Blog Filip Kolek am 27. Dezember 2013

„Blaupause meiner Jugend“ – Lukas Jüliger im Interview

Damit zwischen den Jahren der Lesestoff nicht ausgeht, werden wir euch in den nächsten Tagen eine kleine Auswahl an Interviews präsentieren, die wir 2013 mit unseren Künstlern für Pressedossiers geführt haben. Den Anfang macht der Hamburger Comiczeichner Lukas Jüliger, dessen Debüt „Vakuum“ im Januar bei Reprodukt erschienen ist und zu einem der meist besprochenen Comics des Jahres wurde.

„Vakuum” ist deine erste längere Arbeit als Comickünstler. Wie lange zeichnest du schon Comics?

Ein paar meiner frühesten Erinnerungen haben mit Stiften zu tun. Viele alte Fotos belegen das, ich habe immer gezeichnet. In der Grundschule zeigte sich dann schon bald, dass ich auch Spaß am Schreiben hatte, was sich später als Liebe herausstellen sollte. Zeichnen und Schreiben waren also schon immer ein Weg, mich mitzuteilen und zu offenbaren. Der Ansatz, diese beiden Formen zu kombinieren und Comics oder Bilderzählungen zu schaffen, tat sich also recht früh auf.

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Wie hast du die Charaktere deiner Protagonisten entwickelt?

Die haben sich selbst entwickelt. Beim Schreiben der Geschichte ging es mir nicht darum, eine in sich schlüssige, authentische Geschichte zu erzählen, die unterhält. Es ging mir unter anderem darum, eine bestimmte Atmosphäre zu erschaffen und ein Bild von dem zu malen, was bis zu der Zeit und während der Zeit, in der ich daran arbeitete, in mir los war. Das war vor über zwei Jahren, was die Coming-of-Age-Thematik erklärt. Ich war noch ziemlich nah dran an dieser Lebensphase und hatte noch viel von den entsprechenden Gefühlen und dieser Wut in mir. Es wurde also zu einer Art Gefühlscollage und zu einer Blaupause, einem Abbild meiner Psyche zu dieser Zeit und zu einem gewissen Grad meiner Jugend. Über die Arbeit an dem Buch bekam ich außerdem einen anderen Blick auf bestimmte Dinge und konnte mit vielem abschließen. Und um auf die Protagonisten zurückzukommen: An einem gewissen Punkt – ich glaube, als ich mit der Zeichenphase fertig war – bemerkte ich, dass ich mich, ohne das bewusst zu tun, aufgeteilt hatte: Der Protagonist, das Mädchen und Sho übereinander gelegt, ergaben mich selbst.

Du hast dich dafür entschieden, deinem Protagonisten und seiner Freundin keine Namen zu geben. Warum?

Das war, wie eigentlich alles bei dieser Geschichte, eine Bauchentscheidung. Ich habe Schwierigkeiten mit Namen. Ich finde, sie können sehr einengen und einen Charakter schnell zu sehr festlegen, oder ihm etwas anhängen, das ihm eigentlich gar nicht innewohnt. Das wollte ich bei den beiden unbedingt vermeiden. Bei Sho, der mir ebenso wichtig war, war das einfacher: Sein Name ist ein bisschen wie ein Adjektiv oder ein Geräusch, das sein Wesen ziemlich gut einfängt.

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Die Themen, die du in „Vakuum” ansprichst, sind zeitlos und sehr aktuell zugleich: Ausgrenzung und soziale Isolation, der Kampf gegen den eigenen Körper, Sinn- und Werteverlust in der globalisierten Welt… Wie würdest du die Generation, die du porträtierst, beschreiben?

„Vakuum” ist, wie gesagt, in erster Linie eine Meditation über mich selbst. Aber ich denke, egal, wie man es anstellt: Sobald man mit gleichaltrigen Menschen aufwächst, ist man Teil und eben auch Produkt einer Generation. Ob man sich von ihr abgrenzt oder sich gut mit und in ihr entfaltet oder eben irgendwas dazwischen, sind schon Reaktion und Interaktion. Deswegen hat meine Generation natürlich auch auszugsweise ihren Weg in meine Geschichte gefunden. Sie in ein paar Worten angemessen zu beschreiben erscheint mir unrealistisch. Auf der einen Seite gibt es in ihr viele, in meinen Augen positive wie negative, Extreme, zum anderen scheint mir, dass sie in ihrem Kern oder in ihrem Querschnitt durch eine noch nie da gewesene Angepasstheit und Konformität mit dem sie umgebenden System und dessen Normen und Werten gekennzeichnet ist. Gleichzeitig wirkt sie zerrissen: In einer Welt, in der alles möglich ist, scheint sie überfordert und orientierungslos umher zu taumeln, was schließlich in dieser hedonistischen Lebensart mündet. Eine Lebensart, die, denke ich, viele aufrichtig lieben und leben und zugleich verabscheuen. Ich irgendwie auch. Ich porträtiere diese Generation nicht, das war nicht meine Absicht, aber wenn ich ihr hier und jetzt ein Symbol zuordnen müsste, wäre es wohl so ein Smiley mit geradem Mund.

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Amoklauf an der Schule ist eine der größten kollektivsozialen Ängste der letzten Jahre. Welchen Stellenwert hat dieses Ereignis für dich in der Erzählung? Hast du Sorge, dass aufgrund der Brisanz des Themas „Vakuum” von vielen vereinfacht als der „Amoklauf-Comic” rezipiert und auch kritisiert werden könnte?

Das Thema von „Vakuum” ist nicht der Amoklauf. Er ist ein notwendiger Teil des Ganzen, nicht mehr. Der Amokläufer ist eine Art negativer Deus ex machina, der für alle jenes Versprechen einlöst, das von der ersten Szene an über der Erzählung liegt, nämlich das nahende Ende, der Tod. Er komplettiert den Lauf der Geschichte und ist gleichzeitig Element des Gesamtgefühls. Natürlich bin ich unter dieser „kollektivsozialen Angst” aufgewachsen und zur Schule gegangen; meine Intention war es aber keinesfalls, sie einzufangen oder zu bedienen. Ich kann natürlich niemandem vorschreiben, wie er meine Geschichte zu erleben und zu interpretieren hat. Zumal dem Buch, wenn es ausgeliefert wird, keine Karte meines Gehirns beiliegen wird. Es wird nicht ausbleiben, dass sich einige Menschen auf ein solches Element fokussieren und es als Angriffspunkt nutzen. Das ist natürlich und gesellschaftlich konditioniert, könnte- man sagen. Was für mich persönlich zählt, ist, dass ich mit dem letzten Strich an diesem Buch einen Teil von mir festgehalten, eine Welt erschaffen habe, deren genaue Bedeutung nur ich kenne. Das macht mich unglaublich stolz. Das einzige, was dieses Gefühl noch steigern kann, wäre zu sehen, dass andere Menschen das Gefühl, das ich hineingelegt habe oder zumindest einen Teil davon, nachempfinden, verstehen und sich darin vielleicht sogar selbst wiederfinden. Mit allen anderen eventuellen Engstirnigkeiten werde ich umgehen können und müssen.

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Die Vorstadt ist in „Vakuum” ein magisch-realistischer Ort, in dem Geister umherwandeln, apokalyptische Vorzeichen eine baldige Katastrophe ankündigen und ein geheimnisvoller »Nabel der Welt« den Jugendlichen Kraft spendet und sie von sich abhängig macht. Dem alltäglichen Grauen der Adoleszenz wird ein abstrakter phantastischer Horror zur Seite gestellt. War es dir wichtig, das Alltägliche mit dem Übernatürlichen zu mischen?

kopfmalseitenzahl1Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich das getan habe. Bei genauerem Hinsehen unterstützen und entzaubern diese Elemente die Wirklichkeit mehr, als dass sie das Gegenteil tun. Manche von ihnen haben eher einen symbolischen Wert. Andere, zum Beispiel den Schatten einer nahenden Apokalypse, braucht es als eine Art Fundament oder Nährboden, auf dem die Charaktere die Entwicklung durchlaufen können, die für sie vorgesehen ist. Es sind also eher narrative Mittel als Stilmittel.

Du hast für „Vakuum” eine Auszeit von der Kunsthochschule genommen und nach Erscheinen kehrst du wieder an die Hochschule zurück. Was planst du für die Zukunft?

Genau das, was ich durch die Arbeit an „Vakuum”, die etwas über zwei Jahre meines Lebens eingenommen hat, ein bisschen versäumt habe: Nicht planen, sondern loslassen und experimentieren.

„Vakuum” wurde vom Publikum mehr als nur gut aufgenommen – du wurdest überschüttet mit positiver Kritik, die zweite Auflage ist bereits erschienen. Über welche Reaktion hast du dich am meisten gefreut?

Das kann ich gar nicht genau sagen. Ich denke, am meisten habe ich mich über die Besprechungen gefreut, bei denen ich das Gefühl hatte, dass die Autorin/der Autor wirklich verstanden hat, worum es mir beim Schreiben und Zeichnen gegangen ist. Einige Rezensenten haben beispielsweise die existenzialistischen Züge der Geschichte herausgestellt, was mich sehr gefreut hat, weil ich mir beim Schreiben nicht sicher war, ob diese Atmosphäre am Ende greifbar sein würde. Ansonsten waren es vor allem die Reaktionen der Menschen um mich herum, die mich berührt haben. Von Menschen, die mir nahe stehen, zu hören, wie sie das Buch erlebt und was sie beim Lesen und danach gefühlt haben, das ist großartig.

Seit Juli erscheint in DIE WELT ein monatlicher Strip von dir (Beispiel siehe links). Kannst du uns etwas dazu erzählen? Worum geht es da und wie gehst du mit den Einschränkungen des Formats um?

Es handelt sich um eine gezeichnete Kolumne, die den Namen „Kopf mal Seitenzahl” trägt, und alle vier Wochen in der Kulturbeilage „Literarische Welt” erscheint. Der Strip ist ein bisschen als eine Art Buchbesprechung über irgendein Buch, das ich mir ausdenke, angelegt. Aber das kann sich durchaus noch weiterentwickeln, ich habe da coolerweise relativ viel Freiraum. Da es nur sechs Panels sind, kann ich natürlich keine Romane schreiben, was aber ganz gut ist. Ich denke, das kann eine gute Übung sein, pointiert zu formulieren und auf wenig Raum möglichst viel zu erzählen, bzw. irgendwas im Leser zu bewirken.