Blog Filip Kolek am 28. Dezember 2013

„Das Fundament ist nicht so stark“ – Geneviève Castrée im Interview

Im Herbst 2013 kam die kanadische Zeichnerin und Musikerin Geneviève Castrée anlässlich der deutschen Veröffentlichung von „Ausgeliefert“ und einer Einladung des Comicfestivals Hamburg für ein paar Tage nach Deutschland. Für das Pressedossier zu ihrem Buch gab die sympathische Künstlerin im Vorfeld dieses Interview.

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Du zeichnest jetzt schon seit vielen Jahren Comics. Wann hast du damit angefangen?

Schon seit ich acht oder neun Jahre alt war, wollte ich Comiczeichnerin werden. Mit fünfzehn fing ich an, bei Fanmagazinen mitzumachen und Mini-Comics zu zeichnen.

„Ausgeliefert“ beginnt mit dem Zitat der Dichterin Joanne Kyger „But blood does bringt curiosity.“ In einer der ersten Szenen des Buchs befragst du als Kind deine Großmutter zu deinen Vorfahren. Was bedeutet Familie für dich?

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Familie bedeutet für mich, Wurzeln zu haben und von Erwachsenen umgeben zu sein, auf die man sich verlassen kann und die einen beschützen, so gut sie können. Leider hat nicht jeder das Glück, mit den Menschen, mit denen er biologisch verbunden ist, in einer funktionierenden Familie zu leben, also kann eine Familie auch aus den Leuten bestehen, mit denen man in engem Kontakt steht und durch gegenseitige Liebe verbunden ist. Aber der Mangel an gemeinsamen Wurzeln kann in solchen Beziehungen auch verwirren und einsam machen. Das Fundament ist nicht so stark.

In „Ausgeliefert“ erzählst du von deiner Kindheit und Jugend, von den Schwierigkeiten, mit einem abwesenden Vater und einer verantwortungslosen Mutter aufzuwachsen. In Interviews sagtest du, du findest den Begriff Autobiografie problematisch – wie würdest du dein Buch sonst bezeichnen?

Ich glaube, es ist schon richtig, mein Buch als Autobiografie zu bezeichnen, solange klar ist, dass das Buch nur eine Version der Geschichte ist, und zwar meine. Eine Autobiografie in Form eines Comics istschwierig, weil die Personen gezeichnet und nicht fotografiert oder gefilmt sind. Die dargestellten Ereignisse sind nur eine Auswahl, und alles muss mehrfach gefiltert werden, bevor es aufs Papier kommt.

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Im Mittelpunkt von „Ausgeliefert“ steht die Mutter-Tochter-Beziehung deines Alter Egos Goglu zu ihrer Mutter Amère. Obwohl du ihre Nachlässigkeiten und Erziehungsfehler darstellst, bekommt der Leser niemals den Eindruck, dass du deine Mutter verurteilst. Hat die Arbeit an dem Buch dir geholfen, dich mit deiner Mutter zu versöhnen und ein paar Wunden zu schließen?

Ursprünglich wollte ich mit „Ausgeliefert“ eine Geschichte erzählen, die meiner Meinung nach nicht oft genug erzählt wird, nämlich die Geschichte einer Familie, die nie zu einem Einverständnis gelangt und sich niemals versöhnt, obwohl sie es immer wieder versucht. Ich glaube, das ist gar nicht so ungewöhnlich. Wir wachsen noch immer mit Filmen und TV-Serien auf, in denen Eltern oft viel verständnisvoller und viel zugänglicher sind. Ich finde es wundervoll, wenn manche Kinder das Glück haben, mit ihren Familien friedlich zusammenzuleben, aber leider ist das nicht immer der Fall.

Außerdem erforschst du in „Ausgeliefert“ deine Anfänge als Künstlerin. Welche Funktion hatte das Zeichnen für dich als Kind und als Jugendliche, und welche Funktion hat es für dich heute?

Zeichnen ist sehr meditativ. Wenn ich zu lange nicht zeichne, kann das beinahe wehtun. Ich glaube, es ist wichtig für mich, in Ruhe Zeit mit mir selbst zu verbringen. Das ist auch ein Luxus, aber wenn es mir gelingt, bin ich viel netter im Umgang mit anderen.

Zusätzlich zu deinen Comics und Gemälden drückst du dich noch in einer weiteren Kunstform aus: als Musikerin, aktuell unter dem Namen Ô Paon. Deine neue EP erscheint diesen Sommer (Cover siehe unten). Kannst du uns etwas über deine musikalische Karriere erzählen? In welcher Beziehung steht sie zu deiner Comics? Welche Emotionen oder Aspekte deines Lebens kannst du besser mit Musik ausdrücken, und welche in Comics oder Gemälden?

Für mich sind Zeichnen und Songs schreiben nicht so verschiedene Dinge. Wenn ich mich in das eine vertiefe, fällt mir das andere vielleicht kurzzeitig ein bisschen schwerer, aber ich bin immer voller Begeisterung für das, was ich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht genug ausüben kann. Die Emotionen, die mich bei beidem inspirieren, sind ziemlich ähnlich, ich versuche im Allgemeinen, meine negativen Gefühle in etwas Positiveres umzuwandeln. Es fällt mir leichter, zu Hause zu bleiben und zu zeichnen, als auf Tour zu gehen. Reisen ist hektisch und intensiv, aber live zu spielen kann auch ein erhebendes Gefühl sein, das mir eine Menge Selbstvertrauen gibt, sodass ich voller Inspirationen nach Hause komme. Aber ich glaube, ich habe mehr Respekt für Comiczeichner als für die meisten Musiker … Ich denke, es ist wichtig, dass Menschen lernen, mit Einsamkeit umzugehen.

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Mir hat deine liebevolle und persönliche Darstellung von Kanada sehr gut gefallen, besonders die Bezeichnung von British Columbia als „ein mythisches Königreich, in das Papas reisen und verschwinden.“ In den letzten paar Jahren hast du in den USA gelebt. Hat sich dein Blick auf Kanada durch die Distanz verändert?

Natürlich! Ich vermisse Kanada sehr, aber ich bin ja nicht so weit weg. Ich höre immer noch jeden Tag kanadisches Radio und verfolge die politischen Entwicklungen. Der Unterschied ist, dass ich Kanada und Québec jetzt mehr wie eine außenstehende Beobachterin sehen kann, und die Vereinigten Staaten mehr wie eine Insiderin. Früher dachte ich, die USA wären ein schlechtes Land, und das empfinde ich immer noch so, obwohl ich hier lebe. Aber jetzt merke ich, dass Kanada auch schlecht ist, es lässt die internationale Gemeinschaft und seine eigene Bevölkerung im Stich mit seiner korrupten Regierung, seiner schrecklichen Außenpolitik, seiner Zerstörung der Umwelt und seinen fragwürdigen Zukunftsplänen.

Kanada hat eine sehr lebendige und produktive alternative Comicszene. Wo siehst du deine Einflüsse? Hast du Kontakt zur aktuellen Comicszene in Kanada?

Als Teenager wurde ich auf jeden Fall davon beeinflusst, was in Montréal passierte. Ein wenig später gab es mehrere spannende Künstler in Vancouver, wie Jason McLean, Marc Bell und Amy Lockhart. Außerdem bewunderte ich die Royal Art Lodge in Winnipeg. Heute leben die meisten Comiczeichner, deren Arbeit mich interessiert, in Toronto. Dort passiert gerade etwas Wundervolles in der Comicszene.

Woran arbeitest du jetzt gerade?

Man könnte sagen, ich würde gerne mit zu vielen Bällen gleichzeitig jonglieren. Genau so fühle ich mich gerade. Es gibt zu viele Projekte, an denen ich arbeiten möchte. Ich beschränke mich auf zwei (und ein halbes). Ich hoffe, ich kann bald nur noch zeichnen.

www.genevievecastree.com