Blog Filip Kolek am 25. Dezember 2016

Last-days-of-2016-Interviews I – Sascha Hommer zu „In China“

Zwischen den Jahren öffnet Reprodukt wieder das PR-Schatzkästchen und veröffentlicht jeden Tag eines der zahlreichen Interviews, die wir mit unseren Künstlerinnen und Künstlern für Pressedossiers geführt haben. Den Anfang macht der Hamburger Comickünstler Sascha Hommer, dessen autobiografische Reiseerzählung „In China“ im Februar 2016 bei Reprodukt erschienen ist.

Sascha Hommer erzählt darin von seinem Aufenthalt in der chinesischen Megacity Chengdu, in der er 2011 mehrere Monate gelebt hat. „In China“ ist kein klassischer Reise- oder Reportagecomic – Sascha verfremdet seine Erfahrungen und reichert sie mit gezeichneten Auszügen aus Büchern anderer „Fremder“ in China an (wie den berühmten Reiseberichten von Marco Polo). Dadurch steht das Literarische, Assoziative weit mehr im Vordergrund als bei artverwandten Comics wie „Shenzhen“ von Guy Delisle.

Sascha Hommer

Lieber Sascha, an einer Stelle in deinem neuen Buch „In China“ wird erwähnt, dass die chinesische Stadt Chengdu in den 1960ern so groß wie das damalige Hamburg war – heute fasst sie 14 Millionen Einwohner. Wie ist das, wenn man als Hamburger längere Zeit in einer richtigen Groß-Stadt gelebt hat und wieder zurückkehrt? Kriegt man da ein anderes Verhältnis zum urbanen Zusammenleben in Deutschland?

Nach einigen Monaten in einer asiatischen Megacity nimmt man Städte wie Hamburg oder Berlin tatsächlich ein paar Tage lang als Provinznester wahr. Im Vergleich gibt es kaum große Gebäude, der Verkehr fällt nicht ins Gewicht, einen entsprechenden Geräuschpegel gibt es auch nicht, und die Luft ist stets sauber. Mal ganz davon abgesehen, dass in Europa kaum Menschen auf der Straße sind und die wenigen, die man antrifft, sich nur langsam bewegen, denn viele von ihnen sind alt. Reisen bildet, und zwar indem man sich der Relativität der eigenen Wahrnehmung und Lebensverhältnisse bewusst wird.

„In China“ erzählt von deiner Zeit in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan. 2011 hast du mehrere Monate in der Stadt gelebt und gearbeitet. Warum hast du dir ausgerechnet diese Stadt als Ziel ausgesucht? Und bist du bereits mit dem Plan, ein Buch über die Reise zu machen, nach China aufgebrochen, oder hat sich das im Laufe deines Aufenthalts herauskristallisiert?

China AuszugIch war bereits mehrmals in Chengdu, weil ein Freund von mir, er ist Deutscher und kommt auch in dem Buch als eine von drei Hauptfiguren vor, seit über zehn Jahren dort lebt. Das ist auch der Hauptgrund, warum mein Buch dort spielt, denn ich wusste, dass ich durch ihn einen anderen Zugang zur Stadt bekommen konnte, als es für einen normalen Touristen ohne Sprachkenntnisse möglich ist. Zum ersten Mal war ich 2005 für zwei Monate dort, und hatte danach immer wieder per Telefon mit meinem Kontakt gesprochen, war also auch über aktuelle Entwicklungen informiert.
2008 kam dann in den deutschen Medien eine große Welle antichinesischer Berichte, befeuert von den olympischen Spielen, dem großen Erdbeben in Sichuan und Unruhen in Tibet. Ich war kein Chinaexperte und bin es auch heute nicht. Was da allerdings teilweise behauptet wurde, das war sichtlich Unsinn. Ich fühlte mich davon regelrecht terrorisiert und beschloss ein Buch zu machen. Es dauerte dann allerdings weitere drei Jahre, bis ich die Reise antreten und mit der Arbeit beginnen konnte, und mein Buch ist letzten Endes auch keine politische Streitschrift geworden.

Was genau hat dich an der medialen Berichterstattung über China gestört? Viele der oft genannten Kritikpunkte – Internetzensur, Unterdrückung von Minderheiten und Oppositionellen, etc. – werden ja zu Recht als unvereinbar mit demokratischen Grundsätzen angeprangert, oder?

Das Problem lag für mich damals in der oft unausgesprochenen Annahme, dass man zum Beispiel Deutschland und China einfach vergleichen könne und so eine Rechnung aufmachen, bei der es dann darum ging, zu zeigen, wer auf der „demokratischen“, also guten Seite steht. Neben der peinlichen Anmaßung dieses Tonfalls muss eine solche Perspektive die Unterschiede der historischen Entwicklung und der politischen Kultur nahezu komplett ignorieren, ganz abgesehen von den wirklichen Zielen der Entscheidungsträger im Westen wie im Osten. Elemente demokratischer Herrschaft sind ohne Frage im Interesse mancher Akteure auf beiden Seiten, aber das sind ja systemische Zusammenhänge, die lassen sich nicht in einfachen Gegensätzen fassen. Okay, in einem Artikel von vielleicht zwei Zeitungsseiten ist das nicht darstellbar, und manchmal wurde und wird ja ohnehin ganz offen eine politische Agenda verfolgt. Die eigentliche Erzählung ist dann eine Art Märchen, in dem es gute und schlechte Menschen gibt, die in einem Wettstreit um die Herrschaft der Welt stehen. Komisch ist nur, dass die Gruppe, zu der man selbst gehört, rein zufällig die mit den eher netten Leuten ist. In den Tagen nach dem Erdbeben in Sichuan etwa änderte sich die vorherrschende Erzählung sehr schnell vom Bericht über eine schreckliche Katastrophe in die Anklage über Verfehlungen der chinesischen Regierung.

Ich behaupte nicht, dass alle Missstände erfunden wurden. Man muss sich allerdings fragen, inwieweit diese Art von Berichten, wenn sie für ein westliches Publikum aufbereitet sind, nicht eine weitere Instrumentalisierung der Opfer darstellt, die nun neben ihrem wirklichen Leid auch noch als Zeugen für einen völlig weltfremden Systemvergleich herhalten sollten. Zugegeben kann durch die internationale Öffentlichkeit auch Druck aufgebaut werden und Dinge können sich dadurch verbessern. Die Desinformation war 2008 aber sehr massiv, sodass konstruktive Ansätze aus meiner Sicht keine große Rolle spielten.

In China Auszug1Reisereportagen sind auch in Comics ein beliebtes und erfolgreiches Genre. Hattest du Vorbilder, oder hast du bewusst versucht, die Arbeiten deiner KollegInnen auszublenden?

Direkte Vorbilder kann ich im Comicbereich ehrlich gesagt nicht nennen, es sei denn ich habe eine wichtige Lektüre schlicht vergessen. Guy Delisle hat für seine Arbeiten den Weg gewählt, sich als Person leicht zu überzeichnen und sich etwas naiver zu machen, als er wirklich ist – das ermöglicht einen sehr unterhaltsamen Erzählstil, den man in ähnlicher Form auch bei Journalisten wie Peter Hessler findet. Interessanter sind für mich aber Formen, die eine größere Fallhöhe haben, wie etwa das Buch „Traurige Tropen“ von Claude Lévi-Strauss.

xian1Tatsächlich wird in deinem Buch erstaunlich wenig gereist – dein Alter Ego Sascha wird für eine kurze Zeit zu einem Bewohner von Chengdu, geht auf Wohnungssuche, arbeitet … Trotzdem hat man das Gefühl, dass er nie wirklich ankommt und das Gefühl ein Fremder zu sein ablegt.

Klar, im strengen Sinne ist es gar kein Reisebericht, es geht eher um einen Bericht aus der Stadt Chengdu. Mir ging es in diesem Buch unter anderem darum, einen Ausdruck für die Erfahrung der Fremde zu finden. Viele Reisende, vor allem so genannte Rucksacktouristen, geben sich alle Mühe, ihren Aufenthalt mit ständigen Aktivitäten zu füllen und so viel wie möglich „mitzunehmen“. Das hat für mich noch nie funktioniert, und auch bei meinem Aufenthalt 2011 habe ich versucht, das Gegenteil zu tun, also mich in einen Alltag zu begeben. Natürlich kann man den Status des Ausländers nicht einfach ablegen, egal wie „chinesisch“ man sich verhält oder wie gut man sich mit der chinesischen Kultur auskennt. Ich selbst habe es ja nicht mal geschafft, die Sprache zu erlernen – aber auch meine Freunde, die seit vielen Jahren im Land leben, die Sprache fließend sprechen und in ihrem Arbeitsalltag mit chinesischen Partnern arbeiten, werden niemals Einheimische sein. Für diese Beobachtung habe ich versucht, eine grafische Entsprechung zu finden, deshalb sehen die Ausländer aus wie Aliens, während die Chinesen entfernt an Menschen erinnern, gleichzeitig aber auch gleichförmig wirken. Ausserdem gibt es dann noch diverse Maskierungen, aber das kann man nicht gut erklären in einem Interview.

„In China“ ist nicht das einzige Buch im neuen Frühjahresprogramm, in dem dein Name stehen wird. Im Juni werden mit „Regen“ von Lasse Wandschneider und „The Artist“ von Anna Haifisch zwei Newcomer bei Reprodukt debütieren, die von dir und der Berliner Zeichnerin Aisha Franz redaktionell betreut werden. Kannst du uns etwas über das Nachwuchsprojekt erzählen?

Mitte letzten Jahres haben wir zusammen mit dem Verlag beschlossen, eine solche Reihe ins Leben zu rufen. In erster Linie geht es darum bestimmte Ästhetiken stark zu machen, die in der französischen und nordamerikanischen Szene heute viel präsenter sind als in Deutschland. Auch ist unsere Idee, nachdem in den letzten Jahren in erster Linie umfangreiche Graphic Novels im Fokus der Aufmerksamkeit standen, ein Forum für kürzere Formate zu schaffen – die Publikationen sollen jeweils einen Umfang zwischen 32 und 64 Seiten haben. Die Reihe wird durch ein einheitliches Buchformat sowie ein von Arne Bellstorf entworfenes Logo kenntlich sein. Ein weiteres Merkmal ist, dass die jeweiligen Projekte von uns auch redaktionell betreut werden. Eine solche Betreuung ist bei vielen kleinen Verlagen und Publikationen leider nicht möglich, und oft hören wir Klagen von ZeichnerInnen, die sich einen Austausch mit Redakteuren eigentlich wünschen würden. Mit Anna und Lasse haben wir ein ideales Duo für unsere erste Runde in Erlangen gefunden: Während Annas Arbeiten bereits bei Rotopol erschienen sind und auch im französisch- und englischsprachigen Markt Verleger gefunden haben, war Lasse bislang eher im Bereich freie Grafik und als Illustrator tätig und ist für den Comicbereich im engeren Sinne noch „Newcomer“. Für die nahe Zukunft sind wir mit der Planung weiterer Publikationen bereits beschäftigt.

Vielen Dank für das Gespräch, Sascha.