Blog Filip Kolek am 30. Dezember 2013

“Ich bin das, wonach ich aussehe” – Hubert im Interview

Ein ganz besonders langes Interview für unsere Presse-Kits hat uns der französische Comicautor Hubert anlässlich des Erscheinens von “Schönheit”, der neuen Kooperation mit dem Duo Kerascoët (“Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An”) gegeben. Viel Spaß beim Lesen und schon mal einen guten Rutsch und ein fantastisches neues Jahr 2014!

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Sie haben Ihre Karriere als Kolorist für andere Künstler begonnen, bevor Sie anfingen, selbst Geschichten zu schreiben. Können Sie uns von den Anfängen Ihrer Arbeit mit Comics erzählen?

Ich bin eigentlich durch Zufall in der Welt der Comics gelandet. Ich habe Kunst studiert und war auf dem besten Weg, mein Glück als Künstler zu versuchen. Ich kreierte konzeptuelle Installationen, machte meinen Abschluss, doch in dem Moment wurde mir klar, dass ich das Milieu der zeitgenössischen Kunst verabscheute. Etwas spät! Also begann ich, einen Roman zu schreiben, aber da ich ein leidenschaftlicher Leser war, nahm ich das Ganze wohl ein wenig zu ernst. Das Gewicht der großen Schriftsteller erdrückte mich, und was ich produzierte, war zu viel des Guten. Während meines Studiums hatte ich mich mit Yoann (dem aktuellen “Spirou”-Zeichner) angefreundet, der in England schon etwas veröffentlicht hatte, im “Deadline”-Magazin, und durch ihn habe ich den Comic wiederentdeckt. Als Kind las ich viele Comics, alles von den “Schlümpfen” bis zu Fred und Tardi, aber in meiner Familie waren Comics verpönt, sodass ich irgendwann damit aufhörte und sie ebenfalls verschmähte. Er hat mir gezeigt, was damals aktuell war, die Amerikaner (Frank Miller, Alan Moore…), L’Association, Cornélius… Es war ein regelrechter Schock für mich, als ich entdeckte, dass sich dort mein Geschmack zeitgenössischer Kunst mit dem verband, was ich an Romanen mochte.

Viel später hat Yoann mich überzeugt, mich im Kolorieren am Computer zu versuchen, da ich mich mit Photoshop gut auskannte, und mich gebeten, ihm eine kleine Geschichte zu schreiben. Ich fing also an und habe seither nicht mehr aufgehört. Da ich trotz allem nicht gut darüber informiert war, was damals sonst noch produziert wurde, ging ich sehr spielerisch an die Sache heran, und das hat meine Schreibblockaden vollkommen gelöst. Außerdem stellte ich fest, dass ich lieber im Team arbeite, was im Vergleich zur Arbeit allein die gleichen Vorteile hat wie der Dialog im Vergleich zum Monolog. Ich finde es bereichernder, meine Ideen mit jemandem auszutauschen, als mit mir selbst zu reden! Der Comic hat das große Glück, ein beliebtes, leicht zugängliches Medium zu sein, das nicht verstaubt ist. Man kann darin noch Dinge ausprobieren und seine Grenzen austesten, es ist nicht alles schon gesagt.

“Schönheit” ist ein eindringliches, modernes Märchen über die Schönheit an sich und darüber, wie sich das Aussehen auf das eigene Verhalten und die Wahrnehmung durch andere auswirkt. Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?

Schönheit Leseprobe

Ich habe mit extrem schönen Menschen verkehrt, und ihre Schönheit wirkte auf mich oft wie ein Special Effect innerhalb der Realität, der die allgemeinen Regeln änderte. Das war manchmal sehr beeindruckend. Aber diese Gabe hatte auch auf sie selbst eine Wirkung, weil sie sich nicht den gleichen Schwierigkeiten stellen mussten wie andere Leute. Ihr Aussehen öffnete ihnen Türen. Wir alle entwickeln bestimmte Fähigkeiten, um uns einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen, sei es Humor, Intelligenz… Und bei diesen objektiv schönen Menschen waren diese Fähigkeiten oft vernachlässigt, weil sie sie nicht so sehr brauchten wie Leute, die einfach anziehend sind. Sie verfügten über eine gewisse Leichtigkeit (vertrauenswürdige Studien belegen übrigens, dass schöne Menschen im Allgemeinen ein höheres Einkommen und bessere Karrierechancen haben als andere, bei gleicher Qualifikation und gleicher Leistung). Davon geht die Geschichte aus. Ich hatte Lust, ein spielerisches, philosophisches Märchen zu schreiben, in Richtung von Thomas Manns “Der Erwählte” oder Italo Calvinos “Der Ritter, den es nicht gab”, und Kerascoët schienen mir aufgrund ihrer Bildwelten die bestmöglichen Partner dafür.

Sie sind auch Autor von “Luft und Liebe”. Der Comic handelt von einem jungen, magersüchtigen Paar, das besessen ist von seinem Äußeren. In “Schönheit” ist das Aussehen ebenfalls eine vernichtende Kraft, die das Leben zerstört. Finden Sie, dass das Konzept Schönheit in unserer Gesellschaft ein Problem ist?

luft und liebe

Weniger die Schönheit an sich als vielmehr die Erscheinung, und im Grunde weniger die Erscheinung als vielmehr unsere Beziehung zwischen Körper und Geist. Das ist das zentrale Thema von “Luft und Liebe”, noch vor den Problemen der Ernährung. Die jüdisch-christliche Zivilisation hat eindeutig ein gewaltiges Problem mit der Beziehung zwischen Körper und Geist. In den grundlegenden Werten des Christentums werden Körper, Genuss und Sinnlichkeit abgelehnt und als schlecht angesehen, wohingegen Schmerz und Tod heilig sind (der Schmerz, um das Körperliche zu überwinden, und der Tod, weil er als Befreiung aus diesem finsteren Tal gilt, das unsere Welt sein soll). Das ist eine morbide Denkweise, die Frustration idealisiert und oft Moral mit Moralismus verwechselt. Ich bin in einer sehr christlichen, konservativen Familie in der tiefsten Bretagne aufgewachsen, das hinterlässt Spuren!

Und obwohl die Welt sich seit den Sechzigerjahren verändert hat, bleibt so etwas unterschwellig bestehen. Heutzutage ist die Erscheinung das Entscheidende: “Ich bin das, wonach ich aussehe”, zusammen mit einer Form des Hedonismus, der oft mehr erzwungen (durch den Druck der anderen, der Normen…) als gewollt ist, dem Wunsch, anders zu erscheinen, als man ist. Diese Dichotomie steht im Zentrum der Geschichte von Schönheit: Sie ist in ihrem Inneren anders, als sie von den anderen wahrgenommen wird. Sie hat Mühe, die beiden Seiten, aus denen sie besteht, miteinander zu vereinen. Das schien mir ein interessantes Thema für ein Märchen.

Die Protagonin macht einen ziemlich Wandel durch: Die schüchterne Morue wird zu einer egoistischen und eitlen Schönheit und schließlich zu einer stolzen und klugen Königin. War die Entwicklung des Charakters von Anfang an so beabsichtigt, oder hat er sich zusammen mit der Geschichte entwickelt?

Es war von Anfang an so beabsichtigt. Genau gesagt schreibe ich eine Geschichte immer auf einmal von Anfang bis zu Ende mit Lücken in der Mitte, die sich nach und nach füllen, während manche Ideen sich verändern oder gestrichen werden. Aber der Erzählbogen steht normalerweise von Beginn an fest. Ich muss unbedingt das Gesamte im Blick haben, denn nur so kann ich die wichtigen Elemente hier und da platzieren und dafür sorgen, dass die Figuren sich Stück für Stück in ihrem Charakter und ihrem Umgang miteinander entwickeln. Mir sind die Figuren übrigens wichtiger als die Geschichte.

Wie würden Sie Morue charakterisieren, ist sie eine Opferfigur oder ist sie selbst für ihr Schicksal verantwortlich?

Obwohl Schönheit in die Falle der Fee Mab tappt, ist sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich. Schon bevor sie zu Schönheit wird, ist sie sehr narzisstisch, wenn auch im negativen Sinn. Es gibt da einen Jungen namens Pierre, der sich für sie interessiert, aber sie sieht ihn nicht, weil er nicht sexy genug ist und sie sich wünscht, von den Jungen hofiert zu werden, die bei den anderen Mädchen beliebt sind. Obwohl sie und ihre Mutter sehr arm sind, wünscht sie sich die Gabe der Schönheit – was ziemlich eitel ist! –, statt Reichtum oder Glück. Als sie dann schön ist, geht sie mit ihrer Gabe sehr unverantwortlich um, weil sie unreif ist (selbstverständlich ist diese Gabe so erdrückend, dass man damit gar nicht gut umgehen kann, aber sie versucht nicht einmal, sie in den Griff zu bekommen), und als sie an die Macht kommt, denkt sie nicht daran, dass Macht auch Pflichten mit sich bringt, wie zum Beispiel, sich um das allgemeine Wohl zu kümmern. Sie muss sehr tief fallen und aufhören, nur an sich selbst zu denken, um schließlich stark zu werden und aufzuhören, immer nur den leichtesten Weg zu wählen.

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In “Schönheit” gibt es viele Bezüge zur griechischen Mythologie, vom offensichtlichen “Helena”-Motiv bis zu einem Abstieg in die Feenwelt im dritten Kapitel, der an die Orpheus-Sage erinnert. Waren das bewusste Analogien?

Es gibt in der Tat zahlreiche Bezüge, aber nicht nur zur griechischen Mythologie. Die Welt der Feen verweist auf die keltische Mythologie (Mara die Weiße und Mabdie Schwarze – diesen Namen haben wir geändert, weil man ihn auf Französisch sonst als “ma BD”, also “mein Comic”, gelesen hätte!), es gibt Bezüge zur Tafelrunde (insbesondere Guinevere und Lancelot), zum Bildnis des Dorian Gray sowie viele historische, mehr oder weniger versteckte Anspielungen (Marie Antoinette, Elisabeth I.). Da ich über einen sehr langen Zeitraum hin schreibe, fallen mir bei der Arbeit am Text immer wieder solche Dinge ein, und ich füge sie gern wie Echos in die Geschichte ein, auch wenn ich oft recht freimütig, manchmal auch parodistisch damit umgehe. Das nährt die Erzählung. Es gefällt mir, dass man meine Geschichten auf verschiedenen Ebenen lesen kann, und eine davon ist die Ebene solcher Bezüge. Die griechischen Mythen haben selbstverständlich eine sehr starke Symbolkraft, besonders, weil sie unsere gesamte westliche Kultur geprägt haben, aber sie sind nicht die einzigen.

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“Schönheit” ist Ihre zweite Zusammenarbeit mit dem Künstlerduo Kerascoët. Können Sie uns einen Eindruck von Ihrer Zusammenarbeit geben? Gibt es eine strikte Trennung zwischen Text und Bild, oder entwickeln Sie die Geschichte gemeinsam?

Bei der Arbeit mit Kerascoët (aber auch bei den anderen Künstlern, mit denen ich zusammenarbeite) achte ich darauf, dass der oder die Zeichner von Anfang an mit einbezogen werden. Normalerweise kann ich nicht schreiben, ohne nicht bereits eine Zeichnung im Kopf zu haben. Wir diskutieren die Grundidee, und ich beginne eine Rohfassung der Geschichte, bei der noch alles durcheinander ist und die aus Skizzen von Figuren und Situationen, Dialogen, vielen Lücken und fehlenden Zusammenhängen besteht. Wenn ich das Gefühl habe, dass genügend Material vorhanden ist, lasse ich den Zeichner diesen ersten Entwurf lesen, wir diskutieren darüber, und so kann ich eine Auswahl treffen, ohne die ursprüngliche Idee zu verlieren. Dann geht es auf diese Weise weiter, so lange es eben dauert, vor und zurück und wieder vor und zurück, bis die Geschichte ungefähr feststeht. Normalerweise ist das der Moment, wann der Verleger ins Spiel kommt, denn er hat manchmal auch noch interessante Vorschläge. Dann mache ich ein Storyboard ohne Zeichnungen (Panels nur mit den Dialogen und dem Erzählertext), das wir gemeinsam überarbeiten, denn oft funktionieren Ideen, die sich im Text gut ausdrücken lassen, überhaupt nicht beim visuellen Erzählen, und dann muss man etwas anderes finden… Ein sehr langwieriger und ziemlich ineffizienter Prozess!

Was sind Ihre nächsten Projekte?

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Im Moment erscheinen in Frankreich mehrere Werke von mir: Zum einen ein neues Buch mit Marie Caillou, “La Ligne Droite” (wörtl. Übersetzung: “Die gerade Linie”), das die Geschichte eines homosexuellen Jungen in der tiefsten Bretagne und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens erzählt. Jegliche Ähnlichkeiten mit meinem eigenen Leben sind nicht unbedingt zufällig.

Außerdem hat es sich aus Termingründen so ergeben, dass fast zeitgleich ein weiteres Buch von mir zu einem ähnlichen Thema erscheint. Es handelt sich um eine Sammlung von Interviews zu Genre und Homosexualität, “Les Gens Normaux” (wörtl. Übersetzung: “Die normalen Leute”). Ich habe etwa ein Dutzend Zeugen befragt (Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern, konservative Homosexuelle, Bisexuelle, Transsexuelle…), und diese Interviews wurden mithilfe von elf Zeichnern (Cyril Pedrosa, Alexis Dormal, Audrey Spiry, Merwan…) in die Form von Comics transkribiert und mit den Texten von fünf Historikern und Soziologen (Michèle Perrot, Florence Tamagne, Louis-Georges Tin…) und einem Vorwort von Robert Badinter ergänzt. Ein solches Team zu leiten war eine großartige, aber auch sehr erschöpfende Erfahrung! Da ich immer über einen langen Zeitraum an einem Projekt arbeite, verfolge ich zurzeit noch viele andere Projekte in unterschiedlich fortgeschrittenen Stadien, manche sind gerade erst Skizzen, andere werden bereits umgesetzt, zum Beispiel ein sehr düsteres Schauermärchen über eine Ogerfamilie, das von Bertrand Gatignol gezeichnet wird. Aber die Bücher existieren erst, wenn sie veröffentlicht sind, mit ihren Stärken und Schwächen. Im Moment sind sie noch Phantasmen von Büchern.