Blog Annemarie Klimke am 9. Dezember 2017

9. Adventstürchen: Sacha Goerg im Interview

Adventszeit bei Reprodukt

Sacha Goerg

Für das 9. Adventstürchen haben wir für Euch ein Interview mit dem belgischen Comickünstler Sacha Goerg geführt. Sacha Goerg („Roses Lächeln“), geboren in der Schweiz, studierte an der École de Recherche Graphique in Brüssel und lebt seitdem Belgien. Neben seinen Comics ist er Mitbegründer und Herausgeber des belgischen Autorenverlags L’Employé du Moi, er ist also gleichzeitig Autor und Verleger.

Im August diesen Jahres erschien mit „Das Mädchen aus dem Wasser“ bereits ein zweites Buch bei Reprodukt. Es erzählt die Geschichte einer geheimnisvollen jungen Frau, die – als Junge verkleidet – das Haus eines verstorbenen Architekten aufsucht und seine Bewohner vor ein Rätsel stellt …
Für unseren Adventskalender hat Sacha uns Rede und Antwort gestanden. Viel Spaß beim Lesen!

Sacha Goerg

In „Das Mädchen aus dem Wasser“ sowie in „Roses Lächeln“ entwirfst Du mit Judith und Rose geheimnisvolle Frauenfiguren, die rastlos auf der Suche nach ihrem Platz im Leben sind. Was kannst Du uns zu diesen Figuren erzählen? Wie entwickelst Du diese Charaktere und was haben die beiden gemeinsam?

Du hast recht, aus irgendeinem Grund sind beide Hauptfiguren Mädchen. Aber es sind auch immer Jungs dabei. Ich weiß nicht genau, warum ich Mädchen als Hauptfiguren gewählt habe, aber ich wollte unbedingt, dass sie ein Geheimnis haben – ein Rätsel, das die LeserInnen neugierig macht. Ich verstehe beide Figuren als Objektiv, durch welches wir die Geschichte lesen und diese Welt entdecken können. Judith schleicht sich aus dem Haus, in das sie aufgenommen wurde, um herauszufinden, wer dort wirklich lebt. Auch Rose stolpert in das Leben einer Familie und in deren Probleme herein. Und natürlich sind sie beide Unruhestifterinnen – sonst würde es ja keinen Spaß machen. Sie bringen einen Haufen Probleme mit für die Menschen, denen sie begegnen…

Judith gibt sich als Junge namens Damien aus und es entsteht ein Verwirrspiel mit Geschlechtern. Wieso hast Du Dich für diesen Geschlechterwechsel entschieden? Wie wichtig ist dieses Thema für Dich als Künstler?

Eine Zeit lang war ich fasziniert von der Idee, dass jemandem keine andere Wahl bliebe, als sein oder ihr Geschlecht zu wechseln, um weiterzuleben. Nachdem ich länger darüber nachgedacht hatte, fand ich in der Geschichte dieses Mädchens meine Art, darüber zu sprechen. Ich musste die gesamte Erzählung, sogar die Landschaft mit dem Haus, um diese Idee herum konstruieren. Mehr noch als die Frage nach dem Geschlecht, spielt die Frage danach, wer wir sind und woher wir kommen, eine wichtige Rolle in dieser Geschichte.

Sacha Goerg

Sowohl in „Das Mädchen aus dem Wasser“ als auch in „Roses Lächeln“ sind Familienverhältnisse und -dynamiken zentrale Themen. Warum ist das Konzept von Familie so wichtig für Deine Geschichten? Ist Familie der Ursprung von allen Konflikten?

Ich denke, dass Familien etwas sind, womit wir uns gut identifizieren können. Ich neige auf natürliche Weise dazu, familiäre Spannungen beim Schreiben zu konzipieren. Manchmal merke ich, wie ich bestimmte Muster wiederhole und frage mich dann, ob das in meiner persönlichen Geschichte begründet ist. Aber ich denke nicht, dass ich mehr Familienprobleme habe als andere, dennoch kommen sie in meinen Geschichten immer wieder vor.

„Roses Lächeln“ ist zuerst als digitaler Comic erschienen, „Das Mädchen aus dem Wasser“ als gedruckter Comic. Inwiefern ändert sich Deine Arbeitsweise, wenn Du einen Comic in Buchform beziehungsweise einen digitalen Comic konzipierst? Kannst Du uns etwas zu Deiner Arbeitsweise im Allgemeinen erzählen?

„Das Mädchen aus dem Wasser“ ist eigentlich auch erst digital erschienen. Aber in einem unterschiedlichen Kontext und in einem sehr ähnlichen Format wie der gedruckte Comic. Mir gefällt die Idee, dass ein Buch in irgendeiner Form veröffentlicht wurde, bevor es in den Buchläden landet. „Das Mädchen aus dem Wasser“ ist entstanden wie jeder andere Comic auch – mit Stift und Tinte auf Papier. „Roses Lächeln“ hingegen wurde ausschließlich digital gezeichnet. Für dieses Projekt musste ich mit spezifisch digitalen Erzählmöglichkeiten experimentieren, die neu für mich aber für das Projekt notwendig waren, da der Verlag explizit nach einer ursprünglich digitalen Geschichte fragte.

Du lebst und arbeitest in Brüssel. Wie gestaltet sich die Comicszene dort?

Auch wenn viele Leute die Stadt der Comics wegen kennen, ist die Comicszene sehr überschaubar. Da Brüssel für die goldene Ära des frankobelgischen Comics bekannt ist, war es eine Zeit lang schwierig, den Fokus auf etwas Neues oder Anderes zu legen. Aber die Dinge ändern sich langsam. Ein Vorteil ist, dass das Leben dort nach wie vor günstiger ist, als es in anderen Städten der Fall ist, zum Beispiel im nicht weit entfernten Paris. Und doch ist Brüssel groß genug, um Veranstaltungen und eine anständige Szene zu haben.

Du arbeitest auch als Verleger des alternativen Verlagskollektivs L’Employé du Moi. Kannst Du uns ein wenig über diese Arbeit erzählen?

Es war und bleibt spannend für mich nebenbei als Verleger zu arbeiten. Man kann junge KünstlerInnen fördern, und ich treffe viele Leute, die ich für ihre Arbeit bewundere. Man macht sich Gedanken über bestimmte Fragen der Produktion und sucht ständig nach neuen Ideen. Oft sind wir frustriert darüber, wie wenig wir in unserer freien Zeit schaffen. Wir wissen, dass es eigentlich ein Fulltime-Job sein müsste, aber keiner von uns möchte seine eigentliche Arbeit (Cartoonist, Lehrer, Bücherverkäufer) für den Verlag aufgeben.

Woran arbeitest Du gerade? Sind neue Projekte in Aussicht?

Zurzeit beende ich gerade eine Science-Fiction-Story, die als Serie in dem Magazin „Topo“ veröffentlicht wird. Autor des Projekts ist Stéphane Melchior. Gleichzeitig beginne ich gerade die Arbeit an einer Adaption von Prévert, die bei Gallimard Jeunesse veröffentlicht werden wird.

Vielen Dank an Sacha Goerg für das schöne Interview!