Presse

Aus der Vielzahl der im Netz zu findenden Verweise auf Comics von Reprodukt hier eine regelmäßig aktualisierte Liste von Links zu lesenswerten Artikeln, Rezensionen und Interviews:


"Lumpereien des Lebens" – "taz" vom 16. Juli 2008 (Frank Schäfer)

Sie kennen Mawil, Lewis Trondheim und die Hernandez-Brüder nicht? Dann wird's Zeit. Sie alle sind beim innovativsten Comic-Verlag Deutschlands.

Die Bundesrepublik Deutschland mag in Sachen Comic-Kultur immer noch ein Entwicklungsland sein, verglichen mit Belgien, Frankreich und den USA. Aber dass es mittlerweile so etwas wie eine Szene gibt - assoziiert mit den Kunsthochschulen in Berlin und Hamburg, die das Fach Bildgeschichte auf dem Lehrplan haben - und dass die langsam zu brummen beginnt, dafür haben nicht Branchenriesen wie Carlsen und Ehapa gesorgt, sondern Independents wie Edition 52 und der Berliner Verlag Reprodukt. "Da ist in den letzten Jahren sehr viel nachgewachsen", bestätigt Reprodukt-Verleger Dirk Rehm zufrieden. "Gerade die jüngeren Autoren, die mittlerweile auch schon Anfang, Mitte 30 sind, müssen sich grafisch nicht mehr so viel beweisen, das haben andere schon gemacht, Anke Feuchtenberger, Atak, CX Huth etc., und können sich daher stärker auf das Erzählerische konzentrieren. Die können jetzt viel besser und klarer vermitteln, was sie erzählen wollen." mehr


"Comics: Die Lebenskünstlerinnen" – "Brigitte" 15/2008 (Silke Stuck)

Spannender als Superhelden, cooler als Mangas: Eine neue Generation von Zeichnerinnen mischt die deutsche Comic-Szene auf.

Stellen wir uns das Ganze einmal als Anfang eines Comic-Strips vor. Erstes Bild: Line Hoven, 31 Jahre, kurzer Pony, dunkler Zopf, sitzt konzentriert an ihrem Schreibtisch im Hamburger Schanzenviertel, sie hat ein spitzes Messer in der Hand, vor ihr liegt ein schwarzer Karton. Linie für Linie schabt Line Hoven das Schwarze aus dem Karton weg. Übrig bleibt ein neun mal neun Zentimeter großes Quadrat, ausgefüllt von großen, verstörten Augen und einem schmalen Mund.

Zweites Bild, zur selben Zeit in Berlin: Ulli Lust, 41, nimmt sich Seite 311 ihres im kommenden Jahr erscheinenden Comic-Romans vor. Seit drei Stunden sitzt sie schon an ihrem von Tuscheflecken übersäten Leuchttisch, gerade macht sie mit Bleistift die Vorzeichnung eines jungen Mädchens, ihrer Hauptfigur. Bald wird es Zeit für ihren Mittagsschlaf, das ist ein Ritual: vier Stunden am Schreibtisch, dann eine halbe Stunde ins Bett. mehr


"Comic im Stil der großen Meister – Unbeholfene Väter"– "taz" vom 4. Juli 2008 (Oliver Ristau)

Der belgische Comic-Künstler Olivier Schrauwen orientiert sich am klassischen Zeitungsstrip des frühen 20. Jahrhunderts. Nun ist sein Comic "Mein Junge" erschienen.

Ein Pastiche beruht auf der bewussten Nachahmung eines Stils, der Ideen und der Haltung eines historischen Werks. Das muss per se nichts Schlechtes sein, führt doch die Verwendung altbekannter Stilelemente unter neuen Gesichtspunkten oft zu interessanten Ergebnissen. So auch im Falle des flämischen Künstlers und Comicautors Olivier Schrauwen, dessen Debütalbum "Mein Junge" gerade auf Deutsch erschienen ist.

Olivier Schrauwen, geboren 1977, studierte Animation in Gent und grafische Literatur in Brüssel. Nach einigen Beiträgen, unter anderem für das berühmte französische Comicmagazin Spirou und Kollaborationen mit anderen Künstlern, schuf er 2006 "Mein Junge". Zeichnerisch ist der Comic im Stil der großen Meister des Zeitungsstrips des beginnenden 20. Jahrhunderts gehalten. Auch von der verblassenden Farbgebung erinnert er an diese vergangene Epoche, was innerhalb dieses Mediums besonders effektiv wirkt und die beabsichtigte künstlerische Aussage von "Mein Junge" für die Gegenwart wesentlich unterstützt. mehr


"Nachrichten aus einem totalitären Land – Die birmanische Comic-Chronik des Guy Delisle" bei "titel thesen temperamente" vom 22. Juni 2008

Diee birmanische Militärjunta, seit 1962 an der Macht, schottet das Land konsequent ab. Sie kontrolliert die eigenen Medien und behindert die Berichterstattung im Ausland. Nach der Wirbelsturmkatastrophe im Mai hat sie Journalisten die Einreise verweigert und mit ihrer harten Haltung gegenüber internationalen Hilfsangeboten die Weltöffentlichkeit schockiert.

Umso mehr überraschen die Comic-Reportagen des Franko-Kanadiers Guy Delisle, die soeben als „Chroniques Birmanes“ in Frankreich erschienen sind. 2005 verbrachte Guy Delisle einige Monate mit seiner Familie in Birma. Seine damals entstandenen Zeichnungen erzählen vom Alltag in einem totalitären Staat und geben Einblicke in die grotesken Strukturen der Unterdrückungsmaschinerie. ttt hat den Künstler in seiner französischen Wahlheimat Montpellier besucht. mehr Video zum Beitrag


"Die Schrecken der Tiefe" – "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Mai 2008 (Gottfried Knapp)

Im Bauch eines gigantischen Schlachtschiffs: Christophe Blains Comic-Roman "Das Getriebe" zieht den Leser in gefährliche Tiefen, in die Zonen der Angst.

Der neue Comic-Roman des Franzosen Christophe Blain hält sich formal an ein klassisch bewährtes Spannungsrezept. Von der Einleitung und vom Ende abgesehen, spielt die erzählte Geschichte an einem genau begrenzten Ort, in einem Hohlkörper, aus dem es kein Entrinnen gibt: Wir begeben uns in den Bauch eines gigantischen, hermetisch geschlossenen Kriegsschiffs.

An diesem einheitlichen Ort könnte sich, wie in vielen klassischen Kriminalromanen, unter dem überschaubaren Personal ein Mord ereignen, bei dessen Aufklärung alle Anwesenden nacheinander in Verdacht geraten.

Blain hat sich für ein anderes, im Bildmedium Comic bewährtes Verfahren entschieden: Nicht die Handlungen der Menschen geben Rätsel auf, nein der Ort selber wird zum Geheimnis, zum unauslotbaren Tiefenraum, in dem sich ständig neue Ein- und Ausstiege, Abgründe und Fallen auftun. mehr


"Fantasierte Wirklichkeiten" – "Glanz@Elend" vom 27. Mai 2008 (Thomas Hummitzsch)

Der spanische Comiczeichner Max verbeugt sich mit seinem aktuellen Comic vor den surrealistischen Querdenkern dieser Welt und erweist den Pionieren des amerikanischen Comics seine Ehre. Bardin, der Superrealist« ist ein Meisterwerk der bildenden Künste.

»Bardin, der Superrealist. Seine Taten, Äußerungen, Einfälle und Abenteuer« ist Surrealismus pur, wobei die Eskapaden Bardins voll gestopft mit Zitaten aus den bildenden Künsten sind. Die Anekdoten des kugelköpfigen Bardin sind eine Hommage an den Surrealismus und seine berühmtesten Vertreter, den Maler Salvador Dali und den Regisseur Luis Buñuel, aber auch eine Huldigung der Meister und Pioniere des amerikanischen Comics. Der deutsche Maler Max Ernst wird zum Leuchtturm der Bardin’schen Phänomenologie und ist zugleich die visuelle Verkörperung des alles beobachtenden Bösen aus der Tolkien’schen Ringe-Saga – oder vielleicht der Wachturm der Zeugen Jehovas? Man weiß es nicht so genau. mehr


"Freuden und Leiden eines Comic-Zeichners" – "NZZ Online" vom 26. Mai 2008 (Christian Gasser)

Die neuen autobiografischen Comics von Lewis Trondheim und Hideo Azuma

Wie kann ein Comic-Zeichner in Würde altern, ohne an den Anforderungen des Marktes zu scheitern? Der Franzose Lewis Trondheim und der Japaner Hideo Azuma reflektieren in ihren autobiografischen Comics «Ausser Dienst» bzw. «Der Ausreisser» aufschlussreich und kurzweilig Leben und Leiden eines Comic-Autors.

Innert knapp 15 Jahren veröffentlichte Lewis Trondheim, ein einflussreicher Protagonist der neuen französischen Autorengeneration, rund 100 Comic-Alben. Dann fühlte er sich ausgebrannt und verschrieb sich eine Auszeit. Nach nur 80 Comic-freien Tagen jedoch setzte er sich wieder an den Zeichentisch, um – in einem Comic natürlich – seine Fragen und Ängste zu reflektieren: Wie altert man als Comic-Autor in Würde, ohne Kreativität und Spass zu verlieren? Wie vermeidet man Depressionen und Trunksucht?

Tragische Schicksale

Tatsächlich ist die Comic-Geschichte reich an tragischen Schicksalen. Selbst geniale und erfolgreiche Künstler wie Franquin («Spirou», «Gaston Lagaffe») und Hergé («Tim und Struppi») wurden von Selbstzweifeln und Depressionen gequält, viele andere versinken nach einem vielversprechenden Frühwerk in künstlerischer Belanglosigkeit. Die Wiederholung, glaubt Trondheim, birgt die grössten Risiken. Vor allem früher arbeiteten Comic-Zeichner in direkter Abhängigkeit von einem Verlag und blieben oft ihr ganzes Leben lang an eine einzige Figur gebunden. Das zermürbt. Vor dieser Abnützung fürchtet sich der notorisch pessimistische Trondheim, und er stellt sich die Frage, ob er das Comic-Zeichnen nicht lieber jetzt als morgen aufgeben sollte. mehr


"Faking the Books" – "goon-Magazin", Ausgabe 25 vom Frühling 2008 (Mareike Wöhler)

Echtes Leder ist es dann doch nicht geworden. Aber das schwarze Imitat aus Papier, das vorgibt die lederne Hülle eines Moleskine- (japanisch sprich: Mores[u]kine-) Skizzenbuchs zu sein, in dem der 1978 in Frankfurt am Main geborene Zeichner Dirk Schwieger seine Tokyoter Erlebnisse festhielt, trifft es noch besser: Es bricht – samt eisblauer Papierbanderole als abnehmbares Cover – das edle Äußere des vorgeblichen Klassikers in charmanter Nicht-Perfektion aufs Massenmedium Comic herunter, selbst wenn der Preis derselbe bleibt. Das Innere ist von Kopistentum jedoch weit entfernt:

»What a fun idea«, kommentierte Neil Gaiman in seinem Blog Schwiegers dort geschickt verlinktes Konzept, sich während des Aufenthalts in Tokyo von Januar bis Juli 2006 von den Lesern seines englischsprachigen Blogs eine wöchentliche Aufgabe stellen zu lassen, die er in der Reihenfolge des Eingangs und ungeachtet persönlicher Vorlieben erfüllen musste. Von einem aufzusuchenden Ort, dem Treff mit einer Person bis hin zu einem interessanten Thema konnte das alles Erdenkliche sein. Kaum des Japanischen mächtig, gibt Schwieger-san so in 24 Aufträgen auf zumeist je zwei Doppelseiten kurze Einblicke in den gleichgeschalteten, banalen oder extrem differenzierten Tokyoter Alltag – von Popkultur und Vergnügung (Para Para Trance Dance, Achterbahn) über Religion (Tempelbesuch), Natur (Erdbeben), Kulturtechnik (Origami) und Lebensmitteln (Dosenkaffee) bis hin zu Gender. Das Erlebte schwankt dabei zwischen Vertrautem und Fremdem, z.B. beim Überschreiten gewohnter Nahrungsgrenzen, wenn Schwieger in einem parallelgeschalteten Auftrag nicht nur Sushi, sondern auch Natto (schimmelig riechende Sojabohnen, die wie Spinnennetze kleben) essen muss. Das Ekelpendant für einen Japaner – und auch für Schwieger – wäre übrigens Lakritze. mehr


"Die Temperaturen der Farbe Grau" – "Süddeutsche Zeitung" vom 26. März 2008 (Gottfried Knapp)

Eigentlich hat der Comic-Zeichner Guy Delisle, als er zum Arbeiten in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang reiste, die ästhetischen Monotonien, die in einer sozialistischen Diktatur den Alltag prägen, von einer früheren Reise her bestens gekannt. Über die Wochen, die er in der tristen chinesischen Grenzstadt Shenzhen in einem Trickfilmstudio als Kontrolleur hatte verbringen müssen, hat er einen wunderbar anschaulich erzählendes Comic-Erinnerungsbuch geschrieben und gezeichnet: "Shenzhen".

Dennoch scheint das, was er danach in Pjöngjang erlebt hat, wie eine absurd fremdartige Welt auf ihn gewirkt zu haben. Mit den Maßstäben des kommunistisch gleichgeschalteten, aber chaotisch brodelnden China war das total durchreglementierte Nordkorea jedenfalls nicht mehr zu fassen. In Pjöngjang regiert die Leere, das blanke Nichts in allen Räumen vom öffentlichen Stadtraum bis in die privaten Minibars der Hotelzimmer. Diese Leere rauscht über verlassene Aufmarschplätze hinweg, prallt unvermittelt gegen monströse Gigantendenkmäler oder absurd klobig in den Himmel ragende Hochhausgebilde und schlägt sich am Ende sogar in dem Zeichenstil nieder, mit dem Delisle in seinem Comic "Pjöngjang" dieser Formenwelt zuleibe rückt. mehr


"Gegen den Strich" – "ZEIT online" vom 14. März 2008 (Frank Schäfer)

Ein Porträt des Berliner Verlags Reprodukt

Zugegeben, verglichen mit Belgien, Frankreich und den USA ist Deutschland noch Entwicklungsland. Aber dass es mittlerweile so etwas wie eine Szene gibt – in erster Linie um die Kunsthochschulen in Berlin und Hamburg, die das Fach Bildgeschichte auf dem Lehrplan haben – und dass die sogar langsam zu brummen beginnt, dafür haben nicht die Verlage Carlsen und Ehapa gesorgt, sondern unabhängige wie Edition 52 und der Berliner Verlag Reprodukt. „In den vergangenen Jahren ist sehr viel nachgewachsen“, sagt Reprodukt-Verleger Dirk Rehm zufrieden. „Die jüngeren Autoren, mittlerweile auch schon Anfang, Mitte 30, müssen sich grafisch nicht mehr so viel beweisen – das haben andere schon gemacht: Anke Feuchtenberger, Atak, Christian Huth - und konzentrieren sich stärker auf das Erzählerische.“

Die Liste der Comics, mit denen Rehm, seit ein paar Jahren unterstützt von Christian Maiwald, den heimischen Markt qualitativ aufwertet, ist lang: Sascha Hommer publiziert bei Reprodukt, der mit seiner großartigen Manga-Adaption Insekt begeisterte; Arne Bellstorf, dessen ehrliches, feinsinniges Pubertätsprotokoll acht, neun, zehn 2006 zu Recht mit dem ICOM Independent Preis gekürt wurde; der Berliner Bestseller-Punk Fil und dessen Ateliergenosse Mawil. Mittlerweile wird deren Arbeit von den Feuilletons gewürdigt. „Seit etwa drei Jahren werden besonders unsere deutschen Autoren sehr wohlwollend wahrgenommen und besprochen“, sagt Rehm. mehr


"Ein Söldner im Reich Kim Jong-ils" – "Berliner Zeitung" vom 13. März 2008 (Brigitte Helbling)

In dem Dokucomic "Pjöngjang" erzählt Guy Delisle von seinem Arbeitseinsatz als Animationsfilmer in der nordkoreanischen Hauptstadt

Pjöngjang ist für die meisten Nordkoreaner eine Stadt, so weit weg wie eine Sage; die wenigsten haben den Regierungssitz jemals gesehen. Wer es dorthin schafft, gehört zu den Vorzugskindern eines diktatorischen Regimes, das die Zuteilung internationaler Nahrungshilfe an seine Bürger von ihrem Wert für die Gesellschaft abhängig macht: ein Grund, warum viele Hilfsorganisationen, die mit der Hungersnot in den Neunzigerjahren ins Land kamen, sich inzwischen wieder zurückgezogen haben. Immerhin zwang die Hungerkatastrophe den Autokraten Kim Jong-il, das abgeriegelte Land einen Spalt weit zu öffnen, und die Tür blieb offen für das eine oder andere Geschäft, das Devisen versprach. Dazu gehört das Geschäft mit der westlichen Trickfilmindustrie. In seinem dokumentarischen Comic "Pjöngjang" schildert der frankokanadische Animations- und Comic-Zeichner Guy Delisle eindrücklich zwei Monate, die er 2001 als Supervisor eines französischen Animationsfilms in dieser Stadt verbrachte.

Nordkorea ist nicht gerade das Wunschziel international tätiger Arbeitnehmer. In Pjöngjang werden "ausländische Kapitalisten" rund um die Uhr überwacht und von "Reiseführern" freundlich genötigt, die "Sehenswürdigkeiten" des Landes zu besuchen - Museen und Denkmäler, die den allgegenwärtigen Kim Jong-il und seinen noch übermächtigeren Vater Kim Il-sung ehren. Wer auf eigene Faust loszieht, wird am nächsten Tag zur Rede gestellt. Viel zu erleben gibt es ohnehin nicht in einer Stadt, die nachts nur Staatsdenkmäler beleuchtet und ihre Bürger sieben Tage die Woche in Arbeitseinsätzen und "Freiwilligendiensten" einspannt. Die wenigen Ausländer sind auf drei Hotels verteilt, man kennt sich schon bald. Gefeiert wird gemeinsam - etwa bei den Freitagabendpartys der NGOs -, und es gibt keinen, der die Abreise nicht herbeisehnen würde. mehr


"Die Allgegenwart des Grossen Führers" – "Der Bund" vom 25. Februar 2008 (Christian Gasser)

Zwei Monate verbrachte der Frankokanadier Guy Delisle in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, um die Produktion eines Animationsfilms zu beaufsichtigen. Die Eindrücke verdichtete er zu einem unterhaltsamen Buch, einer Mischung aus Tagebuch und Reportage.

In Nordkorea wird der ausländische Besucher am Flughafen von Pjöngjang mit einem Blumenstrauss begrüsst. Der Blumenstrauss ist aber nicht für den Gast bestimmt: «Das war der erste Kulturschock», erinnert sich Guy Delisle, «ich wurde vor eine 22 Meter hohe Statue von Kim Il-Sung geführt und musste die Blumen dort ablegen und mich dann tief und respektvoll vor dem Grossen Führer verbeugen.»

Die bleierne Absurdität des Lebens in Nordkorea: Der Comic-Autor und Trickfilmer Guy Delisle erfuhr sie am eigenen Leib, als er vor einigen Jahren für zwei Monate nach Nordkorea zog, um die Produktion eines Animationsfilms zu beaufsichtigen. Auch die Trickfilmindustrie schiebt derzeit die Handarbeit gerne in Billiglohnländer wie China und Nordkorea ab. Das kostet im Westen viele Jobs, schuf aber den neuen Beruf des nomadisierenden Art-Directors, der den 1966 geborenen Frankokanadier Delisle von Kanada nach Frankreich und Deutschland bis nach Shenzhen (China) und Nordkorea führte. mehr


"Die Drecksarbeit der Erinnerung" – "Spiegel Online" vom 22. Februar 2008 (Stefan Pannor)

Lewis Trondheim ist einer der aktivsten Comiczeichner der Gegenwart. Jährlich erscheinen mehrere neue Bücher von ihm, darunter sein Fantasy-Mega-Epos "Donjon", von dem 300 Bände geplant sind, Kindercomics und surreale Comicstrip-Experiment. 2004 verordnete sich dieser produktive Geist, der 14 Jahre lang nur Comics gemacht hat, selbst eine Auszeit vom Zeichnen. Aber so ganz glückt das natürlich nicht. "Außer Dienst" ist das gezeichnete Tagebuch eines versuchten Nichtstuns.

Dieser Widerspruch in sich ist nicht der einzige Reiz des Buches. In seinen Aufzeichnungen geht Trondheim der Frage nach, wie man als Comiczeichner in Würde altern kann. Dazu kontaktiert er, selbst nur wenige Monate vor seinem vierzigsten Geburtstag, diverse befreundete Zeichner, verehrte Altmeister und Kenner des Mediums. Deren Aussagen dokumentiert er, gewissenhaft sogar dann, wenn er zugeben muss, vergessen zu haben, was gesagt wurde.mehr

In "Liebe schaut weg" schildert die in Hamburg lebende Line Hoven Momentaufnahmen aus ihre Familienchronik, angefangen bei der Kindheit der Großväter – Hitlerjunge in Nazideutschland der eine, deutschenfeindlicher, amerikanischer Patriot der andere – über die Romanze der Eltern bis zu ihrer eigenen Kindheit in den USA und Deutschland.

Aber ihre ungeheuer stimmungsvollen Bilder, mit Schabetechnik in schwarzen Karton gekratzt, erzählen viel mehr als das: Hovens Werk lebt, im Comic alles andere selbstverständlich, von Blicken, Gesten und Details, eingebettet in zeitgeschichtliche Hintergründe. mehr


"Nicht ansteckendes Lächeln" – "Junge Welt" vom 6. Februar 2008 (Lena Schiefler)

Vielen Dank für die Kimjongilijas: Ein Comiczeichner hat Nordkorea bereist. Er wäre wohl besser zu Hause geblieben

Der frankokanadische Comiczeichner Guy Delisle hat vor einiger Zeit erst China bereist, dann Nordkorea. Im Dezember ist sein Buch »Pjöngjang« auf Deutsch erschienen. In Bildern, die nicht gerade sparsam beschriftet sind und selten überraschen, erzählt es vom eintönigen Dasein des Protagonisten Guy, der im Handgepäck kein Wörterbuch, dafür Orwells »1984« und die übliche Portion antikommunistischer Vorurteile mit sich führt. Sie werden alle bestätigt. Sonst passiert nichts.

Guy ist für eine große französische Animationsfirma tätig. Er beaufsichtigt als Supervisor die Arbeit an einem Zeichentrickfilm. Die Firma hat sich aus rein ökonomischen Gründen für das Billig lohnland entschieden. Es werden nur die Bilder gemalt, bei denen nichts schief gehen kann. Der Rest kommt aus Paris. Guy findet den Job zäh, die Zeichner lahm. Auf den Straßen dominieren Erscheinungsformen von Kim Jong Il und Kim Il Sung – Statuen, Gemälde, Lieder und rote Sternblumen, sogenannte Kimjongilias.

Alle Leute, die Guy trifft, lächeln– ob sie mit Pinzetten freiwillig Gras zupfen oder gerade vom Verschwinden der Kinder erfahren wie der Vater im zu überarbeitenden Comicfilm – Pjöngjang läßt sich nichts anmerken. Die perfekte Show. Weil das Land offline ist, kann Guy nicht chatten. Aus Langeweile disst er seinen daueranwesenden Dolmetscher Sin. Der kommt in Teufels Küche, als Guy, genervt vom Parteigesülze, wilde Partys im Diplomatenviertel besucht. Ohne Genehmigung, versteht sich. Sobald sein Auftrag erledigt ist, reist der Kanadier ab. Aus freien Stücken kehrt er nicht zurück. mehr


"Die Handschrift zur Sprechblase; Dirk Rehm arbeitet als Comicverleger und Letterer" – "Deutschlandradio Kultur" vom 24. Januar 2008 (Dirk Schneider)

Auch wenn es der Computer heutzutage erleichtert, einen Comic mit Schrift zu versehen - das sogenannte Lettering ist durchaus eine eigene Kunstform. Dirk Rehm ist einer der wenigen, die diese Kunst sogar noch per Handschrift beherrschen. Und mit seiner spitzen Nase, der Hornbrille und dem Dreitagebart macht er sich selbst als Comicfigur gut.

Berlin Schöneberg: Der große, ebenerdige Raum liegt in einem Hinterhof. Trotz der hohen Decken und der großen Fenster wirkt es eng. An den Wänden Regale, voll mit Comics. Überall auf dem Boden stapeln sich die Hefte und Bücher: der Reprodukt-Comicverlag.
Wer hier der Chef ist, wird dem Besucher nicht gleich klar: Dirk Rehm sitzt zwischen zwei Mitarbeitern an einem kleinen Schreibtisch in der Ecke. Der Platz im Büro ist allerdings in letzter Zeit auch etwas knapp geworden... mehr


"Staatscomic" – "BR Zündfunk" vom 25. Januar 2008 (Markus Köbnik)

Der kanadische Comiczeichner Guy Delisle hat in Pjöngjang den ganz normalen Wahnsinn der nordkoreanischen Diktatur erlebt. Herausgekommen ist ein Comictagebuch vom anderen Ende der Welt.

Nordkorea ist einer der geheimnisvollsten Staaten der Welt. Abseits der Diskussionen, inwiefern der sozialistische Staat und dessen Diktator Kim Jong-Il über Atomwaffen verfügt, ist recht wenig bekannt über das Land, in dem rund ein Viertel der Bevölkerung auf internationale Essenslieferungen der UN angewiesen ist. Dass der "Vater der Nation" über allem steht, wurde Guy Delisle schon kurz nach der Ankunft klar.

"Der Fahrer schenkt mir Blumen, aber ich weiß genau, dass sie nicht für mich sind. Mein Reiseführer schlägt mir vor, zuerst zum höchsten Punkt der Stadt zu fahren, um die Aussicht zu genießen, und danach zum Hotel. Eine elegante Art, mich unauffällig zur für jeden Neuankömmling obligatorischen Visite zu geleiten. Kim il-Sun, 22 Meter in Bronze - ein ungleiches Stelldichein mit der gigantischen Statue des Vaters der Nation. Der auch nach seinem Tod 1994 Präsident geblieben ist."
Auszug aus "Pjöngjang"

Die Blumen, die Guy Delisle nach seiner Landung in Pjöngjang bekommen hat, sind für die Statue des ewigen Präsidenten bestimmt. Erst nachdem er den Strauß niedergelegt hat, darf Guy sich dem widmen, weswegen er eigentlich hergekommen ist - seinem Job. mehr


"Per Kickstart in den Wilden Westen" – "Goon Magazine" vom 20. Dezember 2007 (Robert Wenrich)

Christophe Blain beweist mit »Gus«, dass er zum Kreis der grande dessinateurs zählt

Selten beginnen Serien so smooth wie »Nathalie«, die Eröffnung von Christophe Blains neuer Westerncomicserie »Gus«. Darin erzählt er in einer Handvoll lockerer Episoden aus dem Leben eines Desperado-Trios. Allerdings ist, wenn die genretypischen Bilder der Gunfights und Überfälle auch stilvoll inszeniert sind, das Raub- und Mordhandwerk nicht mehr als Intermezzo und Existenzsicherung; der narrative Fokus liegt auf dem Zwischenmenschlichen, genauer: auf den amourösen Verwicklungen der Drei. Kern des Buches ist die Figur des Gus, der, was immer und wo immer er tut und wirkt, ganz und gar phallisch ist. Dazu gehören seine zackige, übereifrige Gestik ebenso wie die Gestalt – hager mit Penisnase – oder sein Verhalten. Denn Gus ist ein einziges Weiterkommen und Weiterwollen – in jeder Bar, mit jeder Frau unzufrieden, ganz auf den Flirt genordet, auf die nächste Gelegenheit zum nächtlichen Techtelmechtel, und nur geringfügig stehen ihm darin seine Kumpane Gratt und Clem nach. mehr


"Andalusische Hunde beißen nicht" – "Süddeutsche Zeitung" vom 3. Januar 2008 (Thomas von Steinaecker)

Hommage an den Surrealismus: „Bardín, der Superrealist” des Comiczeichners Max

Comic und Surrealismus – das ist eine komplizierte, aber innige Affäre. Kompliziert deshalb, weil schon Jahre vor der eigentlichen Formierung der avantgardistischen Bewegung 1921 in Paris zwei der Gründungsväter des Comics, Winsor McCay und George Herriman, Surrealismus avant la lettre betrieben: Fünf Jahre nach Freuds für Breton und seinen Umkreis so wichtiger „Traumdeutung” werden in McCays Traumcomicserie „Dreams of the Rarebit Fiend”, so etwas wie die düstere Variante seines legendären „Little Nemo”, Erwachsene abwechselnd lebendig begraben oder von Krokodilen verspeist, bloß um stets am Ende erleichtert im eigenen Bett zu erwachen. George Herrimans „Krazy Kat und Ignatz” von 1913 schließlich wirkt heute so, als habe Miró einen Comic gezeichnet: Vor der kargen Landschaft Coconino Countys, wo der Mond von einer Schnur vom Himmel hängt und Topfpflanzen in der Wüste stehen, treiben Katze und Maus unsinnig-abstruse Spielchen, die dem absurden Theater alle Ehre machen. Kein Wunder also, dass Avantgarde-Größen wie E.E. Cummings und James Joyce zu den frühen Bewunderern des Comics zählten, ebenso wie Walter Benjamin, der sich in seinem „Kunstwerk”-Aufsatz für die Aufwertung des „kathartischen Kollektivtraums” von der Mickey Maus einsetzte. mehr


"Durch Marjane Satrapis "Persepolis" ins Rampenlicht gerückt: Der Aufstieg der autobiographischen Comics" – "Süddeutsche Zeitung" vom 23. November 2007 (Christoph Haas)

In der Welt der Sprechblasenbilder waren sie lange ein Exotikum. Heute haben sie sich zu einer festen Größe entwickelt: die autobiographischen Comics. Eingeklemmt zwischen Superhelden und Mangas, behaupten sie in den einschlägigen Läden ihre eigene Nische. Manchmal findet man sie sogar in Buchhandlungen. Entscheidend für ihren Durchbruch bei uns war vor einigen Jahren "Persepolis", dessen Zeichentrickverfilmung derzeit in unseren Kinos läuft (siehe SZ vom 21. November 2007). Die 1969 geborene Zeichnerin Marjane Satrapi, die heute in Paris lebt, erzählt von ihrer Kindheit und Jugend im Iran der islamischen Revolution, von einem Leben zwischen Schleierzwang und Liebe zu westlicher Popmusik. Inzwischen versuchen sich auch junge deutsche Comic-Künstlerinnen und -Künstler an autobiographischen Comics - zum Teil mit hervorragenden Ergebnissen, wie etwa in "Wir können ja Freunde bleiben" von Mawil oder "Liebe schaut weg" von Line Hoven.

Geht man auf die Suche nach dem Ursprung des Genres, so stößt man auf einen Jungen, der gewaltige Probleme mit der Jungfrau Maria hat. Der unglückliche Held von "Binky Brown Meets The Holy Virgin Mary” wächst im Amerika der Eisenhower-Zeit auf. Seine rigide katholische Erziehung führt zu diversen Zwangshandlungen. Einerseits lebt er in permanenter Sünden- und Höllenangst, die er mit zahllosen Gebeten vergeblich zu bekämpfen versucht. Andererseits machen seine mehr oder minder gewaltsamen sexuellen Phantasien auch vor der Mutter des Erlösers nicht halt. Am Ende steht ein ikonoklastisch-blasphemischer Befreiungsschlag: Der erwachsen gewordene Binky zerschlägt lustvoll gleich ein Dutzend Madonnenfiguren. Mehr


"Der Superheld als Gotteslästerer" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 23. November 2007 (Christian Gasser)

Mit «Bardín der Superrealist» legt der spanische Comicautor Max ein kleines Juwel vor: metaphysische, durch hintergründigen Humor geschärfte Geschichten aus einem surrealistischen Niemandsland. Hier herrscht eine göttliche Mickey Mouse mit drei Augen.

Er kenne die ganze Wahrheit, verhöhnt der Mann im grauen Anzug die Obergottheit: Alles, also auch sie, die Gottheit, existiere nur in seiner Imagination, und ihr Aussehen sei ebenfalls das Resultat seiner Einbildungskraft. Die Gottheit wirft dem Ungläubigen empört vor, er sei ein Idiot und ein Dummkopf.

Der Gotteslästerer ist Bardín, der Superrealist, ein unscheinbarer Mann, der einen überdimensionierten Kopf auf dem schmächtigen Körper balanciert. Eines Tages verirrt er sich in die superreale Welt – eine desolate Einöde, in deren Sand Schiffe versinken, von phallischen Leuchttürmen mit grossen Augen irregeleitet, und Seefrüchte mit neugierigen Augen spriessen.

Empfangen wird Bardín vom andalusischen Hund, den, so der Vierbeiner, Luis Buñuel und Salvador Dalí aus ihrem nach ihm benannten Film geschnitten hätten. Kurzerhand ernennt der Köter Bardín zum neuen Hüter der superrealistischen Welt, um dann zu verduften. Fortan streift Bardín durch bizarre Landstriche, begegnet allerhand mysteriösen Wesen, disputiert mit Göttern und Ungeheuern, taucht dann und wann wieder in der Realität auf, ehe ihn die nächste Vision, der nächste Albtraum mit sich reisst. Dabei stellt sich der Gotteslästerer den grossen und kleinen, den sinnreichen und unsinnigen Fragen des Daseins, ohne je eine befriedigende Antwort zu finden. Mehr


"Poetische Familienchronik" – "Hamburger Abendblatt" vom 21. November 2007 (Birgit Reuther)

Wie können wir die Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern als Teil unserer eigenen Geschichte begreifen? Welche Bilder kennen wir aus Erzählungen und von Fotos? Und was verraten uns die Bruchstücke über unsere Familie, über Prägendes, Verdrängtes, letztlich über unsere eigene Identität?

Die junge Hamburger Illustratorin Line Hoven hat ihrer Herkunft nachgespürt und diese Eindrücke zu einem hochpoetischen Comicband verdichtet. In "Liebe schaut weg" schildert die Tochter einer Amerikanerin und eines Deutschen Schlüsselmomente, die von der Kriegsgeneration ihrer Großeltern bis zur eigenen Kindheit führen. Der Konflikt von Opa Erich Hoven zum Beispiel, der als Hitlerjunge ein Radio zusammenschraubt und daraus auf einmal ein Stück des jüdischen Komponisten Mendelssohn hört. Wie er schwärmerisch, von Noten umhüllt, die Musik genießt, dann aber mit angsterfülltem Blick das Gerät ausschaltet, erzählt Hoven mit einer reduzierten, eindringlichen Bildsprache.

Die ruhige, leicht melancholische Kraft dieses 96 Seiten starken Comic-Romans liegt unter anderem in der Technik begründet. Hoven kratzte ihre Motive in Schabekarton. Ein aufwendiges Verfahren, mit dem sie starke Schwarz-Weiß-Kontraste erzeugte, die den einzelnen Panels eine lineare Strenge, aber auch eine gewisse Zeitlosigkeit verleihen. mehr


Die magischen Momente der Liebe: Line Hovens gekratzter Comic "Liebe schaut weg" – "jetzt.de" vom 18. November 2007 (Roland Schulz)

Der Augenblick am Anfang, an dem alles begann, der muss ein magischer Moment gewesen sein: Die eigenen Eltern, noch weit davon entfernt, Eltern zu sein, begegnen sich das erste Mal. Und es passiert.

Wie entsteht Liebe? Wächst sie, zaghaft, langsam? Kommt sie mit einem Donnerschlag, wie Blitze es tun, jählings und umwerfend? Oder entsteht Liebe wie ein Brand, allein aus einem Funken anfangs, der zum Glimmen wird und dann erst zu Feuer?
Darüber reden Eltern nicht. Aber von dem Augenblick, an dem alles begann, von dem – ja.

Es ist interessant, dass Line Hoven in ihrem Comic „Liebe schaut weg“ gleich mehrmals auf den magischen Moment zurückkommt, an dem sich zwei Menschen treffen und danach zu zweit sind (und schließlich Eltern). „Liebe schaut weg“ ist ein Familienepos in Bildern, die Geschichte von Lines Familie, von ihren Großeltern bis zu ihr selbst – und ein Großteil ihres Comics widmet sich dem Augenblick, an dem ihr Großvater ihre Großmutter kennenlernte, beim Eislaufen. Oder dem Moment, an dem ihr Vater, der Medizinstudent aus Deutschland, auf einer Party ihrer Mutter näher kommt, der Austauschstudentin aus Amerika. mehr


"Moresukine" – "BR Zündfunk" vom 14. November 2007 (Martin Zeyn, Andrea Bräu)

Dirk Schwieger, 1978 geboren, studierte Malerei bei den deutschen Malerfürsten George Baselitz und Daniel Richter. Auf der Frankfurter Buchmesse 2007 wurde er mit den „Sondermann-Preis" als bester Newcomer ausgezeichnet. Sein Comictagebuch „Moresukine" entstand aus dem Blog, den er während seines einjährigen Japanaufenthaltes geführt hat. 24 Episoden plus einige Geschichten, die ihm andere Leute zugeschickt haben.

Dirk Schwieger hatte einen Traum. Er wollte in Japan als Mangaka arbeiten, wie sich die Comiczeichner dort nennen, einmal sehen, wie die großen Meister arbeiten. Aber so einfach ist das nicht für Langnasen ohne Japanischkenntnisse. Dirk Schwieger: "Der Gedanke war ein wenig naiv, ich fahr dort hin und sage, ich mach das auch für wenig Geld… Nur machen das auch Tausende Japaner für wenig Geld. Ich wäre damit zufrieden gewesen, in einer 24ten Etage irgendwelche Hintergründe schwarz zu malen. Aber das Problem ist, auch das machen Japaner für wenig Geld und die verstehen die Anweisungen viel schneller als ich, der die Landessprache nicht beherrscht."

Dirk Schwieger gab nicht einfach auf. Er bekam vom japanischen Arbeitsamt, Abteilung „Schwer vermittelbare Ausländer", einen Übersetzerjob vermittelt und blieb ein Jahr. In dieser Zeit veröffentlichte er in seinem „Moresukine"-Blog wöchentlich 4 bis 6 Seiten lange Comicgeschichten. Seine Absicht: "Dass ich meine Reisenotizen anderen Menschen, die zuhause geblieben sind oder an Japan Interesse haben, zugänglich machen wollte. Allerdings wollte ich den Narzissmus vermeiden, wie er in Blogs so üblich ist, viel über mich zu erzählen. Um den Nabelschaufaktor zu reduzieren, konnten die Leute mir Aufträge geben per E-Mail über Japan. Ein zusätzlicher Twist entstand dadurch, dass ich sie nicht ablehnen konnte."

24 der im Blog erschienenen Episoden liegen jetzt als Comic vor. Sehr schön ausgestattet, mit einem schwarzen Einband, Lesebändchen und gerundeten Ecken wie ein Notizbuch. Gezeichnet sind sie in Schwarz-Weiß, mit ungewöhnlich viel Text und ziemlich dunkel. Schwieger übernimmt keine Manga-Elemente, er zeichnet ein bisschen trashy mit groben Rasterungen und Schraffuren, mehr Robert „Fritz the Cat" Crumb als Kasuhiro „Akira" Otomo.


"Das Rätsel des Augapfels" – "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Oktober 2007 (Burkhard Müller)

Die Hure H: Um ihre Figur kreisen die Bücher, die die Schriftstellerin Katrin de Vries und die Zeichnerin Anke Feuchtenberger zusammen produziert haben; dieses ist das vierte. Aber vielleicht sollte man die Hure H nicht als eine Figur bezeichnen, wozu ja ein gewisser unveränderlicher Grundbestand erforderlich wäre. Sie hat sich, seit de Vries sie erfand und Feuchtenberger ihr sichtbare Gestalt gab, bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Nicht einmal einen Namen hat sie, das H klingt bloß als das Echo der Hure nach; und Hure, das meint kein Berufsbild und schon gar keine Beleidigung, sondern es ist etwas wie ein Kind, ein unabgeschlossenes, überaus bildsames Dasein, jenseits der Bedingtheit des Persönlich-Biographischen. Damals, am Anfang, war sie von kindlichem, fast fötalem Habitus, mit großem Kopf, kleinen Gliedern und ohne Haar, unerfahren in der Welt und erstaunt über das, was sich in der Zone des Geschlechtlichen begab.

Dazu hatte es gepasst, dass eine starke Kontur sie einband und ohne Zwischentöne auf die Fläche fixierte. Seither ist sie älter geworden, ja erstmals mit so etwas wie einem vermutbaren Alter ausgestattet, und hat das Medium gewechselt. Sie hat zur Kohle gefunden. Kohle schmiert; das ist die Gefahr für jeden Künstler, der sie zur Hand nimmt. Feuchtenberger hat der Kohle mit ihren vielen schwärzlichen Werten und dem unberechenbaren Strich, der manchmal dick und stockend auftritt und manchmal huscht wie die geisterhaften Nebenerscheinungen auf den alten Bildschirmen, Unglaubliches entbunden. Dank der Kohle ist die Hure H in einem Reich jenseits der Reinheit angelangt. mehr


"Mehr als nur Krachquietschseufz" – "WDR5 Scala" vom 19. Oktober 2007 (Uli Hufen)

Der Comic-Markt zwischen Kinderspaß und Literatur

Auf der Frankfurter Buchmesse wurden nicht nur Tausende neue Romane und Sachbücher präsentiert - die Lese-Schau legte ihren Besuchern auch vor, was der Comic-Markt in diesem Jahr zu bieten hat. Und wie bei den anderen Gattungen kann man sagen: Es gibt nicht den Trend.
Die Palette ist breit gefächert und reicht von heiter über erotisch oder schockierend bis zu historisch und politisch. Wie etabliert das Genre aber inzwischen ist, zeigen gleich zwei Preise, die auf der Buchmesse verliehen werden: der Deutsche Cartoonpreis und der Sondermann.
Was derzeit besonders oft über den Ladentisch geht, welche Themen bei den Zeichnern hoch im Kurs stehen - und warum Comics mehr sind als bunte Kinderbildchen, darüber berichtet die Scala-Comicnachlese der Buchmesse. mehr


"Comics kratzen" – "Deutschlandradio Kultur" vom 15. Oktober 2007 (Alexandra Mangel)

In Hamburg hat sich eine lebendige Szene junger Comic-Zeichner entwickelt. Zu ihr zählt Line Hoven, die ihre Comics nicht malt, sondern mit einem Cuttermesser in Karton ritzt. Zurzeit kratzt sie auf diese Weise eine Familienchronik ins Papier. Ihr allererster Comic-Band "Liebe schaut weg" wurde auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Line Hoven: "Das ist ein Karton, der beschichtet ist mit weißer Kreide und darüber ist schwarze Tusche. Und viele Freunde von mir kennen dieses Geräusch, wenn sie mich anrufen und mit mir telefonieren, weil man im Hintergrund dann immer dieses Kratzen hört."

Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht. Sie kratzt sie.

"Das ist halt sehr schön, weil man da sehr detailliert arbeiten kann - und auch konzentriert - und es hat auch ein bisschen was Meditatives - könnte sein, dass das auch ein Punkt ist, warum es mir so viel Spaß macht."

Mit einem Cuttermesser aus dem Baumarkt ritzt sie das Tiefschwarz des Kartons. Lässt weiß unter schwarz Tage und Nächte, Räume und Landschaften erscheinen. Und Figuren, deren Einsamkeit, Verliebtheit und Versunkenheit das schwarze Rechteck der Zeichnung so dicht ausfüllt wie Wasser ein Aquarium. mehr


"Strichmanderln, die reden" – "NZZ am Sonntag" vom 21. Oktober 2007 (Regula Freuler)

Über absurden Humor und die Zumutungen von Förderkommissionen: Eine Begegnung mit dem genialen Comic-Künstler Nicolas Mahler.

Man könnte sich wahrscheinlich für eine blinde Verabredung mit Nicolas Mahler einfach vor den Wiener Stephansdom stellen und warten, bis ein langer Mensch mit markanter Brille und markanter Nase vorbeikommt. So zeichnet Mahler sich selbst, mit wenigen Strichen. Viele Comic-Fans halten seinen reduzierten Stil ja für eine Frechheit. Dabei ist er sozusagen der lebende Beweis dafür, dass mit seinem «Minimahlismus» pointierte Charaktere entstehen, nach denen man in klassischen Superhelden-und-Busenwunder-Comics vergeblich sucht.

Im Wiener Museumsquartier, wo Kultur, Gastronomie und Kunstpädagogik auf 60 000 Quadratmetern eine Reissbrettehe eingehen, ist es tatsächlich leicht, Nicolas Mahler unter den Passanten auszumachen. Als Erkennungsmerkmal hält er zudem ein blaues Heftchen in der Hand, das man im gewölbten Durchgang aus einem Automaten beziehen kann. Seit September ist dieser Durchgang die neue Heimat des «Kabinetts für Wort und Bild», bestehend aus drei Schaukästen, dem Automaten sowie einem Deckengemälde des französischen Kollegen Stéphane Blanquet. Von 2003 bis 2006 hatte das «Kabinett», das Mahler mit den Zeichnern Rudi Klein und Heinz Wolf gründete, noch einen eigenen Raum im riesigen Gebäudekomplex des «MQs», den sie dann aufgeben mussten. mehr


"Kratzen, nicht zeichnen" – "FM4" vom 20. Oktober 2007 (Sonja Eismann)

Comic-Zeichnen ist ein mühseliges und einsames Geschäft. Ein miserabel bezahltes noch dazu, zumindest im deutschsprachigen Raum, wo ein Band schon erfolgreich ist, wenn er 3.000 Mal statt 100.000 Mal wie in Frankreich über die Ladentheke rutscht. Jedes Panel, also Handlungskästchen, will liebevoll mit Details und Hintergründen ausgestattet werden, nur um von den meisten LeserInnen mitnichten wie ein Kunstwerk bestaunt, sondern in Sekundenschnelle überblättert zu werden.

Detailversessen ...

Und trotzdem gibt es Comic-KünstlerInnen wie Line Hoven. Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht mit Stift und Tusche, sondern kratzt sie. Mit einer speziellen Schabtechnik ritzt sie Konturen in Papierbögen, die zuerst mit weißer Kreide und dann mit schwarzer Tusche beschichtet wurden. Da kann es vorkommen, dass sie an einem scheinbar nichtigen Detail Stunden oder sogar Tage sitzt. Für die 96 Seiten ihrer ersten "Graphic Novel" mit dem Titel "Liebe schaut weg" hat sie mehrere Jahre gebraucht. Sie entstand im Rahmen ihres Studiums an der Hamburger Akademie der Wissenschaften, wo sie von Anke Feuchtenberger und Atak unterrichtet wurde, als ihre Diplomarbeit. mehr


"Von Kant zu Mickey Mouse" – "Schweizer Tagesanzeiger" vom 9. Oktober 2007 (Alexandra Kedves)

Er sieht aus wie ein Kind von Charlie Brown und Jimmy Corrigan, ein altes Kind, mit einem runden Kopf voller Falten und Kulturgeschichtsruinen.

Bardín, der Superrealist, kam 1999 auf die Welt, hinein in farbige Comicpanels und ins Rampenlicht der internationalen Szene. Mittlerweile wurden die Geschichten um den kleinen Mann mit den grossen Fragen mehrfach übersetzt und ausgezeichnet; der jüngste Band erhielt am Comicfestival in Barcelona nicht weniger als drei Auszeichnungen. Zum Katalonien-Schwerpunkt der Buchmesse erscheint er nun auf Deutsch.

Sein Schöpfer, der 51-jährige Francesc Capdevila alias Max – nach Max Ernst –, betrachtet ihn als eine Hommage an die «Escuela Bruguera»: jene humoristische Comicschule, für die Mitte des 20. Jahrhunderts der Verlag Bruguera stand. Zugänglich, aber zackig; mit klaren Linien, aber nicht konservativ. mehr


"Die gezeichnete Alltagsparanoia" – "Welt am Sonntag" vom 8. Oktober 2007 (Thomas Lindemann)

In Deutschland ist die Comicszene Kataloniens kaum bekannt. Doch sie ist nicht nur aufregend und originell, sondern auch einflussreich. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse werden die bisweilen bizarren Werke dieser Zeichenkünstler jetzt endlich gewürdigt.

Sie sind Geheimagenten. Und leider auch unschlagbare Trottel. Dem langen Dünnen misslingt alles, der Kleine bekommt die Schläge ab. Wer in den 70er- und 80er-Jahren Comics gelesen hat, dem dürften "Mortadelo y Filemón" bekannt vorkommen: Als "Clever & Smart" gingen die beiden um die Welt. Doch ihre Heimat ist Barcelona. Obwohl die katalanische Comicszene stark ist und Barcelona der Comicmittelpunkt Spaniens, ist kein anderes Werk von dort international so bekannt geworden.

Verdient hätten es auch die gemeinen Zwillinge Zipi & Zape. Oder der Gangster Torpedo. Oder, allen voran: der große Peter Pank. Die kleine Reihe um ihn ist in Deutschland zwar erschienen, aber längst vergriffen. Dabei war der Comic von Francesc Capdevila alias Max die wohl heißeste Adaption des schottischen Kinderbuchstoffs. Peter und die Lost Boys sind Rowdys, sie treffen nicht auf Meerjungfrauen oder Piraten, sondern schlagen sich mit Dominas, Hippies und Rockern. Die Parodie voll Nacktheit, auch männlicher, Drogenmissbrauch und wüsten Beschimpfungen war ein Höhepunkt des 80er-Trashs, grell gezeichnet, als hätte sich ein berauschter Autolackierer vom expressionistischen Filmklassiker-Kabinett des Doktor Caligari inspirieren lassen. mehr


"Wenn ein trauriger Clown auf H. R. Giger trifft" – "Tagesanzeiger" vom 22. September 2007 (Alexandra Kedves)

Nicolas Mahler, «Titanic»-Zeichner aus Wien, legt eine Kultur(szene)kritik in Cartoonform vor: ein sperriger Spass.

«A Writers’ Writer»: Wenn dieses Etikett an einem Autor klebt, dann bedeutet das normalerweise andächtiges Schweigen unter Berufskollegen und Grabesstille an den Buchhandlungskassen. Doch beim Comic ist alles anders. Minimalismus, Abstraktion und Fokussierung auf ein sehr beschränktes Themenfeld: Auf einmal funktioniert das alles als schlagkräftiges Verkaufsargument – dann nämlich, wenn Nicolas Mahler auf dem Buchdeckel steht. Dann bekommen auch dürre, schwarz-weisse Strichmännchen ohne Augen und Ohren, die sperrige Stoffe ohne Sex and Crime verhandeln, Aufmerksamkeit. Und die verdienen sie auch.

Erstklassige Zeitgeistsatire

Mahlers neues Cartoon-Buch «Die Zumutungen der Moderne» stapelt wie wild Sprechblasen übereinander. In ihnen geht es um kunsttheoretische Konversationsthemen wie russische Kolchosenfilme aus den 30er-Jahren oder aktuelle Trickfilmfestivals in Lettland. Oder eine geträumte Nacht im Doppelzimmer mit H. R. «Alien» Giger, in der nichts, aber auch gar nichts passiert. mehr


"Magie ohne Masterplan – Im Labyrinth der Fantasy-Serie 'Donjon'" vom 8. September 2007 (Der Comic-Neurotiker)

Obwohl frankophile deutsche Comic-Fans es gern leugnen, verkauft sich auch im Comic-Wunderland Frankreich pubertärer Trash wesentlich besser als intellektuelle Panel-Kunst. Besonders die Unmengen einheimischer "héroïc-fantasy"-Alben, mit langen Schwertern und knappen Lederminis, haben mich beim Besuch französischer Comic-Läden immer wieder erstaunt.

Bevor ich mir hier unnötig böse Kommentare einhandle: Auch ich mag den überbordenden Einfallsreichtum und rüden Humor des "Lanfeust"-Comic-Kosmos, und "Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit" gehört meines Erachtens in jede gute Sammlung. Die einzige französische Fantasy-Serie aber, deren Komplexität, Intelligenz und Esprit mich immer wieder beeindruckt, ist ausgerechnet eine Persiflage.

Fast zehn Jahre hat sie inzwischen auf dem Buckel und noch immer wirkt ihre Eröffnungsszene wunderbar frisch und frech:

"Vier schwarze Türme, deren höchster von zehn Tagesmärschen Entfernung aus zu sehen ist. Eine versteckte Eisentür inmitten der stinkenden Sümpfe. Endlose, mit Moos und Salpeter bedeckte Gänge. Leitern, Lastenaufzüge, Treppen bis ins Innere der Erde. Hinter jedem Stein verbergen sich legendäre Waffen, Fallen [...] [und] Monster zu Hunderten. Aus der ganzen Welt kommen Abenteurer auf der Suche nach Reichtum und Erfahrung, um sich an meinen Monstern zu messen. [...] Und ihr mit euren Sockenköpfen, ihr kommt einfach her und verlangt, dass ich meinen Donjon verkaufe! Ihr spinnt wohl!"

Sekunden nach dieser gescheiterten feindlichen Übernahme lässt der Hüter der Donjon-Festung die unverschämten Kapuzenträger aus dem Fenster des höchsten Turmes werfen. mehr


"Der Befreiungsschlag" – "FAZ" vom 5. Juli 2007 (Andreas Platthaus)

Wie soll man mit gleich zwei neu ins Deutsche übersetzten Publikationen umgehen, die alles umstürzen, was wir vom graphischen Erzählen wissen? Dabei hätte man jahrelang Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten, denn Paul Hornschemeiers Comicroman „Komm zurück, Mutter“ erschien in Amerika schon 2004, und das französische Album „Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer“ ist gar noch älter - es wurde 2002 publiziert. Der Abstand zu den Originalveröffentlichungen zeigt die Rückständigkeit des deutschen Comicmarktes, denn dass es sich bei beiden Werken um Meisterwerke handelt, pfiffen sämtliche Leser, die der fremden Sprachen mächtig waren, von den Dächern. Immerhin versöhnt der schöne Zufall, dass beide Titel nun gleichzeitig in unsere Buchläden kommen.

Solche Bücher, die mit einem Schlag alles beiseite schieben, was es bislang stilistisch gegeben hat, sind nicht allzu häufig. Eine vergleichsweise noch wenig etablierte Erzählform wie der Comic gewährt ihren Autoren zweifellos mehr diesbezügliche Möglichkeiten als die Literatur, deren gelehrte Ausleger sich seit Jahrhunderten um Einordnung und Abgrenzung bemühen und für jedes neue Werk schon aus Gründen der eigenen Spartenpflege rasch den passenden Genrebegriff parat haben. Bis der Comic diesen Status erreicht hat, werden noch etliche Jahrzehnte vergehen. Und bis dahin werden sich die Experten bemühen müssen, mit den Avantgardisten überhaupt Schritt zu halten. mehr


"In echt ganz echte Berliner" – "taz" vom 25. April 2007 (Detlef Kuhlbrodt)

Ganz ehrlich: Manchmal ist der Grund, die "Zitty" zu kaufen, die eine Seite Fil. Seit zehn Jahren fängt der Zeichner mit seinen Helden Didi & Stulle ein Berlin ein, das grob ist und subtil - und seit kurzem zenbuddhistisch. Eine Würdigung

Fil ist quasi das Sahnehäubchen innerhalb der Zitty. Man kauft sich das Heft, liest da und dort so halb interessiert, um dann zum Comic zu blättern, den man viel zu schnell durchliest. Und immer mehr will, wie wenn man viel Durst hat und nur ein kleines Bier da ist und all die Spätis und Kaufhallen erst in zwei Wochen wieder aufmachen.

Seit 1981 - da war er 14 - zeichnet und schreibt "der scheue" bzw. "der schaue Fil" für das freundlichere der beiden Stadtmagazine. Er kommt aus dem Märkischen Viertel und tritt in seinem Nebenberuf als Performer mit der Handpuppe Sharkey häufig wochenlang im Tempodrom auf. Waren "Die drei Tornados" authentischer Humorausdruck der Generation der nun so 50-Jährigen, ist Fil dasselbe für die nun so ungefähr 40-Jährigen. Seine erste Figur hatte "Der kleine Konrad" geheißen, dann kamen Anfang der 90er Stups und Krümel und Mitte der 90er Ätzi und Fetzi, die beiden Jugendlichen mit prima Sprüchen wie "sago bago" oder "ciao cescu". Solche Sachen schnappt Fil wie ein klassischer Feuilletonist auf der Straße auf, übernimmt sie oder dreht sie weiter. Man lacht sich halbtod und bemüht sich, selber ein bisschen so zu sprechen. Die Figuren sind prima gezeichnet, aber am lustigsten sind doch die Worte. Fil ist jedenfalls der Schriftsteller unter den Berliner Zeichnern; ein Meister unterschiedlich eingesetzter Anführungszeichen; ein Held auch des Groben. mehr


"Signifikanten in schwerer See" – "taz" vom 17. April 2007 (Clemens Niedenthal)

Zeichentheoretiker, Sprachanalytiker, Bedeutungsdeuter bevölkern diesen Bleistiftkosmos. Dringt man bei jeder Wiederholung tiefer in diese Bilder ein? Oder sind es seine Bilder, die tiefer in uns dringen? Martin tom Diecks Comic "Der unschuldige Passagier" wurde als Reprint wiederveröffentlicht

Ein Mann treibt auf hoher See, allein, verlassen. Bald fehlen seinem Ruderboot ein paar Planken. Wenig später fehlt dem Mann das Boot, gleitet er hinab in den Strudel der Zeichen und Bedeutungen. Der Mann landet auf einem düsteren Schiff, findet düstere Weggefährten und hat eine düstere Ahnung: Niemand weiß, wohin diese Reise geht.

Martin tom Diecks "unschuldiger Passagier" führt bereits vor, was die jüngeren Comics des 1963 geborenen Hamburgers auszeichnet. Allen voran seine gemeinsam mit Jens Balzer entstandene Gilles-Deleuze-Hommage "Salut! Deleuze" (2000). Da ist das Wasser, so flüchtig wie allegorisch, Martin tom Diecks liebste und notwendigste Materie. Das ist das Suchen, nach dem Sinn wie einem System. Da ist das Motiv der Wiederkehr - "Differenz und Wiederholung", heißt es bei Deleuze. In "Salut! Deleuze" rudert der Fährmann Charon den Philosophen fünfmal in identischen Bildern ins Totenreich hinüber. Nur das Empfangskomitee wechselt. Mal gibt Michel Foucault den alten Bekannten. Dann Roland Barthes oder Jaques Lacan. Zeichentheoretiker, Sprachanalytiker, Bedeutungsdeuter, Martin tom Dieck arbeitet mit ihnen und sich - unangestrengt - an ihnen ab. mehr


"Allein unter Männern am Zeichentisch" – "Süddeutsche Zeitung" vom 9. April 2007 (Christoph Haas)

Comic-Autorinnen sind immer noch rar, aber ihre Zahl nimmt langsam, stetig zu

Der Befund ist, zumindest auf den ersten Blick, alles andere als aussichtsreich. Klickt man sich auf der Homepage von Carlsen, des größten deutschen Comic-Verlags, durch das umfangreiche Alphabet der Künstler, sind nicht mehr als zwei Zeichnerinnen aufzufinden: die Hamburgerin Isabel Kreitz, bekannt vor allem für ihre Adaptation von Uwe Timms "Die Erfindung der Currywurst", und Wendy Pini, die mit ihrem Mann Richard seit mehreren Jahrzehnten an der Fantasy-Serie "Elfquest" arbeitet. Etwas besser sieht es beim wesentlich kleineren Reprodukt Verlag aus, dessen Programm sich konsequent jenseits des Mainstreams bewegt. Von 50 Zeichnern, die hier unter Vertrag stehen, sind immerhin knapp ein Sechstel weiblich, nämlich acht.

Eine von ihnen ist Line Hoven. Auf die Frage, warum es so viele Männer, aber so wenig Frauen gibt, die Comics machen, muss sie nicht lange nachdenken: "Die Leser sind ja auch vor allem Männer. Natürlich wünschen wir uns alle, dass das anders wäre. Aber wenn man in die Geschichte des Mediums blickt, ist doch offensichtlich, dass es sich früher vor allem an ein junges, männliches Publikum gerichtet hat. Was für eine Rolle haben denn zum Beispiel Daisy und Minnie im Disney-Kosmos? Sie sind nicht mehr als schmückendes Beiwerk." Dass attraktive role models den Wunsch, selbst kreativ tätig sein zu wollen, in der Tat entscheidend verstärken können, zeigt der Manga-Boom, der in kurzer Zeit einige sehr begabte deutsche Zeichnerinnen, die in diesem Bereich erfolgreich arbeiten, hervorgebracht hat. Im traditionellen Autoren-Comic sind Frauen dagegen immer noch rar - auch hier aber nimmt ihre Präsenz langsam, stetig zu. mehr


""Ein linkes Entenhausen"" – "taz" vom 11. Januar 2007 (Andreas Hartmann)

Ein Gespräch mit dem Zeichner Andreas Michalke und Diedrich Diederichsen über verlorene Dissidenz, Ironie, die Kunst des Zuspätkommens und Michalkes neues Comicbuch "Bigbeatland"

taz: Herr Diederichsen, interessiert Sie der Comic als dissidentes Medium?

Diedrich Diederichsen (DD): Das Wort "Dissidenz" ist generell bei Gegenwartskunst, nicht nur bei Comics zu hoch gegriffen. Genauso wie in der Popmusik und in anderen Spezialistenkulturen wie etwa dem asiatischen Kino gibt es auch hier inzwischen Experten innerhalb des Mainstreams. Das ist in all diesen Bereichen prinzipiell das Gleiche: Vor 10, 15 Jahren waren diese Künste und ihre Milieus noch aus der Mainstreamkultur ausgeschlossen, weswegen man sie auch noch leichter für kontrovers halten konnte. Heute wird zumindest die Spitze des Eisbergs auch vom Mainstream beachtet. Mittlerweile gibt es auch in der Comicszene eine Sicherung des kanonischen Erbes.

Herr Michalke, sehen Sie Comics ebenfalls als im Mainstream angekommen?

Andreas Michalke (AM): Wir haben gerade die neue Comiczeitung Mamba (s. taz vom 20. 12. 2006) gestartet. Ich wollte damit so etwas wie die türkischen Comiczeitungen - quasi Underground-Comics, die sich wöchentlich massenhaft verkaufen - auch hier unter unabhängigen Bedingungen, ohne Werbung und Zensur, an die Kioske bringen. Ein relativ schnell aufkommendes Problem war: Die an Mamba beteiligten Zeichner erkennen gar nicht die ihnen gebotene strukturelle Freiheit als Qualität. Die meisten haben gar nicht den Impuls, das zu zeichnen, was ihre Auftraggeber stören könnte - ihnen ist eigentlich egal, für welche Zeitung sie arbeiten. Ich kann Dissidenz im Comic also weitestgehend auch nicht sehen. mehr


"Flüchtiger Strich, bleibende Gefühle" – "Der Bund" vom 6. Januar 2007 (Christian Gasser)

Endlich liegt der Erfolgscomic «Blaue Pillen» des Genfers Frederik Peeters auf Deutsch vor

In seinem autobiografischen Comic-Roman schildert Frederik Peeters seine Beziehung mit der HIV-positiven Cati und ihrem ebenfalls infizierten Sohn und schaffte damit im französischsprachigen Raum den Durchbruch.

Sie sei gerne mit ihm zusammen, sagt Cati, und sie wolle nicht, dass ihre Freundschaft abbreche. Cati sitzt in Frederiks Küche, es ist spät, der Wein ist ausgetrunken – und wir glauben zu wissen, was als Nächstes kommt: Der ganz normale Beginn einer Liebesgeschichte. Auch Frederik erwartet dies, und er insistiert: Cati solle doch sagen, was sie auf dem Herzen habe – er sei schliesslich ein grosser Junge. – «Ich bin», gesteht Cati nach kurzem Zögern, «HIV-positiv.»

Schwindelerregendes Schweigen, so erinnert sich Frederik Peeters an diesen Augenblick. Eine Sekunde lang wird er von extremen und widersprüchlichen Gefühlen überwältigt. Dann bittet er Cati, bei ihm zu übernachten. «Es war für mich so dringlich, diese Geschichte von Cati und mir aufzuzeichnen», sagt Frederik Peeters, «dass ich ,Blaue Pillen‘ innert drei Monaten aufs Papier gebracht habe, ohne vorheriges Szenario, ohne Vorzeichnungen und ohne an eine Veröffentlichung zu denken.» Genau diese Dringlichkeit machte aus diesem Buch eine sowohl emotionale als auch künstlerische Erfahrung – «so was habe ich nie zuvor gewagt». mehr


"Bilder, die Musik machen" – "Spiegel Online" vom 20. Dezember 2006 (Anne Backhaus)

Hamburg, Miami, Hongkong: Die zurückgezogen lebende Künstlerin Moki verzaubert mit ihren Bildern eine internationale Fangemeinde und passt dabei in keine Genre-Schublade. Ob Acrylgemälde, Comic oder Performance - in Mokis Welt sind die bekannten Grenzen aufgelöst.

Eine hügelige Landschaft in schwarzweiß. Die einzigen Pflanzen, die aus dem kargen Boden ragen, sehen aus wie Seeanemonen in der Meeresströmung. Der Himmel ist voller dunkler Wolken. Der Regen fällt in Fäden, erreicht aber nie den Grund. An manchen Stellen bricht ein wenig Licht sich seinen Weg. Unten rechts läuft eine riesige Katze. Auf ihr liegt entspannt eine junge Frau, das Gesicht umrahmt von einer Kapuze.

Das Bild ist ein Selbstporträt der Künstlerin Moki, das aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Es wirkt wie die Erinnerung an einen Traum. Vielleicht sogar an einen Alptraum. "Ich habe aber keine Träume gemalt", verteidigt sich Moki, die ihren richtigen Namen nicht verraten will. "Es ist sehr interessant, dass viele Menschen diese Assoziationen mit meinen Bildern entwickeln. Aber wenn ich Albträume habe, dann handeln sie immer davon, dass ich ganz weit weg bin und nicht mehr nach Hause finde." mehr


"Glück gehabt" – zdf.de von Dezember 2006 (Philip Flaemig)

Arne Bellstorf und Sascha Hommer leben für ihre Comics

Kein Geld. Kein Ruhm. Kein Aufstieg. Mit Comics erreicht man keines der üblichen Karriereziele unserer Zeit. Trotzdem werden sie immer weiter produziert. Die Comic-Szene lebt von kreativen Köpfen, die kleine Perlen produzieren, die sich vielleicht nicht gut verkaufen, aber herausragend sind. Das gilt besonders für Kleinverlage, in denen ausschließlich erscheint, was dem Verleger gefällt. Denn die sind meist selbst Zeichner. Arne Bellstorf und Sascha Hommer sind solche Überzeugungstäter.

Wer nichts anderes will, als Kohle machen, geht nicht in die Comic-Branche. Zwar wird in den großen Verlagen mit "Tim & Struppi", "Asterix", "Lucky Luke" und den aus Japan importierten Mangas Geld verdient, doch sind die Profite so schmal, dass selbst die in Zeiten der Internet-Downloads darbende Musikindustrie vergleichsweise prächtig da steht.

Arne Bellstorfs "Acht, neun, zehn" - eine subtile Beobachtung der Alltags- und Kleinstadt-Psychologie - ist das meist beachtete Comic dieses Jahres. Zusammen mit Sascha Hommer, dem Herausgeber des Comic-Magazins "Orang", gründete er 2004 den Verlag "Kiki Post" in Hamburg. Leben können die beiden davon nicht und so finanzieren sie sich mit Nebenjobs, wie die meisten in der Szene. Aber ihr Idealismus trifft auf eine Branche, die sich in jüngster Zeit auf bessere Verkaufzahlen berufen kann. mehr


"Jäger des absurden Alltags" – "Der Tagesspiegel" vom 3. Dezember 2006 (Lars von Törne)

Lange vor Kurt Krömer erhob Fil den Proll-Humor zur Kunst. Nun gibt es eine Werkschau und neue Shows

Das Squaw-Kostüm hat er diesmal zu Hause gelassen. Aber ein paar alte Großstadtindianer-Weisheiten hat Fil immer dabei. „Raub’ mir nicht meine Seele, weißer Mann“, ermahnt er mitten im Lied den Fotografen und baut spontan ein paar ironisch-überhebliche Attacken gegen die Medien in den Song ein („Die Journalisten hassen mich, weil sie nicht Ich sind“). Unversehens ist der Beobachter zum Teil der Show geworden, die der unberechenbare Alleinunterhalter am Freitagabend zur Eröffnung seiner Werkschau in der Friedrichshainer „Cartoonfabrik“ aus dem T-Shirt-Ärmel schüttelte.

Fil ist ein Jäger und Sammler absurder Alltagsbeobachtungen, nichts ist vor dem begnadeten Improvisateur sicher. Seit bald 20 Jahren verarbeitet er seine Impressionen in Comics, Liedern und Dialogen mit seinem Plüsch-Hai Sharkey. Dafür und für die Zitty-Comicserie „Didi & Stulle“ verehren ihn seine Fans wie einen Underground-Popstar. Regelmäßig erscheinen die Abenteuer der beiden Galgenvögel in Buchform, zuletzt „Der Plan des Gott“. In Fils Comics wie bei seinen Shows sind die Grenzen zwischen Witz und Affront, zwischen professionell und dilettantisch fließend. „Wolfgang Gruner auf Ecstasy“ hat ihn das Satiremagazin Titanic mal genannt. mehr


"Lebenslanger Eingriff ins Intimleben" – "Passauer Neue Presse" vom 29. November 2006 (Christoph Haas)

Lektüre zum Welt-Aids-Tag und darüber hinaus: Das autobiografische Comic-Album „Blaue Pillen“

„Aids hat viele Gesichter“: So oft wir diesen Satz gelesen und die Bilder, die ihn illustrieren, gesehen haben - ganz glauben wollen wir ihn immer noch nicht. Treffen wir jemanden, der sich mit der tödlichen Immunschwäche infiziert hat, ohne zu einer der primär gefährdeten Minderheiten zu gehören, dann sind wir schockiert.

So ergeht es auch dem jungen Zeichner Fred, der Hauptfigur in dem autobiografischen Comic-Roman „Blaue Pillen“. Er hat sich in die hübsche Cati verliebt. Eines Tages sagt sie zu ihm: „Ich bin HIV-positiv. Und mein Sohn auch.“ Fred verliert die Fassung: „Ich spielte den Typen, der Sicherheit ausstrahlt, der alles im Griff hat. Ich war der Fels in der Brandung. Für sie, und weil ich wusste, dass zwischen uns etwas war. Aber in Wahrheit fühlte ich mich wie ein verunsicherter kleiner Junge, starr vor Angst, vor der Tür zu seinem Klassenzimmer, am ersten Schultag.“

„Blaue Pillen“ macht deutlich, was es bedeutet, mit einer Krankheit leben zu müssen, die wie keine andere ins Privat- und Intimleben eingreift. Nach einem Jahr des Zusammenseins mit Cati hat Fred es immer noch nicht über sich gebracht, deren Infektion seinen Eltern zu gestehen. Je mehr er in die Rolle des Familienvaters hineinwächst, desto größer wird zudem seine Sorge um das Kind, das, sollte die Wissenschaft nicht große Fortschritte machen, immer auf starke Medikamente angewiesen sein wird. mehr


"Kleiner als das Leben" – "Neue Zürcher Zeitung" vom 28. September 2006 (Christian Gasser)

Sie sind jung, sie zeichnen, und sie erzählen: Nach der deutschsprachigen Belletristik findet nun auch der Comic zur Lust am Erzählen zurück. Zwei Anthologien, «Orang» und «Flitter», erlauben einen Einblick in das Schaffen einer neuen Comiczeichner-Generation.

Ziellos und unentschlossen mäandert Christoph durch einen langweiligen Sommer und treibt einer düsteren Zukunft, der Wiederholung der zehnten Klasse, entgegen. Nicht einmal die Annäherungsversuche Miriams entreissen ihn seiner Lethargie - tief versunken in Weltschmerz und Einsamkeit ist er unfähig, sich dem Mädchen gegenüber zu öffnen, und selbst seine ersten erotischen Erfahrungen lässt er offenbar willenlos und merkwürdig distanziert über sich ergehen. Seine alleinerziehende Mutter, die sich ähnlich erfolglos um Zuneigung und Liebe bemüht, ist ihm keine Hilfe. Christoph heuchelt Gleichgültigkeit und Unabhängigkeit - und plötzlich ist der Sommer vorbei, und Miriam küsst einen anderen.

Generationswechsel

Es geschieht nicht viel in Arne Bellstorfs Début «Acht neun zehn», auch geredet wird nur das Notwendigste. Bellstorf ist es aber gelungen, nichtige, sich wiederholende Ereignisse aus Christophs Leben mit geradezu beklemmender Genauigkeit in Szene zu setzen. Der 16-Jährige leidet am Widerspruch zwischen dem adoleszenten Vorwärtsdrang und der diffusen Furcht vor der Zukunft, zwischen dem Wunsch nach Flucht aus dem öden Vorort und dem Beharren auf Stillstand. Und natürlich schwankt er hilflos zwischen Ernsthaftigkeit und Lächerlichkeit der ersten erotischen Berührungen. - «Von Anbeginn war mir klar», bejaht Arne Bellstorf im Gespräch, «dass die Atmosphäre die Geschichte tragen würde und die Bilder diese Stimmung einfangen sollten.» mehr


"Drei Farben: Grau" – "Der Tagesspiegel" vom 24. September 2006 (Lars von Törne)

Wer ein Monster ist, bestimmen wir. In der düsteren Comic-Novelle „Insekt“ des Hamburger Zeichners Sascha Hommer können die Menschen einander kaum erkennen, sie leben unter einer Rauchglocke. Dennoch haben sie festgelegt: Wer anders aussieht, ist ein „Insekt“ und damit minderwertig. Im Schutz der grau gepixelten Dunkelheit wächst ein Junge auf. Er gehört dazu, jeder mag ihn, das Leben scheint es gut mit ihm zu meinen. Bis ausgerechnet die erste Liebe ihn dort sieht, wo kein Rauch hinkommt, und erkennt: Er ist ein Insekt. Damit ist sein bisheriges Leben beendet.

Mit klaren, aufs Wesentliche konzentrierten Bildern erzählt der 1979 geborene Hommer davon, wie eng Zivilisation und Barbarei beisammenliegen. Der Stil wirkt auf den ersten Blick niedlich und cartoonhaft, das macht die schonungslose Geschichte umso bewegender. In der Verbindung von Reduktion und Tiefgang erinnert „Insekt“ an autobiografisch inspirierte Werke zeitgenössischer nordamerikanischer Comic-Erzähler wie Chris Ware oder Chester Brown, aber auch an seinen Hamburger Kollegen Arne Bellstorf, der für den Tagesspiegel am Sonntag regelmäßig Kurzgeschichten zeichnet. Sie verbindet in ihren Arbeiten ein Motiv: die innere und äußere Entfremdung des männlichen Heranwachsenden. mehr


"Fremd sind sie sich selber" – "taz" von 12. September 2006 (Jan-Frederik Bandel)

Ansteckend: Die "Black Hole"-Comics von Charles Burns liegen nun vollständig auf Deutsch vor. Schillernd zwischen einer Ästhetik des Grässlichen und des Schönen, mit vergiftetem Happy End

Computerexperten, Mediziner und biologische Forschungszentren rüsten gegen sie. In den Gerüchteküchen der neuen Kriege und Terrorismen gelten sie seit Jahrzehnten als nächstes großes Ding auf der Tödlichkeitsskala. Thriller, Krimis, Science-Fiction sind ohne sie kaum noch denkbar. Viren und Epidemien gehören zweifellos zu den wichtigsten Metaphern und Phantasmen unserer Zeit.

Sie sind längst zu einem "Kollektivsymbol" geworden, wie die Kulturwissenschaftlerin Brigitte Weingart es nennt. In ihrem Buch "Ansteckende Wörter" hat sie das wohl bekannteste Beispiel dieser epidemischen Symbolik untersucht: die Immunschwächekrankheit Aids, die Anfang der Achtziger so schockhaft ausbrach, dass sie eine wahre "Bedeutungsepidemie" auslöste: ansteckende Gerüchte, Theorien und Desinformationen der wildesten Art.

Auch der US-Comiczeichner Charles Burns hat sein dunkles Epos "Black Hole" auf dem kollektiven Phantasma der Ansteckung aufgebaut: Erzählt wird in den sechs Bänden, in denen der Comicroman jetzt auch auf Deutsch komplett vorliegt, von einer merkwürdigen Epidemie, die immer mehr Teenager in den Suburbs von Seattle befällt. Bei den Infizierten bilden sich Beulen, Verwachsungen, Schwellungen, aber auch ein zweiter Mund, der auf der Brust sitzt, Schwimmhäute usw. Einige der Jugendlichen weisen nur unscheinbare Mutationen auf, verdeckt durch die Kleidung, andere sehen aus, als wären sie aus alten Horrorcomics oder den entsetzlichen Bildstrecken medizinischer Nachschlagewerke entsprungen. mehr


"Guy Delisle: Shenzhen" – fluter.de von 8. September 2006 (Volker Hummel)

Reisebericht aus China

Beim Abspann von deutschen Zeichentrickproduktionen wie "Werner" und "Käpt'n Blaubär" kann man eine überraschende Entdeckung machen: Nach einer Handvoll deutscher Namen tauchen dort plötzlich chinesische Schriftzeichen auf. Dahinter verbergen sich die vielen Namen jener, die den Film in einem Animationsstudio in Taipeh, Schanghai oder Shenzhen gezeichnet haben. Aufgrund der niedrigeren Lohnkosten in Fernost verfahren deutsche Zeichentrickstudios nämlich genauso wie ihre Kollegen in den USA und Frankreich: Zu Hause werden die Storyboards und Figuren entwickelt; in China, manchmal auch in Südkorea oder Indien, wird dann unter knappen Zeitvorgaben die arbeitsintensive Zeichnung der Einzelbilder und Hintergründe erledigt.

Streifzüge durch Absurdistan

Die Arschkarte bei dieser globalisierten Arbeitsteilung hat ein meist "Supervisor" genannter Angestellter des Zeichentrickstudios, der in Fernost auf die Einhaltung der Zeitvorgaben und Zeichenstandards zu achten hat. Kein leichtes Unterfangen, wie man in dem wunderbaren Comicband "Shenzhen" von Guy Delisle nachlesen kann. Darin hat der französische Comicautor in einer Mischung aus Tagebuch und Reisereportage die vielen absurden Begebenheiten festgehalten, die ihm während der Arbeit und bei seinen einsamen Erkundungen der Millionenstadt in der Nähe Hongkongs widerfahren sind. mehr


"Glück gehabt" – "Brand Eins" von August 2006 (Peter Lau)

Kein Geld. Kein Ruhm. Kein sozialer Aufstieg. Mit Comics erreicht man keines der Konsensziele unserer Zeit. Und trotzdem werden sie immer weiter produziert. Weil es dafür einen sehr guten Grund gibt.

Wir sprechen nicht über das Glück, aber es ist immer da, wie das vage Rauschen des Verkehrs vor den Fenstern. Es lebt in den leisen Worten, den weichen Gesten, den freundlichen Blicken, dem allgemeinen Lächeln. Es versteckt sich hinter dem Unverständnis angesichts des Unglücks. Einmal, erzählt Line Hoven, hat sie eine schlechte Erfahrung gemacht. Das war bei einem Job für einen großen Wirtschaftskunden, dessen Namen sie nicht nennen möchte, weil sie keinen Ärger will. Sie kam zu einer Präsentation von Design-Vorschlägen, zusammen mit einer Hand voll Kunststudenten voller Ideen und Enthusiasmus, die bereit waren, ihr Bestes zu geben. Doch die Kunden waren „echt eklig, total seelenlose Menschen. In der Pause sind sie über uns hergezogen, ich habe gehört, wie sie darüber redeten, wie schlimm wir aussähen. Bei so etwas mache ich nie wieder mit, da jobbe ich lieber in der Kneipe“. Doch selbst in diesem Moment bleibt die 28-Jährige sanft und freundlich, ein angenehmes Wesen, das verständnislos auf eine unangenehme Welt schaut. Warum sind diese Leute so? Und was wollen die?

Ganz sicher nicht, was Line Hoven will. Denn die ist Comic-Zeichnerin. Und das dürfte in den Augen renditesensibler Macher einer der schlechtesten Jobs sein. Mit Comics verdient man kaum Geld, denn in Deutschland gelten grafische Erzählformen nach wie vor als fragwürdig, und so sind die Auflagen von Heften und Büchern niedrig: Mit 3000 verkauften Exemplaren ist ein Comic-Album hier zu Lande ein Erfolg – in Frankreich werden selbst von kleinen Hits häufig mehr als 100 000 Stück verkauft. mehr


"Charles Burns: Black Hole" – Teenagergrauen" – fluter.de vom 18. August 2006 (Volker Hummel)

Größer noch als das Grauen, das einem der Anblick eines entzündeten Eiterpickels bereitet, kann das Vergnügen sein, wenn der ganze Sabsch in einer Mini-Ejakulation an den Spiegel spritzt. Teenager könnten davon ein Lied singen – wenn sie nicht so verklemmt wären. Zu keiner anderen Zeit des Lebens ist das Verhältnis zum eigenen Körper so ambivalent wie in der Jugend, so euphorisch und angewidert zugleich.

Dem 1955 geborenen amerikanischen Künstler Charles Burns, dessen Comic-Epos "Black Hole" um den körperlichen Horror der Adoleszenz kreist, ging es wohl auch so in seiner Jugend. Statt harmloser Pickel gibt es in seinem schwarz-weißen Universum allerdings gleich eine ganze Epidemie abnormer Körpermutationen, die Jugendliche im Seattle der 1970er-Jahre befallen. Statt mit Akne haben sie es mit Löchern im Körper, mit postkoitalen Häutungen und mit Gewebewucherungen zu tun.

1994 begann Burns, der sich seit Anfang der 1980er-Jahre mit surrealen Themen und expressiven schwarz-weißen Zeichnungen im amerikanischen Comic-Underground einen Namen gemacht hatte, mit seinem Epos, dessen letzter Band jetzt auf Deutsch erschienen ist. Im Mittelpunkt der Erzählung steht das sexuelle Erwachen dreier Teenies: Keith, der "nette Junge aus der Biologie-Klasse", hat ein Auge auf die schöne Chris geworfen, die es aber zum eher wilden Rob hinzieht. Ihren Alltag zwischen Schule und Kiffen, ihre Gespräche und sexuellen Unsicherheiten fängt Burns mit der Genauigkeit eines Chronisten ein. Gleichzeitig ist sein Werk jedoch durchwirkt von einem Grauen und einer Traurigkeit, wie man sie normalerweise mit Alter und Tod assoziiert. mehr


"Lewis Trondheim: A.L.I.E.E.N." – Radio Fritz vom 16. August 2006 (Tom Ehrhardt)

Jetzt ist es bewiesen: Außerirdische schreiben Comics! Lewis Trondheim – der französische Großwesir der modernen Bildergeschichte hat es bei einem Familienpicknick auf einer Wiese gefunden und war begeistert. Glücklicherweise ist der Comic nicht in die Archive des Geheimdienstes, sondern geradewegs in den Buchladen gewandert.

Lewis Trondheim ist einfach ein Glückspilz. Der 42jährige Ausnahmeautor findet tatsächlich beim Familienausflug einen Comic, der nicht von dieser Welt ist. Bildergeschichten mit undefinierbaren Worten in nie gesehenen Schriftzeichen sind darin zu finden – und aus den Mündern einer Schar wahnsinnig niedlicher, aber teils auch fieser Figuren purzeln sie.

Da ist zum Beispiel ein vogelähnliches Tweety-Wesen, dessen kleiner hundeähnlicher Freund dummerweise mit beiden Augen in zwei abgebrochene Äste rast. Schnell geht es zum Augendoktor, der direkt ein schlangenähnliches Wesen präsentiert, welches die verwundeten Augen ausschleckt. mehr


"Ein Insekt im Rauch" – "Der Bund" vom 10. August 2006 (Christian Gasser)

Sascha Hommers Comic «Insekt» ist eine Teenagerparabel um Intoleranz und Aussenseitertum. «Insekt» ist eines der beachtlichsten Debüts der letzten Jahre und etabliert Sascha Hommer als einen der begabtesten Comic-Erzähler seiner Generation.

Nichts weist darauf hin, dass Pascal anders ist als seine Freunde. Er ist beliebt, er wird zum Klassensprecher gewählt, mit seinen Kumpels spielt er am Computer, und dass gewisse Mädchen auf ihn stehen, verunsichert ihn. Ein ganz normaler Junge also mit den Problemen, die jeder Junge kurz vor der Pubertät hat. Möchte man meinen. Nur die Stadt, in der er lebt, ist ungewöhnlich: Schwarzer Rauch, gegen den jeder Lichtstrahl machtlos ist, hüllt Strassen und Gebäude ein. Und doch sind die Menschen glücklich, in diesem Moloch zu leben, denn draussen, so kolportieren Schreckensmärchen, die die Kinder das Fürchten lehren sollen, beginnt die Wildnis, in der die Insekten hausen, die hässlichen, primitiven und blutrünstigen Insekten.

Fasziniert von diesen Horrorfabeln quengelt Pascal, bis seine Eltern nachgeben und ihn für einen Besuch bei Verwandten auf das Land mitnehmen. Dort entdeckt er eine ganz andere Welt: Mit seinem Cousin Sven rennt er über weite Felder, er lässt einen Drachen in den offenen Himmel steigen und liest coole «Insektmann»-Comics. Vielleicht ahnt er an diesem Nachmittag bereits, dass auch er ein Insekt ist, doch noch will er es nicht wahrhaben. Dieser Erkenntnis kann er sich jedoch nicht länger verschliessen: Eines Tages kämpft sich ein einsamer Lichtstrahl durch den Rauch und fällt auf Pascals Insektengesicht – seine Mitschüler sind entsetzt, sie rotten sich wider ihn zusammen und machen sein Leben zur Hölle. mehr


"Im Niemandsland der Globalisierung – Guy Delisles Comics-Tagebuch «Shenzhen»" – "NZZ" vom 10. August 2006 (Christian Gasser)

Nach einem langen Arbeitstag wird Guy Delisle in seinem Hotelzimmer im chinesischen Shenzhen durch Temperaturen einer Kühltruhe überrascht. Verärgert über die Putzfrau, die, wie er argwöhnt, die Klimaanlage jeden Morgen aufdreht, tritt er gegen den Thermostaten. Das Plasticgehäuse zerbricht. Verwundert stellt Delisle fest, dass der Temperaturregler eine Attrappe ist, ein im Leeren drehendes Rädchen.

Die Tücken des Alltags im China von heute: Der Comics-Autor und Trickfilmer Guy Delisle erfuhr sie am eigenen Leib, als er im Dezember 1997 für drei Monate nach China zog, um die Herstellung eines Animationsfilms für das Fernsehen zu beaufsichtigen. Auch die westliche Trickfilm- Industrie schiebt derzeit die Handarbeit gerne in Niedriglohnländer wie China ab; das kostet im Westen viele Jobs, erfordert aber den neuen Beruf eines nomadisierenden Art-Directors. Als ein solcher musste sich der Frankokanadier Guy Delisle nun in Shenzhen mittels Dolmetschern Zeichnern verständlich machen, die sich andere Bildsprachen und Physiognomien gewohnt sind.

Die Freihandelszone Shenzhen liegt im Süden von China, zwischen Kanton und Hongkong, und gilt als die am schnellsten wachsende Agglomeration Chinas. Es handelt sich um einen funktionalen, nur halbwegs funktionierenden und vor allem seelenlosen Moloch, der aus einer Ansammlung von Baustellen, Bürogebäuden und Fabriken besteht, den Guy Delisle in Anlehnung an Dantes Jenseits-Visionen als eine Zone zwischen der Hölle des kommunistischen ländlichen China und dem Fegefeuer des kapitalistischen Hongkong definiert. mehr


"Alles erst mal ernst nehmen – Ein Gespräch mit dem Comiczeichner Arne Bellstorf" – "Junge Welt" vom 5. August 2006 (Frank Schäfer)

Christoph muß die zehnte Klasse wiederholen. Er lebt bei seiner Mutter, die genug mit ihren eigenen hormonellen Problemen zu tun hat. Der Vater hat sich längst davongemacht. Christoph leidet, wie man mit 16 nur leiden kann. Dann lernt er Miriam kennen, die beiden haben was miteinander, aber richtig nahe kommen sie sich auch nicht, vielleicht weil die Trennung seiner Eltern ihn zu sehr verletzt hat, vielleicht weil ihn der altersgemäße Weltschmerz zu derb am Schlawittchen packt. Schließlich beobachtet er, wie sie einen anderen küßt.

Die Geschichte ist unspektakulär, aber Arne Bellstorf macht was draus: »acht, neun, zehn« (Reprodukt) ist ein fein beobachtetes, todtrauriges und überdies mitreißendes Porträt einer Adoleszenz im niedersächsischen Plattland. Bellstorf, der mit Sascha Hommer den kleinen Verlag Kiki Post betreibt, bekam für sein Debüt verdientermaßen den diesjährigen ICOM-Preis (bester Independent-Comic) zugesprochen. mehr


"Alle so ähnlich anders" – "taz" vom 25. Juli 2006 (Susanne Messmer)

"Shenzhen" ist die Geschichte eines Kulturschocks, wie ihn der Zeichner Guy Delisle vor zehn Jahren erlebte. Doch China hat sich verändert. Ein verwunderter Vergleich von Comic und der Wirklichkeit

Da ist dieses blasse, niedergeschlagene Männlein mit der großer Nase. Es geht gerade in einem Menschenknäuel unter, einer chinesischen Menschenmasse. Erstaunlicherweise sehen gar nicht alle darin gleich aus. Im Gegenteil: Manche sind schmal, andere rund, manche haben eine hohe Stirn, andere ein fliehendes Kinn, die Nächsten spitze Münder. Das Einzige, was diese Gesichter verbindet: Man weiß sie nicht zu deuten. Aus der Sicht des Männleins wirken sie alle ähnlich anders.

Es ist das gute alte Gefühl der Einsamkeit in der Fremde, das den Comicband "Shenzhen" des französischen Zeichners Guy Delisle organisiert. Schon auf den ersten Seiten lernt man, dass Delisle 1997 in Shenzhen war und dort einige Monate lang ein Trickfilmbüro leiten sollte. Der Band ist also autobiografisch inspiriert, wie es so schön heißt, und berichtet vom täglichen Einerlei zwischen Büroalltag und Isolationshaft im Hotel. Jeden Tag aufs Neue begrüßt der Hotelportier das gezeichnete Alter Ego Delisles: Er fragt nach Alter, Uhrzeit und der Anzahl der Kinder. Doch Delisles Held freut sich nicht. Ihm geht der Portier auf die Nerven. Im Büro fällt ihm auf, dass man hier gern mal zwischendurch den Kopf auf den Tisch legt und ein Nickerchen hält. Zu dieser durchaus vernünftigen Sitte fällt ihm nur ein, dass der Liefertermin näher rückt. Einmal lädt er seine Übersetzerin, die er für reserviert hält, zum Essen ein und fragt sie nach ihren Lieblingsbüchern. Als sie "Yes, very much!" erwidert, bricht er sofort enttäuscht das Gespräch ab und rechnet die Tage bis zu seiner Rückfahrt nach Europa aus. mehr


"Andreas Michalke" – "Bigbeatland" – "Spiegel Online" am 12. Mai 2006 (Stefan Pannor)

Wer früher Punkmusiker war, weiß sich kurz zu fassen: Andreas Michalkes Comics sind nie sehr lang, aber dafür umso vielfältiger in ihrer Thematik und Form. Für SPIEGEL ONLINE zeichnete der gebürtige Hamburger exklusiv eine Episode seiner Reihe "Bigbeatland".

ine der schönsten Szenen in Michalkes Comics ist jene, in der das Comic-Alter-ego des Zeichners kurz nach Mitternacht einen Punk-Club verlassen will: "Ich bin 38. Ich DARF jetzt nach Hause gehen." Was aus dieser Szene spricht, ist das Selbstbewusstsein des 1966 geborenen Hamburgers. Die Erkenntnis, erwachsen werden zu müssen, aber dennoch sich selbst treu bleiben zu können.

Bei keinem anderen deutschen Comic-Künstler verschmelzen musikalische und autobiographische Themen so konsequent wie bei Andreas Michalke. Das liegt, so paradox es klingt, vor allem daran, dass Michalke sich nicht auf ein Genre oder eine Form festlegen lässt. Seine Comics sind je nach Lust und Tagesform Alltagsberichte, Bandinterviews, Umsetzungen von Songs in Comicform, sarkastische Kurz-Strips, verstörend poetische Erzählungen - oder einfach pure Wutausbrüche auf Papier. mehr


"Rauch überall" – "textem" vom 31. Mai 2006 (Thomas von Steinaecker)

Sascha Hommers „Insekt“ ist ein bemerkenswertes Debüt: aktuell, innovativ und ergreifend – und es beweist, dass die Comicszene hier zu Lande den internationalen Vergleich nicht mehr scheuen muss.

Pascal ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Er geht zur Schule, ist beliebt, wird zum Klassensprecher gewählt, die Mädels stehen auf ihn, er spielt Computer. Eine „Coming-of Age“-Idylle. Nur die Stadt, in der er wohnt, ist nicht so ganz normal und wirkt bedrohlich: Alles ist von schwarzem Rauch eingehüllt, sodass man beim Lesen eine Taschenlampe braucht und das Gesicht des anderen nie so ganz genau erkennt. Aber eigentlich ist man ganz froh, hier zu wohnen. Denn draußen, vor den Toren der Stadt, beginnt die Wildnis, wo die minderwertigen Insekten in Hütten hausen. Dass es aber da draußen eigentlich gar nicht so schlecht ist, erkennt Pascal, als er mit seinen Eltern „Verwandte“ besucht, unbeschwert über Wiesen läuft, Drachen steigen lassen und „Insektman“-Comics lesen kann. Dann fällt eines Tages vor den Augen seiner Klassenkameraden Licht auf Pascals Gesicht. Und es zeigt sich: Pascal ist doch nicht so ein ganz normaler Junge. Er ist ein Insekt. Von da an wird sein bisheriges idyllisches Leben die Hölle. mehr


"Was für einen Sinn hat es, erwachsen zu werden?" – "Süddeutsche Zeitung" vom 26. Mai 2006 (Christoph Haas)

Zwei Tage im Alltag von Simon und Nancy. Sie essen mittags mit ihrem Freund Ian in einem asiatischen Restaurant. Das Gespräch kreist um Science Fiction und das Essverhalten von Fliegen. In ihrer Wohnung verrät Nancy wenig später ein Geheimnis: Seit einiger Zeit beantwortet sie die Liebesbriefe, die ein gewisser Ben an ihre Vormieterin richtet. Sie überredet Simon, am nächsten Morgen mit ihr in das einige Meilen von Oakland entfernte Pacifica zu fahren, um diesen Mann aufzusuchen. Ben ist nicht zu Hause, sitzt aber an der Kasse eines Supermarkts, in dem Simon auch die blinde Irene trifft, mit er die High School besucht hat.

„Ganz gleich“ erzählt von der Unsicherheit am Ende einer nach Kräften verlängerten Adoleszenz. Auf ewig ein verschwatzter, flippiger Nerd zu bleiben – das geht nicht. Aber was für einen Sinn kann es haben, erwachsen zu werden? Simon kann sich nicht vorstellen, eine Familie zu gründen. Einen Bekannten, der seinem Leben dadurch Orientierung verliehen hat, beneidet er dennoch. Als erster Schritt zur Reife stellt sich schließlich die Fähigkeit heraus, eigenes Fehlverhalten zu erkennen. Nancy entschuldigt sich bei Ben für ihren boshaften Streich, und Simon setzt sich damit auseinander, warum er Irene, als sie vor Jahren mit ihm auf eine Tanzveranstaltung gehen wollte, einen Korb gegeben hat. mehr


"Arne Bellstorf – "Guten Abend, gute Nacht" – "Spiegel Online" am 12. Mai 2006 (Stefan Pannor)

Arne Bellstorf wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2005 zum Newcomer des Jahres gekürt. Für SPIEGEL ONLINE zeichnete er exklusiv den Strip "Guten Abend, gute Nacht" – Auftakt der zweiten Staffel unserer Reihe "Neue deutsche Comics"

Arne Bellstorf wurde 1979 in Dannenberg (Elbe) geboren und lebt in Hamburg. Seit 2002 hat er unter anderem im "Strapazin" veröffentlicht, publizierte aber vorrangig im Eigenverlag Kiki Post, den er gemeinsam mit dem Zeichner Sascha Hommer betreibt. Bis 2005 waren es ausschließlich Kurzgeschichten, die so erschienen. Eher langsam tastete sich Bellstorf an ein längeres Werk heran.

Unter dem Titel "Acht, neun, zehn" erschien dann schließlich im vergangenen Jahr beim renommierten Berliner Independent-Verlag Reprodukt der Band, der Bellstorf den Durchbruch sicherte – Eine bitter-melancholische Jugendgeschichte aus den deutschen Vororten, gleichzeitig seine Diplomarbeit. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde er zum Newcomer des Jahres gekürt, das Fachblatt "Comixene" brachte Bellstorfs Porträt auf dem Titel. mehr


"Insekten im Nebel. Ein Comic-Debütalbum" – "Junge Welt" am 12. Mai 2006 (Jan-Frederik Bandel)

Es ist sicher unangenehm genug, eines Morgens aus unruhigen Träumen zu erwachen und ein Käfer zu sein. Aber wie sieht es aus, wenn man immer schon ein Insekt war, es nur nicht gemerkt hat, weil's so neblig war? Zumal man in der Schule jeden Tag hört, da draußen auf dem Land solle es sie geben, die Insekten: häßliche, rückständige Wesen, Ungeziefer, von dem nichts zu erwarten ist als Krankheiten?

So geht es dem kleinen Pascal in Sascha Hommers Comic »Insekt«. Eigentlich ist er ein Junge wie andere auch. Er lebt in einem scheußlichen Mehrfamilienhaus, steht morgens nur ungern auf, spielt Videospiele und liest nachts heimlich mit der Taschenlampe. Als er zum Klassensprecher gewählt wird, verlieben sich prompt zwei Mädchen in ihn – wie sollte es anders sein in dieser verrauchten Fibelwelt?

Dann aber kommt alles anders: Pascal wird als Insekt erkannt. Blitzschnell geht die Nachricht um, er wird von der Schule verwiesen, von seinen Freunden geschnitten, schließlich verprügelt, erniedrigt, nackt an einen Baum gefesselt. Als er wieder zu sich kommt, ist es hell und sonnig. Er ist auf dem Land bei seiner Insektentante und seinem Insektencousin, wo es reichlich »Insektmann«-Comics und frische Luft gibt. mehr


"Ein Comic mit Nachhall: Insekt" – "Zündfunk" am 10. Mai 2006 (Markus Köbnik)

Mit "Insekt" erscheint der erste Comicband von Zeichner und Autor Sascha Hommer. Wie in seinen vorherigen Arbeiten beschäftigt er sich darin mit Ausgrenzung und Gewalt unter Jugendlichen.

Der Schwarze Rauch ist überall.
In der Luft, in den Straßen und sogar in den Häusern macht er sich breit. Der junge Pascal wächst in einer vernebelten Stadt auf und findet es ganz normal, dass immer und überall schlechte Sicht herrscht. Pascal lebt ein typisches Teenagerleben, er zockt mit seinem Kumpel an der Spielkonsole und kann es gar nicht fassen, dass sich eine Mitschülerin für ihn interessiert, als er zum Klassensprecher gewählt wird.

Aber sein Leben verändert sich, als er beim spielen zufällig von einer Welt außerhalb der Stadt erfährt. Einen Ort, wo es angeblich keinen dichten Rauch gibt und wo Insekten wohnen:

Papa, gibt es wirklich Insekten draußen vor der Stadt?
Das erzählt man den Kindern als Gruselgeschichte. In Wahrheit wissen die Menschen nicht einmal wie die Insekten aussehen, aber es gibt sie.
In echt?
Ja, die leben nicht weit von der Stadt.
Kann ich die Insekten einmal sehen, Papa?
Nun ja, wenn du willst. Kann Mama dich diese Woche dorthin mitnehmen! mehr


"Hunger auf Mamas Quarktaschen" – "Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud" – "taz" vom 4. Mai 2006 (Brigitte Preißler)

Manu Larcenet hat mit "Hundejahre" die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud in Amerika festgehalten. Anders als in den sonst üblichen Bildungs-Bilderbüchern zum Leben des Psychoanalytikers schickt der französische Comiczeichner seinen Freud lieber auf halluzinogene Pilztrips

Ein weißbärtiges Männchen blickt über die Reling eines Segelschiffes. Küstenumrisse tauchen am Horizont auf. "Amerika!!", schreit der schmächtige Wicht und streckt der Neuen Welt begeistert seine Wurstfinger entgegen: "Ein fast neuer Kontinent zum Analysieren!"

Sigmund Freud hat keine Lust mehr, seine neue Wissenschaft an "hysterischen alten Schachteln" in Wien auszuprobieren - lieber will er neurotische Cowboys und Indianer aus der Barbarei führen. Leider erweisen diese sich als völlig analyseresistent. Als Patient bleibt ihm nur ein Hund namens Spot, der den Wilden Westen auf der Suche nach seiner Seele durchstreift. mehr


"Selbstbewusst und sehr genau mit sich" – Porträt von Jutta Harms – "taz" vom 26. April 2006 (Jörg Sundermeier)

Die Macher im Off (3): Jutta Harms ist Comic-Aficionada, und sie hat aus der Leidenschaft einen Beruf gemacht. Als Ausstellungsmacherin und freie Presseagentin von Comic-Verlagen macht sie sich für die Sache des Comics stark

Sie ist jetzt seit rund zehn Jahren in Berlin. Damit ist Jutta Harms gerade noch rechtzeitig hergekommen, bevor alle großen Kuchenstücke im Berliner Subkulturbetrieb vergeben waren. Vor zehn Jahren war es noch möglich, sich in eines der runtergekommenen Häuser zu stellen und zu rufen: Hier bin ich! Doch die Hamburgerin Harms, die auch schon Hausbesetzerin und Anwaltsgehilfin war, wäre wohl selbst dann zurechtgekommen, wenn sie ein paar Jahre später gekommen wäre. Denn sie ist eine Tausendsassa.

An diesem Frühlingstag macht im Haus Schwarzenberg am Hackeschen Markt ein Presslufthammer Lärm. Das Büro des Schwarzenberg e.V., in dem die leicht übermüdete Jutta Harms zum Interview empfängt, ist selbstverständlich unaufgeräumt. Harms arbeitet in diesem Büro zurzeit aber sowieso selten - obwohl sie zum Vorstand des Schwarzenberg e.V. gehört -, weil sie andere Jobs hat. Doch gehört sie zum Haus. Hier hat sie die Ausstellung "Horsing around - Auf der Fährte des Cowboys in Europa" kuratiert und die von Katja Lüthge kuratierte Ausstellung "Mit Supermann fing alles an - Jüdische Künstler prägen den Comic" organisiert. mehr


"Labyrinthe und Sprachtürme" – "Paul Austers Stadt aus Glas" – "Der Bund" vom 24. April 2006 (Christian Gasser)

David Mazzucchelli und Paul Karasik haben Paul Austers Roman «Stadt aus Glas» zu einem Comic verarbeitet. Mit «Stadt aus Glas» wird die lange vergriffene Comic-Adaption von Paul Austers Roman neu aufgelegt. Zum Glück, denn «Stadt aus Glas» ist aus mehreren Gründen ein Meilenstein des Comics.

Seit dem Tod seiner Familie schreibt der Dichter Daniel Quinn unter dem Pseudonym William Wilson nur noch Krimis um den Privatdetektiv Max Work. Als ihn eines Tages ein Telefonanruf aus der selbst gewählten Isolation reisst und ein gewisser Peter Stillman nach dem Detektiv Paul Auster verlangt, behauptet Quinn, er sei Auster, und nimmt Stillmans Auftrag an, seinen Vater, der ebenfalls Peter Stillman heisst, zu überwachen.

Der Sohn hat Angst vor der Rache seines Vaters: Peter Stillman senior, ein berühmter Sprachwissenschaftler mit mystischen Neigungen, schloss seinen Sohn neun Jahre lang in ein dunkles Zimmer. Er wollte herausfinden, was für eine Sprache ein Mensch, der ohne Kontakt zu anderen Menschen aufwächst, erlernt – ob das vielleicht die Sprache Gottes ist. Als die Misshandlung des kleinen Peter ruchbar wurde, wurde der Vater zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Kurz vor seiner Entlassung begann er, seinen Sohn mit Drohungen zu belästigen. mehr


"Im Labyrinth" – "Paul Austers Stadt aus Glas" – "Der Tagesspiegel" vom 16. April 2006 (Lars von Törne)

Wo Worte versagen, geben manchmal Bilder Sicherheit. Wenn auch sie sich auflösen, ist der Wahnsinn nicht mehr weit. Paul Austers „Stadt aus Glas“, die erste Geschichte seiner New-York-Trilogie aus den 80er Jahren, erscheint mit seiner symbolreichen Handlung wie geschaffen für eine Bildgeschichte.

Ein Mann rutscht hinein in ein mysteriöses Abenteuer. Erst verliert die Sprache an Bedeutung, nach und nach auch alles andere. Er verliert sich im Labyrinth der Stadt New York, dann in sich selbst, am Schluss verschwindet er ganz. Die Zeichner Paul Karasik und David Mazzucchelli haben Austers Text kongenial umgesetzt. In klaren Bildfolgen haben sie die ausweglose, an klassische Krimis angelehnte Geschichte des Schriftstellers Daniel Quinn in einen Comic übertragen, in dessen Verlauf Realität und Fantasie zur Einheit werden. mehr


"Ein Glücksritter auf Seefahrt – Christophe Blains Comic "Isaak der Pirat" weckt Muttergefühle" – "Berliner Zeitung" vom 8. März 2006 (Brigitte Preißler)

Isaaks Kopf ist viereckig wie ein Comicpanel, seine Nase spitz wie ein Sprechblasenzipfel, und sein Talent als Maler so bescheiden wie das dunkle Kabuff, das er zusammen mit seiner Verlobten Alice im Paris des 18. Jahrhunderts bewohnt. Die Ladenschilder, die er für einen Lebensmittelhändler pinselt, bringen kaum mehr ein als die Schreibarbeiten seiner patenten Freundin. Viel leuchtender als seine Bilder malt er sich jedoch die Zukunft aus: Wortreich schwärmt er von der Seefahrt, vom Leben in einer reichen Hafenstadt, von Ruhm und Anerkennung. Eines Tages wirbt man ihn für eine Schiffsüberfahrt an - seine Karriere als Bordmaler des Piraten Jean Mainbasse beginnt.

Im Grunde ist dieser Isaak, Held von Christophe Blains Abenteuercomic "Isaak der Pirat", ein Glücksritter der altmodischsten Sorte. In einem Zeichenbuch dokumentiert er seine Eskapaden: Sie führen ihn von Paris aus ins südliche Eismeer, nach Amerika, schließlich in die Arme der rothaarigen Russin Olga. Er übersteht Unwetter, Meutereien und sogar sein Debüt als arm- und beinamputierender Bordchirurg, während sich seine zurückgelassene Liebste mit den Avancen eines bessergestellten Schöngeists herumärgert. Im französischen Original füllt seine Irrfahrt bereits fünf Bände; mit dem ersten Teil gewann Christophe Blain 2002 in Angoulême den Preis für das beste Album. Auf Deutsch ist jetzt der vierte Band erschienen: Isaak, der inzwischen als Taschendieb reüssiert, kehrt nach Paris zurück und versucht, Alice wiederzufinden. mehr


"Superhelden im Einsatz: Der Berliner Reprodukt Verlag feiert Jubiläum – lukrativ ist der Comic noch lange nicht" – "Berliner Morgenpost" vom 12. Februar 2006 (Brigitte Preißler)

In einem kleinen Schöneberger Büro residiert einer der größten deutschsprachigen Comicanbieter. In diesem Jahr feiert der von Dirk Rehm geleitete Reprodukt Verlag sein 15jähriges Bestehen. Eine Erfolgsgeschichte.

Im Vorderhaus versprüht ein Tattoo-Studio seinen sadomasochistischen Charme, zwischen den Mülltonnen eines graffitibunten Schöneberger Hofs spielen Kinder. Die meisten Anwohner dieses vergessenen Endes der Bülowstraße dürften Berlins kulturelle Hautevolee in den alexnahen Bezirken nur aus den Abendnachrichten kennen. Anderthalb Büroräume im Erdgeschoß: ein bescheidenes Quartier für einen der wichtigsten Comicverlage im deutschsprachigen Raum. Darin ein ambitionierter Selbstausbeuter mit einem losen Stab von freien Mitarbeitern, Minijobbern und sonstigen "Multitaskern" - voilá: der Reprodukt Verlag. 2006 feiert man hier das 15jährige Verlagsbestehen.

In dieser unterbelichteten Umgebung, zwischen all den Comics ist es verführerisch, sich Dirk Rehm, Verleger, als Comicfigur vorzustellen. Mit seiner schwarz gerandeten Brille, Dreitagebart und ungezähmtem Blondhaar erinnert er - und das ist nett gemeint - ein wenig an den Protagonisten des vorvorletzten Mawil-Comics, der "Wir können ja Freunde bleiben" hieß. Vermutlich fände der 1963 in Lübeck geborene Rehm solche Vergleiche gar nicht unpassend. mehr


"Melancholische Figuren in einem deutschen Comic" – "Nürnberger Nachrichten" vom 30. Dezember 2005 (Udo Erhart)

Die Diplomarbeit „acht, neun, zehn“ von Arne Bellstorf wurde mit dem „Sondermann“ ausgezeichnet.

Auf den ersten Blick sehen sie seltsam aus, die Figuren aus der Feder des Hamburger Comic-Künstlers Arne Bellstorf. Sie wirken deformiert, aber gleichzeitig niedlich und meist steht ihnen ihre Niedergeschlagenheit ins Gesicht geschrieben. Wer sich aber näher mit den Geschichten befasst, stellt schnell fest, dass sich die melancholischen Gestalten gut in die nachdenklich stimmenden Storys einfügen.

Der 26-jährige Bellstorf studierte Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg und legte seine Diplomarbeit in Comic-Form vor (siehe Abbildung oben). Dieses Comic, das unter dem Titel „acht, neun, zehn“ (Verlag Reprodukt, 13 Euro) erschienen ist, ist jedoch nicht die erste veröffentlichte Arbeit des Autoren/Zeichners Bellstorf im Comic-Sektor. mehr


"Mawil – Bomb da City" – "Spiegel Online" vom 23. Dezember 2005 (Stefan Pannor)

Wenn es einen deutschen Nick Hornby gäbe, würde er Comics zeichnen und hieße Mawil. Der Berliner überrascht seit einigen Jahren mit amüsanten Alltagscomics und heimst dafür Lob und Preise ein. Der autobiographische Strip "Bomb da City" entstand exklusiv für SPIEGEL ONLINE.

Der deutsche Nick Hornby lebt in Berlin, zeichnet Comics und heißt Mawil. Es wissen nur noch nicht alle. Dabei genießt Markus Witzel alias Mawil für einen deutschen Independent-Zeichner bereits einen unerhört hohen Bekanntheitsgrad. Spätestens seit ihm 2003 mit "Wir können ja Freunde bleiben" ein großer Wurf gelang. Der Comic war eigentlich seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee und wurde von Mawil laut eigener Aussage in nur sechs Wochen geschrieben und gezeichnet.

Die Hälfte des deutschen Feuilletons lobte Mawil überschwänglich für diese tragikomische Sammlung von Anti-Liebesgeschichten. Die andere Hälfte der Kulturkritiker zog 2005 mit Mawils nächster Episode "Die Band" nach, der wahren Erzählung über den Versuch, irgendwie zum Rockstar zu werden. Inzwischen ist "Wir können ja Freunde bleiben" in der dritten Auflage erschienen, erhielt den Max-&-Moritz-Preis als bester deutscher Comic und liegt auf Spanisch und Französisch vor. mehr


"Lest mehr Comics!" – "Jungle World" vom 30. November 2005 (Jan-Frederik Bandel)

In Hamburg und Berlin werden gute Comics und Cartoons produziert. Über Zeichner mit und ohne Diplom, ihr gewachsenes Selbstbewusstsein und ihre kargen Einnahmen.

Abends, nachdem er stundenlang an bunten Bildschirmschonern und Logos mit laufenden Tirolerhüten gebastelt hat, setzt sich Leo Leowald noch einmal an den Computer und zeichnet in schnellen, präzisen Strichen eine Erzählung aus seinem Leben. Tag für Tag ruft eine treue Fangemeinde die Strips im Internet auf (www.zwarwald.de), kommentiert und diskutiert lebhaft über die Vaterpflichten, Gewichtsprobleme und Weltjugendtagserlebnisse seines Enterichs. Bei Webloggern ist der in Köln lebende Zeichner bestens bekannt: »Ich verstehe nicht, warum sich nicht sämtliche Tageszeitungen um Leo Leowald reißen«, echauffierte sich Stephan Herczeg kürzlich in seinem malorama-Tagebuch. Da hatte Leowald gerade von einer Fassbinder-Retrospektive berichtet: »Als in einer Minirolle Rainer Langhans als apathischer Barkeeper ins Bild kommt, raunt ein vielstimmiges Cineasten-Schmunzelkonzert durch den Saal.«

Regelmäßig für eine Tageszeitung zu produzieren, ist eine Last, die wohl fast jeder Comiczeichner hierzulande nur zu gern auf sich nähme. Vom Verkauf der Hefte oder Alben lässt es sich nur schlecht leben. Wer wie Leo Leowald frei zugängliche Zeichnungen produziert, dem bleibt von alldem allein die Last der täglichen Spontaneität. Doch die nimmt er gern auf sich, das Medium Comic ist ihm wichtig. Wichtiger, als man es hierzulande nimmt: Nur wenige Zeitungen bieten Comiczeichnern, die sich nicht mit harmlosen Tageswitzlein begnügen wollen, ein regelmäßiges Forum. Ihr Einkommen müssen sich die Zeichner andernorts, als Webdesigner, Illustratoren, Werbegrafiker oder Stromableser suchen. Förderprogramme gibt es kaum. mehr


"Arne Bellstorf" – "lichter-magazin", November 2005 (Martin Boehnert)

One step inside doesn't mean you understand. Das zunächst als Diplomarbeit angefertigte Comicalbum "acht, neun, zehn" verschaffte dem Autor Arne Bellstorf zurecht Beachtung auf der Frankfurter Buchmesse als "besten Newcomer", und der deutschen Comiclandschaft eine weitere erfreulich anspruchsvolle Nuance.

"Es ist leider eine müßige Diskussion darüber, warum Comics in der öffentlichen Wahrnehmung als Kinderkram und Schund wahrgenommen werden. In Frankreich ist das anders, in Japan auch, und in Amerika gibt es mittlerweile doch einige Autoren, die für ein erwachsenes Publikum schreiben und zeichnen und damit auch ein größeres Publikum erreichen." Arne Bellstorf ist Jahrgang 1979 und hat gerade mit "acht, neun, zehn" sein erstes Comicalbum auf den übersichtlichen deutschen Markt gebracht. Es erzählt von dem jungen Christoph Bachmann der bei seiner getrennt lebenden Mutter in einer Vorstadtsiedlung lebt und die letzten Wochen seiner Sommerferien eben in jener ereignislosen Tristesse verbringt, bevor er die zehnte Klasse wiederholen wird. Zwar scheint sich einiges ändern zu wollen, als er zufällig die gleichaltrige Miriam kennen lernt, doch scheint "acht, neun, zehn" auf einer anderen Ebene zu funktionieren. Es sind nur ein paar Tage die hier in drei Kapiteln beobachtet werden, doch die Geschichte bewegt sich auf einem zeitloseren Terrain. mehr


"Buchstaben über der Stadt" – "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vom 13. November 2005 (Tobias Rüther)

Überall ist es besser, wo wir nicht sind: Craig Thompsons wunderbares "Tagebuch einer Reise"

Er hat Heimweh. Und das läßt nicht nach, selbst wenn er zu Hause ist. Craig Thompson, dreißig Jahre alt und wohnhaft in Portland unweit der amerikanischen Pazifikküste, ist einer der traurigsten Comic-Zeichner aller Zeiten. Er zeichnet, damit das weggeht: das Heimweh und der Kummer darüber, daß ihm die Freundin weggelaufen ist, daß nicht mehr soviel Schnee fällt wie damals, als er noch klein war auf der Farm in Wisconsin. Craig Thompson malt ständig Bäume in seine Comics, weil er sich entwurzelt fühlt: Er schafft sich Halt in schwarzweißen Bildern, und zeichnet sie so lange, bis seine Hand zu schmerzen beginnt, und selbst dann hört er nicht damit auf.

Und jetzt hat dieser Craig Thompson ein Reisetagebuch gezeichnet. Ausgerechnet. Es handelt davon, unterwegs am liebsten zu Hause zu sein. Weswegen er sich in der Fremde, in Paris und Marrakesch, in Genf und Barcelona immerzu neue Freunde sucht und manchmal auch findet, sie aber wieder verliert, weil er weiterziehen muß, worüber er so traurig ist, daß er diese Traurigkeit schnell aufzeichnet. Wegzeichnet. mehr


"Liebe in Zeiten der Mutation" – "textem" vom 9. November 2005 (Thomas von Steinaecker)

Manchmal erscheinen auch die Gesichter der nicht infizierten Jugendlichen durch die starken Hell-Dunkel-Kontraste wie Fratzen potenzieller Psychopathen oder Mörder. Charles Burns: Black Hole, Reprodukt Verlag 2005

Da sind sie. Sie lächeln. Ihr Blick geht in die Ferne. Schlägt man Charles Burns’ „Black Hole“ auf, ist man gleich auf der ersten Seite mit eben solchen Porträts konfrontiert, wie sie in den Jahrbüchern US-amerikanischer Colleges von Schülern zu finden sind. Manchmal unfreiwillig komisch, manchmal von einer Unschuld, die dem Betrachter