Blog Filip Kolek am 29. Dezember 2016

Last-days-of-2016-Interviews VI – „Running Girl“ von Yi Luo

Ein weiterer Reprodukt-Neuzugang in diesem Jahr ist die chinesische Zeichnerin Yi Luo, die seit 2007 in Deutschland lebt und mittlerweile an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert. Yi hatte als Illustratorin für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet (u.a. hat sie eine Reportage über Menschen im Strafvollzug illustriert – in diesem Video spricht sie über die Arbeit daran) und unter dem Künstlernamen Yinfinity Kurzcomics und Anthologiebeiträge gezeichnet. „Running Girl“, eine autobiografisch angehauchte Erzählung über eine junge chinesische Frau in Deutschland, ist Yi Luos erste längere Veröffentlichung und ist im Vorfeld des Comic-Salons Erlangen bei Reprodukt erschienen.

Yi_Luo©Ingo_HinrichsLiebe Yi, deine Figur heißt Li You. Der Gedanke liegt nahe, dass viel von dir in Li steckt. Ist „Running Girl“ ein persönlicher Bericht über die Zeit als du 2007 nach Deutschland gezogen bist?

9783956400834Lis Geschichte basiert auf meinen Erlebnissen in Deutschland und Geschichten, die ich von chinesischen Freundinnen und Freunden gehört oder miterlebt habe. Diese Erlebnisse habe ich gemischt und dramaturgisch zusammengefügt. So gesehen ist „Running Girl“ ein Bericht von Li – nicht Yi. Eigentlich könnte ich die Figur auch ganz anders nennen, um mich deutlicher von der Hauptfigur abzugrenzen. Von mir stecken nur etwa sechzig Prozent in Li. In den vergangenen Jahren wurde mein Name von Deutschen so oft kreativ falsch abgeschrieben, dass ich es lustig fand, die Hauptfigur mit einer dieser Namensversionen zu benennen. „Hehehe, ich mache es jetzt noch schwieriger“, mit diesem sabotierenden Gedanken habe ich den Namen von Li festgelegt.

Was hat dir damals am meisten dabei geholfen, hier ein neues Zuhause zu finden?

Meine lieben Mitbewohnerinnen, die mit mir zusammen studiert haben. Und die Schwierigkeiten, die ich bis jetzt erlebt und bewältigt habe.

Findest du es ist wichtig in der Gegenwart zu leben? Oder gehört es für dich genauso zum Leben, in Erinnerungen und Träumereien zu schwelgen?

Für mich ist es sehr wichtig in der Gegenwart zu leben. Ich schätze die Erinnerungen sehr, weil sie ein Teil von mir sind und mich zu der gemacht haben, die ich jetzt bin. Es ist sehr schön ab und zu mal Fotoalben durchzuschauen oder in meinen Skizzenbüchern zu blättern, in denen aufgezeichnet ist, was ich erlebt habe. Aber wenn ich zu viel daran denke, macht es mich traurig. Nicht weil „früher alles besser und schöner war“, sondern weil ich Dinge sehe, die Gelegenheiten und Personen, die ich verpasst oder verloren habe und wahrscheinlich nie wiedersehen werde. Manchmal ist diese Traurigkeit aber auch gut. So ist zum Beispiel eine meiner Lieblingsgeschichten „Das kleine Ich“ entstanden. Aber ich glaube, wenn man die Gegenwart richtig nutzt, werden einem noch tollere Personen und Gelegenheiten begegnen.

Interessant, dass du auch nach Träumereien fragst. Vielleicht fragst du, weil die beiden – Träumereien und die Realität – sehr unvereinbar scheinen? Ich träume schon viel und spinne beim Zeichnen oft herum, weil in der gezeichneten Welt alles möglich ist. Aber in der Realität bin ich eher eine Person des Machens. Als Kind habe ich japanische Animes geliebt und viele Jahre später, als ich das Trickfilmfestival in Stuttgart besucht habe, habe ich davon geträumt, selber Geschichten mit Animation zu erzählen. Und jetzt studiere ich an der besten deutschen Filmhochschule für Animation. Als Teenager träumte ich davon, eines Tages einen talentierten Mangazeichner zu heiraten, so dass ich die tollen Mangas immer als erste lesen könnte. Jetzt zeichne ich selber Comics und finde das sogar besser. Ich kann selber gute Stories erzählen und genieße es sehr, dies zu tun und zu sehen, dass Ideen Wirklichkeit werden.

Running Beipsiel

Was bedeutet das Zeichnen für dich? Gibt es dir Raum zum Träumen oder ist es eher ein Weg die Realität zu reflektieren?

Beides. Und auch mehr. Beim Zeichnen des Comics „Das kleine Ich“ habe ich herausgefunden, dass das Zeichnen die wichtigste Sprache für mich ist. Ich notiere, kommuniziere, denke und träume in dieser Sprache.

Woran arbeitest du momentan? Ist schon eine weitere Comicerzählung in Planung?

Ich arbeite gerade an einer kurzen Stopmotion-Animation, die ich mit Kommilitoninnen an der Filmakademie mache. Für kurze Comics habe ich schon einige Ideen gesammelt. Die werde ich zeichnen und in meinem Blog posten, sobald die Animation fertig ist. Außerdem schreibe ich an weiteren Geschichten über Li, in denen sie sich Stück für Stück ihrer Außenwelt öffnet.