Blog Klara Groß am 10. März 2016

Angoulême 2016 (3): Donjon, Punkrock und verrückte Vögel… Zur Ausstellung von Jean-Christophe Menu

Nach dem allgemeinen Erlebnisbericht und einem Blogeintrag zur imposanten “LastMan”-Ausstellung folgt etwas verspätet noch ein weiterer Blogeintrag zum Internationalen Comicfestival in Angoulême. Dort gab es wieder sehr viel zu sehen, aber eine bestimmte Ausstellung hat uns besonders berührt und begeistert: die ausführliche Schau von Jean-Christophe Menu!

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In verwinkelten Räumen mitten in der Altstadt bot der Zeichner und Verleger einen umfassenden Einblick in sein Schaffen.

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Jean-Christoph Menu wurde 1964 in Amiens geboren und zeichnet seit seiner Jugend Comics. In der Comicszene ist er als Urgestein des französischen Underground-Comics und als Mitbegründer des Verlags und Künstlerkollektives L’Association bekannt. Hier sieht man in einem gemeinsamen Selbstporträt alle Verlagsgründer: (v.l.n.r.) Killoffer, Lewis Trondheim, Jean-Christophe Menu, Stanislas, Mattt Konture und David B.

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1996 veröffentlichte Reprodukt eine Sammlung mit autobiografischen Kurzgeschichten aus dem Familienleben eines kinderreichen Comiczeichners: “Rhesusinkompatibilität”. Für die deutsche Ausgabe fertigte Jean-Christophe Menu ein eigenes Cover an. Das unkolorierte Original war in der Ausstellung zu bewundern…

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… und an anderer Stelle fand sich auch eine kleine, aber liebevoll gerahmte Bleistiftskizze dazu.

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Auch für die Minipublikation “Omelett” fertigte Jean-Christophe Menu ein eigenes Reprodukt-Cover an. Zu der Zeit hatten unsere Comics noch keine Barcodes, da ließ sich die ISBN wunderbar in der Backcover-Zeichnung verstecken…

Die wortlose Geschichte um einen langbeinigen Vogel und sein unmögliches Vorhaben, aus der entsprechenden Fallhöhe ein unbeschadetes Ei zu legen, fand sich auch in der Ausstellung. Ob im Buch gedruckt oder im gerahmten Original – dieser kleine Comic ist einfach herzzerreißend und schmerzhaft komisch…

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Ein weiteres Highlight war das Originalcover von “Donjon Monster 12: Das Auge des Riesen”.

Lewis Trondheim und Joann Sfar haben ja für ihre vielbändige Fantasy-Serie “Donjon” mit mehr als 20 verschiedenen Zeichnern zusammengearbeitet. In der untergeordneten Reihe “Donjon Monster” gibt es abgeschlossene Geschichten aus der Welt des Donjon. In jeder Folge von “Donjon Monster” wird ein komplettes Abenteuer eines Akteurs aus der Hauptserie von einem Gastzeichner präsentiert.

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Der zwölfte Band von “Donjon Monster” erzählt die Geschichte des Weisen Alkibiades, in dessen Arbeitszimmer das sehende Auge des Riesen Biscarra unablässig bittere Tränen vergießt. Die Tränen führen sogar zu einer Überschwemmung des Donjon und so gibt es nur einen Ausweg: Horus und Alkibiades müssen den einäugigen Biscarra finden, und alles in ihrer Macht stehende tun, um ihn von seinem Leid zu erlösen und seine Tränen stillzulegen…

Dass der Weise Alkibiades ein Vogel ist, ist eine Steilvorlage für Jean-Christophe Menu. Die Figur wurde in “Donjon Zenith 4: Missglückter Zauber” durch Lewis Trondheim schon mit einem beeindruckenden Schnabel angelegt. Im Band von Jean-Christophe Menu wird der Weise daher umso expressiver gezeichnet, die Räume des Donjon erscheinen etwas chaotisch und man stößt auf viele neue Nebenfiguren mit eigener schräger Note. Das ist seine Handschrift, eindeutig!

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Andere Exponate erzählen vom Leben als Zeichner (und als Verleger)…

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… von Alpträumen mit fiesen Nachbarn…

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… sind genaue Studien und Porträts (zum Beispiel eines Ferienhauses)…

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… absurde Geschichten aus dem Leben eines Salz- und Pfeffer-Streuer-Paares…

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… die Beobachtungen der melancholischen Mondfrau “Mune”…

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… Zitate von Comic-Idolen (hier “Krazy Kat” von George Herriman)…

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… und Beschreibungen der musikalischen Sozialisation des Autors.

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“Zum Thema Beatles habe ich noch etwas Wichtiges zu sagen: | Die Beatles haben mich vor der HIT-PARADE gerettet. | Um nicht zu sagen: Die Beatles haben mein Leben gerettet!”

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Es gibt aber auch eine Skulptur (mit Tonspur–Grusel!)…

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… und Vitrinen mit Grafik-Arbeiten, Sammlungen aus der Arbeit von L’Association, allererste Hefte und Artefakte.

Es macht große Freude, sich die Werke von Jean-Christophe Menu anzusehen. In dieser Ausstellung konnte man sich auf angenehme Weise von einen vielseitigen Zeichneroeuvre erschlagen lassen, entdecken und wiederentdecken und einen Eindruck einer zentralen Person des französischen Underground-Comics gewinnen. Und das war einfach super. Vielleicht lässt sich ja ein Teil dieses Erlebnisses über den Blogeintrag vermitteln.