Blog Klara Groß am 4. Februar 2016

Angoulême 2016 (1): So war’s bei uns

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Letzte Woche fand in Angoulême das 43. Internationale Comicfestival de la Bande Dessinée statt und Reprodukt war dabei. Das viertägige Festival prägt die ganze Stadt: Überall gibt es große und kleine Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und über mehrere Zelte verteilt Verkaufsstände – alles im Zeichen von Comics!

Der Fokus ist zwar klar französisch – so sind Texte in den Ausstellungen, fast alle Panels und auch der Hauptanteil der angebotenen Comics französischsprachig. Aber man trifft an jeder Ecke Zeichner, Autoren und Verleger aus der ganzen Welt und kann nebenbei wahrnehmen, wie angenehm selbstverständlich gerade in Frankreich der Comic in seiner ganzen Vielseitigkeit angenommen wird.

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Auf dem Weg von der Innenstadt ins Tal sieht man auf die Brücke, die zum “Musée de la BD” (“Comicmuseum”) führt. An der Straße stehen Besucher und warten auf den Shuttlebus zu anderen Veranstaltungsorten.

Neben großen Ausstellungen zu Hugo Pratt (“Corto Maltese”) und zum 70. Geburtstag von “Lucky Luke” (von Morris) gab es in diesem Jahr auch eine umfangreiche Ausstellung zu “LastMan” von Balak, Michaël Sanlaville und Bastien Vivès und eine beeindruckende Ausstellung von Jean-Christoph Menu (“Donjon Monster 12: Das Auge des Riesen”, “Rhesusinkompatibilität”). Berichte zu diesen beiden Ausstellungen folgen in Kürze auf diesem Blog.

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Reprodukt ist in Angoulême allerdings nicht an einem Verkaufsstand anzutreffen, sondern vor allem hier: im Zelt des “Rights & Licensing Market”. An unserem Stand stellen wir internationalen Verlagen Projekte deutscher Zeichner vor und schauen uns nach neuen Titeln um, die wir übersetzen möchten.

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Foto: Mawil

Wer etwas französisch kann, kann vielen interessanten Diskussionen folgen. Praktisch sind aber auch Runden wie diese hier: Der französische Zeichner Yassine (links, “Monsieur Strip”) interviewte Johanna Benz (2. v. l., “Aber ohne mein Akkordeon bin ich nichts!”, HGB Leipzig) und Anna Haifisch (rechts, “The Artist”) zur lebendigen Szene in Leipzig. In alle Richtungen übersetzt hat dabei Volker Zimmermann.

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Hier werden gerade Ausschnitte aus “Von Spatz” (Rotopol) gezeigt – neben Fotos und Arbeiten der zeichnerischen Idole, die Anna Haifisch zu den tollen Figuren in der paradiesischen Klinik für fragile Künstlerpersönlichkeiten inspiriert haben. Gerade z.B. zu sehen: Saul Steinberg.

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Foto: Mawil

Bevor es losging, hat aber die Technik ein bisschen gestreikt. Florent Ruppert – eine Hälfte des Autorenduos Ruppert & Mulot (“Affentheater”, Edition Moderne) – nutzte die Pause für etwas Unterhaltung am Flügel…

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Ruppert & Mulot (2. und 3. v. l.) wurden gemeinsam mit Bastien Vivès (4. v. l.) zu ihrem Band “Olympia” befragt, der für den Festivalpreis des besten Krimis (“Fauve Polar SNCF”) nominiert war. Der Comic ist eine Fortsetzung von “Die große Odaliske”, die deutsche Übersetzung ist bei uns für den kommenden Herbst geplant.

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Bei einer anderen Gelegenheit konnte ich einem Gespräch zwischen der Übersetzerin Claire Latxague und David Prudhomme (“Einmal durch den Louvre”, “Rein in die Fluten!”, mit Rabaté) beiwohnen. Da meine Französischkenntnisse defizitär sind und zudem die Akustik in Messezelten nicht ganz so ausgereift ist, hab ich leider nicht viel verstanden. Aber es sah nach Spaß aus!

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An den Ständen wurden Comics nicht nur verkauft, sondern auch fleißig signiert. Hier bekommt jemand namens Romane gerade eine wunderschöne Aquarellzeichnung von Brecht Evens in seine französische Ausgabe von “Panter”

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… und am Stand von L’association signieren nebeneinander David B. (“Die heilige Krankheit”, Edition Moderne, “Das bleiche Pferd”, Reprodukt) und Lewis Trondheim (“Ralph Azham”, “Donjon”, “Herr Hase”, “Insel Bourbon 1730″, “Die Fliege”, “und vieles mehr”).

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Viel besser als Warten: in den Signierschlangen vom Jugendbuchverlag Bayard “Ariol” (Emmanuel Guibert & Marc Boutavant) lesen!

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Mawil, Anna Haifisch und andere deutsche Autoren signierten bei ihren französischen Verlagen oder hier: am Gemeinschaftsstand vom Goethe-Institut Paris, dem Deutschen Comicverein e.V. und dem Comic-Salon Erlangen.

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Das lange Zelt namens “Le Nouveau Monde” im Stadtzentrum beherbergt zahlreiche Stände kleinerer Verlage und zeigt Comics abseits des Mainstreams. Hier haben wir uns sofort wohlgefühlt. Als am Freitagabend an mehreren Ständen gleichzeitig Umtrunk angeboten wurde, war es ordentlich voll.

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Super! Für die Dauer des Festivals wurde ein Risographie-Atelier eingerichtet, in dem man Druck und Bindung eines Buchs live beiwohnen konnte! Der britische Verlag Breakdown Press und das Team des handgemachten Magazins La Revue Lagon fertigten bis Samstagabend auf dem Risographen die Anthologie “Dôme”. Dabei entstanden Tag für Tag neue Seiten, die man an der Ausstellungswand bewundern konnte.

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Olivier Schrauwen (“Der Mann, der seinen Bart wachsen ließ”, “Arsène Schrauwen”) war auch dabei. Hier sieht man eine Seite aus seinem Beitrag in verschiedenen Druckphasen.

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Foto: Mawil.

Ein großer Spaß war übrigens auch das Fahrradrennen, das am Samstag vom Off of Off organisiert wurde (als kurze Erklärung: Das Comicfestival in Angouleme existiert lange genug, um von einem alternativen Fanzine-Festival begleitet zu werden – dem F.OFF – und von einem weiteren kleinen Comicfestival, das sich wiederum von diesem abgrenzt – dem Off of Off). Aufgabe der teilnehmenden Zeichner war jedenfalls, den steilen Berg hinauf vom Hauptbahnhof bis zum Hôtel de Ville im Zentrum zu radeln. Bei einer kontinuierlichen fiesen Steigung sollte eine Strecke von 1,2 km gemeistert werden. Etappenweise sollte das Radeln von: 1. Rauchen, 2. Cognac trinken und 3. Zeichnen begleitet werden…

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Das Rennen fand im strömenden Regen statt und sowohl Radler als auch Publikum waren in kürzester Zeit entsprechend durchgeweicht. Sebastian Lörscher (“A bisserl weiter geht’s immer”, Edition Büchergilde) schaffte es trotzdem, dieses wunderbare Porträt der Stadt anzufertigen und damit die Zeichen-Etappe zu gewinnen. Herzlichen Glückwunsch!

Tausend Comics verschiedenster Art, große und kleine beeindruckende Ausstellungen, lustige Spektakel… das Festival war ein Riesenspaß und passt gar nicht in einen einzelnen Blogbeitrag! Daher folgen an dieser Stelle noch Beiträge zu den Ausstellungen zu “LastMan” und zu Jean-Christophe Menu!

Die Kontroverse um die Nominierung von 30 ausschließlich männlichen Autoren für den “Grand Prix d’Angoulême” Anfang Januar hat aber zwischendurch für einen bitteren Beigeschmack geführt. Der allseits geäußerte Unmut über die fehlende Wahrnehmung von weiblichen Autoren an der Spitze der Comicszene führte leider nicht zu entsprechendem Echo im offiziellen Festivalprogramm. Da hätte man sich zumindest die ein oder andere Paneldiskussion mehr gewünscht.

So ein ausgiebiges Festivalprogramm steht aber wahrscheinlich schon eine Weile länger fest und hätte sich vermutlich auch nicht so spontan noch ändern lassen. Außerdem ist die Unsichtbarkeit weiblicher Autoren ein allgemeines Problem der Comicszene und betrifft nicht nur die großen Festivals. Dem größten und renommiertesten europäischen Comicfestival lässt sich aber trotzdem nur wünschen, dass es sich in Zukunft den starken weiblichen Autoren mehr zuwendet und ihnen die Sichtbarkeit verschafft, die sie verdienen.

Wen diese Kontroverse und auch der peinliche Eklat bei der Preisverleihung interessiert, dem sei der Festivalbericht auf dreimalalles.info ans Herz gelegt.