine Erlebnisse in dem südostasiatischen Land sind liebevolle, manchmal verstörende Alltagsgeschichten aus einer fremden Kultur
Ganz früher gab es die Abenteuer des Reporters Tim, von Asterix, dem Gallier, von Prinz Eisenherz – alles strahlende Helden ohne Fehl und Tadel. Dann kamen die Abenteuer komplexerer Charaktere wie Blueberry und Corto Maltese, manchmal arg vereinfachend "Anti-Helden" genannt. Eine Weile lang gab es dann fast gar keine Abenteuercomics mehr.
Mit Harvey Pekar, Chester Brown, Joe Matt und vielen anderen entdeckten Comic-Schaffende und Leser die Komplexität des "normalen" Alltags und des eigenen Lebens. Das war gut so Ö aber vermisst habe ich sie schon, die Abenteuer. Nur realistischer sollten sie sein, irgendwie erwachsener. mehr
"Der einzig wahre Rivale ist Picasso" – "Die Welt" vom 16. Mai 2009 (Brigitte Preißler)
Der französische Zeichner und Autor Christian Hinckeralias Blutch gewinnt zurzeit alle großen Comicpreise - mit Recht. Nun erscheinen zwei seiner Bücher auf Deutsch
Blotch", das klingt verdächtig nach "Blutch". Und wenn der französische Comiczeichner Christian Hincker, der unter dem Pseudonym Blutch arbeitet, eine seiner Figuren Blotch nennt, so liegt die Vermutung nahe, dass es sich um ein Selbstporträt handeln könnte. Nur: Blotch ist fett, hässlich, selbstgefällig und größenwahnsinnig. Und vor allem kann er nicht zeichnen. Als Mitarbeiter der fiktiven Zeitschrift "Fluide Glacial" erstümpert sich dieser fiese kleine Versager im Paris der 1930er Jahre mit zotigen und rassistischen, sparwitzigen Witzzeichnungen seinen Lebensunterhalt. mehr
"Abgründe der Adoleszenz" – tagesspiegel.de vom 5. Mai 2009 (Sven Jachmann)
Er hat Zeichner von Seth bis Mawil inspiriert. Jetzt kann man einen Klassiker von Chester Brown neu auf Deutsch entdecken.
Die autobiographische Darstellung von Jugend und Adoleszenz im Comic mag dem heutigen Leser selbstverständlich erscheinen. Sie wäre aber sicher nicht in einer solchen Bandbreite vorzufinden, ohne die so genannten New Comics", wie man im Comics Journal diese Entwicklung zur Introspektion vor allem im nordamerikanischen Raum Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre zu kategorisieren versuchte.
Was sich damals im Umfeld des kanadischen Verlags und der gleichnamigen Zeitschrift Drawn & Quarterly tummelte, darf heute mit Fug und Recht zu den kanonisierten, zeitgenössischen Klassikern gezählt werden, darunter solch unterschiedliche AutorInnen wie Julie Doucet, Seth, Joe Matt, Mary Fleener, Adrian Tomine oder eben Chester Brown. mehr
"Aus Blutch werde Blotch: Zwei sensationelle autobiographische Fiktionen" – faz.net vom 28. April 2009 (Andreas Platthaus)
Manchmal braucht man als Verlag ein bißchen Glück. Von Blutch alias Christian Hincker, war auf Deutsch so gut wie nichts erschienen, als Reprodukt, das nimmermüde Haus für anspruchsvolle Comics vor allem aus Frankreich, und Avant, der gleichfalls unermüdliche Verlag für ebenjene, nahezu zeitgleich die ‹bersetzungen von jeweils einem Titel des 1967 geborenen Zeichners ankündigten: "Le petit Christian" (Reprodukt) und "Blotch" (Avant). Dann gewann Blutch im Januar den Großen Preis der Stadt AngoulÍme, die bedeutendste Comic-Auszeichnung Frankreichs (und damit Europas und eigentlich auch - analog zur Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes - der ganzen Welt), und plötzlich hatten die beiden Verlage einen Autor im Programm, mit dem man zumindest gut Reklame machen konnte. mehr
"Kaubeus kennen sich aus" – "Der Tagesspiegel" vom 16. April 2009 (Katja Schmitz-Dräger)
Mit gleich zwei auf Deutsch übertragenen Bänden kann man den französischen Comic-Autoren Blutch jetzt auch bei uns kennenlernen - und in eine höchst wunderbare Welt einsteigen.
Gleich zwei Titel des französischen Comic-Autoren Blutch sind dieser Tage auf Deutsch erschienen: "Der kleine Christian" im Reprodukt-Verlag, der damit zwei in Frankreich 1998 und 2008 erschienene Bücher in einer Gesamtausgabe vorlegt. Dazu wartet der avant-Verlag mit "Blotch - Der König von Paris" auf.
Der soeben mit dem Grand Prix de la Ville d'AngoulÍme, dem wichtigsten europäischen Comicpreis ausgezeichnete Blutch, mit bürgerlichem Namen Christian Hincker, ist in Deutschland bisher noch kaum wahrgenommen worden. mehr
"Depression can be stopped" – "on3-Radio" vom 9. April 2009 (Markus Köbnik)
Spam-Mails verstopfen nicht nur unsere Mail-Accounts. Sie sind auch Rohstoff für kreative Ansätze. Der Wiener Nicolas Mahler hat aus dem Datenschrott das Cartoon-Buch "Spam" gemacht.
Nicolas Mahler hat für seine Werke schon renommierte Comic-Preise gewonnen. Nebenher zeichnet er unter anderem auch für die Titanic. Und jetzt hat er in einem Wust von über 15.000 Werbe- und Spam-Mails gewühlt, hat Betreffzeilen ausgewählt und sich Figuren ausgedacht, die hinter den Absendern und ihren Aussagen stehen könnten. "Depression can be stopped", sagt ein ziemlich fertiger Straßenarbeiter mit dem Namen Otto Pits und hält ein verbeultes Stoppzeichen in die Luft. Ein gewisser Schnack.Teerapong wirkt wie ein zusammengedrücktes Knetmassenmännchen. Seine Frage ist dann auch passender Weise: "Suffer from low desire?" mehr
"Geschlechtsorgane finde ich viel interessanter" – "Interview zu Spam" vom 31. März 2009 (sueddeutsche.de)
Der Zeichner Nicolas Mahler hat Tausende Spam-Mails gelesen und die Betreffzeilen als Comic-Monster gemalt: Alle kennen nur ein Thema.
sueddeutsche.de: Herr Mahler, die meisten Leute sind von Spam genervt, Sie machen daraus Comics. Ist das der bessere Weg, um mit so einem Abfallprodukt umzugehen?
Nicolas Mahler: Auf jeden Fall. Es ist angenehm, wenn man über Nacht immer wieder neue Inspirationen in seiner Mailbox findet. Ich lasse die Spammer quasi für mich arbeiten, und muss mir selbst keine Texte überlegen. mehr
"Comics als Grundnahrungsmittel für die Fantasie" – "Tagesanzeiger" vom 27. März 2009 (Alexandra Kedves)
Blutch ist einer der ganz Grossen des französischen Autoren-Comics – und einer der ganz Scheuen im Medienzirkus. Jetzt kommt er zum Fumetto-Festival nach Luzern.
Im kleinen Christian steckt ein grosser Kerl: ein Held mit Hut, Revolver und Hengst. Zu dumm, dass Maman dafür einfach blind ist. Sie schickt John Wayne ins Bett, wenn der Western im Fernsehen läuft, und Tintin in die Schule, wenn der Wüstenwind weht; sie zwingt Lucky Luke zum Aufessen, wenns Spinat gibt, und, am allerschlimmsten, sie konfisziert die Comic-Hefte, in denen edle, wilde Kämpfer edle, wilde Dinge tun. Aber so leicht lässt sich der Stoff, aus dem Bubenträume sind, nicht liquidieren: Der kleine Christian und seine Freunde haben die Familie, die Schule – und ausserdem ein Paralleluniversum ganz für sich allein. mehr
"Die gewöhnlichen Geschichten des Lebens" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 27. März 2009 (Christian Gasser)
Im Januar erhielt Blutch den Grossen Preis der Stadt AngoulÍme. Ausserhalb Frankreichs hingegen ist der Comic-Zeichner wenig bekannt. Vielleicht ändert sich das nun: Dieser Tage erscheinen seine witzigsten Bücher, ´Der kleine Christian´ und ´Blotch´, auf Deutsch. ‹berdies ist er Artist in Residence am Luzerner Comix-Festival Fumetto 2009.
Er stecke in einer unkomfortablen Situation, sagt Blutch: ´In der Comic-Welt bin ich kein junger Marquis mehr, aber auch noch kein alter Baron.´ Er sitzt auf einem Sofa, in sich zusammengesunken. ´Ehrlich gesagt´, fährt er nach einer Pause fort, ´ich weiss nie, ob meine Geschichten interessant sind oder nicht. Ich bezweifle es. Deshalb mache ich immer noch ein nächstes Buch, um das vorherige zu korrigieren.´ mehr
"Warum sind Berliner Schweine, Fil?" – "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 17. März 2009 (Patrick Bahners und Tobias Rüther)
09. März 2009 Ein typischer Berliner Wintertag. Der Comiczeichner Fil ist leicht erkältet und geschafft von seinem Bühnenauftritt am Abend zuvor. Er berlinert so schön, wie man es von seinen Figuren "Didi und Stulle" kennt. Und er ist ebenso lustig.
Seit zwanzig Jahren zeichnen Sie Didi und Stulle. Die beiden haben als Berliner Lokalgrößen angefangen, sind über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden, aber nicht jeder kennt sie. Wie würden Sie Ihre Figuren beschreiben?
Didi und Stulle sind sehr gute Freunde, die nur sich selbst haben, weil sie nicht so richtig verankert sind im Leben. Didi passt eigentlich nicht richtig in diese Welt, er ist ein großer Außenseiter, ein Freigeist auf seine verrückte Art, der auf alles eigene Antworten sucht. Stulle ist nicht so richtig definiert, er ist eher ein Raushalter. mehr
"Die E-Mail-Monstrositäten des Nicolas Mahler" – "Futurezone beim ORF" vom 14. März 2009 (Günter Hack)
Der Wiener Zeichner Nicolas Mahler hat seine Mailbox aufgeräumt. Im Spamordner fand er dabei Textmonstrositäten vor, die wie von selbst vor seinem geistigen Auge zu grotesken Kreaturen heranwuchsen. Mahler hatte den Mut, diese Alpträume aus dem Unterbewussten des Internets zu Papier zu bringen. Es entstand eine Galerie der Freaks.
ORF.at: Herr Mahler, wie sind Sie darauf gekommen, Spam als Grundlage für Cartoons zu nehmen?
Nicolas Mahler: Angefangen hat es damit, dass ich eine lange vernachlässigte Mailbox aufräumen wollte, und dort auf über 15.000 ungelesene Spammails gestoßen bin. Mir tat es dann um einige gute Exemplare leid, daher habe ich die interessantesten aufgehoben. mehr
"Familiengeschichte mit Brüchen – "Der Tagesspiegel" vom 12. März 2009 (Katja Schmitz-Dräger)
Wenn "Evil Germans" auf "diese Amerikaner" treffen: Line Hovens "Liebe schaut weg" erzählt von den Schwierigkeiten einer transatlantischen Annäherung.
Seit Anfang des Jahres ist Line Hovens Langcomic-Debüt "Liebe schaut weg" wieder erhältlich. Die aufwändig aus Schabkarton gekratzte Familiengeschichte war im Herbst 2007 erstmals bei Reprodukt erschienen und hatte einige Beachtung gefunden – die Auszeichnung mit dem ICOM Independent Comic Preis 2008 als "Bester Independent Comic" und die Nominierung für den Max-und-Moritz-Preis, dazu eine recht breite Rezeption in der Presse und beim Publikum: Nicht selbstverständlich für einen Alternative-Comic-Erstling. Nun liegt das Werk, entstanden als Hovens Diplomarbeit an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaft, in der zweiten Auflage vor. mehr
"Zeitsprünge und Figurenautonomie" – satt.org vom 20. Februar 2009 (Sven Jachmann)
Wenn man die Anatomie des Comics studieren möchte, dann sind Marc-Antoine Mathieus Geschichten des Helden Julius Corentin Acquefacques, dem Gefangenen der Träume, einfach unumgänglich. In fünf (in Frankreich bereits sechs) jeweils in sich abgeschlossenen Bänden transzendiert dieser gezeichnete Verwandte von Kafkas Herrn K unwillentlich immer wieder aufs Neue die Grenzen jener Gattung, der er selbst angehört. Das Spiel mit der Form selbst ist natürlich keine Seltenheit mehr, aber bei "Der Wirbel" handelt es sich ja auch um die Neuauflage des dritten Teils dieser Reihe. Aber Acquefacques dürfte vermutlich die einzige Figur im Comic sein, der die Medienreflexivität so stark eingeschrieben ist, dass sie durch ihn den Motor des Plots bildet und so folglich zum Motor der gesamten Narration wird. mehr
"Im Museum." " fm4.orf.at vom 10. Februar 2009 (Zita Bereuter)
Von Manson zu Sloterdijk, vom Wunderland in die Hölle. Ein Museumsbesuch als unendliches Comicabenteuer - so leicht kommt man da nicht mehr raus.
Vor kurzem habe ich bei einer Sonic Youth Geschichte in einem Posting erwähnt, dass ich mal mit Lee Ranaldo in einer Ausstellungsraum eingeschlossen war. Und weil die Phantasie wohl prächtige Blüten hervorzaubern kann, bin ich letzten Samstag bei einer Party nach Details gefragt worden. Eingesperrt im Museum - was da alles passieren kann...
Täglich könnte man Geschichten davon erzählen, was sage ich, Bücher könnte man füllen.
Und so ist es auch. Nein, nicht ich erzähle von Lee Ranaldo, sondern der Comiczeichner Sascha Hommer und der Literaturwissenschafter Jan-Frederik Bandel von einem recht eigenwilligen Geschwisterpaar. mehr
"Frauen sagen, woís langgeht" – zeit.de vom 7. Januar 2009 (Andreas Essl)
Jaime und Gilbert Hernandez sind Stars der amerikanischen Comic-Buch-Szene. Seit fast 30 Jahren zeigen sie in ihren Heften einen großen Kosmos amerikanischer Realität
Ganz selten passiert es Autoren, dass aus ihrem ersten Werk ein ganzer Zyklus entsteht, der es erlaubt, Charaktere über Jahre hinweg zu formen, sie dick, weise, faltig werden oder auch sterben zu lassen. Ein narratives Gewebe zu entwerfen und trotzdem neue Ufer anzusteuern. Denn wer hat schon die Kraft, stets dieselbe Geschichte weiterzutreiben. Selbst Harry Potter ist tot. mehr
"Die große Wirkung eines kleinen toten Vogels" – faz.net vom 2. Januar 2009 (Andreas Platthaus)
Einen der besten Comics des Jahres 2008 las ich erst am Silvestertag: den vierten Band der Serie "Der alltägliche Kampf" (Reprodukt Verlag). In Frankreich ist die Reihe seit ihrem Start vor mittlerweile sechs Jahren einer der größten Erfolge bei Publikum wie Kritik. Ihr Zeichner Manu Larcenet erzählt in "Le Combat ordinaire" (so der Originaltitel) vom Leben des Fotografen Marco, der sich aufs Land zurückzieht, dort seine Frau findet und eine Familie gründet – in der Tat ein recht gewöhnlicher Kampf. Doch durch dieses private Geschehen zieht sich als subtiler Kommentar zum gesellschaftspolitischen Geschehen unserer Tage die Geschichte der Werft, auf der Marcos Vater gearbeitet hat. Im ersten Band stirbt der Vater, und in allen vier Bänden stirbt die Werft. mehr
"Die wunderbare Welt der Mumins" – "Der Bund" vom 15. Dezember 2008 (Christian Gasser)
Tove Janssons ´Die Mumins´ ist ein zeitloser Kinderbuchklassiker. Hierzulande ist jedoch wenig bekannt, dass die Zeichnerin in den 1950er-Jahren auch einen international erfolgreichen Comic-Strip erfand, der nicht weniger fantasievoll, bizarr, fröhlich, melancholisch, kurz: bezaubernd war.
In einem ihrer ersten Abenteuer entfliehen die Mumins dem harschen Klima Finnlands und segeln in ihrer Nussschale an die CÙte díAzur, wo sie unter dem veredelten Namen ´de Mumin´ dem süssen Jetset-Leben frönen – ohne freilich zu ahnen, dass die Luxussuite im Palacehotel und die zahlreichen von ihnen ausgelösten Katastrophen auch etwas kosten. Die französische Noblesse interpretiert das pausenlose Fettnäpfchentreten der ungehobelten, aber liebenswerten Nordlichter als die ´köstliche Exzentrik´ schwerreicher Ausländer. mehr
"Snorkfräulein auf gefährlicher Fahrt" – "Berliner Zeitung" vom 11. Dezember 2008 (Katja Lüthge)
Erstmals auf Deutsch: eine Gesamtausgabe der wunderbaren "Mumin"-Comics von Tove Jansson
Wie ist das, von Piraten entführt zu werden?" "Wundervoll.". In der derzeitigen Diskussion um das Piratenwesen vor der somalischen Küste fehlt ein Aspekt zu Unrecht vollkommen: die Romantik! Snorkfräulein und Mümmla jedenfalls genießen ihre lustvolle Angst vor den Seeräubern ausgiebig. "Verfolgen sie uns?" "Hoffentlich!". Das nilpferdartige Mädchen und die hagere Duttträgerin Mümmla fliehen verzückt vor den "wilden und ungezähmten" Finsterlingen, die sie bei einer friedlichen Bootsfahrt ins Visier genommen haben - wie groß ist dagegen die Enttäuschung, als die Freibeuter gefangen und zur Gartenarbeit gezwungen werden. Dahin ist all die männliche Sexiness. Wenig Verständnis für die Enttäuschung der Mädchen bringen dagegen Snorkfräuleins rundlicher Freund Mumin und dessen Vater auf, sie verkennen den Reiz des Gejagtwerdens vollkommen. mehr
"Trollige Bohéme" – tagesspiegel.de vom 9. Dezember 2008 (Peer Göbel)
Die skandinavischen Mumintrolle spuken seit Jahrzehnten durch die Kinderzimmer. Jetzt gibt es die erste deutsche Gesamtausgabe des Klassikers.
Aus Kindertagen dürften sie erwachsenen Lesern bekannt sein, die nilpferdähnlichen Mumintrolle, die in einer halb realen, halb sagenhaften finnischen Küstenwelt leben. Der Berliner Reprodukt-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Gesamtausgabe der bisher nur vereinzelt erhältlichen Mumin-Comics vorzulegen. Die größte ‹berraschung beim Wiederlesen ist, dass es sich kaum um eindeutige Kindergeschichten handelt. mehr
"Die Mutter aller Künste" – "Junge Welt" vom 4. Dezember 2008 (Robert Mießner)
Olivier Schrauwen erzählt in ´Mein Junge´ von bürgerlichen Familienverhältnissen und greift auf eine gute alte Comic-Kinderstube zurück
Wer ordentliche Eltern hat, kennt diese Welt aus Familienalben. Enge Kragen auf gestärkten Hemden, betonierte Frisuren und vor allem und unter allen Umständen: Haltung bewahren. Die bürgerliche Welt des 20. Jahrhunderts, wobei ´bürgerlich´ nicht nur die Klasse, sondern eine Art der Lebensführung meint. Olivier Schrauwen, 1977 geborener belgischer Comic-Künstler, erzählt in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Debüt ´Mon Fiston´ (2006) von familiärer Nähe und Enge, von Dressur und Furor. In seiner Vater-und-Sohn-Geschichte verbergen sich Abgründe. Keine der Figuren in ´Mein Junge´ trägt einen Namen. mehr
"Poesie des Alltags" – tagesspiegel.de vom 2. Dezember 2008 (Daniel Wüllner)
Manu Larcenet schließt mit dem Band –Gewissheiten" seine Serie "Der Alltägliche Kampf" ab und beweist, dass der französische Comic auch realistisch erzählen kann.
Eigentlich bedarf der neue frankobelgische Comic keiner Frischzellenkur. Es geht ihm gut. Dennoch findet sich neben den etablierten Namen immer wieder einer, der sich vom Rest abhebt: In diesem Fall ist es Manu Larcenet, der mit seinem Comic "Der Alltägliche Kampf" die Renaissance des Realismus einläutet. Er porträtiert nicht nur die gesellschaftliche Realität in Frankreich mit mitfühlender Besorgtheit, sondern zeigt auch auf poetische Weise, welche Freuden eben dieser mühsame Alltag mit sich bringen kann. mehr
"Stuart liebt Astrid" – "Die Zeit" vom 19. November 2008 (David Hugendick)
Vorstadtödnis, Vaterfreuden und die Beatles: Ein Werkstattbesuch beim Comic-Künstler Arne Bellstorf
Es gibt in Buchläden einen Ort fern der Tellkamps und Eragons, im Sicherheitsabstand zum reclamgelben Goethe. Das Comicregal, brr, da schüttelt es immer noch manchen Literaturkenner. Etwas für Kinder, spotten die einen; aber nein, widersprechen die anderen und sagen: Graphic Novel. Ein Genre, das sich deutsch kaum übersetzen lässt, obwohl einige Deutsche es beherrschen. Arne Bellstorf ist einer der interessantesten. Seit ein paar Wochen sind die ersten Seiten seines neuen Comics zu sehen, auf der Homepage des Reprodukt-Verlags, Grund für einen Werkstattbesuch. Auf nach Hamburg-Eimsbüttel! mehr
"Vignettenmaler der Slacker-Kids" – "taz" vom 25. Oktober 2008 (Dana Bönisch)
Adrian Tomine ist ein gefragter Zeichner in den USA. Nun ist sein Comic "Halbe Wahrheiten" auf Deutsch erschienen. Er erzählt über das Leben junger Urbanauten in Berkeley und New York.
‹berall, wo er auftrete, sagte Adrian Tomine, gäbe es "this one guy": diesen einen Typen, der nur auf Buchvorstellungen gehe, um irgendwann aufzustehen, einen Monolog über sich selbst zu halten und diesen mit einer dümmlich-provokativen Frage an den Autor abzuschließen. Und das alles nur, um die Mädchen zu beeindrucken, was natürlich nicht funktioniere.
Ben Tanaka, der Protagonist in Tomines Graphic Novel "Halbe Wahrheiten", würde sich auf einer Lesung wahrscheinlich so verhalten.
mehr
"Ich mag dieses Gefühl vom schwarzen Schaf" – "Main-Spitze" vom 27. September 2008 (Stephan A. Dudek)
Der Künstler und Illustrator ATAK, bürgerlich Georg Barber, äußert sich über sein Metier und Rüsselsheim
Kunstverein und Eigenbetrieb Bildung und Kultur zeigen in der Opel-Werkshalle A1 bis 24. Oktober eine Werkschau des in Berlin und Stockholm lebenden Künstlers und Illustrators ATAK, bürgerlich Georg Barber.
Die "Main-Spitze" sprach mit ihm.
Herr Barber, als Künstler nennen Sie sich ATAK. Das klingt gefährlich. Muss man Angst vor Ihnen haben?
Barber: Nein, ich denke nicht. Der Name ist ein Pseudonym und entstammt aus den achtziger Jahren. Damals spielte ich in einer Band gleichen namens, die Musik bewegte sich so zwischen Punk und atonalem Industrial, typisch für diese Zeit damals. Später nach der Wende ging ich nachts Schablonen sprühen, sprayen - heute nennt man es Street Art - und da brauchte ich eine möglichst kurze Unterschrift, um nicht von der Polizei erwischt zu werden, obwohl wir es dann doch wurden... mehr
"Eine aus Schabkarton gekratzte Familiengeschichte" – "Schau ins Blau" 8.1 von September 2008 (Sabine Wirth)
Line Hovens "Liebe schaut weg" und die Gegenwart der Vergangenheit
Manchmal ist es mehr die Vergangenheit als die Gegenwart, die einen fesselt, weil sie das Selbst innerhalb einer Geschichte verortet. Die Zeichnerin Line Hoven setzt sich in ihrer Diplomarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg mit der Geschichte ihrer Eltern und Großeltern auseinender, in der die deutsche Familie Hoven auf die amerikanische Familie Lorey trifft, weil Reinhard und Charlotte sich ineinander verlieben und heiraten wollen. Die Familiengeschichte umspannt die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg bis in die siebziger Jahre und zeigt neben privater Familienchronik auch ein Stück Zeitgeschichte. Für den aufwendig in Schabkarton geritzten Comic, der bei Reprodukt erschienen ist, erhielt Line Hoven im Mai 2008 auf dem Comic-Salon Erlangen den ICOM-Preis in der Kategorie –Bester Independent Comic". mehr

"Die Pygmäen proben den Aufstand" – "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 12. September 2008 (Jan-Frederik Bandel)
Merkwürdigkeiten aus dem Zoo und dem Museum: Junge niest Dame fort, Krokodil frisst Jungen – Olivier Schrauwen und Cyril Pedrosa betreiben mit Pasticcio und Parodie die Erneuerung des Comics.
Wann immer von Comics die Rede ist, lauert eine merkwürdige Apologetik auf ihren Einsatz: Ja, es sind Comics, aber Ö Das wahlweise zu preisende, zu analysierende oder zu verkaufende Produkt muss sich dabei entweder als besonders traditionsreich oder aber als schlagende Novität behaupten, um den letzten Verdacht der Trivialität auszuräumen. Im einen Falle wird die Kunst- oder Literaturgeschichte der Bilderzählung flächig ausgerollt, im anderen braucht von der Geschichte keine Rede zu sein, da es einzig um die vermeintliche Innovation geht, die dann gefeiert wird, selten ohne den Verweis, mit dem gängigen Comic habe das selbstredend nichts gemein. mehr
"Blondinen im Bonsaiwald" – "Jungle World" Nr. 34 vom 21. August 2008 (Jonas Engelmann)
In Amerika ist Adrian Tomine einer der Stars der unabhängigen Comicszene. Seine Comicreihe ´Optic Nerve´, die er 1991 mit 16 Jahren als selbstkopiertes Heft startete, wird seit 1995 von der kanadischen Independent Comic-Institution Drawn & Quarterly verlegt, mit einer Auflage von mittlerweile über 16.000 Exemplaren pro Ausgabe. Die aus der Reihe entstandenen Alben, in denen seine frühen, zwischen autobiografischen und fiktiven Elementen changierenden Geschichten orientierungsloser Menschen zwischen 20 und 30 zusammengefasst sind, erschienen ebenfalls bei Drawn & Quarterly. mehr
"Wenn Japaner auf Blondinen stehen" – "Süddeutsche Zeitung" vom 12. August 2008 (Thomas von Steinaecker)
Ben Tanaka schaut sich gerne Pornos mit weißen Frauen an. Du bist der Manipulation der westlichen Medien und ihren Schönheitsidealen aufgesessen, meint seine Freundin Miko. Ich lebe nur meine Phantasien aus, die aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, sagt er. Wenig später hat Miko einen neuen Freund, einen Weißen. Der steht doch nur auf Asiatinnen wegen seines arischen Machtkomplexes und unterdrückter pädophiler Neigungen, meint Ben. Er hat jüdische und indianische Wurzeln und außerdem liebe ich ihn, sagt Miko. mehr
"Die Damen auf dem Hügel" – "Süddeutsche Zeitung" vom 5. August 2008 (Thomas von Steinaecker)
Der Animationsfilm ist der große, zurückgebliebene Bruder des Comics. Beide erzählen mit gezeichneten Bildern, beide entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts als Teil der Unterhaltungsindustrie. Doch während der Comic nach und nach erwachsen wurde und sich ernsteren Themen zuwandte, blieb der Zeichentrickfilm in erster Linie der Welt des Fantastischen verhaftet und richtet sich seitdem vor allem an Kinder, woran sein wichtigster Pionier wohl nicht ganz unschuldig ist: In der familientauglichen Umsetzung von Märchen fand Walt Disney eine magische Formel, die selbst in Zeiten von Pixar letztlich nicht grundlegend in Frage gestellt wird. mehr
"Tod und Tabu" – textem.de vom 20. Juli 2008 (Sven Jachmann)
Seine Herkunft als Animationszeichner bei Disney ist Pedrosas neustem Werk durchaus anzumerken. Dies betrifft sowohl die expressive Stilisierung der Figuren als auch die Bereitschaft, an den richtigen Stellen mit Pathos aufzuwarten. Es handelt sich jedoch weniger, wie der Hinweis auf Disney vielleicht vermuten lässt, um eine dramaturgische Dehnung des Gefühls, um von der Konstruktion des Plots abzulenken. In seiner Allegorie auf den Kindstod spürt Pedrosa jenen Momenten der Trauer nach, die aus der Hoffnungslosigkeit geboren sind. Sie ist es nämlich, die Louis` und Joachims Flucht vor den titelgebenden drei Schatten beständig wie bedrückend begleitet. mehr
"Lumpereien des Lebens" – "taz" vom 16. Juli 2008 (Frank Schäfer)
Sie kennen Mawil, Lewis Trondheim und die Hernandez-Brüder nicht? Dann wird's Zeit. Sie alle sind beim innovativsten Comic-Verlag Deutschlands.
Die Bundesrepublik Deutschland mag in Sachen Comic-Kultur immer noch ein Entwicklungsland sein, verglichen mit Belgien, Frankreich und den USA. Aber dass es mittlerweile so etwas wie eine Szene gibt - assoziiert mit den Kunsthochschulen in Berlin und Hamburg, die das Fach Bildgeschichte auf dem Lehrplan haben - und dass die langsam zu brummen beginnt, dafür haben nicht Branchenriesen wie Carlsen und Ehapa gesorgt, sondern Independents wie Edition 52 und der Berliner Verlag Reprodukt. mehr
"Comics: Die Lebenskünstlerinnen" – "Brigitte" 15/2008 (Silke Stuck)
Spannender als Superhelden, cooler als Mangas: Eine neue Generation von Zeichnerinnen mischt die deutsche Comic-Szene auf.
Stellen wir uns das Ganze einmal als Anfang eines Comic-Strips vor. Erstes Bild: Line Hoven, 31 Jahre, kurzer Pony, dunkler Zopf, sitzt konzentriert an ihrem Schreibtisch im Hamburger Schanzenviertel, sie hat ein spitzes Messer in der Hand, vor ihr liegt ein schwarzer Karton. Linie für Linie schabt Line Hoven das Schwarze aus dem Karton weg. ‹brig bleibt ein neun mal neun Zentimeter großes Quadrat, ausgefüllt von großen, verstörten Augen und einem schmalen Mund. mehr
"Comic im Stil der großen Meister – Unbeholfene Väter"– "taz" vom 4. Juli 2008 (Oliver Ristau)
Der belgische Comic-Künstler Olivier Schrauwen orientiert sich am klassischen Zeitungsstrip des frühen 20. Jahrhunderts. Nun ist sein Comic "Mein Junge" erschienen.
Ein Pastiche beruht auf der bewussten Nachahmung eines Stils, der Ideen und der Haltung eines historischen Werks. Das muss per se nichts Schlechtes sein, führt doch die Verwendung altbekannter Stilelemente unter neuen Gesichtspunkten oft zu interessanten Ergebnissen. So auch im Falle des flämischen Künstlers und Comicautors Olivier Schrauwen, dessen Debütalbum "Mein Junge" gerade auf Deutsch erschienen ist. mehr
"Nachrichten aus einem totalitären Land – Die birmanische Comic-Chronik des Guy Delisle" bei "titel thesen temperamente" vom 22. Juni 2008
Diee birmanische Militärjunta, seit 1962 an der Macht, schottet das Land konsequent ab. Sie kontrolliert die eigenen Medien und behindert die Berichterstattung im Ausland. Nach der Wirbelsturmkatastrophe im Mai hat sie Journalisten die Einreise verweigert und mit ihrer harten Haltung gegenüber internationalen Hilfsangeboten die Weltöffentlichkeit schockiert. mehr Video zum Beitrag
"Die Schrecken der Tiefe" – "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Mai 2008 (Gottfried Knapp)
Im Bauch eines gigantischen Schlachtschiffs: Christophe Blains Comic-Roman "Das Getriebe" zieht den Leser in gefährliche Tiefen, in die Zonen der Angst.
Der neue Comic-Roman des Franzosen Christophe Blain hält sich formal an ein klassisch bewährtes Spannungsrezept. Von der Einleitung und vom Ende abgesehen, spielt die erzählte Geschichte an einem genau begrenzten Ort, in einem Hohlkörper, aus dem es kein Entrinnen gibt: Wir begeben uns in den Bauch eines gigantischen, hermetisch geschlossenen Kriegsschiffs.
An diesem einheitlichen Ort könnte sich, wie in vielen klassischen Kriminalromanen, unter dem überschaubaren Personal ein Mord ereignen, bei dessen Aufklärung alle Anwesenden nacheinander in Verdacht geraten. mehr
"Fantasierte Wirklichkeiten" – "Glanz@Elend" vom 27. Mai 2008 (Thomas Hummitzsch)
Der spanische Comiczeichner Max verbeugt sich mit seinem aktuellen Comic vor den surrealistischen Querdenkern dieser Welt und erweist den Pionieren des amerikanischen Comics seine Ehre. Bardin, der Superrealist´ ist ein Meisterwerk der bildenden Künste.
´Bardin, der Superrealist. Seine Taten, Äußerungen, Einfälle und Abenteuer´ ist Surrealismus pur, wobei die Eskapaden Bardins voll gestopft mit Zitaten aus den bildenden Künsten sind. Die Anekdoten des kugelköpfigen Bardin sind eine Hommage an den Surrealismus und seine berühmtesten Vertreter, den Maler Salvador Dali und den Regisseur Luis BuÒuel, aber auch eine Huldigung der Meister und Pioniere des amerikanischen Comics. Der deutsche Maler Max Ernst wird zum Leuchtturm der Bardiníschen Phänomenologie und ist zugleich die visuelle Verkörperung des alles beobachtenden Bösen aus der Tolkieníschen Ringe-Saga – oder vielleicht der Wachturm der Zeugen Jehovas? Man weifl es nicht so genau. mehr
"Freuden und Leiden eines Comic-Zeichners" – "NZZ Online" vom 26. Mai 2008 (Christian Gasser)
Die neuen autobiografischen Comics von Lewis Trondheim und Hideo Azuma
Wie kann ein Comic-Zeichner in Würde altern, ohne an den Anforderungen des Marktes zu scheitern? Der Franzose Lewis Trondheim und der Japaner Hideo Azuma reflektieren in ihren autobiografischen Comics ´Ausser Dienst´ bzw. ´Der Ausreisser´ aufschlussreich und kurzweilig Leben und Leiden eines Comic-Autors.
Innert knapp 15 Jahren veröffentlichte Lewis Trondheim, ein einflussreicher Protagonist der neuen französischen Autorengeneration, rund 100 Comic-Alben. Dann fühlte er sich ausgebrannt und verschrieb sich eine Auszeit. Nach nur 80 Comic-freien Tagen jedoch setzte er sich wieder an den Zeichentisch, um – in einem Comic natürlich – seine Fragen und Ängste zu reflektieren: Wie altert man als Comic-Autor in Würde, ohne Kreativität und Spass zu verlieren? Wie vermeidet man Depressionen und Trunksucht? mehr
"Faking the Books" – "goon-Magazin", Ausgabe 25 vom Frühling 2008 (Mareike Wöhler)
Echtes Leder ist es dann doch nicht geworden. Aber das schwarze Imitat aus Papier, das vorgibt die lederne Hülle eines Moleskine- (japanisch sprich: Mores[u]kine-) Skizzenbuchs zu sein, in dem der 1978 in Frankfurt am Main geborene Zeichner Dirk Schwieger seine Tokyoter Erlebnisse festhielt, trifft es noch besser: Es bricht – samt eisblauer Papierbanderole als abnehmbares Cover – das edle Äußere des vorgeblichen Klassikers in charmanter Nicht-Perfektion aufs Massenmedium Comic herunter, selbst wenn der Preis derselbe bleibt. Das Innere ist von Kopistentum jedoch weit entfernt:
´What a fun idea´, kommentierte Neil Gaiman in seinem Blog Schwiegers dort geschickt verlinktes Konzept, sich während des Aufenthalts in Tokyo von Januar bis Juli 2006 von den Lesern seines englischsprachigen Blogs eine wöchentliche Aufgabe stellen zu lassen, die er in der Reihenfolge des Eingangs und ungeachtet persönlicher Vorlieben erfüllen musste. Von einem aufzusuchenden Ort, dem Treff mit einer Person bis hin zu einem interessanten Thema konnte das alles Erdenkliche sein. Kaum des Japanischen mächtig, gibt Schwieger-san so in 24 Aufträgen auf zumeist je zwei Doppelseiten kurze Einblicke in den gleichgeschalteten, banalen oder extrem differenzierten Tokyoter Alltag – von Popkultur und Vergnügung (Para Para Trance Dance, Achterbahn) über Religion (Tempelbesuch), Natur (Erdbeben), Kulturtechnik (Origami) und Lebensmitteln (Dosenkaffee) bis hin zu Gender. mehr
"Die Temperaturen der Farbe Grau" – "Süddeutsche Zeitung" vom 26. März 2008 (Gottfried Knapp)
Eigentlich hat der Comic-Zeichner Guy Delisle, als er zum Arbeiten in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang reiste, die ästhetischen Monotonien, die in einer sozialistischen Diktatur den Alltag prägen, von einer früheren Reise her bestens gekannt. ‹ber die Wochen, die er in der tristen chinesischen Grenzstadt Shenzhen in einem Trickfilmstudio als Kontrolleur hatte verbringen müssen, hat er einen wunderbar anschaulich erzählendes Comic-Erinnerungsbuch geschrieben und gezeichnet: "Shenzhen".
Dennoch scheint das, was er danach in Pjöngjang erlebt hat, wie eine absurd fremdartige Welt auf ihn gewirkt zu haben. Mit den Maßstäben des kommunistisch gleichgeschalteten, aber chaotisch brodelnden China war das total durchreglementierte Nordkorea jedenfalls nicht mehr zu fassen. In Pjöngjang regiert die Leere, das blanke Nichts in allen Räumen vom öffentlichen Stadtraum bis in die privaten Minibars der Hotelzimmer. Diese Leere rauscht über verlassene Aufmarschplätze hinweg, prallt unvermittelt gegen monströse Gigantendenkmäler oder absurd klobig in den Himmel ragende Hochhausgebilde und schlägt sich am Ende sogar in dem Zeichenstil nieder, mit dem Delisle in seinem Comic "Pjöngjang" dieser Formenwelt zuleibe rückt. mehr
"Gegen den Strich" – zeit.de vom 14. März 2008 (Frank Schäfer)
Ein Porträt des Berliner Verlags Reprodukt
Zugegeben, verglichen mit Belgien, Frankreich und den USA ist Deutschland noch Entwicklungsland. Aber dass es mittlerweile so etwas wie eine Szene gibt – in erster Linie um die Kunsthochschulen in Berlin und Hamburg, die das Fach Bildgeschichte auf dem Lehrplan haben – und dass die sogar langsam zu brummen beginnt, dafür haben nicht die Verlage Carlsen und Ehapa gesorgt, sondern unabhängige wie Edition 52 und der Berliner Verlag Reprodukt. "In den vergangenen Jahren ist sehr viel nachgewachsen", sagt Reprodukt-Verleger Dirk Rehm zufrieden. "Die jüngeren Autoren, mittlerweile auch schon Anfang, Mitte 30, müssen sich grafisch nicht mehr so viel beweisen – das haben andere schon gemacht: Anke Feuchtenberger, Atak, Christian Huth - und konzentrieren sich stärker auf das Erzählerische." mehr
"Ein Söldner im Reich Kim Jong-ils" – "Berliner Zeitung" vom 13. März 2008 (Brigitte Helbling)
In dem Dokucomic "Pjöngjang" erzählt Guy Delisle von seinem Arbeitseinsatz als Animationsfilmer in der nordkoreanischen Hauptstadt
Pjöngjang ist für die meisten Nordkoreaner eine Stadt, so weit weg wie eine Sage; die wenigsten haben den Regierungssitz jemals gesehen. Wer es dorthin schafft, gehört zu den Vorzugskindern eines diktatorischen Regimes, das die Zuteilung internationaler Nahrungshilfe an seine Bürger von ihrem Wert für die Gesellschaft abhängig macht: ein Grund, warum viele Hilfsorganisationen, die mit der Hungersnot in den Neunzigerjahren ins Land kamen, sich inzwischen wieder zurückgezogen haben. Immerhin zwang die Hungerkatastrophe den Autokraten Kim Jong-il, das abgeriegelte Land einen Spalt weit zu öffnen, und die Tür blieb offen für das eine oder andere Geschäft, das Devisen versprach. Dazu gehört das Geschäft mit der westlichen Trickfilmindustrie. In seinem dokumentarischen Comic "Pjöngjang" schildert der frankokanadische Animations- und Comic-Zeichner Guy Delisle eindrücklich zwei Monate, die er 2001 als Supervisor eines französischen Animationsfilms in dieser Stadt verbrachte. mehr
"Die Allgegenwart des Grossen Führers" – "Der Bund" vom 25. Februar 2008 (Christian Gasser)
Zwei Monate verbrachte der Frankokanadier Guy Delisle in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, um die Produktion eines Animationsfilms zu beaufsichtigen. Die Eindrücke verdichtete er zu einem unterhaltsamen Buch, einer Mischung aus Tagebuch und Reportage.
In Nordkorea wird der ausländische Besucher am Flughafen von Pjöngjang mit einem Blumenstrauss begrüsst. Der Blumenstrauss ist aber nicht für den Gast bestimmt: ´Das war der erste Kulturschock´, erinnert sich Guy Delisle, ´ich wurde vor eine 22 Meter hohe Statue von Kim Il-Sung geführt und musste die Blumen dort ablegen und mich dann tief und respektvoll vor dem Grossen Führer verbeugen.´ mehr
"Die Drecksarbeit der Erinnerung" – "Spiegel Online" vom 22. Februar 2008 (Stefan Pannor)
Lewis Trondheim ist einer der aktivsten Comiczeichner der Gegenwart. Jährlich erscheinen mehrere neue Bücher von ihm, darunter sein Fantasy-Mega-Epos "Donjon", von dem 300 Bände geplant sind, Kindercomics und surreale Comicstrip-Experiment. 2004 verordnete sich dieser produktive Geist, der 14 Jahre lang nur Comics gemacht hat, selbst eine Auszeit vom Zeichnen. Aber so ganz glückt das natürlich nicht. "Außer Dienst" ist das gezeichnete Tagebuch eines versuchten Nichtstuns. mehr
"Nicht ansteckendes Lächeln" – "Junge Welt" vom 6. Februar 2008 (Lena Schiefler)
Vielen Dank für die Kimjongilijas: Ein Comiczeichner hat Nordkorea bereist. Er wäre wohl besser zu Hause geblieben
Der frankokanadische Comiczeichner Guy Delisle hat vor einiger Zeit erst China bereist, dann Nordkorea. Im Dezember ist sein Buch ´Pjöngjang´ auf Deutsch erschienen. In Bildern, die nicht gerade sparsam beschriftet sind und selten überraschen, erzählt es vom eintönigen Dasein des Protagonisten Guy, der im Handgepäck kein Wörterbuch, dafür Orwells ´1984´ und die übliche Portion antikommunistischer Vorurteile mit sich führt. Sie werden alle bestätigt. Sonst passiert nichts. mehr
"Die Handschrift zur Sprechblase; Dirk Rehm arbeitet als Comicverleger und Letterer" – "Deutschlandradio Kultur" vom 24. Januar 2008 (Dirk Schneider)
Auch wenn es der Computer heutzutage erleichtert, einen Comic mit Schrift zu versehen - das sogenannte Lettering ist durchaus eine eigene Kunstform. Dirk Rehm ist einer der wenigen, die diese Kunst sogar noch per Handschrift beherrschen. Und mit seiner spitzen Nase, der Hornbrille und dem Dreitagebart macht er sich selbst als Comicfigur gut.
Berlin Schöneberg: Der große, ebenerdige Raum liegt in einem Hinterhof. Trotz der hohen Decken und der großen Fenster wirkt es eng. An den Wänden Regale, voll mit Comics. ‹berall auf dem Boden stapeln sich die Hefte und Bücher: der Reprodukt-Comicverlag. mehr
"Per Kickstart in den Wilden Westen" – "Goon Magazine" vom 20. Dezember 2007 (Robert Wenrich)
Christophe Blain beweist mit ´Gus´, dass er zum Kreis der grande dessinateurs zählt
Selten beginnen Serien so smooth wie ´Nathalie´, die Eröffnung von Christophe Blains neuer Westerncomicserie ´Gus´. Darin erzählt er in einer Handvoll lockerer Episoden aus dem Leben eines Desperado-Trios. Allerdings ist, wenn die genretypischen Bilder der Gunfights und ‹berfälle auch stilvoll inszeniert sind, das Raub- und Mordhandwerk nicht mehr als Intermezzo und Existenzsicherung; der narrative Fokus liegt auf dem Zwischenmenschlichen, genauer: auf den amourösen Verwicklungen der Drei. mehr
"Andalusische Hunde beißen nicht" – "Süddeutsche Zeitung" vom 3. Januar 2008 (Thomas von Steinaecker)
Hommage an den Surrealismus: "Bard"n, der Superrealist" des Comiczeichners Max
Comic und Surrealismus – das ist eine komplizierte, aber innige Affäre. Kompliziert deshalb, weil schon Jahre vor der eigentlichen Formierung der avantgardistischen Bewegung 1921 in Paris zwei der Gründungsväter des Comics, Winsor McCay und George Herriman, Surrealismus avant la lettre betrieben: Fünf Jahre nach Freuds für Breton und seinen Umkreis so wichtiger "Traumdeutung" werden in McCays Traumcomicserie "Dreams of the Rarebit Fiend", so etwas wie die düstere Variante seines legendären –Little Nemo", Erwachsene abwechselnd lebendig begraben oder von Krokodilen verspeist, bloß um stets am Ende erleichtert im eigenen Bett zu erwachen. mehr
"Durch Marjane Satrapis "Persepolis" ins Rampenlicht gerückt: Der Aufstieg der autobiographischen Comics" – "Süddeutsche Zeitung" vom 23. November 2007 (Christoph Haas)
In der Welt der Sprechblasenbilder waren sie lange ein Exotikum. Heute haben sie sich zu einer festen Größe entwickelt: die autobiographischen Comics. Eingeklemmt zwischen Superhelden und Mangas, behaupten sie in den einschlägigen Läden ihre eigene Nische. Manchmal findet man sie sogar in Buchhandlungen. Entscheidend für ihren Durchbruch bei uns war vor einigen Jahren "Persepolis", dessen Zeichentrickverfilmung derzeit in unseren Kinos läuft (siehe SZ vom 21. November 2007). Die 1969 geborene Zeichnerin Marjane Satrapi, die heute in Paris lebt, erzählt von ihrer Kindheit und Jugend im Iran der islamischen Revolution, von einem Leben zwischen Schleierzwang und Liebe zu westlicher Popmusik. Inzwischen versuchen sich auch junge deutsche Comic-Künstlerinnen und -Künstler an autobiographischen Comics - zum Teil mit hervorragenden Ergebnissen, wie etwa in "Wir können ja Freunde bleiben" von Mawil oder "Liebe schaut weg" von Line Hoven. Mehr
"Der Superheld als Gotteslästerer" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 23. November 2007 (Christian Gasser)
Mit ´Bard"n der Superrealist´ legt der spanische Comicautor Max ein kleines Juwel vor: metaphysische, durch hintergründigen Humor geschärfte Geschichten aus einem surrealistischen Niemandsland. Hier herrscht eine göttliche Mickey Mouse mit drei Augen.
Er kenne die ganze Wahrheit, verhöhnt der Mann im grauen Anzug die Obergottheit: Alles, also auch sie, die Gottheit, existiere nur in seiner Imagination, und ihr Aussehen sei ebenfalls das Resultat seiner Einbildungskraft. Die Gottheit wirft dem Ungläubigen empört vor, er sei ein Idiot und ein Dummkopf. Mehr
"Poetische Familienchronik" – "Hamburger Abendblatt" vom 21. November 2007 (Birgit Reuther)
Wie können wir die Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern als Teil unserer eigenen Geschichte begreifen? Welche Bilder kennen wir aus Erzählungen und von Fotos? Und was verraten uns die Bruchstücke über unsere Familie, über Prägendes, Verdrängtes, letztlich über unsere eigene Identität?
Die junge Hamburger Illustratorin Line Hoven hat ihrer Herkunft nachgespürt und diese Eindrücke zu einem hochpoetischen Comicband verdichtet. In "Liebe schaut weg" schildert die Tochter einer Amerikanerin und eines Deutschen Schlüsselmomente, die von der Kriegsgeneration ihrer Großeltern bis zur eigenen Kindheit führen. Der Konflikt von Opa Erich Hoven zum Beispiel, der als Hitlerjunge ein Radio zusammenschraubt und daraus auf einmal ein Stück des jüdischen Komponisten Mendelssohn hört. Wie er schwärmerisch, von Noten umhüllt, die Musik genießt, dann aber mit angsterfülltem Blick das Gerät ausschaltet, erzählt Hoven mit einer reduzierten, eindringlichen Bildsprache. mehr
Die magischen Momente der Liebe: Line Hovens gekratzter Comic "Liebe schaut weg" – jetzt.de vom 18. November 2007 (Roland Schulz)
Der Augenblick am Anfang, an dem alles begann, der muss ein magischer Moment gewesen sein: Die eigenen Eltern, noch weit davon entfernt, Eltern zu sein, begegnen sich das erste Mal. Und es passiert.
Wie entsteht Liebe?
Wächst sie, zaghaft, langsam?
Kommt sie mit einem Donnerschlag, wie Blitze es tun, jählings und umwerfend?
Oder entsteht Liebe wie ein Brand, allein aus einem Funken anfangs, der zum Glimmen wird und dann erst zu Feuer?
Darüber reden Eltern nicht.
Aber von dem Augenblick, an dem alles begann, von dem – ja.
Es ist interessant, dass Line Hoven in ihrem Comic "Liebe schaut weg" gleich mehrmals auf den magischen Moment zurückkommt, an dem sich zwei Menschen treffen und danach zu zweit sind (und schließlich Eltern). "Liebe schaut weg" ist ein Familienepos in Bildern, die Geschichte von Lines Familie, von ihren Großeltern bis zu ihr selbst – und ein Großteil ihres Comics widmet sich dem Augenblick, an dem ihr Großvater ihre Großmutter kennenlernte, beim Eislaufen. Oder dem Moment, an dem ihr Vater, der Medizinstudent aus Deutschland, auf einer Party ihrer Mutter näher kommt, der Austauschstudentin aus Amerika. mehr
"Das Rätsel des Augapfels" – "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Oktober 2007 (Burkhard Müller)
Die Hure H: Um ihre Figur kreisen die Bücher, die die Schriftstellerin Katrin de Vries und die Zeichnerin Anke Feuchtenberger zusammen produziert haben; dieses ist das vierte. Aber vielleicht sollte man die Hure H nicht als eine Figur bezeichnen, wozu ja ein gewisser unveränderlicher Grundbestand erforderlich wäre. Sie hat sich, seit de Vries sie erfand und Feuchtenberger ihr sichtbare Gestalt gab, bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Nicht einmal einen Namen hat sie, das H klingt bloß als das Echo der Hure nach; und Hure, das meint kein Berufsbild und schon gar keine Beleidigung, sondern es ist etwas wie ein Kind, ein unabgeschlossenes, überaus bildsames Dasein, jenseits der Bedingtheit des Persönlich-Biographischen. Damals, am Anfang, war sie von kindlichem, fast fötalem Habitus, mit großem Kopf, kleinen Gliedern und ohne Haar, unerfahren in der Welt und erstaunt über das, was sich in der Zone des Geschlechtlichen begab. mehr
"Comics kratzen" – "Deutschlandradio Kultur" vom 15. Oktober 2007 (Alexandra Mangel)
In Hamburg hat sich eine lebendige Szene junger Comic-Zeichner entwickelt. Zu ihr zählt Line Hoven, die ihre Comics nicht malt, sondern mit einem Cuttermesser in Karton ritzt. Zurzeit kratzt sie auf diese Weise eine Familienchronik ins Papier. Ihr allererster Comic-Band "Liebe schaut weg" wurde auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.
Line Hoven: "Das ist ein Karton, der beschichtet ist mit weißer Kreide und darüber ist schwarze Tusche. Und viele Freunde von mir kennen dieses Geräusch, wenn sie mich anrufen und mit mir telefonieren, weil man im Hintergrund dann immer dieses Kratzen hört."
Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht. Sie kratzt sie.
"Das ist halt sehr schön, weil man da sehr detailliert arbeiten kann - und auch konzentriert - und es hat auch ein bisschen was Meditatives - könnte sein, dass das auch ein Punkt ist, warum es mir so viel Spaß macht." mehr
"Strichmanderln, die reden" – "NZZ am Sonntag" vom 21. Oktober 2007 (Regula Freuler)
‹ber absurden Humor und die Zumutungen von Förderkommissionen: Eine Begegnung mit dem genialen Comic-Künstler Nicolas Mahler.
Man könnte sich wahrscheinlich für eine blinde Verabredung mit Nicolas Mahler einfach vor den Wiener Stephansdom stellen und warten, bis ein langer Mensch mit markanter Brille und markanter Nase vorbeikommt. So zeichnet Mahler sich selbst, mit wenigen Strichen. Viele Comic-Fans halten seinen reduzierten Stil ja für eine Frechheit. Dabei ist er sozusagen der lebende Beweis dafür, dass mit seinem ´Minimahlismus´ pointierte Charaktere entstehen, nach denen man in klassischen Superhelden-und-Busenwunder-Comics vergeblich sucht. mehr
"Kratzen, nicht zeichnen" – fm4.orf.at vom 20. Oktober 2007 (Sonja Eismann)
Comic-Zeichnen ist ein mühseliges und einsames Geschäft. Ein miserabel bezahltes noch dazu, zumindest im deutschsprachigen Raum, wo ein Band schon erfolgreich ist, wenn er 3.000 Mal statt 100.000 Mal wie in Frankreich über die Ladentheke rutscht. Jedes Panel, also Handlungskästchen, will liebevoll mit Details und Hintergründen ausgestattet werden, nur um von den meisten LeserInnen mitnichten wie ein Kunstwerk bestaunt, sondern in Sekundenschnelle überblättert zu werden.
Detailversessen ...
Und trotzdem gibt es Comic-KünstlerInnen wie Line Hoven. Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht mit Stift und Tusche, sondern kratzt sie. Mit einer speziellen Schabtechnik ritzt sie Konturen in Papierbögen, die zuerst mit weißer Kreide und dann mit schwarzer Tusche beschichtet wurden. Da kann es vorkommen, dass sie an einem scheinbar nichtigen Detail Stunden oder sogar Tage sitzt. Für die 96 Seiten ihrer ersten "Graphic Novel" mit dem Titel "Liebe schaut weg" hat sie mehrere Jahre gebraucht. Sie entstand im Rahmen ihres Studiums an der Hamburger Akademie der Wissenschaften, wo sie von Anke Feuchtenberger und Atak unterrichtet wurde, als ihre Diplomarbeit. mehr
"Von Kant zu Mickey Mouse" – "Schweizer Tagesanzeiger" vom 9. Oktober 2007 (Alexandra Kedves)
Er sieht aus wie ein Kind von Charlie Brown und Jimmy Corrigan, ein altes Kind, mit einem runden Kopf voller Falten und Kulturgeschichtsruinen.
Bard"n, der Superrealist, kam 1999 auf die Welt, hinein in farbige Comicpanels und ins Rampenlicht der internationalen Szene. Mittlerweile wurden die Geschichten um den kleinen Mann mit den grossen Fragen mehrfach übersetzt und ausgezeichnet; der jüngste Band erhielt am Comicfestival in Barcelona nicht weniger als drei Auszeichnungen. Zum Katalonien-Schwerpunkt der Buchmesse erscheint er nun auf Deutsch. mehr
"Die gezeichnete Alltagsparanoia" – "Welt am Sonntag" vom 8. Oktober 2007 (Thomas Lindemann)
In Deutschland ist die Comicszene Kataloniens kaum bekannt. Doch sie ist nicht nur aufregend und originell, sondern auch einflussreich. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse werden die bisweilen bizarren Werke dieser Zeichenkünstler jetzt endlich gewürdigt.
Sie sind Geheimagenten. Und leider auch unschlagbare Trottel. Dem langen Dünnen misslingt alles, der Kleine bekommt die Schläge ab. Wer in den 70er- und 80er-Jahren Comics gelesen hat, dem dürften "Mortadelo y FilemÛn" bekannt vorkommen: Als "Clever & Smart" gingen die beiden um die Welt. Doch ihre Heimat ist Barcelona. Obwohl die katalanische Comicszene stark ist und Barcelona der Comicmittelpunkt Spaniens, ist kein anderes Werk von dort international so bekannt geworden. mehr
"Wenn ein trauriger Clown auf H. R. Giger trifft" – "Tagesanzeiger" vom 22. September 2007 (Alexandra Kedves)
Nicolas Mahler, ´Titanic´-Zeichner aus Wien, legt eine Kultur(szene)kritik in Cartoonform vor: ein sperriger Spass.
´A Writersí Writer´: Wenn dieses Etikett an einem Autor klebt, dann bedeutet das normalerweise andächtiges Schweigen unter Berufskollegen und Grabesstille an den Buchhandlungskassen. Doch beim Comic ist alles anders. Minimalismus, Abstraktion und Fokussierung auf ein sehr beschränktes Themenfeld: Auf einmal funktioniert das alles als schlagkräftiges Verkaufsargument – dann nämlich, wenn Nicolas Mahler auf dem Buchdeckel steht. Dann bekommen auch dürre, schwarz-weisse Strichmännchen ohne Augen und Ohren, die sperrige Stoffe ohne Sex and Crime verhandeln, Aufmerksamkeit. Und die verdienen sie auch. mehr
"Der Befreiungsschlag" – "FAZ" vom 5. Juli 2007 (Andreas Platthaus)
Wie soll man mit gleich zwei neu ins Deutsche übersetzten Publikationen umgehen, die alles umstürzen, was wir vom graphischen Erzählen wissen? Dabei hätte man jahrelang Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten, denn Paul Hornschemeiers Comicroman "Komm zurück, Mutter" erschien in Amerika schon 2004, und das französische Album "Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer" ist gar noch älter - es wurde 2002 publiziert. Der Abstand zu den Originalveröffentlichungen zeigt die Rückständigkeit des deutschen Comicmarktes, denn dass es sich bei beiden Werken um Meisterwerke handelt, pfiffen sämtliche Leser, die der fremden Sprachen mächtig waren, von den Dächern. Immerhin versöhnt der schöne Zufall, dass beide Titel nun gleichzeitig in unsere Buchläden kommen. mehr
"In echt ganz echte Berliner" – "taz" vom 25. April 2007 (Detlef Kuhlbrodt)
Ganz ehrlich: Manchmal ist der Grund, die "Zitty" zu kaufen, die eine Seite Fil. Seit zehn Jahren fängt der Zeichner mit seinen Helden Didi & Stulle ein Berlin ein, das grob ist und subtil - und seit kurzem zenbuddhistisch. Eine Würdigung
Fil ist quasi das Sahnehäubchen innerhalb der Zitty. Man kauft sich das Heft, liest da und dort so halb interessiert, um dann zum Comic zu blättern, den man viel zu schnell durchliest. Und immer mehr will, wie wenn man viel Durst hat und nur ein kleines Bier da ist und all die Spätis und Kaufhallen erst in zwei Wochen wieder aufmachen.
Seit 1981 - da war er 14 - zeichnet und schreibt "der scheue" bzw. "der schaue Fil" für das freundlichere der beiden Stadtmagazine. Er kommt aus dem Märkischen Viertel und tritt in seinem Nebenberuf als Performer mit der Handpuppe Sharkey häufig wochenlang im Tempodrom auf. mehr
"Signifikanten in schwerer See" – "taz" vom 17. April 2007 (Clemens Niedenthal)
Zeichentheoretiker, Sprachanalytiker, Bedeutungsdeuter bevölkern diesen Bleistiftkosmos. Dringt man bei jeder Wiederholung tiefer in diese Bilder ein? Oder sind es seine Bilder, die tiefer in uns dringen? Martin tom Diecks Comic "Der unschuldige Passagier" wurde als Reprint wiederveröffentlicht
Ein Mann treibt auf hoher See, allein, verlassen. Bald fehlen seinem Ruderboot ein paar Planken. Wenig später fehlt dem Mann das Boot, gleitet er hinab in den Strudel der Zeichen und Bedeutungen. Der Mann landet auf einem düsteren Schiff, findet düstere Weggefährten und hat eine düstere Ahnung: Niemand weiß, wohin diese Reise geht. mehr
"Allein unter Männern am Zeichentisch" – "Süddeutsche Zeitung" vom 9. April 2007 (Christoph Haas)
Comic-Autorinnen sind immer noch rar, aber ihre Zahl nimmt langsam, stetig zu
Der Befund ist, zumindest auf den ersten Blick, alles andere als aussichtsreich. Klickt man sich auf der Homepage von Carlsen, des größten deutschen Comic-Verlags, durch das umfangreiche Alphabet der Künstler, sind nicht mehr als zwei Zeichnerinnen aufzufinden: die Hamburgerin Isabel Kreitz, bekannt vor allem für ihre Adaptation von Uwe Timms "Die Erfindung der Currywurst", und Wendy Pini, die mit ihrem Mann Richard seit mehreren Jahrzehnten an der Fantasy-Serie "Elfquest" arbeitet. Etwas besser sieht es beim wesentlich kleineren Reprodukt Verlag aus, dessen Programm sich konsequent jenseits des Mainstreams bewegt. Von 50 Zeichnern, die hier unter Vertrag stehen, sind immerhin knapp ein Sechstel weiblich, nämlich acht. mehr
""Ein linkes Entenhausen"" – "taz" vom 11. Januar 2007 (Andreas Hartmann)
Ein Gespräch mit dem Zeichner Andreas Michalke und Diedrich Diederichsen über verlorene Dissidenz, Ironie, die Kunst des Zuspätkommens und Michalkes neues Comicbuch "Bigbeatland"
taz: Herr Diederichsen, interessiert Sie der Comic als dissidentes Medium?
Diedrich Diederichsen (DD): Das Wort "Dissidenz" ist generell bei Gegenwartskunst, nicht nur bei Comics zu hoch gegriffen. Genauso wie in der Popmusik und in anderen Spezialistenkulturen wie etwa dem asiatischen Kino gibt es auch hier inzwischen Experten innerhalb des Mainstreams. Das ist in all diesen Bereichen prinzipiell das Gleiche: Vor 10, 15 Jahren waren diese Künste und ihre Milieus noch aus der Mainstreamkultur ausgeschlossen, weswegen man sie auch noch leichter für kontrovers halten konnte. Heute wird zumindest die Spitze des Eisbergs auch vom Mainstream beachtet. Mittlerweile gibt es auch in der Comicszene eine Sicherung des kanonischen Erbes. mehr
"Flüchtiger Strich, bleibende Gefühle" – "Der Bund" vom 6. Januar 2007 (Christian Gasser)
Endlich liegt der Erfolgscomic ´Blaue Pillen´ des Genfers Frederik Peeters auf Deutsch vor
In seinem autobiografischen Comic-Roman schildert Frederik Peeters seine Beziehung mit der HIV-positiven Cati und ihrem ebenfalls infizierten Sohn und schaffte damit im französischsprachigen Raum den Durchbruch.
Sie sei gerne mit ihm zusammen, sagt Cati, und sie wolle nicht, dass ihre Freundschaft abbreche. Cati sitzt in Frederiks Küche, es ist spät, der Wein ist ausgetrunken – und wir glauben zu wissen, was als Nächstes kommt: Der ganz normale Beginn einer Liebesgeschichte. Auch Frederik erwartet dies, und er insistiert: Cati solle doch sagen, was sie auf dem Herzen habe – er sei schliesslich ein grosser Junge. – ´Ich bin´, gesteht Cati nach kurzem Zögern, ´HIV-positiv.´ mehr
"Bilder, die Musik machen" – "Spiegel Online" vom 20. Dezember 2006 (Anne Backhaus)
Hamburg, Miami, Hongkong: Die zurückgezogen lebende Künstlerin Moki verzaubert mit ihren Bildern eine internationale Fangemeinde und passt dabei in keine Genre-Schublade. Ob Acrylgemälde, Comic oder Performance - in Mokis Welt sind die bekannten Grenzen aufgelöst.
Eine hügelige Landschaft in schwarzweiß. Die einzigen Pflanzen, die aus dem kargen Boden ragen, sehen aus wie Seeanemonen in der Meeresströmung. Der Himmel ist voller dunkler Wolken. Der Regen fällt in Fäden, erreicht aber nie den Grund. An manchen Stellen bricht ein wenig Licht sich seinen Weg. Unten rechts läuft eine riesige Katze. Auf ihr liegt entspannt eine junge Frau, das Gesicht umrahmt von einer Kapuze. mehr
"Glück gehabt" – zdf.de von Dezember 2006 (Philip Flaemig)
Arne Bellstorf und Sascha Hommer leben für ihre Comics
Kein Geld. Kein Ruhm. Kein Aufstieg. Mit Comics erreicht man keines der üblichen Karriereziele unserer Zeit. Trotzdem werden sie immer weiter produziert. Die Comic-Szene lebt von kreativen Köpfen, die kleine Perlen produzieren, die sich vielleicht nicht gut verkaufen, aber herausragend sind. Das gilt besonders für Kleinverlage, in denen ausschließlich erscheint, was dem Verleger gefällt. Denn die sind meist selbst Zeichner. Arne Bellstorf und Sascha Hommer sind solche ‹berzeugungstäter.
Wer nichts anderes will, als Kohle machen, geht nicht in die Comic-Branche. Zwar wird in den großen Verlagen mit "Tim & Struppi", "Asterix", "Lucky Luke" und den aus Japan importierten Mangas Geld verdient, doch sind die Profite so schmal, dass selbst die in Zeiten der Internet-Downloads darbende Musikindustrie vergleichsweise prächtig da steht. mehr
"Jäger des absurden Alltags" – "Der Tagesspiegel" vom 3. Dezember 2006 (Lars von Törne)
Lange vor Kurt Krömer erhob Fil den Proll-Humor zur Kunst. Nun gibt es eine Werkschau und neue Shows
Das Squaw-Kostüm hat er diesmal zu Hause gelassen. Aber ein paar alte Großstadtindianer-Weisheiten hat Fil immer dabei. "Raubí mir nicht meine Seele, weißer Mann", ermahnt er mitten im Lied den Fotografen und baut spontan ein paar ironisch-überhebliche Attacken gegen die Medien in den Song ein ("Die Journalisten hassen mich, weil sie nicht Ich sind"). Unversehens ist der Beobachter zum Teil der Show geworden, die der unberechenbare Alleinunterhalter am Freitagabend zur Eröffnung seiner Werkschau in der Friedrichshainer "Cartoonfabrik" aus dem T-Shirt-Ärmel schüttelte. mehr
"Lebenslanger Eingriff ins Intimleben" – "Passauer Neue Presse" vom 29. November 2006 (Christoph Haas)
Lektüre zum Welt-Aids-Tag und darüber hinaus: Das autobiografische Comic-Album –Blaue Pillen"
"Aids hat viele Gesichter": So oft wir diesen Satz gelesen und die Bilder, die ihn illustrieren, gesehen haben - ganz glauben wollen wir ihn immer noch nicht. Treffen wir jemanden, der sich mit der tödlichen Immunschwäche infiziert hat, ohne zu einer der primär gefährdeten Minderheiten zu gehören, dann sind wir schockiert.
So ergeht es auch dem jungen Zeichner Fred, der Hauptfigur in dem autobiografischen Comic-Roman "Blaue Pillen". Er hat sich in die hübsche Cati verliebt. Eines Tages sagt sie zu ihm: "Ich bin HIV-positiv. Und mein Sohn auch." Fred verliert die Fassung: "Ich spielte den Typen, der Sicherheit ausstrahlt, der alles im Griff hat. Ich war der Fels in der Brandung. Für sie, und weil ich wusste, dass zwischen uns etwas war. Aber in Wahrheit fühlte ich mich wie ein verunsicherter kleiner Junge, starr vor Angst, vor der Tür zu seinem Klassenzimmer, am ersten Schultag." mehr
"Kleiner als das Leben" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 28. September 2006 (Christian Gasser)
Sie sind jung, sie zeichnen, und sie erzählen: Nach der deutschsprachigen Belletristik findet nun auch der Comic zur Lust am Erzählen zurück. Zwei Anthologien, ´Orang´ und ´Flitter´, erlauben einen Einblick in das Schaffen einer neuen Comiczeichner-Generation.
Ziellos und unentschlossen mäandert Christoph durch einen langweiligen Sommer und treibt einer düsteren Zukunft, der Wiederholung der zehnten Klasse, entgegen. Nicht einmal die Annäherungsversuche Miriams entreissen ihn seiner Lethargie - tief versunken in Weltschmerz und Einsamkeit ist er unfähig, sich dem Mädchen gegenüber zu öffnen, und selbst seine ersten erotischen Erfahrungen lässt er offenbar willenlos und merkwürdig distanziert über sich ergehen. Seine alleinerziehende Mutter, die sich ähnlich erfolglos um Zuneigung und Liebe bemüht, ist ihm keine Hilfe. Christoph heuchelt Gleichgültigkeit und Unabhängigkeit - und plötzlich ist der Sommer vorbei, und Miriam küsst einen anderen. mehr
"Fremd sind sie sich selber" – "taz" von 12. September 2006 (Jan-Frederik Bandel)
Ansteckend: Die "Black Hole"-Comics von Charles Burns liegen nun vollständig auf Deutsch vor. Schillernd zwischen einer Ästhetik des Grässlichen und des Schönen, mit vergiftetem Happy End
Computerexperten, Mediziner und biologische Forschungszentren rüsten gegen sie. In den Gerüchteküchen der neuen Kriege und Terrorismen gelten sie seit Jahrzehnten als nächstes großes Ding auf der Tödlichkeitsskala. Thriller, Krimis, Science-Fiction sind ohne sie kaum noch denkbar. Viren und Epidemien gehören zweifellos zu den wichtigsten Metaphern und Phantasmen unserer Zeit.
Sie sind längst zu einem "Kollektivsymbol" geworden, wie die Kulturwissenschaftlerin Brigitte Weingart es nennt. In ihrem Buch "Ansteckende Wörter" hat sie das wohl bekannteste Beispiel dieser epidemischen Symbolik untersucht: die Immunschwächekrankheit Aids, die Anfang der Achtziger so schockhaft ausbrach, dass sie eine wahre "Bedeutungsepidemie" auslöste: ansteckende Gerüchte, Theorien und Desinformationen der wildesten Art. mehr
"Guy Delisle: Shenzhen" – fluter.de von 8. September 2006 (Volker Hummel)
Reisebericht aus China
Beim Abspann von deutschen Zeichentrickproduktionen wie "Werner" und "Käpt'n Blaubär" kann man eine überraschende Entdeckung machen: Nach einer Handvoll deutscher Namen tauchen dort plötzlich chinesische Schriftzeichen auf. Dahinter verbergen sich die vielen Namen jener, die den Film in einem Animationsstudio in Taipeh, Schanghai oder Shenzhen gezeichnet haben. Aufgrund der niedrigeren Lohnkosten in Fernost verfahren deutsche Zeichentrickstudios nämlich genauso wie ihre Kollegen in den USA und Frankreich: Zu Hause werden die Storyboards und Figuren entwickelt; in China, manchmal auch in Südkorea oder Indien, wird dann unter knappen Zeitvorgaben die arbeitsintensive Zeichnung der Einzelbilder und Hintergründe erledigt. mehr
"Glück gehabt" – "Brand Eins" von August 2006 (Peter Lau)
Kein Geld. Kein Ruhm. Kein sozialer Aufstieg. Mit Comics erreicht man keines der Konsensziele unserer Zeit.
Und trotzdem werden sie immer weiter produziert. Weil es dafür einen sehr guten Grund gibt.
Wir sprechen nicht über das Glück, aber es ist immer da, wie das vage Rauschen des Verkehrs vor den Fenstern. Es lebt in den leisen Worten, den weichen Gesten, den freundlichen Blicken, dem allgemeinen Lächeln. Es versteckt sich hinter dem Unverständnis angesichts des Unglücks. Einmal, erzählt Line Hoven, hat sie eine schlechte Erfahrung gemacht. Das war bei einem Job für einen großen Wirtschaftskunden, dessen Namen sie nicht nennen möchte, weil sie keinen Ärger will. Sie kam zu einer Präsentation von Design-Vorschlägen, zusammen mit einer Hand voll Kunststudenten voller Ideen und Enthusiasmus, die bereit waren, ihr Bestes zu geben. Doch die Kunden waren –echt eklig, total seelenlose Menschen. In der Pause sind sie über uns hergezogen, ich habe gehört, wie sie darüber redeten, wie schlimm wir aussähen. Bei so etwas mache ich nie wieder mit, da jobbe ich lieber in der Kneipe". Doch selbst in diesem Moment bleibt die 28-Jährige sanft und freundlich, ein angenehmes Wesen, das verständnislos auf eine unangenehme Welt schaut. Warum sind diese Leute so? Und was wollen die? mehr
"Charles Burns: Black Hole" – Teenagergrauen" – fluter.de vom 18. August 2006 (Volker Hummel)
Größer noch als das Grauen, das einem der Anblick eines entzündeten Eiterpickels bereitet, kann das Vergnügen sein, wenn der ganze Sabsch in einer Mini-Ejakulation an den Spiegel spritzt. Teenager könnten davon ein Lied singen – wenn sie nicht so verklemmt wären. Zu keiner anderen Zeit des Lebens ist das Verhältnis zum eigenen Körper so ambivalent wie in der Jugend, so euphorisch und angewidert zugleich.
Dem 1955 geborenen amerikanischen Künstler Charles Burns, dessen Comic-Epos "Black Hole" um den körperlichen Horror der Adoleszenz kreist, ging es wohl auch so in seiner Jugend. Statt harmloser Pickel gibt es in seinem schwarz-weißen Universum allerdings gleich eine ganze Epidemie abnormer Körpermutationen, die Jugendliche im Seattle der 1970er-Jahre befallen. Statt mit Akne haben sie es mit Löchern im Körper, mit postkoitalen Häutungen und mit Gewebewucherungen zu tun. mehr
"Lewis Trondheim: A.L.I.E.E.N." – Radio Fritz vom 16. August 2006 (Tom Ehrhardt)
Jetzt ist es bewiesen: Außerirdische schreiben Comics! Lewis Trondheim – der französische Großwesir der modernen Bildergeschichte hat es bei einem Familienpicknick auf einer Wiese gefunden und war begeistert. Glücklicherweise ist der Comic nicht in die Archive des Geheimdienstes, sondern geradewegs in den Buchladen gewandert.
Lewis Trondheim ist einfach ein Glückspilz. Der 42jährige Ausnahmeautor findet tatsächlich beim Familienausflug einen Comic, der nicht von dieser Welt ist. Bildergeschichten mit undefinierbaren Worten in nie gesehenen Schriftzeichen sind darin zu finden – und aus den Mündern einer Schar wahnsinnig niedlicher, aber teils auch fieser Figuren purzeln sie. mehr
"Ein Insekt im Rauch" – "Der Bund" vom 10. August 2006 (Christian Gasser)
Sascha Hommers Comic ´Insekt´ ist eine Teenagerparabel um Intoleranz und Aussenseitertum. ´Insekt´ ist eines der beachtlichsten Debüts der letzten Jahre und etabliert Sascha Hommer als einen der begabtesten Comic-Erzähler seiner Generation.
Nichts weist darauf hin, dass Pascal anders ist als seine Freunde. Er ist beliebt, er wird zum Klassensprecher gewählt, mit seinen Kumpels spielt er am Computer, und dass gewisse Mädchen auf ihn stehen, verunsichert ihn. Ein ganz normaler Junge also mit den Problemen, die jeder Junge kurz vor der Pubertät hat. Möchte man meinen. Nur die Stadt, in der er lebt, ist ungewöhnlich: Schwarzer Rauch, gegen den jeder Lichtstrahl machtlos ist, hüllt Strassen und Gebäude ein. Und doch sind die Menschen glücklich, in diesem Moloch zu leben, denn draussen, so kolportieren Schreckensmärchen, die die Kinder das Fürchten lehren sollen, beginnt die Wildnis, in der die Insekten hausen, die hässlichen, primitiven und blutrünstigen Insekten. mehr
"Im Niemandsland der Globalisierung – Guy Delisles Comics-Tagebuch ´Shenzhen´" – "NZZ" vom 10. August 2006 (Christian Gasser)
Nach einem langen Arbeitstag wird Guy Delisle in seinem Hotelzimmer im chinesischen Shenzhen durch Temperaturen einer Kühltruhe überrascht. Verärgert über die Putzfrau, die, wie er argwöhnt, die Klimaanlage jeden Morgen aufdreht, tritt er gegen den Thermostaten. Das Plasticgehäuse zerbricht. Verwundert stellt Delisle fest, dass der Temperaturregler eine Attrappe ist, ein im Leeren drehendes Rädchen.
Die Tücken des Alltags im China von heute: Der Comics-Autor und Trickfilmer Guy Delisle erfuhr sie am eigenen Leib, als er im Dezember 1997 für drei Monate nach China zog, um die Herstellung eines Animationsfilms für das Fernsehen zu beaufsichtigen. Auch die westliche Trickfilm- Industrie schiebt derzeit die Handarbeit gerne in Niedriglohnländer wie China ab; das kostet im Westen viele Jobs, erfordert aber den neuen Beruf eines nomadisierenden Art-Directors. Als ein solcher musste sich der Frankokanadier Guy Delisle nun in Shenzhen mittels Dolmetschern Zeichnern verständlich machen, die sich andere Bildsprachen und Physiognomien gewohnt sind. mehr
"Alles erst mal ernst nehmen – Ein Gespräch mit dem Comiczeichner Arne Bellstorf" – "Junge Welt" vom 5. August 2006 (Frank Schäfer)
Christoph muß die zehnte Klasse wiederholen. Er lebt bei seiner Mutter, die genug mit ihren eigenen hormonellen Problemen zu tun hat. Der Vater hat sich längst davongemacht. Christoph leidet, wie man mit 16 nur leiden kann. Dann lernt er Miriam kennen, die beiden haben was miteinander, aber richtig nahe kommen sie sich auch nicht, vielleicht weil die Trennung seiner Eltern ihn zu sehr verletzt hat, vielleicht weil ihn der altersgemäße Weltschmerz zu derb am Schlawittchen packt. Schließlich beobachtet er, wie sie einen anderen küßt. mehr
"Alle so ähnlich anders" – "taz" vom 25. Juli 2006 (Susanne Messmer)
"Shenzhen" ist die Geschichte eines Kulturschocks, wie ihn der Zeichner Guy Delisle vor zehn Jahren erlebte. Doch China hat sich verändert. Ein verwunderter Vergleich von Comic und der Wirklichkeit
Da ist dieses blasse, niedergeschlagene Männlein mit der großer Nase. Es geht gerade in einem Menschenknäuel unter, einer chinesischen Menschenmasse. Erstaunlicherweise sehen gar nicht alle darin gleich aus. Im Gegenteil: Manche sind schmal, andere rund, manche haben eine hohe Stirn, andere ein fliehendes Kinn, die Nächsten spitze Münder. Das Einzige, was diese Gesichter verbindet: Man weiß sie nicht zu deuten. Aus der Sicht des Männleins wirken sie alle ähnlich anders. mehr
"Andreas Michalke" – "Bigbeatland" – "Spiegel Online" am 12. Mai 2006 (Stefan Pannor)
Wer früher Punkmusiker war, weiß sich kurz zu fassen: Andreas Michalkes Comics sind nie sehr lang, aber dafür umso vielfältiger in ihrer Thematik und Form. Für SPIEGEL ONLINE zeichnete der gebürtige Hamburger exklusiv eine Episode seiner Reihe "Bigbeatland".
ine der schönsten Szenen in Michalkes Comics ist jene, in der das Comic-Alter-ego des Zeichners kurz nach Mitternacht einen Punk-Club verlassen will: "Ich bin 38. Ich DARF jetzt nach Hause gehen." Was aus dieser Szene spricht, ist das Selbstbewusstsein des 1966 geborenen Hamburgers. Die Erkenntnis, erwachsen werden zu müssen, aber dennoch sich selbst treu bleiben zu können. mehr
"Rauch überall" – "textem" vom 31. Mai 2006 (Thomas von Steinaecker)
Sascha Hommers "Insekt" ist ein bemerkenswertes Debüt: aktuell, innovativ und ergreifend – und es beweist, dass die Comicszene hier zu Lande den internationalen Vergleich nicht mehr scheuen muss.
Pascal ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Er geht zur Schule, ist beliebt, wird zum Klassensprecher gewählt, die Mädels stehen auf ihn, er spielt Computer. Eine "Coming-of Age"-Idylle. Nur die Stadt, in der er wohnt, ist nicht so ganz normal und wirkt bedrohlich: Alles ist von schwarzem Rauch eingehüllt, sodass man beim Lesen eine Taschenlampe braucht und das Gesicht des anderen nie so ganz genau erkennt. mehr
"Arne Bellstorf – "Guten Abend, gute Nacht" – "Spiegel Online" am 12. Mai 2006 (Stefan Pannor)
Arne Bellstorf wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2005 zum Newcomer des Jahres gekürt. Für SPIEGEL ONLINE zeichnete er exklusiv den Strip "Guten Abend, gute Nacht" – Auftakt der zweiten Staffel unserer Reihe "Neue deutsche Comics"
Arne Bellstorf wurde 1979 in Dannenberg (Elbe) geboren und lebt in Hamburg. Seit 2002 hat er unter anderem im "Strapazin" veröffentlicht, publizierte aber vorrangig im Eigenverlag Kiki Post, den er gemeinsam mit dem Zeichner Sascha Hommer betreibt. Bis 2005 waren es ausschließlich Kurzgeschichten, die so erschienen. Eher langsam tastete sich Bellstorf an ein längeres Werk heran.
Unter dem Titel "Acht, neun, zehn" erschien dann schließlich im vergangenen Jahr beim renommierten Berliner Independent-Verlag Reprodukt der Band, der Bellstorf den Durchbruch sicherte – Eine bitter-melancholische Jugendgeschichte aus den deutschen Vororten, gleichzeitig seine Diplomarbeit. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde er zum Newcomer des Jahres gekürt, das Fachblatt "Comixene" brachte Bellstorfs Porträt auf dem Titel. mehr
"Insekten im Nebel. Ein Comic-Debütalbum" – "Junge Welt" am 12. Mai 2006 (Jan-Frederik Bandel)
Es ist sicher unangenehm genug, eines Morgens aus unruhigen Träumen zu erwachen und ein Käfer zu sein. Aber wie sieht es aus, wenn man immer schon ein Insekt war, es nur nicht gemerkt hat, weil's so neblig war? Zumal man in der Schule jeden Tag hört, da draußen auf dem Land solle es sie geben, die Insekten: häßliche, rückständige Wesen, Ungeziefer, von dem nichts zu erwarten ist als Krankheiten? mehr
"Hunger auf Mamas Quarktaschen" – "Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud" – "taz" vom 4. Mai 2006 (Brigitte Preißler)
Manu Larcenet hat mit "Hundejahre" die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud in Amerika festgehalten. Anders als in den sonst üblichen Bildungs-Bilderbüchern zum Leben des Psychoanalytikers schickt der französische Comiczeichner seinen Freud lieber auf halluzinogene Pilztrips
Ein weißbärtiges Männchen blickt über die Reling eines Segelschiffes. Küstenumrisse tauchen am Horizont auf. "Amerika!!", schreit der schmächtige Wicht und streckt der Neuen Welt begeistert seine Wurstfinger entgegen: "Ein fast neuer Kontinent zum Analysieren!" mehr
"Selbstbewusst und sehr genau mit sich" – Porträt von Jutta Harms – "taz" vom 26. April 2006 (Jörg Sundermeier)
Die Macher im Off (3): Jutta Harms ist Comic-Aficionada, und sie hat aus der Leidenschaft einen Beruf gemacht. Als Ausstellungsmacherin und freie Presseagentin von Comic-Verlagen macht sie sich für die Sache des Comics stark
Sie ist jetzt seit rund zehn Jahren in Berlin. Damit ist Jutta Harms gerade noch rechtzeitig hergekommen, bevor alle großen Kuchenstücke im Berliner Subkulturbetrieb vergeben waren. Vor zehn Jahren war es noch möglich, sich in eines der runtergekommenen Häuser zu stellen und zu rufen: Hier bin ich! Doch die Hamburgerin Harms, die auch schon Hausbesetzerin und Anwaltsgehilfin war, wäre wohl selbst dann zurechtgekommen, wenn sie ein paar Jahre später gekommen wäre. Denn sie ist eine Tausendsassa. mehr
"Labyrinthe und Sprachtürme" – "Paul Austers Stadt aus Glas" – "Der Bund" vom 24. April 2006 (Christian Gasser)
David Mazzucchelli und Paul Karasik haben Paul Austers Roman ´Stadt aus Glas´ zu einem Comic verarbeitet.
Mit ´Stadt aus Glas´ wird die lange vergriffene Comic-Adaption von Paul Austers Roman neu aufgelegt. Zum Glück, denn ´Stadt aus Glas´ ist aus mehreren Gründen ein Meilenstein des Comics.
Seit dem Tod seiner Familie schreibt der Dichter Daniel Quinn unter dem Pseudonym William Wilson nur noch Krimis um den Privatdetektiv Max Work. Als ihn eines Tages ein Telefonanruf aus der selbst gewählten Isolation reisst und ein gewisser Peter Stillman nach dem Detektiv Paul Auster verlangt, behauptet Quinn, er sei Auster, und nimmt Stillmans Auftrag an, seinen Vater, der ebenfalls Peter Stillman heisst, zu überwachen. mehr
"Im Labyrinth" – "Paul Austers Stadt aus Glas" – "Der Tagesspiegel" vom 16. April 2006 (Lars von Törne)
Wo Worte versagen, geben manchmal Bilder Sicherheit. Wenn auch sie sich auflösen, ist der Wahnsinn nicht mehr weit. Paul Austers "Stadt aus Glas", die erste Geschichte seiner New-York-Trilogie aus den 80er Jahren, erscheint mit seiner symbolreichen Handlung wie geschaffen für eine Bildgeschichte.
Ein Mann rutscht hinein in ein mysteriöses Abenteuer. Erst verliert die Sprache an Bedeutung, nach und nach auch alles andere. Er verliert sich im Labyrinth der Stadt New York, dann in sich selbst, am Schluss verschwindet er ganz. Die Zeichner Paul Karasik und David Mazzucchelli haben Austers Text kongenial umgesetzt. In klaren Bildfolgen haben sie die ausweglose, an klassische Krimis angelehnte Geschichte des Schriftstellers Daniel Quinn in einen Comic übertragen, in dessen Verlauf Realität und Fantasie zur Einheit werden.
"Ein Glücksritter auf Seefahrt – Christophe Blains Comic "Isaak der Pirat" weckt Muttergefühle" – "Berliner Zeitung" vom 8. März 2006 (Brigitte Preißler)
Isaaks Kopf ist viereckig wie ein Comicpanel, seine Nase spitz wie ein Sprechblasenzipfel, und sein Talent als Maler so bescheiden wie das dunkle Kabuff, das er zusammen mit seiner Verlobten Alice im Paris des 18. Jahrhunderts bewohnt. Die Ladenschilder, die er für einen Lebensmittelhändler pinselt, bringen kaum mehr ein als die Schreibarbeiten seiner patenten Freundin. Viel leuchtender als seine Bilder malt er sich jedoch die Zukunft aus: Wortreich schwärmt er von der Seefahrt, vom Leben in einer reichen Hafenstadt, von Ruhm und Anerkennung. Eines Tages wirbt man ihn für eine Schiffsüberfahrt an - seine Karriere als Bordmaler des Piraten Jean Mainbasse beginnt. mehr
"Superhelden im Einsatz: Der Berliner Reprodukt Verlag feiert Jubiläum – lukrativ ist der Comic noch lange nicht" – "Berliner Morgenpost" vom 12. Februar 2006 (Brigitte Preißler)
In einem kleinen Schöneberger Büro residiert einer der größten deutschsprachigen Comicanbieter. In diesem Jahr feiert der von Dirk Rehm geleitete Reprodukt Verlag sein 15jähriges Bestehen. Eine Erfolgsgeschichte.
Im Vorderhaus versprüht ein Tattoo-Studio seinen sadomasochistischen Charme, zwischen den Mülltonnen eines graffitibunten Schöneberger Hofs spielen Kinder. Die meisten Anwohner dieses vergessenen Endes der Bülowstraße dürften Berlins kulturelle Hautevolee in den alexnahen Bezirken nur aus den Abendnachrichten kennen. Anderthalb Büroräume im Erdgeschoß: ein bescheidenes Quartier für einen der wichtigsten Comicverlage im deutschsprachigen Raum. mehr
"Melancholische Figuren in einem deutschen Comic" – "Nürnberger Nachrichten" vom 30. Dezember 2005 (Udo Erhart)
Die Diplomarbeit "acht, neun, zehn" von Arne Bellstorf wurde mit dem "Sondermann" ausgezeichnet.
Auf den ersten Blick sehen sie seltsam aus, die Figuren aus der Feder des Hamburger Comic-Künstlers Arne Bellstorf. Sie wirken deformiert, aber gleichzeitig niedlich und meist steht ihnen ihre Niedergeschlagenheit ins Gesicht geschrieben. Wer sich aber näher mit den Geschichten befasst, stellt schnell fest, dass sich die melancholischen Gestalten gut in die nachdenklich stimmenden Storys einfügen.
Der 26-jährige Bellstorf studierte Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg und legte seine Diplomarbeit in Comic-Form vor (siehe Abbildung oben). Dieses Comic, das unter dem Titel "acht, neun, zehn" (Verlag Reprodukt, 13 Euro) erschienen ist, ist jedoch nicht die erste veröffentlichte Arbeit des Autoren/Zeichners Bellstorf im Comic-Sektor. mehr
"Mawil – Bomb da City" – "Spiegel Online" vom 23. Dezember 2005 (Stefan Pannor)
Wenn es einen deutschen Nick Hornby gäbe, würde er Comics zeichnen und hieße Mawil. Der Berliner überrascht seit einigen Jahren mit amüsanten Alltagscomics und heimst dafür Lob und Preise ein. Der autobiographische Strip "Bomb da City" entstand exklusiv für SPIEGEL ONLINE.
Der deutsche Nick Hornby lebt in Berlin, zeichnet Comics und heißt Mawil. Es wissen nur noch nicht alle. Dabei genießt Markus Witzel alias Mawil für einen deutschen Independent-Zeichner bereits einen unerhört hohen Bekanntheitsgrad. Spätestens seit ihm 2003 mit "Wir können ja Freunde bleiben" ein großer Wurf gelang. Der Comic war eigentlich seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee und wurde von Mawil laut eigener Aussage in nur sechs Wochen geschrieben und gezeichnet. mehr
"Lest mehr Comics!" – "Jungle World" vom 30. November 2005 (Jan-Frederik Bandel)
In Hamburg und Berlin werden gute Comics und Cartoons produziert. ‹ber Zeichner mit und ohne Diplom, ihr gewachsenes Selbstbewusstsein und ihre kargen Einnahmen.
Abends, nachdem er stundenlang an bunten Bildschirmschonern und Logos mit laufenden Tirolerhüten gebastelt hat, setzt sich Leo Leowald noch einmal an den Computer und zeichnet in schnellen, präzisen Strichen eine Erzählung aus seinem Leben. Tag für Tag ruft eine treue Fangemeinde die Strips im Internet auf (www.zwarwald.de), kommentiert und diskutiert lebhaft über die Vaterpflichten, Gewichtsprobleme und Weltjugendtagserlebnisse seines Enterichs. mehr
"Arne Bellstorf" – "lichter-magazin", November 2005 (Martin Boehnert)
One step inside doesn't mean you understand. Das zunächst als Diplomarbeit angefertigte Comicalbum "acht, neun, zehn" verschaffte dem Autor Arne Bellstorf zurecht Beachtung auf der Frankfurter Buchmesse als "besten Newcomer", und der deutschen Comiclandschaft eine weitere erfreulich anspruchsvolle Nuance.
"Es ist leider eine müßige Diskussion darüber, warum Comics in der öffentlichen Wahrnehmung als Kinderkram und Schund wahrgenommen werden. In Frankreich ist das anders, in Japan auch, und in Amerika gibt es mittlerweile doch einige Autoren, die für ein erwachsenes Publikum schreiben und zeichnen und damit auch ein größeres Publikum erreichen." Arne Bellstorf ist Jahrgang 1979 und hat gerade mit "acht, neun, zehn" sein erstes Comicalbum auf den übersichtlichen deutschen Markt gebracht. mehr
"Buchstaben über der Stadt" – "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vom 13. November 2005 (Tobias Rüther)
‹berall ist es besser, wo wir nicht sind: Craig Thompsons wunderbares "Tagebuch einer Reise"
Er hat Heimweh. Und das läßt nicht nach, selbst wenn er zu Hause ist. Craig Thompson, dreißig Jahre alt und wohnhaft in Portland unweit der amerikanischen Pazifikküste, ist einer der traurigsten Comic-Zeichner aller Zeiten. Er zeichnet, damit das weggeht: das Heimweh und der Kummer darüber, daß ihm die Freundin weggelaufen ist, daß nicht mehr soviel Schnee fällt wie damals, als er noch klein war auf der Farm in Wisconsin. Craig Thompson malt ständig Bäume in seine Comics, weil er sich entwurzelt fühlt: Er schafft sich Halt in schwarzweißen Bildern, und zeichnet sie so lange, bis seine Hand zu schmerzen beginnt, und selbst dann hört er nicht damit auf. mehr
"Isaak der Pirat" – "Spiegel Online" vom 23. September 2005 (Stefan Pannor)
Isaak ist Künstler und hat kein Geld. Also ist das Angebot durchaus verlockend, einen reichen Reeder zu porträtieren. Dumm nur, dass der in Wirklichkeit Pirat ist. Und dass sein Schiff genau in dem Moment zu großer ‹berfahrt ablegt, als Isaak an Bord geht. Dumm auch, dass Isaaks Verlobte darum allein zu Haus bleibt, aber natürlich bald nicht nur von Verehrern, sondern auch von Geldsorgen bedrängt wird. Das alles könnte belangloser Kitsch sein. Zum Glück aber stammt Christophe Blain aus dem Zeichnerumfeld um Lewis Trondheim, gehört also zu jenen nicht mehr ganz so jungen Wilden, die in den letzten zehn Jahren den französischen Comicmarkt umgekrempelt haben. "Isaak der Pirat" ist eine furiose, farbenfrohe Wiederbelebung eines eigentlich seit Jahrzehnten toten Genres, des Piratencomics. mehr
"Ganz gleich" – comicgate.de vom 4. September 2005 (Thomas Kögel)
Einige von uns dürften das gut kennen: man hat vor ein paar Jahren die Schule abgeschlossen und seine ländliche Heimat Richtung Großstadt verlassen, um dort zu studieren. Dazu gehört natürlich auch ausgiebiges Abhängen mit den Kumpels, Herumphilosophieren und gegenseitiges Popkulturwissen-Abfragen. Aber immer wieder passiert es, dass man mit dem alten Leben, das man doch hinter sich lassen wollte, konfrontiert wird - und solche Momente können schön, peinlich oder richtig ätzend sein. mehr
"Klare Flüchtigkeit – Die französische Comic-Gruppe L'Association und ihr heterogener Kosmos" – "taz" vom 25. Juli 2005 (Katja Lüthge)
Vor fünfzehn Jahren schon gründeten sechs junge ambitionierte französische Comic-Zeichner die Gruppe L'Association, und noch immer kommen aus dem Umfeld dieser Künstlervereinigung die abenteuerlichsten und schönsten Geschichten. Man hat dort einen Blick für interessante Stoffe. Zuletzt gelang dem Verlag mit der Veröffentlichung von Marjane Satrapis Autobiografie "Persepolis", in der sie ihre Kindheit und Jugend im Iran und in Österreich schildert, sogar ein echter Bestseller, der auch außerhalb Frankreichs viel Beachtung fand. mehr
"Charles Burns – Black Hole 5" – "de:bug" von Juni 2005 (Sandra Sydow)
Auch bei dieser Neuveröffentlichung des Reproduktverlages kommt man zwischenzeitlich auf die Idee, keinerlei Bücher nur mit Worten mehr zu benötigen. Charles Burns zeichnet erneut mit viel Schwarz einen beklemmenden Einblick in eine Geschichte, die sich so alleine nicht ganz erschließen wird, es vielleicht auch nicht soll. Eine Gruppe Jugendlicher, aussortiert, abgelehnt, teils Freaks, teils mit schrecklichen Erlebnissen, die sich immer wieder durch die Schädeldecke nach außen bohren, fristet ihr Dasein in einem kaum zugänglichen Waldstück nahe der Heimatstadt. Es wird kein Warum oder kein Wie wird in Black Hole 5 beantwortet, sondern nur ein kurzer Ausschnitt gezeigt, der auf den zweiten Blick weit mehr bedeuten kann als oberflächlich angedeutet.
"Das Erzählen geniessen – Der deutsche Comic-Zeichner Markus ´Mawil´ Witzel" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 21. Juli 2005 (Christian Gasser)
Nach seinem überraschenden Erfolg mit ´Wir können ja Freunde bleiben´ erzählt der 29-jährige Markus ´Mawil´ Witzel, das ohne Zweifel grösste Talent der deutschen Comic-Szene, die überaus witzige Geschichte einer glücklosen Schülerband.
´Wir können ja Freunde bleiben´ - kaum ein Satz klingt harmloser, und doch hat keiner mehr Herzen gebrochen - das Herz des Comic-Zeichners Mawil offenbar gleich mehrmals. 2003 inspirierte ihn dies zu einer Reihe autobiografischer Kurzgeschichten über Aufwachsen und Paarungsverhalten in der DDR kurz vor und nach dem Fall der Mauer. Mawil, das ohne Zweifel am meisten versprechende Comic-Talent Deutschlands, schilderte das Ungemach mit Mädchen und seinen Herzschmerz mit einer erzählerischen und zeichnerischen Leichtigkeit, die man in der deutschen Comic-Szene selten antrifft. mehr
"Als die Kindheit zu Ende ging" – "Der Tagesspiegel" vom 19.07.2005 (Lars von Törne)
Nachtwanderungen und heimliche Jungsbesuche im Mädchenzimmer, frühreife Flirts und böse Streiche, Engtanzpartys und der erste Alkohol – Klassenfahrten sind der Ort, an dem man Erfahrungen fürs Leben sammelt. Manche sind von fundamentaler Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung, andere im Nachhinein nur noch peinlich. Dennoch begleiten einen die Erinnerungen an das kollektive Erlebnis oft noch Jahre später.
So ging es auch einer Gruppe von Hamburger Kunststudenten, die unter der Anleitung ihres Lehrers, des Berliner Comiczeichners Georg Barber alias Atak, eine Reise in die Vergangheit unternahmen. Jeder schrieb eine Klassenfahrt-Erinnerung auf, dann setzten die Studentinnen die Geschichten ihrer männlichen Kommilitonen als Comic um und umgekehrt. mehr
"Keine Lust aufs Leben" – "jetzt.de" vom 10.07.2005 (Roland Schulz)
angestrichen:
Man kann ein großer Künstler sein und ein Riesenarsch... Man kann sehr schöne Sachen schaffen und gleichzeitig ziemlich hässlich sein. Man kann die ganze Schönheit der Welt auf dem Papier einfangen, aber niemals zu ihr gehören... Es ist seltsam: Wie kann das, was man macht, so über das hinausragen, was man ist?
Wo steht das denn?
Im "combat ordinaire", dem alltäglichen Kampf. So hat Manu Larcenet seine Comicreihe genannt, in der er sich mit dem großen Rätsel beschäftigt: dem Leben – wenn es gerade an jenem heiklen Punkt angelangt ist, an dem man nicht mehr reift, aber noch nicht welkt. An dem man nicht mehr wächst, aber noch nicht altert. Jene Zeit irgendwo zwischen 25 und 35 also, die furcht- und wunderbar ist, weil alles noch möglich erscheint, aber schon die Ahnung besteht, dass nicht alles möglich ist. mehr
"Die Geschichtsstripperin – Interview mit Elke Steiner" – "taz" vom 07.07.2005 (Christoph Bannat)
Die Berlinerin Elke Steiner zeichnet Comics und erzählt darin deutsch-jüdische Geschichte(n) in Bildern. Dafür bekommt sie Zuspruch und Stipendien - hin und wieder aber auch eine üble Drohung
taz: Frau Steiner, wie kam es dazu, dass Sie in der Ausstellung "Mit Supermann fing alles an" im Haus Schwarzenberg vertreten sind?
Elke Steiner: Zum einen habe ich viel mit dem israelischen Autor Edgar Keret zusammengearbeitet, zum anderen habe ich seit 2001 mehrere Comics zur deutsch-jüdischen Geschichte veröffentlicht. Die Kuratorin Katja Lüthge hat mich daraufhin eingeladen. Für die Ausstellung habe ich dann die Kurzgeschichte "Ich und Ludwig töteten Hitler ohne Grund" von Edgar Keret in zehn Bildfolgen interpretiert. mehr
"Von Affären und anderen Abenteuern" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 23.6.2005 (Christian Gasser)
Isaak Sofer, eine Landratte, die vom Leben auf hoher See träumt und ihr Dasein nicht sehr erfolgreich als Maler fristet, wird eines Tages von einem seltsamen Fremdling mit einem Beutel Goldstücke und der Verheissung großer Abenteuer auf ein Handelsschiff gelockt. Nicht klein ist Isaaks Schrecken, als er feststellt, dass das Schiff Kurs auf Amerika nimmt und er seine Verlobte Alice wohl längere Zeit nicht mehr sehen wird.
Und noch größer ist sein Entsetzen, als sich der alte Fremdling, der Chirurg Henri Demelin, als Verräter entpuppt, der das Schiff geradewegs in die Fänge der blutrünstigen Piratenbande von Jean Mainbasse segeln lässt. Und da begreift Isaak seine neue Lebensaufgabe: Er soll die Helden- und Untaten des Piratenhauptmanns, die ausgelassene Wildheit des Freibeuterlebens, aber auch die Schönheit der sieben Weltmeere auf Papier verewigen. mehr
"Reise ans Ende der Macht" – "FAZ.NET" vom 10.6.2005 (Andreas Platthaus)
Zum Geburtstag hat "L'Association" drei ihrer Gründer mit ins Centre Pompidou gebracht - und den einen Weltstar, der sich im Programm des Pariser Verlags findet. Marjane Satrapi sitzt ganz rechts auf der Bühne und läßt ununterbrochen ihren Kaugummi im Mund kreisen, auf daß sie das hier geltende strikte Rauchverbot für zwei Stunden überstehe. Auf der Frankfurter Buchmesse des vergangenen Jahres hatte man für die Autorin noch eine Ausnahme gemacht.
Da hatte sie gerade die Auszeichnung zum deutschen "Comic des Jahres" entgegengenommen, denn ihr vierbändiges Werk "Persepolis", eine Schilderung der eigenen Kindheit und Jugend in Iran, ist nicht nur in Marjane Satrapis jetziger Heimat Frankreich ein gewaltiger Erfolg. Erst vergangene Woche feierte die "New York Times" die Vollendung der englischen ‹bersetzung, und in die weiteren wichtigen westlichen Sprachen ist "Persepolis" auch schon übertragen. Nur Iran selbst verweigert sich noch. mehr
"Dupuy & Berberian - 'Monsieur Jean – Die Kunst, glücklich zu sein (ohne es zu merken)'" – "Spiegel Online" vom 28.5.2005 (Stefan Pannor)
Von dem sonst eher auf nostalgische Sammlerware spezialisierten Kleinverlag Salleck Publications wechselte "Monsieur Jean" jüngst zum etablierten Comic-Riesen Reprodukt. Damit ist die Chance gegeben, dass diese Serie ihrem unverdienten Nischendasein entkommt. Denn was Dupuy und Berberian seit über zehn Jahren in Frankreich produzieren, ist nichts weniger als das tragikomische, poetische Sittenbild der Mittdreißiger-Generation - in sanften Strichen und Farben, aber nicht ohne eine gewisse Bissigkeit. Die Hauptfigur ihrer Alben und Kurzgeschichten ist der Schriftsteller Jean, dessen Bücher Titel wie "Der Ebenholztisch" tragen und die ebenso verkopft und erfolglos sind wie ihr Autor. mehr
"Isaak der Pirat, Band 1: Amerika" – "Portal Kunstgeschichte" vom 17.5.2005 (Florian Weiland-Pollerberg)
Isaak will ein berühmter Marinemaler werden. Allerdings ist der Weg dahin nicht ganz einfach: Es fehlt an Geld und der Magen knurrt. Seitdem sein Vater ihm kein Geld mehr gebe, habe er schon fünfzehn Kilo abgenommen, klagt Isaak. Alice, seine schöne Freundin, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, weist dezent darauf hin, dass er erst seit drei Tagen mit seinem Vater zerstritten ist.
Bereits der Auftakt zu Christophe Blains Comicserie zeigt, dass „Isaak der Pirat“ kein gewöhnliches Piraten-Abenteuer ist. Blain sprengt die Grenzen des Genres und lässt mit seiner ebenso witzigen wie spannenden Abenteuerserie Klassiker wie Hubinons und Charliers „Der rote Korsar“ ganz schön alt und angestaubt aussehen. mehr
"Vom Schmerz der vergeblichen Liebesmühe..." – "MacGuffin" vom 6.5.2005 (Benjamin Vogt)
"Wir können ja Freunde bleiben", es gibt kaum einen Satz vor dem man sich als liebestaumelnder Rosarote-Brille-Träger mehr fürchtet, kaum fünf andere Worte, die einen solchen innerlichen (Gefühls)-Stich ins Herz versetzen, und selten schaffte es eine Floskel sich gleichermaßen zum Klischee wie zu einer der treffendsten aller Verlegenheitsantworten aufzuschwingen. Der Berliner Comickünstler Mawil weiß das. Mit seinem autobiografischen Band über unerwiderte Liebe zu Mädchen, in die er von frühester Kinderzeit bis zum Studentendasein verknallt war, fängt MAWIL eine traurige Stimmung ein, faßt seine fehlgeschlagenen Vorstöße ins Gebiet des weiblichen Geschlechts leicht verbittert, aber immerhin wahrheitsgetreu, auf wenigen Seiten zusammen und läßt den Leser nicht nur an seinem Wehklagen teilhaben, nein, er erinnert uns daran, wie Liebe wehtun kann.
"Glückliche Kleinfamilie" – "Berliner Zeitung" vom 26.4.2005 (Jens Balzer)
Jean-Christophe Menu wirkt schon von fern wie das Sinnbild eines "unabhängigen" Verlegers und Comiczeichners: ein schluffiger, stets ein bisschen vermufft wirkender Typ, der - wenn er nicht zeichnet, sondern mit Menschen spricht - lieber in sich hineinspricht als zu den Menschen. Einer, dem man kaum glaubt, dass er gern etwas anderes tut als im stillen Kämmerchen schummrige Fantasien zu Papier zu bringen.
Doch weit gefehlt. Wenn es im europäischen Comic der letzten beiden Jahrzehnte eine stilprägende Verlegerfigur, einen schulbildenden Impresario und Paten gegeben hat, dann Jean-Christophe Menu. Fast im Alleingang hat er den französischen Comic aus der Starre der Siebzigerjahre befreit: aus dem Ghetto des boy-scoutisme, der Knabenkultur- und Abenteuergeschichtenwelt der "Tintin"- und "Spirou"-Epigonen - und aus den Klauen der wenigen marktbeherrschenden Großverlage wie Dargaud und Dupuis. Anfang der Neunzigerjahre gründete er in Paris den Künstlerbund L'Association - und zeigte damit, dass man auch mit einem von Autoren und Zeichnern selbstverwalteten Verlag erfolgreich sein kann. Beim Luzerner Comic-Festival "Fumetto", das sich seit Jahren dem unabhängigen, avantgardistischen Comic zuwendet und dessen 14. Ausgabe am Sonntag zu Ende gegangen ist, war Menu jetzt eine umfangreiche Retrospektive gewidmet.
"Der Strich als Lebensstil" – "Der Bund" vom 15.4.2005 (Christian Gasser)
Mit Jean-Christophe Menu präsentiert das Luzerner Comix-Festival Fumetto eine Schlüsselfigur der europäischen Comic-Szene. Ein Comic-Autor, der als Gründungsmitglied des Pariser Autorenverlags L’Association die Welt der Comics umgekrempelt hat.
Wenn Jean-Christophe Menu behauptet, er habe schon immer Comics gezeichnet, dann meint er nicht, dass er, wie alle Kinder, ungelenke Figuren in seine Schulhefte kritzelte. Nein, damit meint er, dass er als achtjähriger Knirps ernsthaft beschloss, Comic-Zeichner zu werden, seine Bandes dessinées fortan zum ´Journal de Lapot´ (Auflage: 1 Exemplar) zusammenklebte und ein paar Mitschüler überredete, Geschichten für sein Magazin zu zeichnen.
Heute – inzwischen ist Jean-Christophe Menu 40 und wurde am letzten Comic-Salon von AngoulÍme mit einer rauschenden Party gefeiert – macht er eigentlich immer noch dasselbe: Er zeichnet Bandes dessinées, veröffentlicht sie in dem von ihm mitherausgegebenen Magazin ´Lapin´ und ermuntert Dutzende andere Zeichner und Zeichnerinnen aus aller Welt, ihre Comics beizusteuern. mehr
"CX Huth: 'Hasenhäschen – nur für Gute" – "Portal Kunstgeschichte" vom April 2005 (Florian Weiland-Pollerberg)
Das Vorwort wirkt beruhigend: Es sei nicht nötig, Angst vor diesem Buch zu haben, wird versichert. Schließlich gebe es nur einfache Buchstaben, Wörter und Sätze. Zudem sei eine große Schriftgröße gewählt worden. Weiter der (in Zeiten der Mangaschwemme hierzulande vielleicht notwendige) Hinweis, dass dieses Buch von links nach rechts zu lesen ist. – Vorhang auf für Hasenhäschen, einer Figur, die an die simplen Kritzeleien eines Grundschülers erinnert. Auch der Text, der eine (absichtliche) Unsicherheit mit der Rechtschreibung verrät, deutet in diese Richtung. Doch der erste Eindruck täuscht gewaltig. Hasenhäschen sieht niedlich und harmlos aus, schreibt Herausgeberin Jutta Harms, im Nachwort, und warnt eindringlich, daraus zu folgern, „Hasenhäschen“ sei ein harmlos verspieltes Kinderbuch. Recht hat sie.
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