Blog Filip Kolek am 29. Dezember 2013

„Das Thema ist Einsamkeit“ – Paco Roca im Interview

Ein weiterer Comiczeichner aus dem Ausland, der uns 2013 besucht hat, war der spanische Zeichner und Autor Paco Roca. Im absoluten Abgabestress für seinen neuen Comic „Los Surcos del Azar“, der vor wenigen Wochen bei Astiberri erschienen ist, schaufelte sich der sympathische Spanier drei Tage frei, um auf der Frankfurter Buchmesse die deutsche Edition seiner gefeierten Comic-Erzählung „Arrugas“ („Kopf in den Wolken“) zu promoten. Im Vorfeld gab er uns für die Pressemappe dieses Interview.

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Sie beschreiben sehr eindrücklich, wie unterschiedliche Personen mit geistiger Irritation im Alter umgehen. Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Thema Demenz? Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

An erster Stelle wollte ich übers Alter allgemein und insbesondere das meiner Eltern sprechen. Ich wollte wissen, wie sie sich in diesem Lebensabschnitt fühlen – mit ihren körperlichen Problemen, der Einsamkeit, in der die meisten älteren Menschen leben, und in einer Gesellschaft, die altere Menschen ausgrenzt. Bei der Behandlung des Alters konnte ich eine Krankheit wie Alzheimer nicht unberücksichtigt lassen. Der Vater eines guten Freundes litt daran. Ich konnte aus nächster Nähe erleben, wie die Alzheimer-Erkrankung ihn und die familiären Beziehungen beeinträchtigte.

Neben Emilio und seinem Zimmernachbarn Miguel ist „Kopf in den Wolken“ ein Mikrokosmos unvergesslicher und liebevoll ausgearbeiteter Nebenfiguren wie dem Ehepaar Modesto und Dolores. Was war Ihnen bei der Charakterisierung der Heimbewohner wichtig?

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Fast alle Figuren in „Kopf in den Wolken“ basieren auf echten Menschen, die ich bei meinen vielen Besuchen in Altenheimen kennenlernte, mit denen ich mich für den Comic dokumentierte. Daher sind alle alle Figuren liebe- und respektvolle Portraits. Ich finde, dass sie alle auf die eine oder andere Weise Einsamkeit repräsentieren. Sie ist das eigentliche Thema von „Kopf in den Wolken“.

Häufig geht es in „Kopf in den Wolken“ um die Unterscheidung von Einbildung und Realität. Ist das Medium Comic besonders dafür geeignet, sich dem Thema Vergessen oder Erinnern anzunähern?

Der Comic ist ein sehr didaktisches Medium, das sich perfekt eignet, um bestimmte Themen zu behandeln und Empfindungen und Konzepte anhand der Zeichnungen zu übermitteln. Im Fall von „Kopf in den Wolken“ wird Emilio dank der Zeichnung, also einiger Striche, zu unserem Vater, Großvater oder zum Sinnbild des Alters. Die Zeichnung ahmt Konzepte nach, ein wirklichkeitsgetreues Bild dagegen spiegelt konkrete Fälle. Der Comic besitzt zudem einen poetischen Charakter, der es erlaubt, völlig natürlich von der Realität zum Traum oder zur Fiktion zu wechseln. „Kopf in den Wolken“ verlangt vom Leser, die Geschichte aus der Sicht der Senioren zu erleben, und ihre Fantasiewelten sind ein wesentlicher Bestandteil dieser Sichtweise.

Gab es Comics, Bücher oder Filme, die Ihnen bei der Auseinandersetzung mit dem Thema geholfen haben?

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Wenn man ein Abenteuer, eine Schauergeschichte oder einen Thriller erzählt, gibt es unzählige Bücher oder Comics mit bereits vorhandenen Erzähltechniken, auf die man zurückgreifen kann. Für eine Geschichte wie „Kopf in den Wolken“, in der es um Alter, Einsamkeit, Isolierung, Monotonie und Langeweile geht, gibt es allerdings wenige Werke, die als Vorbild dienen könnten. Ich fand Inspiration bei Mangas und Animes, wo man eher daran gewöhnt ist, einen langsamen Rhythmus zu verwenden und den Alltag in Zeichnungen zu fassen. Autoren wie Miyazaki, Takahata und Taniguchi haben mir sehr geholfen, den richtigen Ton für „Kopf in den Wolken“ zu finden.

Mindestens genauso erfolgreich, wenn nicht mehr, ist die Film-Adaption von „Kopf in den Wolken“. Der Animationsfilm war auf der Shortlist für den Oscar nominiert und hat mehrere Goyas gewonnen. Ein beachtlicher Erfolg für einen Trickfilm für Erwachsene, zumal einem, der Krankheit zum Thema hat. Hat Sie der Erfolg überrascht?

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All der Trubel um „Kopf in den Wolken“ hat mich überrascht. Es ist eigentliche eine sehr persönliche Geschichte, die – wie anfangs erwähnt – dem Bedürfnis entsprang, meine Eltern zu verstehen. Ich denke, der Comic enthält nichts, was einen Bestseller ausmacht. Und doch ist er relativ erfolgreich, was mich freut. Es ist zwar etwas ermüdend, immer wieder von dieser Geschichte zu sprechen, die ich bereits 2006 begann, doch freut es mich, dass sie eine gewisse Debatte darüber ausgelöst hat, welchen Lebensabend wir für unsere Senioren wünschen. Denn damit legen wir auch denn Grundstein für unseren eigenen Lebensabend.

Im Herbst 2013 wird in Spanien Ihr neues Buch erscheinen und wieder spielen Erinnerungen eine große Rolle. Es geht um eine spanische Kompanie im 2. Weltkrieg. Können Sie uns etwas zu diesem Projekt erzählen?

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Der Ausgangspunkt ist das Exil von einer halben Million Spanier, die das Land am Ende des Spanischen Bürgerkriegs verlassen mussten. Auf ihrem Weg trafen sie auf andere antifaschistische Exilanten – Franzosen, Italiener und Deutsche –, die ebenfalls aus ihren Ländern flohen. Sie alle legten einen waghalsigen, beschwerlichen Weg zurück. Sie verlegten in Sklavenarbeit Schienen in der Sahara, kämpften in Tunesien gegen die Achsentruppen und – im Falle der Spanier – befreiten Paris. Es waren Menschen, die ihr Leben dem Kampf gegen den Faschismus opferten. Sie waren die Sieger des Kriegs und konnten alle nach dem Krieg in ein freies Land zurückkehren. Alle außer den Spaniern, deren Heimat noch bis zum Tod des Diktators 1975 in der Hand der Faschisten blieb.