Blog Filip Kolek am 27. Dezember 2016

Last-days-of-2016-Interviews III – Aisha Franz zu “Shit is real”

“Hell Yeah!” 2016 hielt auch ein neues Buch von Aisha Franz für uns bereit: “Shit is real” – den bislang seitenstärkste Comic der Berliner Zeichnerin. Daneben betätigte sich Aisha auch noch als Herausgeberin. Zusammen mit Comiczeichner Sascha Hommer hob sie bei Reprodukt eine junge Reihe aus der Taufe, die Newcomern, aber auch etablierte KünstlerInnen die Chance bietet, auch kürzere Projekte zu veröffentlichen. Im Frühsommer 2016 erschienen mit “The Artist” von Anna Haifisch und “Regen” von Lasse Wandschneider die ersten beiden Bände der neuen Reihe. In dem nachfolgenden Interview, das Anfang 2016 entstand, verrät Aisha, was hinter dem Format steckt und warum “das echte Leben langweilig” ist.

Liebe Aisha, in deinen Geschichten scheint das übernatürliche stets Teil des Alltäglichen zu sein. Ob in “Alien” ein Außerirdischer ein junges Mädchen durch die Anfänge der Puberät begleitet oder in “Brigitte” eine sprechende Hündin ganz menschliche Probleme hat. “Shit is real” spielt nun in einer nahen, aber doch befremdlichen Science-Fiction-Zukunft. Welche Rolle spielt das Phantastische in deinen Erzählungen?

Wenn ich ehrlich bin, ist die phantastische Erzählebene für mich eher eine Art “einfacher Ausweg”. Mir macht es großen Spaß, mir ein bisschen wildere Bilderwelten auszudenken, die nicht nach unseren Gesetzen funktionieren. Und auf der anderen Seite bin ich auch eher zu faul oder uninteressiert daran, echte Orte oder die Realität als solche abzubilden. In Metaphern zu erzählen, fällt mir viel leichter – dabei kann ich tiefer in das Innenleben meiner Figuren eindringen, sie besser verstehen und verständlich machen. Außerdem versuche ich, die Stärke des Comics voll auszunutzen, nämlich, dass man machen kann, worauf man Lust hat: alles ist möglich. Ist es dann nicht klar, dass man sich lieber in Traumwelten bewegt? Das echte Leben ist doch langweilig!

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“Shit is real” ist dein bislang umfangreichstes Buch – wie kam es zu dem Projekt? Warum wolltest du die Geschichte erzählen?

Es ist eigentlich nie so, dass ich eine bestimmte Geschichte erzählen will und ich mich dann an die Arbeit daran mache. Das Geschichtenerzählen ist für mich ein einziger Prozess, dem ich absolute Freiheit lasse. Ich würde sagen, Comiczeichnen funktioniert für mich wie ein Filter meiner Umwelt, es ist mein Versuch, die Welt um mich herum zu verstehen. Dabei kommt vor allem viel aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche. “Shit is real” ist über den Zeitraum von drei Jahren entstanden: Am Anfang gab es eine vage Idee, einen Trigger für eine Geschichte, eine Protagonistin. Was sie letztendlich erlebt oder was für eine Art Story es wird, setzt sich dann einfach durch persönlich Beobachtetes und Erlebtes zusammen und so wächst das Buch mit mir mit und anders herum. Mich interessierte lediglich, die Zeit nach einem Beziehungsabbruch zu untersuchen, die Orientierungslosigkeit und neue Identitätsfindung, die mit so was einhergeht und somit auch die Art von persönlicher Krise zu bebildern, die wahrscheinlich viele um die Dreißig heutzutage durchleben.

Was kannst du uns über deine Protagonistin Selma erzählen? Sie scheint in die durchdigitalisierte Zukunft, die du entwirfst, nicht ganz reinpassen zu können/wollen…

Es geht eigentlich gar nicht so sehr darum, dass Selma nicht in ihre durchdigitalisierte Umgebung reinpasst, sondern eher darum, dass sie sich zurückzieht und von der vorgelebten Schnelligkeit und Zielstrebigkeit abkapselt, um sich selbst etwas näher zu kommen. Sie muss sich ja nun als frisch gebackener Single neu kennenlernen und sortieren, was sich immer wie ein positives Vorhaben anhört, aber gar nicht so leicht umzusetzen ist. Selma wird durch ihre selbstinitiierte Entschleunigung vom Rest der Welt abgehängt, so dass ihr fast nichts anderes übrig bleibt, als ihrer Neugier zu folgen und in irgendwelche verführerischen Parallelwelten abzudriften.

Man könnte “Shit is real” auch als Lebenskrisenroman der Digital-Native-Generation lesen. Macht es dir Sorgen, welche Entwicklung das menschliche Miteinander in Zeiten der sozialen Medien und Smartphones nimmt?

Meiner Meinung nach spielt die digitale Vernetzung in “Shit is real” keine übergeordnete oder besondere Rolle. Sie gehört einfach zu unserer Realität und unserem Alltag dazu, aber speziell Kritik ausüben wollte ich eigentlich nicht. Mir macht die digitale Entwicklung keine Sorgen – im Gegenteil, ich finde es höchst spannend, welche Möglichkeiten sich uns Menschen, aber auch der Welt an sich (z.B. ohne Menschen) dadurch eröffnen, und bin viel eher der Meinung, dass man die Welt wie sie nun mal so ist, annehmen sollte, sich drauf einlassen sollte, anstatt immer mit dem Zeigefinger auf die ach-so-digitale Generation zu zeigen. Darüber müsste ich vielleicht mal einen neuen Comic machen. In “Shit is real” geht es aber gar nicht darum. Ich denke, dass eine Krise, wie Selma sie erlebt, genau so gut im 19. Jahrhundert hätte stattfinden können – nur eben anders ausgeschmückt und mit anderen sozialen Codes.

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Zusammen mit dem Hamburger Zeichner Sascha Hommer betreust du bei Reprodukt ab diesem Jahr Newcomer bei ihren ersten Publikationen. Kannst du uns etwas zu diesem Projekt erzählen?

Der Vorschlag, eine kuratierte “junge” Reihe einzuführen, kam in erster Linie vom Verlag selbst. Die Idee dahinter war es, Künstler zu repräsentieren, die sich mit ihren Arbeiten leicht abseits des gängigen Verlagsprogramms bewegen und somit die Perspektive des Verlags zu öffnen. Das können Newcomer sein, es können aber aber auch schon etabliertere Zeichner sein, die vielleicht aus anderen Bereichen kommen oder in der Selbstverlegerszene unterwegs sind. Mittlerweile gibt es einfach viele interessante und talentierte Zeichner, die eben nicht unbedingt am “großen Buch” oder an einer Graphic Novel arbeiten wollen, aber trotzdem von Verlagen wahrgenommen werden sollten.

Sascha Hommer hat ja schon zu “Orang”-Zeiten so eine Art kuratorische Herausgeberarbeit geleistet. Ich bin dazu gestoßen, weil ich mich selber viel auf Selbstverleger- und Zine-Messen herumtreibe. Darüber hinaus unterrichte ich noch an der Kunsthochschule Kassel und habe somit das Glück, mit vielen tollen, jungen ZeichnerInnen zusammenzuarbeiten. Ich fand es von Anfang an eine tolle Idee, dieses Projekt zu realisieren, da ich der Meinung bin, dass – obwohl es mittlerweile viele tolle Kleinstverlage gibt – trotzdem noch Bedarf besteht, dem ganzen Spektrum der aktuellen Comiclandschaft eine Bühne zu geben.

Wie nimmst du denn die deutsche ComickünstlerInnen-Landschaft wahr?

Seit ich an der Kunsthochschule Kassel, wo ich ja selber studiert habe, unterrichte, fällt mir auf, dass mittlerweile ca. 90 % der Studierenden im Bereich Illustration eigentlich da sind, um Comics zu zeichnen. Viele von ihnen kommen schon mit großen Ambitionen und trauen sich gleich an Mammutgeschichten, andere haben eher Spaß und Lust daran, mit dem Medium zu experimentieren und haben vor allem Lust, neue Gefilde zu betreten. Erstaunlich ist aber die hohe Qualität der Bewerber für den Bereich – das war vor ein paar Jahren noch anders. Das hat wohl mit dem höheren Umlauf von Comics zu tun, aber vielleicht auch mit Tumblr und anderen Netzwerken.

Der Zugang zu Material ist leichter geworden. Was ich besonders super finde, ist, dass es wieder mal eine Art “Bewegung” dahingehend gibt, Comics an sich zu hinterfragen und neu zu erfinden. Eine Entwicklung, die es in dem Medium immer wieder gab und die es stets für Bewegung sorgte. Das sind die jungen ZeichnerInnen, die Comics abgöttisch lieben, aber gleichzeitig der Festgefahrenheit des Mediums einen gesunden Stinkefinger zeigen. Hell yeah! Es fühlt sich ein bisschen so an, als sei das goldene Zeitalter der klassischen Graphic Novel eigentlich schon vorbei und irgendwas anders folgt: Ich bin sehr gespannt!