Blog Klara Groß am 18. Dezember 2015

Blick hinter die Kulissen: Neue Soundwords für Craig Thompson

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Ende Oktober ist bei Reprodukt die deutsche Ausgabe von Craig Thompsons neuestem Werk “Weltraumkrümel” erschienen.

Im diesem ersten Comic von Craig Thompson für junge (als auch erwachsene) Leser geht es rasant und bunt durch ein Weltall der Zukunft. Für Violet Marlocke ist ihre Familie das Größte im ganzen Universum. Als ihr Vater einen hochriskanten Auftrag übernimmt und dabei spurlos verschwindet, kann Violet nicht tatenlos abwarten! Das mutige Mädchen macht sich auf eigene Faust auf in das große All, um ihn zu suchen. Begleitet wird sie dabei von ihren schrulligen Freunden, dem ängstlichen und nachdenklichen Hühnchen Elliot und dem orangenen Draufgänger Zacchäus (seines Zeichens der letzte überlebende Lumpkin).

Mit “Weltraumkrümel” hat Craig Thompson aber nicht nur erstmalig einen All-Age-Titel, sondern auch zum ersten Mal ein Werk komplett in Farbe geschaffen. “Hellboy”-Kolorist Dave Stewart zeichnet sich für die Kolorierung verantwortlich – und hat für ein fulminantes Ergebnis gesorgt!

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Eine handgeschriebene Übersetzung für Craig Thompson

Nach der treffenden Übersetzung der Texte durch Matthias Wieland (unterstützt von den Redakteuren Sven-Erik Wehmeyer und Michael Groenewald) wollten wir visuell eine ebenso treffende Übersetzung finden.

Um den Charme des Comics nicht nur auf der Text- sondern auch auf der Bildebene übersetzen zu können, wurde “Weltraumkrümel” komplett von Hand gelettert. Was Handlettering genau heißt, möchte ich nun kurz erklären und dabei auf ein paar herstellerische Besonderheiten von “Weltraumkrümel” eingehen.

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Hier sieht man links eine Seite aus dem Originalbuch und rechts die übersetzte Seite. Mit einem Rechtsklick kann man alle Bilder per “Grafik anzeigen” auch vergrößert anschauen.

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“Weltraumkrümel” wurde von Michael Hau handgelettert. Das Skript der Übersetzung neben sich, legt der Letterer Transparentpapier auf das Original und schreibt – Sprechblase für Sprechblase – den übersetzten Text an die jeweils passende Stelle. Dabei imitiert er möglichst originalgetreu die verschiedenen Schriftstile und Strichstärken der Vorlage. Außerdem achtet der Letterer bereits darauf, dass das deutsche Wort an genau die gleiche Stelle im Bild passen muss wie das Original (deswegen verwendet er Transparentpapier).

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Das fertige Lettering auf Transparentpapier wird gescannt und vom Hersteller nachbearbeitet. Bei “Weltraumkrümel” war vor allem Alex Chauvel für die Herstellung verantwortlich. Der Hersteller setzt all die Texte in die Sprechblasen ein, passt an und schiebt Buchstaben und Worte noch mal an die wirklich perfekte und richtige Stelle – damit der Lese- und Comicgenuss nicht ins Straucheln kommt.

Lettering und Herstellung erfordern nicht zuletzt eine gute Vorarbeit durch den Übersetzer, denn die übersetzten Texte dürfen ja den entsprechenden Platz in den Sprechblasen nicht überstrapazieren. Nur im äußersten Fall kann man in der Herstellung des Buchs mal die Größe einer Sprechblase anpassen, aber in der Regel soll das vermieden werden, um möglichst wenig in die originale Zeichnung einzugreifen. (Wer zum Übersetzen von Comics mehr erfahren möchte, dem sei dieser Blogbeitrag von Kai Wilksen ans Herz gelegt.)

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Soundwords, Farben und tausend kleine Inschriften

In vielen Comics, die sich an ein erwachsenes Publikum richten, werden Straßennamen, Schilder und Inschriften im Hintergrund auch mal im Original belassen. Straßennamen zu übersetzen, kann manchmal sogar ein Eingriff in die Authentizität der Geschichte sein. Wenn die Erzählung zum Beispiel im Paris der 1930er Jahre spielt, dann darf man das auch gerne an den französischen Straßenschildern merken.

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“Weltraumkrümel” ist hingegen (auch) an ein jüngeres Publikum gerichtet! Bei einem Alter ab 10 sollen alle Leser sämtliche Texte verstehen können. Schilder, Inschriften, Soundwords, überhaupt alle Details sollen ja in unserer Ausgabe genauso viel Spaß machen wie im Original!

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Und so hatten Übersetzer, Redakteure, Handletterer und Hersteller nicht nur mit den Texten in den Sprechblasen, sondern vor allem mit den Texten in den Bildern alle Hände voll zu tun… Von Schriftgröße 2 bis Schriftgröße 222 musste Michael Hau viele verschiedene Buchstabenarten adaptieren. Auf dem Transparentpapier sieht das zum Beispiel so aus:

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Und je nachdem, wie das Wort dann im Original aussieht, bearbeitet der Hersteller die verschiedenen Ebenen der Zeichnung und passt alles detailgetreu an. – Obacht! Bloß nicht durcheinanderkommen mit den ganzen Farbebenen!

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Über ein paar grafische Baustellen (hier links das Umfärben, rechts das Einsetzen)…

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… wird aus dieser Originalseite (links) die fertige übersetzte Seite (rechts).

In den Panels unten musste z.B. das etwas versteckte Wort “VENT” durch “LÜFTUNG” ersetzt werden:

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Also wird dieses Lettering bearbeitet…

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das Original vorsichtig retuschiert und das Wort in die Wellen der Lüftung eingepasst.

Nein, das ist kein Touchscreen, Alex Chauvel zeigt mir nur gerade etwas. In seiner Hand sieht man aber den Stift vom Zeichentablet, das ihm eine große Hilfe ist…

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Zack, fertig! Ungefähr auf diese Art und Weise wird jedes einzelne Detail übersetzt, redigiert, gelettert und eingebaut. Seite für Seite. Im Fall von “Weltraumkrümel” sind das 320 vollgepackte Seiten… Uff…

Einer guten Übersetzung merkt man nicht an, dass sie eine Übersetzung ist, heißt es. Wir haben uns alle Mühe gegeben und hoffen sehr, dass uns genau das bei “Weltraumkrümel” sowohl auf der Text- als auch auf der Bildebene gelungen ist.

“Weltraumkrümel” von Craig Thompson ist als Klappenbroschur und im Moment auch noch in der limitierten Hardcover-Edition erhältlich. Übrigens sind fast alle Bücher bei Reprodukt von Hand gelettert! Wer jetzt noch mehr über Handlettering wissen möchte, dem empfehle ich unsere vorangegangenen Blogbeiträge zum Lettering der Comics von Charles Berberian und Chris Ware.