Blog Dirk Rehm am 21. Juli 2009

Comics machen: Lettering

In Zukunft wollen wir an dieser Stelle versuchen, verschiedene Arbeitsbereiche bei Reprodukt genauer vorzustellen, damit man einen Eindruck von den täglichen Abläufen im Verlag bekommt. Denn bis sie im Comicladen oder in der Buchhandlung stehen, liegen einige Arbeitsschritte hinter den vielen Bildern und Buchstaben, die man ihnen ohne Vorkenntnisse des Produktionsprozesses vermutlich gar nicht ansieht.

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Heute soll es um ein sehr comicspezifisches Element der grafischen Bearbeitung gehen: Das Lettering und wie es in das Buch gelangt. Wir legen besonderen Wert auf dieses Gestaltungselement, weshalb das Lettering von Hand erstellt wird (wenige Ausnahmen im Verlagsprogramm bestätigen diese Regel). Wir benutzen also für die Gestaltung der deutschsprachigen Texte und Soundwords keine Computerfonts, sondern beauftragen zumeist freie Letterer mit dieser Aufgabe, wie es vor der digitalen Revolution allgemein üblich war.

Michael Hau, Hartmut Klotzbücher oder Michael Möller haben schon in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren erste Letteringjobs vorgelegt und leisten nach wie vor hervorragende Arbeit. Auch bei der Edition Moderne und vereinzelt bei Carlsen (hauptsächlich im Segment “Graphic Novel”) wird nach wie vor Wert auf echte Handarbeit gelegt.

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Zunächst einmal besteht für den Letterer die Herausforderung darin, sich der Schrift der Originalausgabe anzunähern, damit die jeweilige “Handschrift” des Zeichners, die nicht unerheblich zu Stil, Ausdruck und Atmosphäre der Zeichnungen beiträgt, so weit wie möglich gewahrt bleibt.

Im Gegensatz zur Verwendung von Computerfonts bleiben im Schriftbild des Handletterers immer kleine Unregelmäßigkeiten vorhanden, die Lebendigkeit erzeugen. Viele Computerfonts sind heute allerdings so ausgereift, dass es ein geübtes Auge braucht, um zu erkennen, ob mit einer lebendigen oder einer toten Schrift gearbeitet wurde. Oft kann man den feinen Unterschied daran erkennen, ob zwei gleiche Buchstaben nebeneinander gleich verlaufen oder ob es Abweichungen im Strich gibt. (Viele Fonts bieten mittlerweile aber auch schon mehrere Varianten des gleichen Buchstabens zur Auswahl an, um so durch die Verwendung von Variablen eine sterile Anmutung des Schriftbilds zu unterlaufen.)

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Die verschiedenen Arbeitsschritte sollen am Beispiel einer Seite der Neuauflage von “Monsieur Jean 1 – Die Liebe im Zeichen der Concierge” von Dupuy-Berberian gezeigt werden (die Erstauflage wurde bei Salleck Publications veröffentlicht). Band 4 bis 6 der Serie sind bereits bei Reprodukt erschienen und wurden von Dirk Rehm gelettert.

Um eine Einheitlichkeit der redaktionellen als auch der grafischen Gestaltung der gesamten Serie – also auch der Neuauflagen – zu gewährleisten, wurde “Monsieur Jean” 1 zunächst neu übersetzt und redigiert und wird nun auch noch einmal neu gelettert. Ausgangsmaterial für die Produktion des Lettering ist der französische Originalband, den man leider meist zerschneiden muss, um die einzelnen Seiten besser bearbeiten zu können und Passungenauigkeiten zu vermeiden.

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Für das Lettering wird ein halbtransparentes Papier verwendet, das auf die Vorlage gelegt und mit Tesastreifen befestigt wird. Dann wird der Text von Hand geschrieben, kleine Korrekturen werden dabei in diesem Fall schon angemerkt.

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Zum Lettering gehören natürlich auch die Soundwords oder “Onomatopöien” und weitere Schriftelemente, in diesem Fall das “con” (kurz für “connard”, hier übersetzt mit “Idiot”) auf Monsieur Jeans Stirn. (Ihm fällt ein, dass er die Schlüssel daheim liegen gelassen hat.) Das Wort “Idiot” wurde zwei Mal geschrieben – auch wenn das erste “Idiot” gepasst hätte, schien dem Letterer eine etwas fettere Version besser.

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Das Lettering wird nun hochaufgelöst eingescannt und die Datei in einem Bildbearbeitungs- oder Layoutprogramm geöffnet. Bevor das Lettering als separate Bildebene auf die Seite gelegt wird, wird es noch von Flecken und anderen Unsauberkeiten befreit, auch eventuelle Anmerkungen des Letterers werden gelöscht. In diesem Fall gilt das auch für das nicht so fette “Idiot”.

Beim Prüfen der Originaldaten fällt auf, dass Monsieur Jeans Stirn noch ein Rest des “con” ziert, der erst noch entfernt werden muss (diese Art der Aufhübschung per Photoshop-Retusche kennt man sonst vor allem aus der Werbung).

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Jetzt können beide Seiten übereinander gelegt werden, was in diesem Fall recht einfach ist, manchmal aber auch kompliziert sein kann, wenn zum Beispiel das Format geändert wird oder das Lettering auf Kopien gemacht ist, die zum Zwecke besserer Lesbarkeit vergrößert wurden (wie gesagt, die Leute arbeiten alle schon seit den Achtzigern). Da kann es passieren, dass von Sprechblase zu Sprechblase individuell nach dem passenden Maßstab gesucht werden muss.

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Wenn nun die Bild- und Textebenen fehlerfrei bearbeitet und zueinander passend ausgerichtet sind, ist die Seite vorerst fertig. So entsteht eine einzelne Comicseite aus Bilddaten und handgeschriebenem Text.

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Weiter geht es dann mit den restlichen siebenundvierzig Seiten des Bandes – oder wie im Fall von Guy Delisles “Aufzeichnungen aus Birma” auch mal 271 Seiten – und dem Cover.