Blog Marika Tauche am 2. Januar 2016

“Ich wollte den Leser in die Riesenhaftigkeit eintauchen lassen” – Bertrand Gatignol im Interview

gat1Wie Petit zwischen der Welt der Riesen und der Menschen wandelt, tingelt Betrand Gatignol in Frankreich zwischen der Arbeit für Trickfilmstudios und der für Comicverlagen. Für Reprodukt hat er ein wenig von seiner Zeit abgeknapst und über die Arbeit an “Petit – Riesen wie Götter” gesprochen.

Du arbeitest abwechselnd als Charakterdesigner, Illustrator für Jugendbücher und Comicmacher. Wie ist deine Arbeit aufgeteilt? Gibt es einen Aspekt deiner Arbeit, mit dem du dich am meisten identifizierst?

Meine Hauptbeschäftigung ist die Animation. Ich begann damit vor 15 Jahren und habe meinen Zeichenstil im Laufe dieser Zeit herausgearbeitet. In den letzten Jahren fing ich dann an, diesen Zeichenstil in Comics weiterzuentwickeln. In beiden Medien versuche ich mich, soweit es mir möglich ist, kreativ auszudrücken. Der Unterschied ist vielleicht noch, dass ich im Comic eine größere gestalterische Freiheit habe. Außerdem ist der ökonomische Aspekt nicht derselbe. So kann ich im Comic Bilder produzieren, die in der Animation in eine höhere Budgetklasse fallen würden.

Wie sieht der Schaffensprozess aus, wenn du an einem Buch arbeitest? Wie genau sind die Vorgaben, die du von einem Szenaristen – in diesem Fall Hubert – bekommst und wie viel obliegt deiner freien künstlerischen Entscheidung?

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Wenn ich an einem Comic arbeite, verstehe ich mich in erster Linie als “Regisseur” und Interpret. Meine Rolle ist es, die Geschichte durch Bilder zu visualisieren, sie so lebendig werden zu lassen, dass sie den Leser ergreift. Ich verleihe der Geschichte Würze, ich muss die Intention des Szenaristen klar wiedergeben, greifbar machen. Die Beziehung mit Hubert ist sehr konstruktiv. Er bittet mich häufig um meine Meinung zum Szenario und dann sage ich ihm, was ich in der Geschichte besonders hervorheben oder noch abändern würde. Anschließend ist es seine freie Entscheidung, meine Vorschläge zu berücksichtigen, denn er bleibt der wahre “Maître” seines Faches. Umgekehrt ersuche ich ihn häufig während meiner Arbeit an den Zeichnungen. Er ist mir besonders behilflich in Bezug auf den narrativen Aspekt, damit ich so nah wie möglich an das herankomme, was er von Anfang an im Kopf hatte. Danach steht es mir wiederum frei, seine Ratschläge anzunehmen, beziehungsweise die Vorschläge in meine Arbeit zu integrieren, welche für die Erzählung am passendsten erscheinen.

Wenn das Szenario geschrieben und die Zeichnungen fertig gestellt sind, verbringe ich anschließend einen Großteil der Zeit damit, weitere 30 Prozent an Seiten hinzuzufügen. Wir kennen die genaue Anzahl der Seiten erst, wenn die Einteilung der Panels beendet ist. In dieser Arbeitsphase führen wir lange Diskussionen mit unseren Verlegerinnen Clotilde und Barbara über unsere gesamte Arbeit. Am Ende mussten wir einige Szenen und Panels noch einmal anpassen. Letztlich ähnelt dieser Arbeitsschritt dem der Montage im Film: Es ist der Moment, in dem man das ganze erzählende Material beisammen hat und nun hergeht, dieses zu modifizieren und zu verfeinern. Das ist eine sehr kollegiale Arbeit, denn wir versuchen, im Hinterkopf zu behalten, dass wir für das Buch arbeiten und nicht umgekehrt. Selbst wenn es nötig und existenziell für das Buch ist, dass wir das Innerste von uns selbst darin verarbeiten und dafür alles geben – wenn das Buch einmal fertig gestellt ist, gehört es uns selbst nicht mehr und durchläuft seine weitere Entwicklung nun durch das “Eingreifen” des Lesers.

9783956400506-2.interior14Der Comic enthält immer wieder ganzseitige Panels, auf denen der Größenunterschied zwischen den Riesen und den Menschen deutlicher zum Vorschein kommt. War das Absicht?

Ja, damit haben wir in dem Buch gespielt. Wenn ich die Riesenhaftigkeit bei meiner Arbeit unbeachtet lassen würde, dann könnte ich keine Geschichte darüber zeichnen. Die Geschichte über familiäre Bestimmung und das Schicksal einer Figur, die von den Erwartungen ihrer Familie erdrückt wird, muss man erklären, indem man den Leser in die Riesenhaftigkeit eintauchen lässt, ihn sie erleben lässt, damit er Empathie mit den Figuren entwickeln kann. Ich habe mich auch unterschiedlicher Proportionen bedient, um die Emotionen und Beziehungen zwischen den Figuren visuell darzustellen. So variieren die Größenverhältnisse immer wieder zwischen den Figuren und je nach Szene.

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Deine Zeichnungen pendeln stilistisch zwischen klassischem Manga und Illustrationen im Stil klassischer Disney-Trickfilme. Sind das zwei Stile, die dich geprägt haben? Wie würdest du selbst deinen Stil in “Petit” beschreiben?

Ich denke, das sind die Früchte meiner Film- und Comicsozialisation. Es gibt zwei japanische Zeichner, denen ich mich besonders nah fühle: Akira Toriyama (“Dragon Ball”) und Katsuhiro Otomo (“Akira”). Ich glaube, dass mich meine erste Begegnung mit “Akira” als Anime-Film im Jahr 1991 (da war ich 14 Jahre alt) für mein Leben geprägt hat. Im selben Jahr veröffentlichte Disney, die das Weltmonopol in Sachen Animationsfilme besaßen und deren Animationen einen eigenen Kanon bildeten, “Die Schöne und das Biest”… Kaffeetassen, die zusammen mit Teekannen singen und tanzen, um die Liebe einer schönen Prinzessin zu feiern. Ich habe keine Ausbildung an einer Animationsschule durchlaufen, aber eine Schule für grafische Kunst besucht, deren Unterricht auf “akademischem Zeichnen” basierte und sich anschließend mit Fotografie und Typografie beschäftigte. Ich habe also keinen “Tick” mit Animationen davongetragen. Ich habe den Eindruck, dass sich durch die Adaption meiner Zeichnungen in die Animationsarbeit eine gewisse Synthese vollzogen hat, in der das beobachtende Zeichnen einen großen Platz einnimmt. Ich bin mir bewusst, dass ich mich stilistisch zwischen Disney und Manga bewege. Das trifft sich gut, denn zwischen den USA und Japan liegt Europa.