Blog Filip Kolek am 26. Dezember 2016

Last-days-of-2016-Interviews II – Olivier Schrauwen über “Arsène Schrauwen”

2016 waren Niederlanden und Flandern die Gastländer der Frankfurter Buchmesse, was nicht unerheblich für die Menge an holländischen und belgisch-flämischen Künstlerinnen und Künstern war, deren Arbeiten dieses Jahr ins Deutsche übersetzt wurden. Bei Reprodukt waren das zum Beispiel Brecht Evens (“Panter”) oder Judith Vanistendael (“Mikel”) – und der Belgier Olivier Schrauwen, der im März 2016 mit “Arsène Schrauwen” sein bislang umfangreichstes Werk vorlegte. Die nur vordergründig biografische und kolonial-politische Erzählung über seinen Großvater Arsène, der in einer namenlosen afrikanischen Kolonie ein rauschhaftes Abenteuer durchlebt, feierte auf der Leipziger Buchmesse Premiere. Für unsere Pressemappe führten wir mit Olivier dieses Gespräch.

939f0e0f13-Fotos Autoren-schrauwen, olivier_portrait_c_Privat_webLieber Olivier Schrauwen, wie lange hast du dich schon mit der Idee zu “Arsène Schrauwen” beschäftigt?

Meine ersten Versuche an der Geschichte machte ich schon vor vielen Jahren, damals als ich gerade nach Berlin gezogen war. Ich probierte ein bisschen herum mit verschiedenen Herangehensweisen, aber nichts wollte so richtig funktionieren. Also habe ich die Idee für ein paar Jahre auf Eis gelegt. Das passiert häufig – manchmal muss ich sehr lange warten, bis ich weiß, wie ich eine Idee am besten angehe.

9783956400773Wie gehst du beim Comicschreiben vor? Schreibst du erst die ganze Geschichte und zeichnest sie dann, oder entwickelt sich die Geschichte beim Zeichnen?

Ich beginne immer mit einem provisorischen Entwurf für die Geschichte, der sich aber sehr verändert, sobald ich beginne zu zeichnen. Wenn ich mit einem fertig ausgearbeiteten Skript arbeite, ist das Resultat immer sehr schlecht. Ich bin dann viel weniger empfänglich dafür zu erkennen, worum es eigentlich geht. “Arsène Schrauwen” habe ich erst als eine Art langen surrealistischen Witz geschrieben. Erst später habe ich entschieden, einen Comic daraus zu machen.

Eine wahnhafte Reise durch den Dschungel Afrikas – das Konzept findet sich auch in anderen Büchern und Filmen. Waren Werner Herzogs “Fitzcarraldo” und Joseph Conrads “Das Herz der Finsternis” wichtige Referenzen für dich?

Ich habe den Film gesehen und das Buch gelesen. Das ist schon sehr lange her, aber sie gehören beide zu den vielen Einflüssen für “Arsène Schrauwen”. Andere Bücher, die auf den ersten Blick keinen so eindeutigen Bezug zu “Arsène Schrauwen” haben, waren aber von größerer Bedeutung für die Geschichte. “Glamorama” von Bret Easton Ellis und “Being There” von Jerzy Kosińskizum Beispiel. Beides sind Geschichten über eine hohlköpfige Figur, die in eine Welt voller Intrigen und Machenschaften geraten. Wenn ich an einer Geschichte arbeite, die in einer bestimmten Epoche spielt, vermeide ich es Bücher zu lesen oder Filme zu schauen, die in einer ähnlichen Zeit spielen. Es scheint einen kontraproduktiven Effekt auf mich zu haben.

Arsene

Kanntest du deinen Großvater Arsène Schrauwen gut? Hat er dir selbst Geschichten von seiner Reise im Belgischen Kongo erzählt?

Die Geschichte erzählt O. Schrauwen, welcher mein Alter Ego ist. Er berichtet von seinem Großvater, der meinem ein wenig ähnelt. Aber seine Geschichte ist voller Lügen, Projektionen und Annahmen. Mein eigener Großvater war im Kongo, aber er hat nie jemandem davon erzählt. Selbst meine Großmutter weiß nicht, was er dort gemacht hat.

Du bist vor etwa 10 Jahren nach Berlin gezogen, obwohl die Comicszene in Belgien deutlich größer ist. Ist Berlin ein fruchtbarer Ort für die Arbeit an deinen Comics? Hast du viel Austausch mit anderen Berliner Comiczeichnern?

In Belgien waren alle meine Freunde entweder Trickfilm- oder Comiczeichner. Seit ich nach Berlin gezogen bin, habe ich eine größere Vielzahl an unterschiedlichen Künstlern und Künstlerinnen getroffen. Der einzige gemeinsame Nenner ist, dass sie alle etwas machen, mit dem es kein Geld zu verdienen gibt. Experimentelle Musik, unverkäufliche Konzeptkunst und so weiter.  Berlin ist ein guter Ort, um so was zu machen. Aber ich führe mit diesen Freunden nie Gespräche über Comicprojekte. Wenn ich zum Beispiel Aisha Franz treffe, die bei mir in der Gegend wohnt, dann tratschen wir nur.